Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Live-On-Tape-Blogging: Die Premiere des neuen ZDF-Nachrichtenstudios

| 41 Lesermeinungen

Endlich mal wieder etwas Aufregendes im Fernsehen: Das ZDF hat ein neues Nachrichtenstudio! Mit Erklärraum, dreiarmigem Riesentisch und allem. Um 19 Uhr kam es zum ersten Mal zum Einsatz. Und wir waren live dabei.

18.53 Uhr. Gleich geht’s los. Die erste „heute“-Sendung aus dem neuen Nachrichtenstudio des ZDF. Den größten Teil der Fantastillionen, die der Sender dafür ausgegeben hat, sind anscheinend in Werbung geflossen. Bin aufgeregt. Versehentlich fast eine ganze Folge „Soko Kitzbühel“ gesehen. Aber bei den Verwandtschaftsverhältnissen der Familie nicht aufgepasst. Hat nun der Sohn ein Alibi, weil er mit seiner Mutter geschlafen hat? Seiner Stiefmutter? Schwieger? Schwipp? Und das vor sieben im ZDF? Stellen die Kinder da nicht Fragen?

18.54 Uhr. Würde ich was verpassen, wenn ich schnell nochmal aufs Klo…? Ob Granufink da jetzt geholfen hätte? Wie komm ich jetzt darauf… ach ja, ZDF-Werbeblock. Gelenkschmerzen, Juckreiz, Herzschwäche. Und die Apotheken-Umschau.

18.55 Uhr. Steffen Seibert meldet sich schon mal aus dem neuen Studio und kündigt die Demonstrationen im Iran als Aufmacherthema an. Sieht aus, als stünde er in einem großen Schokoriegel mit Karamellfüllung. Täuscht aber sicher.

18.57 Uhr. Ob man die Mainzelmännchen für irgendeinen Gastauftritt, eine Anspielung gewinnen konnte? Vielleicht zusammen mit Harald Schmidt?

18.58 Uhr. Die Mainzelmännchen liegen in einem großem Schlauchboot mit Riesenfernseher. Ist das schon ein Erklärraum?

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18.59 Uhr. Die neue Nachrichtenuhr hat nicht nur einen Stunden-, Minuten- und Sekundenzeiger, sondern auch einen, der erst sinnlos und gelassen seine Kreise zieht und eine Sekunde vor Beginn der Sendung wild zu rotieren beginnt. Wär eigentlich ein super Merchandising-Ding: Die ZDF-Uhr. Mit Geht-gleich-los-Zeiger. Jeden Abend um Sieben und Viertel vor Zehn auch kurz als Ventilator zu benutzen. (Kompatibilität mit neuem Rundfunkstaatsvertrag prüfen.)

Bild zu: Live-On-Tape-Blogging: Die Premiere des neuen ZDF-Nachrichtenstudios
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19.00 Uhr. Seitlich fliegen wir ins Studio und erwischen Steffen Seibert dabei, wie er sich: An die Lippe fasst! Entweder ist das eine verschmitzte Form des Understatement und ein Versuch, die uralte ZDF-Tradition des obercoolen Gelangweilt-in-Nachrichtensendungen-Herumsitzens wieder aufzunehmen. Oder er braucht so eine Uhr mit Geht-gleich-los-Zeiger, damit er in Zukunft nicht so überrumpelt wird, wenn wir seitlich zu ihm hereingeflogen kommen.

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19.00 Uhr. Erstaunlich: Die Themen erscheinen schräg hinter seiner rechten Schulter.

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19.01 Uhr. Bilder von Rafsandschani, angeblich aus Teheran. Aber die Farben, der wackelnde Hintergrund, die überlebensgroße Kerze verraten es: Der Mann steht in einem Erklärraum! Wahrscheinlich war vor Ort einfach alles grün.

19.03 Uhr. Auch Indonesien liegt hinter der rechten Schulter von Steffen Seibert. Die Kamera fährt sachte an ihm vorbei auf die Filme, Einblendungen oder Karten zu. Bisschen gewöhnungsbedürftig. Solche Bewegungen macht man im normalen Leben ja höchstens, wenn der, sagen wir: Herausgeber auf der Verlagsparty unvermittelt hinter dem viel unwichtigeren Gesprächspartner aufgetaucht ist und man ihm etwas ungelenk an dem anderen vorbei die Hand gibt, um schnell… ich schweife ab. Jedenfalls macht man solche Bewegungen sonst fast gar nicht.

19.06 Uhr. Hinter den Bildern lugen immer schon die nächsten beiden Einblendungen durch. Erinnert etwas an diese Cover-Flow-Optik von Apple. Wenn die Nachrichten langweilig sind, kann man dann in Zukunft versuchen zu erraten, was auf dem nächsten Bild zu sehen sein wird. Nachrichtenbildermemory.

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19.10 Uhr. Ha, darauf hätte ich gewettet. Ein Premierenkuchendiagramm für Steffen Seibert. Sieht aber fast natürlich aus. Gut macht er das. Wirkt gar nicht steif, angestrengt oder schauspielerhaft.

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19.12 Uhr. Ja, warum nicht einfach mal erklären, wie genau das war mit den Störfällen bei Krümmel. Hat ein bisschen was von dem Spielzeugkernkraftwerk bei Loriot, nur ohne Kühe. Und wenn der Trafo einen Kurzschluss hat, britzelt’s in Großaufnahme. Und Seibert sieht jetzt doch aus, wie Nachrichtenleute in diesen virtuellen Studios aussehen: Wie die Peter-Kloeppel-Parodie von Michael Kessler, der sich genau so breitbeinig hin- und herwiegt, als seien die Füße am Boden festgetackert. (Ist der neue Teppichboden eigentlich schon so speckig? Oder ist das auch virtuell und ein Teil des Budgets ging dafür drauf, die hochbezahlten Fell-Animateure von Pixar einzukaufen, um die graue Auslegeware realitätsnah zu animieren?)

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19.21 Uhr. Nach dem Sport-Block fährt die Kamera so schnell zurück und dreht sich dabei leicht um seine Achse, damit die Puzzle-Weltkarte (bei der ein paar Länder fies zusammengeklebt wurden) nicht mehr links, sondern rechts von ihm ist. Das ist keine Kamerafahrt, die ich an schlechten Tagen morgens mitmachen möchte.

19.22 Uhr. Keine größeren Pannen, sah alles ganz schmuck und nur leicht übertrieben angeberhaft und futuristisch aus. Nur die Roboterkameras haben gezittert, weil sie etwas nervös waren, wie die Techniker im ZDF-Chat erklärten. Und Bettina Schausten, die vom CSU-Parteitag zugeschaltet war, ist einmal eingefroren. Das scheint immer noch das Modell Schausten 3.11 zu sein. Womöglich gibt’s da noch kein Upgrade.

19.23 Uhr. Geschafft. Darauf einen Granufink.

Hier kann man sich die ganze „heute“-Sendung in der ZDF-Mediathek ansehen. Falls nachher im „heute journal“ was kaputt gehen sollte, melden wir uns natürlich noch einmal mit, Achtung: Breaking News.


41 Lesermeinungen

  1. Jens sagt:

    Mein Fazit nach der ersten...
    Mein Fazit nach der ersten Sendung im neuen Studio:
    Goodbye heute-Journal!
    Welcome Tagesthemen

  2. Klasse Blog! sagt:

    Wieso überall nur über das...
    Wieso überall nur über das Studio gezänkt wird. Ich fand den Blog voll Klasse und witzig dargestellt. In meinem Kopf siehts genauso aus 😉

  3. JayG sagt:

    Verschlimmbessert. Distanz zum...
    Verschlimmbessert. Distanz zum Zuschauer schaffend. Kalt und technokratisch. Irgendwie einsam.

  4. John sagt:

    Also.... erstmal tief Luft...
    Also…. erstmal tief Luft holen denn mein Wut (oder Lach) anfall von heute abend ist noch nicht ganz vorbei
    Was soll dieser lange Tisch? Da fehlen doch noch 20 Leute oder wiso ist der so lang? Also mein Tisch von Ikea ist schöner, nur hat der lediglich 30 Euro gekostet und ich musste ihn selbst bezahlen (nicht die GEZ)
    Die Erklärung mit dem Kraftwerk war der Hammer. Das hat derart abgelenkt. Bei jedem Halbsatz hat sich die Grafik aktualisiert. Ich weiss bis jetzt nicht worum es eigentlich ging. Nur eines weiss ich jetzt ganz genau: Die genaue Form des Trafo Häuschens und seine Position zum Kernkraftwerk.
    Ich wette man hat kein einziges mal testen lassen bei welchem Studio sich die Zuschauer (in diesem Fall Testpersonen) mehr Informationen merken können. Es wäre so einfach gewesen. Halten die den Zuschauer eigentlich für blöd? Was denken die denn was der Zuschauer von einer Nachrichtensendung erwartet?
    Bei dem früheren Studio konnte man am Ende einer heute Sendung das einst schöne Studio-Inventar bewundern. Im Zentrum das Senderlogo. DAS war eine originelle Idee. Und nicht der ganze irreale grafische Schnickschnack mit dem man jetzt wie mit LSD zugedröhnt wird.
    Darum mein Tipp: Mehr Substanz bitte.

  5. kas sagt:

    Schrecklich, einfach nur...
    Schrecklich, einfach nur schrecklich … ich bin wirklich traurig, aber vielleicht ist das auch der Anfang vom Ende: Jedenfalls werden junge Zuschauer sich das nicht antun. Das ist Provinzfernsehen! Man vergleiche das mal mit CNN oder BBC! Tja, adieu ZDF, bald schaut das sowieso keiner mehr – mit Recht!

  6. Jörg sagt:

    Mir gefällts im Großen und...
    Mir gefällts im Großen und Ganzen gut. Wobei Design zweitrangig ist und ich mir die Sendung hauptsächlich wegen den Nachrichteninhalten und -themen anschaue, von daher kann ich Stimmen wie „Schau ich nicht mehr an, ich geh zur ARD“ nicht so ganz nachvollziehen. Zudem das heute-Journal größtenteils aus Zuspielern besteht.
    Man war halt das alte Design über Jahre hinweg gewöhnt und nahezu jede größere Änderung produziert bei vielen Menschen automatisch erstmal eine eher ablehnende Haltung.
    Ich prophezeihe: In 2 Wochen redet keiner mehr über das Design, wir haben uns alle daran gewöhnt und die Einschaltquoten werden sich nicht groß ändern.

  7. Michael sagt:

    Ist es wirklich so schlimm?...
    Ist es wirklich so schlimm? Endlich macht das ZDF einen Schritt in Richtung Zukunft – und schon finden es viele hässlich, ablenkend, substanzlos oder wie Privatfernsehen. Dabei hat sich doch an der Berichterstattung selbst nichts geändert. Nur das Design ist etwas mutiger geworden. Schaden konnte das nun wirklich nicht. Und irgendwann wird man sich an das neue Aussehen mit seinen Animationen und Kamerafahrten gewöhnen. Und dann ist wieder alles gut.

  8. Hank sagt:

    Zitat jay-G:...
    Zitat jay-G: „Verschlimmbessert. Distanz zum Zuschauer schaffend. Kalt und technokratisch. Irgendwie einsam.“
    Das trifft’s sehr gut. Meine Eindrücke: Technische Spielereien um der Spielerei Willen. Unruhige Kamerafahrten. Warum das einen Mehrwert bringen soll, dass der Moderator neben/in den Grafiken steht, anstatt diese im Vollbild zu zeigen leuchtet mir nicht ein. Kalte Farben.
    Neben dem neuien Studio scheinen die Kollegen vom ZDF allerdings auch Gag-Autoren eingekauft zu haben. Das „locker-flockige“ Geschwurbel von Kleber im heute journal fand ich jedenfalls schlimmer als sonst.

  9. heringh sagt:

    Hurra, hurra, die DDR ist...
    Hurra, hurra, die DDR ist wieder da. Denn es sieht genauso aus wie beim Deutschen Fernsehfunk kurz vor seiner Abschaffung. Ob dem ZDF wohl die gleichen Ängste durch den Kopf gingen?
    Was ist zu sehen: eine schlichte blaue Weltkarte und ein Holztisch. Geht der Moderator 10 Meter durch den Raum, sieht man wieder nur einen Holztisch. Dagegen war das schneebedeckte Sendezentrum geradezu eine Innovation, die das WDR Fernsehen nun mit Hilfe von Stanzen imitiert.
    Den Leserhinweis auf CNNs Realstudio mit echter Kulisse, aber gebeamter Reporterin fand ich toll. So sieht modernes Fernsehen aus! Herr Niggemeier, bitte berichten Sie.

  10. thleutwein sagt:

    Das Studion wirkt auf mich...
    Das Studion wirkt auf mich sehr kühl, fast kalt.
    Das Ein- und Auszoomen aus den Einspielfilmen finde ich nicht schön. Das hat man früher in Heimvideos so schneiden können, um anzugeben. Damals schon pentrant, heute einfach nur öde.
    Wichtiger als graphische Spielereien sollte doch die Information des Zuschauers sein. Warum müssen z.B. die Mehrheitsverhältnisse im Kieler Landtag umständlich mit einer Gaphik dargestellt werden, um dann – verständlich auch für den blödsten Zuschauer eine 2/3-Mehrheit einzuzeichnen, obschon vorher deutlich erkennbar ist, daß CDU+kleine Parteien keine 2/3-Mehrheit haben? Das kann man doch in einem Satz vom Moderator sagen lassen und mehr Zeit für Wichtigeres aufsparen.
    Der Wetterbericht ist ein deutlicher Rückschritt. Farblich blass, viel zu klein und zu wenig bildliche Infos.
    Schade, wenn so viel Geld des Steuerzahlers fürs Ego verpulvert wird.

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