Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Der Tag, an dem das Fernsehen dabei war, als Michael Jackson starb

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Uri Geller in den "Tagesthemen"? Thomas Gottschalk als "heute journal"-Korrespondent? Und "DSDS"-Kandidat Menderes Bagci als "Explosiv"-Experte am Telefon? Es ist erstaunlich, in welchem Ausmaß der Tod Michael Jacksons seit der Nacht von Donnerstag auf Freitag die Medien durcheinander wirbelt. Eine Beispielsammlung.

Als am Freitag auch die „Tagesschau“ um 20 Uhr mit der Nachricht vom Tod Michael Jacksons begann, war klar, dass der Tag nicht viel seltsamer werden könnte. Im „Tagesschau“-Blog berichtet „ARD aktuell“-Chef Kai Gniffke, wie er vorher entschieden hatte, mit Jackson aufzumachen:

„Die gesamte Redaktion hat gegen meine Idee argumentiert. Es gab zwar kaum jemanden, dem der ‚King of Pop‘ als Person irgendwie sympathisch gewesen wäre. Aber das ist nun mal kein Nachrichtenkriterium. (…) Jacksons Tod ist Gesprächsthema bei hunderten Millionen Menschen, vielleicht Milliarden. Was braucht ein Tagesschau-Aufmacher-Thema noch mehr?“

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Screenshot: ARD

Es ist erstaunlich, in welchem Ausmaß Jacksons Tod seit der Nacht von Donnerstag auf Freitag weltweit die Medien durcheinander wirbelt. Nicht nur, weil der frühere „King of Pop“ in den vergangenen Jahren den meisten Journalisten (zumindest in Deutschland) allenfalls eine Randbemerkung in den Klatschspalten wert gewesen war, sondern weil diese Art der Dauerberichterstattung sonst nur vorkommt, wenn auf der Welt große Unglücke und Katastrophen passiert sind. Das hat auch im deutschen Fernsehen zu einigen Situationen geführt, an die man sich noch eine Zeitlang erinnern wird.

Jedenfalls ist anzunehmen, dass es Uri Geller nach diesem Freitagabend nicht mehr so schnell in die „Tagesthemen“ schaffen wird.

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Screenshot: ARD

Und dass Thomas Gottschalk einmal zu Beginn eines „heute journals“ als Korrespondent live aus Los Angeles zugeschaltet werden würde, hätte vorher vielleicht auch niemand gedacht. Mit wirren Haaren und ganz in schwarz gekleidet stand Gottschalk vor Jacksons Haus in L.A., wo den ganzen Tag über schon die vielen anderen Korrespondenten gestanden hatten, und lieferte erstaunlicherweise eine der besten Analysen des Tages.

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Screenshot: ZDF

Anstatt atemlos aus Agenturmeldungen zu zitieren und Halbwissen vorzutragen, erklärte Gottschalk schlicht, wie er Jackson einmal bei „Wetten dass..?“ begegnet sei, wie sehr er auf ihn den Eindruck einer „gespaltenen Persönlichkeit“ gemacht hatte, der jedes Gespräch als „persönliche Bedrängung“ empfand, ein Mann, der in den einfachen Dingen des Lebens „nicht funktionierte“, aber auf der Bühne sofort umschalten konnte, um das Publikum mitzureißen. Das war hochgradig subjektiv – aber im Vergleich zu dem, was die zahlreichen „Experten“ davor schon losgelassen hatten, zumindest glaubwürdig und interessant.

Besonders gefragt war an diesem Tag Jacksons Biograf Christian Marks, der am Nachmittag bei N24 auf die Frage antwortete, ob Jackson die ab Juli geplanten Comeback-Konzerte überhaupt hätte durchstehen können:

„Ich denke schon, denn eigentlich war er ja ganz schön fit. Und er hat auch angefangen, weiter zu trainieren, mit Fitnesstrainern seine Physis zu verbessern. Er wusste, was ihm bevorsteht, er ist ja Profi.“

In „Exclusiv“ bei RTL erzählte Marks am Abend exakt das Gegenteil:

„Er war ja schon sehr mager, fast magersüchtig. Ich glaube, dass die Kombination aus psychischer und physischer Belastung für sein Herz zuviel war.“

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Screenshots: N24/RTL

Auskenner waren gefragt an diesem Freitag, und die meisten davon trieb RTL auf, nachdem n-tv bereits mit den Jackson-Experten Karl-Theodor zu Guttenberg (der mal auf einem Konzert war) und Ralph Siegel („Ich hab mal eine Jacke von ihm ersteigert zu einem guten Zweck“) vorgelegt hatte. Der „Explosiv“-Redaktion gelang es, für ihre 18 Uhr-Sendung Menderes Bagci aus Kreta am Telefon zuzuschalten, der seit mehreren „DSDS“-Staffeln als Running Gag benutzt wird, weil er sich auf schief klingende Jackson-Imitationen spezialisiert hat, und nun erzählen durfte: „Er ist für mich alles.“ (Bei RTLnow ist die Sendung „aus rechtlichen Gründen“ nicht abrufbar.) Familie Wolf aus Meissen, die Jackson nach der Oder-Flut vor sechs Jahren, auf sein Anwesen eingeladen hatte, erzählte „Explosiv“, wie geschockt sie sei. Und der 28-jährige Mageburger Maschinenbaumechaniker Alexander, seit seiner Kindheit großer Jackson-Fan, war so am Boden zerstört, dass er am Freitag nicht zur Arbeit gehen konnte. (Wer hätte sonst auch das Kamerateam von RTL reingelassen?)

Glücklicherweise konnte „Explosiv“ auch auf den RTL-Korrespondenten Frank Fastner zurückgreifen, der schon einmal an einer verdunkelten Autoscheibe geklopft hatte, hinter der Jackson saß, bevor er von einem Leibwächter zurückgeschubst wurde. Fastner meldete sich von der Straße vor dem Krankenhaus in L.A., in das Jackson gebracht worden war, und berichtete:

„Das UCLA Medical Center in L.A. hat schon viel gesehen. Hier wurde Britney eingeliefert, hier lag Roy nach seiner Verletzung – aber mit diesem Andrang heute hat hier keiner gerechnet.“

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Screenshot: RTL

Im Anschluss übernahm „Exclusiv“, bis sich Frauke Ludowig nach einem Viertelstündchen mit einem Hinweis auf eine Sondersendung verabschiedete, für die RTL „Die 10… witzigsten Fitnessvideos“ ausfallen ließ:

„Wir von ‚Exclusiv‘ melden uns um 20.15 Uhr wieder, dann mit einem einstündigen ‚Exclusiv Special‘ zum Tod Michael Jacksons. Wäre schön, wenn Sie dabei wären.“

Vorher allerdings empfahl Petra Gerster in „heute“ ihren Zuschauern noch, für das „Leute heute Spezial“ dranzubleiben, vor dem das ZDF einen Werbespot für ein Medikament zur Verbesserung der Herzleistung zeigte („Wünschen auch Sie sich ein starkes Herz? Ein Herz, mit dem Sie aktiv Ihr Leben meistern?“). Pierre Geissensetter, der „Thriller“ von seiner Mutter geschenkt bekam, befragte nachher den stellvertretenden „Bravo“-Chefredakteur Alexander Gernandt, der vorher schon bei allen anderen Sendern Auskunft gegeben hatte. Kurz darauf meldete sich ZDF-Korrespondent Klaus-Peter Siegloch aus New York, direkt vor dem Apollo Theatre, wo Jacksons Karriere begann, und informierte:

„Es sind viele Fernsehanstalten hier, die live berichten.“

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Screenshot: ZDF

So wird dieser Tag im Juni 2009 also in die Geschichte eingehen. Als Tag, an dem das Fernsehen dabei war, als Michael Jackson starb.


76 Lesermeinungen

  1. Was wieder für ein Theater...
    Was wieder für ein Theater germacht wird. Ich finde es merkwürdig und überflüssig, dass die FAZ seit zwei Tagen Michael Jackson als Topstory der Webseite laufen lässt. Es tut mit leid, dass er gestorben ist, aber es gibt wirklich wichtigere Probleme auf der Welt.

  2. Interessant an dem Statement...
    Interessant an dem Statement vom tageschaublogger finde ich diesen Satz:
    „Die gesamte Redaktion hat gegen meine Idee argumentiert. Es gab zwar kaum jemanden, dem der ‚King of Pop‘ als Person irgendwie sympathisch gewesen wäre.“
    Was sind das nur für Menschen?
    Ansonsten war abzusehen, dass jemand die Medienberichterstattung um Jacksons Tod metakommentiert. Ich bin froh, dass es hier und in dieser Form geschehen ist.
    Ich finde das das große Interesse/Bestürzung über Jacksons Tod zeigt, dass es in der Popkultur, zu der ja auch das Fernsehen gehört, keine solche verbindenden Elemente mehr gibt, die Leute das aber wollen.

  3. Es tut mir sehr leut das er...
    Es tut mir sehr leut das er gestorben ist.Ich wünsche er erwacht er ist mein ein und alles.Michael jackson ich wünsche dir alles gute da oben wen ich auch sterbe komme ich zu dir.

  4. 🙁 ......
    🙁 …

  5. Sommerloch, Dein Name war...
    Sommerloch, Dein Name war Jackson.
    So prägend und wichtig wie Michael Jackson für die Musik der 80er und 90er war, so schillernd und seltsam sein Privatleben war, so unerwartet und unspektakulär jetzt sein Tod war, so unnötig und überflüssig finde ich die permanente Berichterstattung darüber.
    Gründe, die eine stunden- und tagelange Berichterstattung rechtfertigen würden, liegen hier meiner Meinung nach nicht vor, wer sich das Aussehen Jackos in den letzten paar Jahren seines Lebens vor Augen ruft, dem dürfte klar sein, dass dieser Mensch einfach am Ende seiner Kräfte war.
    Wenigstend hinterlässt er uns Meilensteine der Popmusik und ich denke, man kann sein musikalisches Schaffen jetzt schon in eine Reihe mit Leuten wie Elvis, den Beatles etc. stellen!

  6. <p>Michel Jackson war zu...
    Michel Jackson war zu Lebzeiten schon eine früh verstorbene Legende.
    *the show must go on !
    Er folgt mit seinem entgültigen Abtreten wohl den Spuren von Elvis Presley und Papst J.Paul ll.
    Wir wollen hoffen das Michael nicht nachtragend ist und beim Boss ein gutes Wort für Uns einlegt. Für Uns, die Wir einen weiteren bedeutenden Zeitzeugen aus der Welt der normal Sterblichen vertrieben haben.
    Mir drängt sich die Frage auf: Gibt es einen absehbaren Kandidaten der es den besagten Dreien gleich tun könnte?

  7. Danke für diesen Artikel, auf...
    Danke für diesen Artikel, auf den habe ich gewartet. Ich dachte schon, ich sei der einzige Mensch auf Erden, der nicht daran interessiert ist, wie viele Leute sich jetzt vor irgendwelchen Krankenhäusern in den USA versammeln.
    Der Mann ist tot, das ist tragisch. Aber dieses ausschlachten des Todes durch die Medien ist einfach nur widerlich.
    Der Mann hatte nie seine Ruhe, sie sollte ihm wenigstens jetzt vergönnt sein.

  8. Gottschalk hat in seiner, ach...
    Gottschalk hat in seiner, ach so wunderbaren Analyse über Persönlichkeitsdefizite von Michael Jackson vergessen zu sagen, dass diese Wetten-dass-Sendung, in der Michael sang, die höchste Einschaltquote in den 1990er Jahren erzielte. Im Unterschied zum Autoren des obigen Artikels empfand ich Gottschalks Beitrag im ZDF als Zumutung, als hohles, eitles Gewäsch. Geniale Menschen haben selten das Zeug zur selbstgefälligen Rampensau, das überlassen sie den Andrea Kiewels und Gottschalks dieser Welt.
    Michael Jacksons künstlerisches Vermächtnis wird auf lange, lange Sicht unerreichbar sein. Ich finde, dass er sogar Elvis übertrifft. Nicht an Charisma, aber an Talent und gemessen an dem, was er als Songschreiber der Nachwelt hinterläßt.

  9. Le Monde ist die einzige...
    Le Monde ist die einzige Zeitung, deren Webside ich besucht habe, die die Meldung nicht als „eins“ draußen hatte. Sondern als zwei. Dazu war’s bei der Monde (ebenfalls einzigartig) der einzige Jackson Artikel unter den ersten zehn. Beim Figaro waren’s die ersten elf, bei der liberation die ersten sieben, bei n-tv.de die ersten fünf, bei der Faz die ersten zwei (Stand Freitag Mittag).

  10. Ich erinnere mich noch mit...
    Ich erinnere mich noch mit einer gewissen Abscheu daran, wie sich im letzten Jahr kein, wirklich kein einziger Nachrichtensprecher/Boulevardmagazinmoderartor zu blöd war, den selten dämlichen Spruch „Teile von Micheal Jackson werden heute 50 Jahre alt“ los zu lassen. Brrrr.

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