Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Kleidungskosmetik für Verhaltensauffällige bei RTL

| 20 Lesermeinungen

In der Doku-Soap-Reihe "Mitten im Leben" setzt RTL die unselige Tradition des Daily Talk fort. Die Mitwirkenden dürfen gerne asoziales Schmierentheater spielen, allerdings keine passende Markenkleidung tragen. Der Einfachheit halber macht der Sender einfach alles unkenntlich, was er nicht kennt - mit merkwürdigen Auswüchsen.

Vom Genre der täglichen Talkshow wird sich RTL in diesem Sommer mit der Einstellung der „Oliver-Geissen-Show“ verabschieden, aber das Personal und die Geschichten aus diesen Sendungen haben längst einen anderen Platz im RTL-Programm gefunden. Unter dem harmlos klingenden Namen „Mitten im Leben“ zeigt der Sender täglich drei Stunden lang billigste Reportagen, darunter immer wieder Fälle, die an die schlimmsten Auswüchse der Daily-Talk-Epidemie erinnern.

Vergangene Woche stellte uns der Sender das Leben einer Familie aus Baden-Württemberg vor (anzusehen auf RTLnow). In einer vermüllten Wohnung lebt eine Frau mit ihrem Noch-Ehemann, ihrem neuen Freund, ihrer kleinen Tochter, mehreren Hunden und dem Großvater zusammen. Der Vater des Kindes weigert sich angeblich auszuziehen, bis die Scheidung endgültig durch ist, und drängt sich auch sonst in das Leben der jungen Mutter, was zu bizarren Situationen nicht nur an der Fleischtheke im Supermarkt führt, wo sich ein Streit entwickelt, ob sein Aufschnitt extra muss.

Die Protagonisten wirken, als hätten sie die Aufnahmeprüfung zu Barbara Saleschs Laienspielschar nicht geschafft. Es scheint, als versuchten Menschen Figuren zu spielen, die noch dümmer sind als sie selbst.

Für die Firma Constantin Entertainment, die den Sechzigminüter für RTL produziert hat, war es eine preisgünstige Zweitverwertung. Sie hat dieselben Leute bereits eine Ausgabe von „Frauentausch“ auf RTL 2 spielen lassen – ebenfalls eine schwer zu ertragende Milieustudie und ein erschütterndes Dokument aktuellen Fernsehschaffens.

Und als sei das alles nicht grotesk genug, hat RTL weite Teile der Folge verpixelt.

Bild zu: Kleidungskosmetik für Verhaltensauffällige bei RTL
Foto: RTL

Die Tätowierung des neuen Freundes (oben) wurde ebenso unkenntlich gemacht wie diverse Aufdrucke auf seiner Kleidung:

Bild zu: Kleidungskosmetik für Verhaltensauffällige bei RTL Bild zu: Kleidungskosmetik für Verhaltensauffällige bei RTL Bild zu: Kleidungskosmetik für Verhaltensauffällige bei RTL Bild zu: Kleidungskosmetik für Verhaltensauffällige bei RTL
Fotos: RTL

Auf die Frage, was RTL verpixelt hat und warum, erklärt der Sender:

„Wenn wir auf Symbole stoßen, die wir nicht eindeutig zuordnen können, pixeln wir diese umsichtig, um im Zweifelsfall keine ideologischen Botschaften zu transportieren. Gerade alle Marken/Embleme/Tätowierungen, die auf eine rechtsextreme Gesinnung der Protagonisten schließen könnten, werden von uns gepixelt, um Rechtsextremismus keine Plattform zu bieten. In diesem konkreten Fall war es das Logo einer Marke, die u.a. von der rechten Szene gerne getragen wird, aber nicht nur. Auch die Tätowierung wurde von uns gepixelt, da die Bedeutung nicht eindeutig erkennbar war.“

Bild zu: Kleidungskosmetik für Verhaltensauffällige bei RTLDer junge Mann hat eine Vorliebe für Kleidung von „Pit Bull“ – einer Marke, deren Image tatsächlich eher allgemein martialisch und nicht speziell rechtsextrem ist. Der große unkenntlich gemachte Aufdruck auf dem Rücken des Kapuzenshirts zeigt einen angriffslustig wirkenden, muskelbepackten Pitbull neben dem Slogan: „Kenne deinen Feind!“ (siehe rechts).

Vor einigen Wochen hatte RTL in „Mitten im Leben“ bereits den Aufdruck „Masterrace“ verpixelt, den mehrere Protagonisten in einem ähnlich abwegigen Familiendrama trugen. Im Gegensatz zu „Pit Bull“ lässt „Masterrace“ (Herrenrasse) wenig Fragen über die Gesinnung des Trägers offen. RTL bestreitet aber, bewusst oder wiederholt mit Protagonisten aus der rechten Szene Filme über ihre Beziehungskonflikte zu drehen.

Geradezu rührend ist die Sorge des Senders, durch T-Shirts und Tätowierungen versehentlich „ideologische Botschaften zu transportieren“, denn asoziales Verhalten ist natürlich außerordentlich erwünscht und teilweise geradezu Voraussetzung, um mit „Mitten im Leben“ ins Fernsehen zu kommen. Es darf sich nur nicht in Kleidungsaufdrucken materialisieren.

Wie gedankenlos RTL seinen Nachmittagstrash produziert, zeigt die Tatsache, dass der Sender auch das Logo auf diesem T-Shirt konsequent unkenntlich gemacht hat:

Bild zu: Kleidungskosmetik für Verhaltensauffällige bei RTL
Foto: RTL

Was mag sich dahinter verbergen? Eine vieldeutige Rune? Die weiße Faust? Irgendwas mit Hakenkreuz? Nein, es ist – ein Foto aus der „Frauentausch“-Folge enthüllt es – viel schlimmer:

Bild zu: Kleidungskosmetik für Verhaltensauffällige bei RTL
Foto: RTL 2

Das Logo der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Gut dass deren ideologische Botschaft nicht versehentlich verbreitet wurde.


20 Lesermeinungen

  1. Na wie gut!! Wer schaut so...
    Na wie gut!! Wer schaut so etwas eigentlich? Und wr hat dem Typ die Haare geschnitten? Der Friseur sollte eine eigene Show bekommen! Motto: I anti pimp your style!!
    RTL= Grausam und meist niveaulos

  2. Viel wichtiger die Frage,...
    Viel wichtiger die Frage, sollte man diese komische Sache, die die Frau rechts mit ihren Armen macht, nicht lieber auch Pixeln? Da die Frau ja RECHTS steht, sollte
    man sie generell Pixeln. Vielleicht kann man auch RTL eines Tages Pixeln.

  3. ich blick iregndwie nicht...
    ich blick iregndwie nicht durch: War das jetzt fiktional oder „echt“?

  4. @Mozalini: Gute Frage....
    @Mozalini: Gute Frage. Offiziell war das echt.

  5. @Mozalini, Stefan...
    @Mozalini, Stefan Niggemeier
    Das habe ich mich auch gefragt. Vor etwas längerer Zeit habe ich doch schonmal irgendwo einen Artikel über gestellte Daily Soaps ala Mitten im Leben gelesen…war das zufällig sogar im Blog von Ihnen, Herr Niggemeier?
    Ich nehme an, dass auch diese Folge gestellt ist…leider…so kann ich mein voyeuristisches Interesse am Bodensatz der untersten Unterschicht nicht mehr über den Fernseher verfolgen…
    Anscheinend ist der normale Alltag nicht mehr asozial genug….

  6. Meine Vermutung wäre, dass...
    Meine Vermutung wäre, dass das nicht offiziell gestellt ist, sondern sich die Teilnehmer selbst nur überlegt haben, den Fernsehleuten etwas vorzuspielen.
    (Den Artikel, den Sie suchen, Walter, finden Sie ganz oben auf dieser Seite im „Zum Thema“-Kasten.)

  7. Leider geht die in diesem Blog...
    Leider geht die in diesem Blog aufgeworfene Diskussion meines Erachtens an dem Kern vorbei.
    Die entscheidende Frage ist doch, ob man sowas überhaupt pixeln sollte!
    Unter der Voraussetzung „Pit Bull“ und „Masterrace“ sind keine verbotenenen Symbole oder Kleidungsmarken, stehe ich der Verpixelung skeptisch gegenüber.
    Klar, es ist lobenswert, dass RTL nicht unterschwellig rechtsextremem Gedankengut eine Plattform bieten will, aber impliziert der Name der Sendung „Mitten im Leben“ nicht, das die Wahrheit ungeschönt gezeigt wird, das Menschen so dargestellt werden sollen, wie sie sind.
    Damit drängt sich mir die nächste Frage auf: Wenn es RTL peinlich oder unangenehm ist, solche Symbolik zu zeigen, warum es ihnen denn nicht unangenehm, mit solchen Leuten überhaupt zu drehen und überhaupt: so einen Dreck überhaupt zu zeigen.
    Und bervor sich einer beschwert: Nein, ich kennen die Leute nicht, weiß nicht, ob sie asozial sind, habe aber schon genug Sendungen gesehen, um zu dem Schluss zu kommen, dass soziales Verhalten bei manchen Protagonisten nicht zu
    deren Stärken gehören.
    Fairerweise muss man aber auch sagen, dass RTL natürlich diese Leute für ihre Doku-soaps sucht.
    @Stefan
    Dass RTL jedoch bewußt im rechtsradikalen Milieu schauspielerischen Nachwuchs rekrutiert, kann ich mir nicht vorstellen.
    Es ist wohl eher so, dass Menschen, die durch Kleidung oder Auftreten Rückschlüsse auf ihre Gesinnung zulassen, in bildungsferneren Schichten (=also die Klientel, die sich für RTL bereitwillig prostituiert) häufiger anzutreffen sind, als in der bürgerlichen Mitte.

  8. @Splinter: Sehe ich genauso....
    @Splinter: Sehe ich genauso. Ich finde sogar, dass die Leute selbst ein Recht darauf haben, dass man sie, wenn man sie zeigt, so zeigt, wie sie sich darstellen wollen, mitsamt Tätowierungen und T-Shirts etc. Wenn RTL das nicht verantworten kann oder will (wofür bei einem „Masterrace“-Shirt viel spricht), müsste der Sender so konsequent sein, den Menschen gar keine Plattform zu geben.
    Man muss sich die Praxis übrigens auch aus Sicht des oben gezeigten neuen Freundes vorstellen: Dadurch, dass RTL die Aufdrucke und seine Tätowierung vollständig verpixelt, suggeriert der Sender, dass er unzulässige, rechtsradikale Symbole trägt. Ich könnte mir vorstellen, dass ein guter Anwalt dagegen durchaus vorgehen könnte.

  9. Herr Niggemeyer, Sie sind echt...
    Herr Niggemeyer, Sie sind echt ausgeschlafen. Kompliment für diese Beobachtungsgabe 😉

  10. Ich schrieb über den flotten...
    Ich schrieb über den flotten Dreier schon vor einigen Monaten auf meinem inzwischen nicht mehr existenten Blog und bat seinerzeit auch die Niggemeiers und Schaaders, sich des Themas zu bemüssigen. Wurde mein Bitten nun erhört?

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