Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Teenager-Protagonisten bei "Erwachsen auf Probe": Versager gesucht!

| 18 Lesermeinungen

Das hat bei RTL vorher natürlich keiner erwähnt: Dass nicht nur die kleinen, sondern auch die großen Kinder in der umstrittenen Dokusoap "Erwachsen auf Probe" das Problem sind. Die Art und Weise, wie der Sender mit seinen Protagonisten in der ersten Folge umgesprungen ist, ist geradezu beispielhaft dafür, wie in Deutschland Dokusoaps gemacht werden.

Das hat bei RTL vorher natürlich keiner erwähnt: Dass nicht nur die kleinen, sondern auch die großen Kinder das Problem sind. Dass die Teenager, die für den Sender „Erwachsen auf Probe“ waren (Video), nicht nur keine Ahnung davon haben, was es bedeutet, ein Kind zu erziehen – sondern vor allem keine Ahnung, was sie mit sich selbst anfangen sollen.

Am Mittwochabend zeigte RTL die erste Doppelfolge seiner umstrittenen Dokusoap, über die jetzt schon so lange geschimpft wird, weil Mütter darin ihre Kleinkinder an fremde Menschen „ausleihen“. Vor solchen Experimenten müssten Kinder künftig geschützt werden, lautet die Forderung von Politikern und Vereinen. Über das, was das Fernsehen mit Teenagern macht, ist bisher nicht so vehement gestritten worden. (Mit einer kleinen Ausnahme bei „stern.tv „, wie Michael Hanfeld in seiner FAZ.NET-Fernsehkritik schreibt.) Dabei ist die Art und Weise, wie RTL mit seinen Protagonisten in der ersten Folge von „Erwachsen auf Probe“ umgesprungen ist, ist geradezu beispielhaft dafür, wie Dokusoaps in Deutschland gemacht werden: auf Kosten derer, die glauben, sich ein bisschen in Szene setzen zu können und dabei ganz gut wegzukommen. Das ist ein ziemlicher Irrtum.

Bild zu: Teenager-Protagonisten bei "Erwachsen auf Probe": Versager gesucht!Was das Fernsehen eigentlich will, sind: Loser. Leute, die Kette rauchen, zu doof zum Einkaufen sind, sich schon bei der Diskussion um den Abwasch hoffnungslos zerstreiten, die aus Familien stammen, in denen es Stress mit den Eltern gibt oder der Vater schon vor Jahren abgehauen ist, bei denen die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau aus dem Mittelalter stammt und die Arbeitsmoral miserabel ist.

Das sind die Protagonisten, die RTL für „Erwachsen auf Probe“ gesucht hat. Manche haben die Erwartungen der Macher wahrscheinlich übererfüllt, bei anderen musste durch ein paar fiese Schnitte ein bisschen nachgeholfen werden.

Der 17-jährige Elvir ist nach einem Tag Arbeit in der Autowaschanlage völlig kaputt, weil er vom Arbeiten immer Muskelkater bekommt. Sein Vater hat ihm vorher schon geraten: Arbeite besser nicht! Und Elvir sagt: „Ich bin kein Arbeiter.“ Er schickt lieber seine Freundin vor. Denn von der erwartet er „Respekt“. Sie sagt: „Vielleicht ist ihm mal die Hand ausgerutscht, aber geschlagen hat er mich nie.“ Schnitt. Er sagt: „Ich würde sie wieder schlagen.“

Mario, 18 Jahre alt, hat ebenfalls klare Vorstellung von einer intakten Beziehung: „Haushalt ist schon Frauensache.“ Wenn er sich morgens sein Frühstück selbst organisieren muss, weil seine Freundin Anji arbeiten geht, ist die Stimmung schon im Keller. Früher war er ein Schläger, 15 Strafanzeigen wegen Körperverletzung liegen gegen ihn vor. Sein Vater war entsetzt, aber helfen konnte er seinem Sohn in der schlimmen Zeit nicht: „Ich hab in der Zeit mit mir selbst zu tun gehabt.“ Anji versteht nicht, wie ihr Freund es so weit kommen lassen konnte: „Man hat doch schon genug Scheiße am Arsch, warum macht man sich da noch selbst Probleme?“

Als sich die Mädchen zu Beginn des Experiments für einen Tag einen Babybauch anschnallen sollen, um die Schwangerschaft zu simulieren, lachen sich ihre Freunde, mit denen sie so gerne Kinder hätten, kaputt. Bastian lästert über die Statur von Tamara, die er betrunken bei der EM kennengelernt hat, bevor er kotzen gehen musste (wie er der Kamera stolz erzählt): „Babybauch? Ich dachte, du trägst ihn schon.“ Und Mario sagt zu Anji: „Wenigstens hast du jetzt größere Titten.“

Kann es sein, dass diese Teenager ganz andere Probleme haben, die sie lösen sollten, bevor ihnen jemand beibringt, wie man Kinder erzieht?

Und ist es nicht seltsam, wie wir uns alle um den Schutz von Kleinkindern sorgen, die ins Fernsehen geschleppt werden, es aber egal ist, was das Fernsehen mit ihnen macht, sobald sie zu den Heranwachsenden gehören?

Als „Expertin“ Katja Kessler in „Erwachsen auf Probe“ die Teenager kennenlernt und sich das erste Mal mit ihnen unterhält, macht sie nachher einen leicht irritierten Eindruck, weil manche so hilflos gewirkt haben. Sie sagt: „Man möchte sie am liebsten vor sich selbst schützen.“

Aber nicht, bevor sich halb Deutschland über sie kaputt gelacht hat.

Screenshot: RTL


18 Lesermeinungen

  1. andi sagt:

    Also, als Zuschauer fand es...
    Also, als Zuschauer fand es unterhaltsam.
    Und als Mensch ( und Vater) der Kinder liebt, glaube, dass ein paar (tausend) Teenies sich ernsthaft überlegen werden, ob sie wirklich schon Kinder in die Welt setzen sollten, da sie doch selber noch welche sind.
    Also: Ziel erreicht, alles gut.
    Und zur Frage, ob die jungen Versuchskaninchen lächerlich gemacht wurden: Na klar.
    Aber glaubt doch bitte nicht, liebe Leute, dass die das vorher nicht gewusst hätten. Das kapiert jeder, der auch nur einmal eine Nachmittags-Show gesehen hat.
    (Und jetzt könnt ihr mich gerne steinigen… 😉

  2. pschader sagt:

    @andi: In diesem Blog ist...
    @andi: In diesem Blog ist Steinigen verboten.

  3. Alex sagt:

    @Peer: Nein, natürlich sind...
    @Peer: Nein, natürlich sind die Dinge, die du aufzählst nicht bei jedem so. Aber das, was man von Elvir zu hören bekommt, ist doch insgesamt gesehen noch harmloser, als das, was in der Summe in den ganzen anderen Reality-Soaps aufgetischt wird. Der Punkt ist doch: Ich hatte hier ausnahmsweise mal nicht den Eindruck, dass es um Häme geht – wie du behauptest, denn wir sind nicht bei DSDS. Natürlich ist es Geldmacherei von RTL, aber hier wird doch zumindest so getan, als würde ein pädagogisches Konzept verfolgt. Ich behalte da lieber einen vielleicht etwas naiven Glauben an das Gute, auch wenn ich mich damit selbst der Lächerlichkeit preisgebe.
    Das geht übrigens auch in Richtung @Stefan. Ist ja prima, wenn man dann gleich wieder seine Urteile „Sie werden sich nicht ändern“ auspackt. Wenn man so an die Sache rangeht, rettet man diese Gesellschaft natürlich am besten. Kommt es nicht viel eher darauf an, dass man auch in solchen Fällen nicht aufgibt? Zugegeben, RTL ist dafür nicht die beste Institution. Aber vom Prinzip her?

  4. Denken sagt:

    Diese Sendungen sollen ein...
    Diese Sendungen sollen ein Klischee bedienen und das tun Sie.
    .
    Klar kann man es sich als Sender einfach machen und sagen, dass ist es was die Leute sehen wollen, wir sind nur ein Spiegel der Gesellschaft.
    .
    Damit spricht man sich selbst aber von jedweder Verantwortung für ein Medium mit Breitenwirkung frei.
    .
    Meiner Meinung nach verstoßen genug Formate eindeutig gegen Art. 1 Abs. 1 Satz 1 GG „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“
    Hier wird sie bewusst und gezielt heruntergesetzt und missachtet, alles für den Pöbel der unterhalten werden will. Es ist ja nicht so das es keine Instanz gäbe die hier regulierend eingreifen könnte. Hilfreich ist hier Art. 1 Abs. 1 Satz 2 GG „Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Bei diesem Eingreifen handelt es sich mit nichten um einen Akt des freiwilligen Ermessens, sondern um eine Pflicht!
    .
    Bei der sich beschleunigenden kulturellen Verrohung, werden wir bald genauso viele Waffen/Kopf in den Haushalten haben wie die Amis. Die Waffenlobby wirds freuen. Stellen wir uns schon mal auf Winnenden 2 ein.
    Das Fernsehen ist der Egoshooter unter den Medien. Ziel ist die Würde von Menschen die sich nicht wehren können. Die Geschosse sind verbal aber nicht minder verheerend.

  5. pschader sagt:

    Ist es eigentlich notwendig,...
    Ist es eigentlich notwendig, bei solchen Diskussionen immer gleich den Weltuntergang zu beschwören?

  6. P.H. sagt:

    Reaktionen auf „Erwachsen...
    Reaktionen auf „Erwachsen auf Probe“
    „Alles halb so wild!“, „….albern und peinlich“, „programmierter Quotenflopp!“… das ist nun also die Quintessenz dessen, was nach all dem Skandalgetöse um dieses neue Format übrig bleibt?
    Kaum ist der „Skandal“ ausgestrahlt, schon ist er nur noch halb so wild.
    Na ja, es haben ja auch alle überlebt. Ja also: Entschuldigung, aber was haben Sie denn erwartet oder erhofft? Natürlich haben alle überlebt. Oder wünschten Sie sich vielleicht ein kleinwenig, dass eines der Babys vom Wickeltisch plumpst?
    Kein Blut, keine Katastrophe… und dafür das ganze Medienspektakel. Wie langeilig.
    Das so genannte Big Brother –Phänomen. Unter den Medienmachern längst bekannt und einkalkuliert. Nichts was im Fernsehen läuft kann die wahren Empfindungen ersetzen und so wird eine Dokusoap immer nach der Erstausstrahlung enttäuschen. Danach kommt dann die zweite Phase, das „Ich guck´s ja gar nicht, aber die letzte Folge habe ich mir doch mal angeschaut“-Phänomen. Bekannt seit der Lindestrasse. Und so werden auch letztendlich hier nach fünf Folgen viele Menschen in Deutschland von ihren einst intelligenten, reflektierten Freunden zu hören bekommen:„Nein, du, äy, ich kann heute leider nicht mit ins Fitnesstudio kommen, denn der kleine Andre will heute aus dem Kindergarten abgeholt werden!“.
    Und wie einst die Supernanny, Big Brother und Dieter Bohlen, so wird sich auch „Erwachsen auf Probe“ vermutlich einen festen Sendeplatz und eine Staffel 23 erarbeiten.
    Diese für eine Gesellschaft letztendlich ebenso traurige wie armseelige prognostizierbare Entwicklung hat allerdings eine kleine Nebenwirkung: Sozialethisch wird das Level an Voyeurismus, Denunziantentum und Schadenfreude bei unseren medial eher jungfräulichen Kindern und Jugendlichen, die diese Entwicklung unreflektiert miterleben müssen, immer weiter nach oben geschraubt.
    Liebe Leute, darf sich ein Heranwachsender denn heutzutage nicht mal mehr in der Pubertät mit sich selbst beschäftigen? Muss er gleich im Fernsehen als „Erwachsener auf Probe“ denunziert und vorgeführt werden?
    Die Opfer dieser Sendung sind doch nicht die Babys. Das war nur PR von RTL Es sind die Teenager, die in Ihrer Entwicklung geschädigt werden, wenn sie in ihrer „Erwachsenen-Rolle“ als unfähig, überfordert oder peinlich bewertet werden und einer lachend gaffenden Gesellschaft vorgeführt werden. Es sind Kinder in ihrer Adoleszenzphase. Liebes RTL, verschont sie! Nehmt von mir aus Arnold Schwarzenegger, der kann das abhaben. Aber keine Heranwachsenden…

  7. Chica sagt:

    Aus irgendeinem Grund glaube...
    Aus irgendeinem Grund glaube ich den Gewinner des nächsten Grimme-Preises in der Kategorie „Doku-Soap“ zu kennen…
    Und: Nein, ich habe nicht zugeschaut, aber wenn ich auf die Simpsons warte, kleistert mich taff auch gerne mit solchen Teenies zu – überall der gleiche Mist…

  8. Klick sagt:

    Ich möchte Alex zustimmen....
    Ich möchte Alex zustimmen. Ich fand das Paar, denen die Mutter irgendwann das Kind wieder weg nimmt, weil die Küche zu dreckig war, sehr normal und auch gar nicht unsympathisch. Die haben sich danach gesagt, dass sie mit einem Kind lieber warten wollen. Und mein Gott, eine dreckige Küche ist bei Kids in dem Alter nun wirklich nicht mit dem Zurschaustellen der Messis in den Frauentausch-Formaten zu vergleichen.
    Zudem: Das Problem, dass auch die Frau vom Kinderschutz als solches benannt hat, sind ja die GEWOLLTEN Schwangerschaften ganz junger Mädels. Die fügen sich tatsächlich freiwillig dem sehr tradierten Rollenmodell und lassen sich solche Westentaschenmachos gefallen. Das ist grauenhaft aber Realität. Ist das Fernsehen schuld, dass viele Mädels nur Superstar, Table-Dance oder Mutter als Berufswunsch kennen, oder bildet es diesen Teil der Realität vielleicht nur zugegebenermaßen übermäßig ab? Selbst wenn es sicher eine Mitschuld gibt, wird über die anderen Faktoren viel zu wenig und viel weniger aufgeregt diskutiert. Damit machen es sich alle zu einfach.
    Im Hintergrund dieser Diskussionen steht mir zu oft die arrogante Idee des „Unterschichtenfernsehens“. Erstens sind solche Phänomene auch bei Mittelklassekindern zu finden. Zweitens ist die „Unterschicht“, über die sich so viele gerne erheben, ein Teil unserer Gesellschaft, den man nicht so einfach abtun kann. Die „Fliesentische“, über die Stefan Niggemeier in seinem Blog schreibt, sind vom Fernsehen leider nicht erfunden worden. Muss man sie so oft sehen? Nein. Haben aber sonst jugendliche Ausreißer, schwangere Teenager, straffällige Jugendliche in sozialtherapeutischen Maßnahmen als Phänomene vor dem Reality TV Beachtung geschenkt bekommen? Es wäre toll, wenn solche Diskussionen auch ohne RTL u.a. stattfinden würden, nur passiert das leider nicht.

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