Das Fernsehblog

Das große Klauen (8): Produktionsfirma sucht Bauern-Opfer

Mal sehen, was die Schweizer machen: Mitte März gab der zu RTL gehörende britische Produzent Fremantle Media bekannt, gegen den Schweizer Privatsender 3+ klagen zu wollen, weil dort die Sendung „Bauer, ledig, sucht“ ausgestrahlt wird (durchaus mit internationaler Resonanz u.a. in „Variety“ und im „Media Guardian“).

In der Sendung geht es, Sie ahnen’s vielleicht auch wenn Sie nicht regelmäßiger 3+-Zuschauer sind, um Landwirte, die mit Hilfe des Fernsehens eine Frau finden wollen. Wie in der RTL-Sendung „Bauer sucht Frau“. Und die basiert wiederum auf dem Format „The Farmer Wants a Wife“, dessen Lizenz Fremantle Media vergibt. Genau das hätte auch in der Schweiz passieren können: Laut Fremantle Media war man mit 3+ bereits in Verhandlungen über eine Adaption, im letzten Moment habe sich der Sender aber entschlossen, die Lizenz nicht zu kaufen und stattdessen die Eigenentwicklung „Bauer, ledig, sucht“ zu produzieren – ohne Lizenz. Im Sommer soll die dritte Staffel starten, derzeit werden Bewerberinnen gesucht, die sich für die neuen Bauern interessieren.

Und wenn man sich die Sendung mal genau ansieht, fallen schon so einige Ähnlichkeiten – zumindest zur deutschen Version – auf. „Bauer, ledig, sucht“ verlässt sich auf dasselbe Prinzip wie „Bauer sucht Frau“ und hat zum Teil sogar ähnlich-dämliche Off-Texte, in denen ein Sprecher (und nicht wie bei RTL die Moderatorin selbst) vom „liebenswerten Weinbauern“, dem „attraktiven Nachwuchsbauern“ und dem „zurückhaltenden Milchbauern“ raunt.

Auch der Vorspann kommt einem, bis auf die Schweizer Bergkulisse, bekannt vor:


Screenshots: 3+

Dominik Kaiser, Ex-Chef von Viva Plus und jetzt Geschäftsführer von 3+, sieht das natürlich ein bisschen anders und erklärt auf Nachfrage:

„Grundsätzlich war die Schweizer Sendung ‚Bauer sucht Bäuerin‘ vor 25 Jahren die erste Bauernkuppelshow im Fernsehen. Die Idee ist also weder neu noch stammt sie von Fremantle. Wir knüpfen mit unserer Sendung an diese lange Schweizer Tradition an und hatten schon vor der Produktion sehr klare Vorstellungen wie die Sendung aufgebaut sein sollte. Um einen geeigneten Produzenten zu finden, schrieben wir einen Pitch zwischen drei Produktionsfirmen aus. UFA, eine Tochter von Fremantle, nahm daran teil, war aber nicht in der Lage, 3+ ein Angebot zu machen, das den gestellten inhaltlichen und produktionstechnischen Anforderungen entsprach. Deshalb ging der Auftrag dann an eine Schweizer Firma.“

Ob mit den „inhaltlichen und produktionstechnischen Anforderungen“ gemeint ist, dass die UFA-Produktion 3+ schlicht zu teuer gekommen wäre, verrät Kaiser natürlich nicht. Aber er hat ein paar Argumente, die vor Gericht nicht einfach so weggewischt werden können, wenn sie sich belegen lassen (zum Beispiel die Orientierung an einem ganz anderen Format). Schauen Sie doch einfach mal selbst, wie nah „Bauer, ledig, sucht“ der RTL-Version tatsächlich kommt. 3+ hat die Folgen freundlicherweise allesamt online gestellt, hier die aus Staffel 1. (Ein paar Schweizerdeutsch-Kenntnisse wären für den vollständigen Genuss sicher von Nutzen.)

Und vielleicht achten Sie beim Ansehen auch gleich mal auf die Eigenheiten, die „Bauer, ledig, sucht“ von „Bauer sucht Frau“ unterscheiden. Jedenfalls hatte ich mich danach bei Kaiser erkundigt, und der antwortete:

„Aus unserer Sicht ist der Einbezug der Schweizer Eigenheiten entscheidend für die guten Zuschauerzahlen. Auch ist zum Beispiel die vermittelte Stimmung in der Sendung bei uns eine ganz andere.“

Wie gesagt: Das könnte ein spannender Prozess werden. Vor allem, weil schon allein die Tatsache, dass Fremantle Media tatsächlich gerichtlich gegen einen Sender vorgehen will, nicht uninteressant ist. Eigentlich eignet sich der Fremantle Media vs. 3+ sogar perfekt dafür, mal zu erklären, wann Produktionsfirmen sich offen gegen einen möglichen Formatklau wehren anstatt den Kopf in den Sand zu stecken, um potenzielle Auftraggeber nicht zu verärgern. 3+ ist ein kleiner Sender, der nicht zur RTL-Gruppe gehört, was eine Klage seitens Fremantle Media sonst schon mal sehr unwahrscheinlich gemacht hätte. Die Schweiz ist ein Markt, auf dem Fremantle Media sich nicht unbedingt viel kaputt machen kann. Und wenn 3+ der Produktionsfirma, die den Sender jetzt verklagt, künftig deswegen keine Lizenzen mehr abkauft, ließe sich das für Fremantle wohl auch verschmerzen. 3+ ist einfach kein besonders lukrativer Geschäftspartner für Fremantle. Und nicht-besonders-lukrative Geschäftspartner lassen sich leicht verklagen.

Senderchef Kaiser nimmt’s trotzdem gelassen: „Von den nun vorgebrachten völlig unbegründeten Anschuldigungen lassen wir uns nicht einschüchtern. Wir haben unser eigenes Bauern-Verkupplungsformat entwickelt“, sagt er. Und kündigt an, „Bauer, ledig, sucht“ ab sofort weltweit als eigene Formatlizenz anbieten zu wollen:

„Wir sind gerade dabei ein entsprechendes Angebot zu erstellen. Gerade bei kleineren Sendern ist Interesse vorhanden.“

Foto: 3+

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