Das Fernsehblog

Live-On-Tape-Blogging: Die Premiere des neuen ZDF-Nachrichtenstudios

18.53 Uhr. Gleich geht’s los. Die erste „heute“-Sendung aus dem neuen Nachrichtenstudio des ZDF. Den größten Teil der Fantastillionen, die der Sender dafür ausgegeben hat, sind anscheinend in Werbung geflossen. Bin aufgeregt. Versehentlich fast eine ganze Folge „Soko Kitzbühel“ gesehen. Aber bei den Verwandtschaftsverhältnissen der Familie nicht aufgepasst. Hat nun der Sohn ein Alibi, weil er mit seiner Mutter geschlafen hat? Seiner Stiefmutter? Schwieger? Schwipp? Und das vor sieben im ZDF? Stellen die Kinder da nicht Fragen?

18.54 Uhr. Würde ich was verpassen, wenn ich schnell nochmal aufs Klo…? Ob Granufink da jetzt geholfen hätte? Wie komm ich jetzt darauf… ach ja, ZDF-Werbeblock. Gelenkschmerzen, Juckreiz, Herzschwäche. Und die Apotheken-Umschau.

18.55 Uhr. Steffen Seibert meldet sich schon mal aus dem neuen Studio und kündigt die Demonstrationen im Iran als Aufmacherthema an. Sieht aus, als stünde er in einem großen Schokoriegel mit Karamellfüllung. Täuscht aber sicher.

18.57 Uhr. Ob man die Mainzelmännchen für irgendeinen Gastauftritt, eine Anspielung gewinnen konnte? Vielleicht zusammen mit Harald Schmidt?

18.58 Uhr. Die Mainzelmännchen liegen in einem großem Schlauchboot mit Riesenfernseher. Ist das schon ein Erklärraum?


18.59 Uhr. Die neue Nachrichtenuhr hat nicht nur einen Stunden-, Minuten- und Sekundenzeiger, sondern auch einen, der erst sinnlos und gelassen seine Kreise zieht und eine Sekunde vor Beginn der Sendung wild zu rotieren beginnt. Wär eigentlich ein super Merchandising-Ding: Die ZDF-Uhr. Mit Geht-gleich-los-Zeiger. Jeden Abend um Sieben und Viertel vor Zehn auch kurz als Ventilator zu benutzen. (Kompatibilität mit neuem Rundfunkstaatsvertrag prüfen.)



19.00 Uhr. Seitlich fliegen wir ins Studio und erwischen Steffen Seibert dabei, wie er sich: An die Lippe fasst! Entweder ist das eine verschmitzte Form des Understatement und ein Versuch, die uralte ZDF-Tradition des obercoolen Gelangweilt-in-Nachrichtensendungen-Herumsitzens wieder aufzunehmen. Oder er braucht so eine Uhr mit Geht-gleich-los-Zeiger, damit er in Zukunft nicht so überrumpelt wird, wenn wir seitlich zu ihm hereingeflogen kommen.



19.00 Uhr. Erstaunlich: Die Themen erscheinen schräg hinter seiner rechten Schulter.


19.01 Uhr. Bilder von Rafsandschani, angeblich aus Teheran. Aber die Farben, der wackelnde Hintergrund, die überlebensgroße Kerze verraten es: Der Mann steht in einem Erklärraum! Wahrscheinlich war vor Ort einfach alles grün.

19.03 Uhr. Auch Indonesien liegt hinter der rechten Schulter von Steffen Seibert. Die Kamera fährt sachte an ihm vorbei auf die Filme, Einblendungen oder Karten zu. Bisschen gewöhnungsbedürftig. Solche Bewegungen macht man im normalen Leben ja höchstens, wenn der, sagen wir: Herausgeber auf der Verlagsparty unvermittelt hinter dem viel unwichtigeren Gesprächspartner aufgetaucht ist und man ihm etwas ungelenk an dem anderen vorbei die Hand gibt, um schnell… ich schweife ab. Jedenfalls macht man solche Bewegungen sonst fast gar nicht.

19.06 Uhr. Hinter den Bildern lugen immer schon die nächsten beiden Einblendungen durch. Erinnert etwas an diese Cover-Flow-Optik von Apple. Wenn die Nachrichten langweilig sind, kann man dann in Zukunft versuchen zu erraten, was auf dem nächsten Bild zu sehen sein wird. Nachrichtenbildermemory.


19.10 Uhr. Ha, darauf hätte ich gewettet. Ein Premierenkuchendiagramm für Steffen Seibert. Sieht aber fast natürlich aus. Gut macht er das. Wirkt gar nicht steif, angestrengt oder schauspielerhaft.



19.12 Uhr. Ja, warum nicht einfach mal erklären, wie genau das war mit den Störfällen bei Krümmel. Hat ein bisschen was von dem Spielzeugkernkraftwerk bei Loriot, nur ohne Kühe. Und wenn der Trafo einen Kurzschluss hat, britzelt’s in Großaufnahme. Und Seibert sieht jetzt doch aus, wie Nachrichtenleute in diesen virtuellen Studios aussehen: Wie die Peter-Kloeppel-Parodie von Michael Kessler, der sich genau so breitbeinig hin- und herwiegt, als seien die Füße am Boden festgetackert. (Ist der neue Teppichboden eigentlich schon so speckig? Oder ist das auch virtuell und ein Teil des Budgets ging dafür drauf, die hochbezahlten Fell-Animateure von Pixar einzukaufen, um die graue Auslegeware realitätsnah zu animieren?)


19.21 Uhr. Nach dem Sport-Block fährt die Kamera so schnell zurück und dreht sich dabei leicht um seine Achse, damit die Puzzle-Weltkarte (bei der ein paar Länder fies zusammengeklebt wurden) nicht mehr links, sondern rechts von ihm ist. Das ist keine Kamerafahrt, die ich an schlechten Tagen morgens mitmachen möchte.

19.22 Uhr. Keine größeren Pannen, sah alles ganz schmuck und nur leicht übertrieben angeberhaft und futuristisch aus. Nur die Roboterkameras haben gezittert, weil sie etwas nervös waren, wie die Techniker im ZDF-Chat erklärten. Und Bettina Schausten, die vom CSU-Parteitag zugeschaltet war, ist einmal eingefroren. Das scheint immer noch das Modell Schausten 3.11 zu sein. Womöglich gibt’s da noch kein Upgrade.

19.23 Uhr. Geschafft. Darauf einen Granufink.

Hier kann man sich die ganze „heute“-Sendung in der ZDF-Mediathek ansehen. Falls nachher im „heute journal“ was kaputt gehen sollte, melden wir uns natürlich noch einmal mit, Achtung: Breaking News.

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