Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Raus aus der Humorkrise: Der große Sitcom-Check

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Weil das Fernsehen immer zu Hilfe eilt, wenn sich Ehepaare verschulden oder Familien zerrütten, machen wir das jetzt auch mal. Das Fernsehen ist längst selbst zum Problemfall geworden. Gerade geht es der deutschen Sitcom nicht so gut. Das Fernsehblog hat die Humorexperten Bastian Pastewka und Ralf Husmann gefragt, ob sie Abhilfe schaffen können. Scheint aber ein schwerer Fall zu sein.

Bild zu: Raus aus der Humorkrise: Der große Sitcom-CheckWeil das Fernsehen sonst immer zu Hilfe eilt, wenn sich Ehepaare verschuldet oder Familien zerrüttet haben, machen wir das jetzt auch mal. Denn das Fernsehen ist längst selbst zum Problemfall geworden. Der deutschen Sitcom geht es gerade nicht so gut. In der F.A.S. stand am Sonntag schon mal ein Text darüber, wie es dazu kommen konnte. Und hier steht jetzt: „Der große Sitcom-Check“ – ein Ratgeber für krisengelähmte Privatsender.

Und diese Männer sollen den Programmverantwortlichen helfen: Bastian Pastewka („Pastewka“) und Ralf Husmann („Stromberg“) aus Köln – Humorexperten mit langjähriger Erfahrung. Ihnen geht es nicht nur darum, Leute zum Lachen zu bringen, sie wollen einfach gutes Fernsehen machen. Pastewka und Husmann sind keine privaten Spaßmacher, SIE haben die öffentliche Anerkennung.

Also stellen wir unser imaginäres Flipchart auf, zücken den Filzstift und notieren die wichtigsten Punkte auf beiden Seiten:

Bild zu: Raus aus der Humorkrise: Der große Sitcom-Check

 

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Bild zu: Raus aus der Humorkrise: Der große Sitcom-CheckGeld!
Davon wäre eigentlich genug da, es will nur keiner ausgeben, glaubt Ralf Husmann: „In den USA hat man in der Krise noch mehr Geld investiert – in Deutschland passiert genau das Gegenteil: das Geld wird ins Sparschwein oder ins Heuschreckenschwein gesteckt, und dann wird versucht, mit noch weniger Geld ein Programm hinzukriegen. Das lässt sich so schnell nicht wieder rückgängig machen. Mit den Folgen müssen wir dann leben.“

Bild zu: Raus aus der Humorkrise: Der große Sitcom-CheckZeit!
Bei 24 Stunden Programm ist immer ein Plätzchen frei, auf dem sich Neues ausprobieren ließe – aber das ist gar nicht das Ziel der Sender: „Das Fernsehen stellt sich immer mehr auf den flüchtigen Zuschauer ein. Die Rauswurf-Verkündungen in Castingshows beispielsweise werden bis zum Anschlag in die Länge gezogen, damit’s auch wirklich jeder kapiert – während die Sitcom auf eine möglichst schnelle Taktung geeicht ist, um viele Gags unterzubringen und gute Laune zu machen“, sagt Bastian Pastewka.

Bild zu: Raus aus der Humorkrise: Der große Sitcom-CheckVorbilder!
Gibt es zuhauf, in den USA genauso wie in Großbritannien – nur sind sie den wenigsten Zuschauern bekannt, weil die Sendeplätze im deutschen Fernsehen dafür immer arg begrenzt waren: „US-Sitcoms sind in Deutschland ja meist nur als Füllmaterial für den Samstagnachmittag genutzt worden. Das hat natürlich auch Auswirkungen darauf, wie die Leute so ein Genre wahrnehmen“, sagt Husmann.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild zu: Raus aus der Humorkrise: Der große Sitcom-CheckZuschauerbegeisterung!
Wir vermissen Sitcoms einfach nicht so stark, dass es den Sendern wichtig wäre, mehr davon zu zeigen: „Bei der Late Night war es ja ganz ähnlich“, sagt Ralf Husmann. „Es gab diese Phase mit Harald Schmidt, in der das bei uns erfolgreich war, mittlerweile ist es dem Publikum egal. Es hat auch niemanden gegeben, der in Schmidts Fußstapfen getreten ist – wahrscheinlich weil das den Leute nicht wichtig genug war. In den USA ist das mit Jay Leno und der Letterman-Nachfolge ein richtig großes Thema.“

Bild zu: Raus aus der Humorkrise: Der große Sitcom-CheckEin Dauerbrenner!
In den USA gab’s acht Jahre lang die „Bill Cosby Show“ – und bei uns? „Der Sitcom fehlt im deutschen Fernsehen eine solide Basis: drei, vier Shows, die die Leute immer sehen wollen. Dann gäbe es die Möglichkeit, rechts und links davon auch mal was Ungewöhnlicheres Absurderes auszuprobieren“, sagt Husmann.

Bild zu: Raus aus der Humorkrise: Der große Sitcom-CheckBesonderheit!
Selbst Reality-Shows können witzig sein, wenn auch oft unfreiwillig oder auf Kosten der (skurrilen) Protagonisten. Auf jeden Fall sind sie günstiger zu produzieren als Sitcoms und werden deshalb von den Sendern bevorzugt. Sowas ähnliches gab es schon mal, erinnert sich Bastian Pastewka: „Als wir in den 90ern in der ‚Wochenshow‘ Allerweltstypen und durchschnittliche Talkshow-Gäste imitiert haben, wurden wir eines Tages von ‚Big Brother‘ überrollt – weil es für viele Zuschauer plötzlich interessanter war, Zlatko zehn Minuten beim Leberwurstbrotschmieren zuzuschauen anstatt den von uns ausgedachten Figuren, die mit der Realität gar nicht mehr mithalten konnten.“

Bild zu: Raus aus der Humorkrise: Der große Sitcom-CheckNachwuchs!
Wer soll eigentlich die ganzen Gags aufschreiben? „Auf der Macherseite ist keine Generation nachgerückt, die das als ihr Thema begriffen und reklamiert hat. Es gibt wenige Autoren, die Mitte 20 sind und versuchen, Sitcom für ihre Generation neu zu interpretieren“, findet Husmann.

Bild zu: Raus aus der Humorkrise: Der große Sitcom-CheckMut!
Die Angst vor einem neuen Flop ist so groß geworden, dass Programmen kaum noch Zeit gegeben wird, sich auf dem Sender zu entwickeln. Husmann: „Es wird sicher in den nächsten Jahren nicht einfacher, im ohnehin schon schwierigen Fernsehmarkt Projekte zu machen, die einen gewissen experimentellen Charakter haben. Ich mache mir gerade nicht so viel Hoffnung, dass ich bald noch mal sowas wie ‚Dr. Psycho‘ schreiben darf.“

Bild zu: Raus aus der Humorkrise: Der große Sitcom-Check
Unterm Strich ist die Lage also bedrohlich – aber nicht hoffnungslos. Den Sendern bleibt immer noch der Weg in die Humorinsolvenz. Nach sechs Jahren, wenn sie sich von allen Verbindlichkeiten befreit haben, besteht für sie die Chance, komplett humorfrei zu sein. Dann ließe sich ein Neustart wagen, mit kleineren Lachern und günstigeren Bühnenproduktionen vor Publikum. Bis dahin allerdings muss eisern gespart werden. (Und Sie mögen sich zum Zeitvertreib auf myspass.de vielleicht ein paar Klassiker ansehen.)

Vielen Dank an unsere Experten. Demnächst lesen Sie an dieser Stelle, wie der Telenovela-Tester (N.N.) den saumäßigen Zustand deutscher Süßholzraspel-Programme offenlegt und ihnen mit frischen Klischees neues Leben einhaucht.

Fotos: Brainpool


29 Lesermeinungen

  1. "Der deutschen Sitcom geht es...
    „Der deutschen Sitcom geht es gerade nicht so gut“? Klingt für mich ein bisschen wie „McCain’s Präsidentschaftskampagne gegen Obama läuft gerade nicht so gut“.

  2. Herr Hussmann kopiert mit...
    Herr Hussmann kopiert mit „Stromberg“ praktisch 1:1 das britische „The Office“ und wirft den Sendern fehlenden Mut vor, experimentelle Projekte zu machen? Ist das eine (Angst) die Ursache des anderen (Kopieren)?

  3. @Muriel: Ok, dann eben "immer...
    @Muriel: Ok, dann eben „immer noch nicht so gut“.
    @Hans: Ist’s mit dem Kopievorwurf nicht inzwischen mal gut? Ich bin da ja weiß Gott nicht ziemperlich, aber Husmann hat doch spätestens mit der dritten Staffel ganz gut bewiesen, dass „Stromberg“ auch ohne „Office“-Vorlagen ziemlich gut funktioniert.

  4. Einfach, um mal was zu sagen,...
    Einfach, um mal was zu sagen, was sonst niemand sagt: Ich find Stromberg gut, The Office hab ich mal probiert, hat mir aber gar keinen Spaß gemacht.

  5. Sicher ist Stromberg kopiert,...
    Sicher ist Stromberg kopiert, aber dafür richtig gut. Wenn ich darüber nachdenke beinahe die einzige deutsche Sitcom über die ich so richtig lachen kann.
    Und im Übrigen, aber das ist ein anderes Thema, ist „kopieren“ besser als mit einer Synchronisation, die einfach nicht funktioniert, alles kaputt zu machen. Ich habe vor kurzem eine Folge von Life on Mars auf Kabel 1 gesehen und konnte es nicht fassen. Jaaa, ich weiß, das ist keine Sitcom.
    Ich hoffe noch auf gute neue Ideen! Und Dr. Psycho fand ich doch auch recht amüsant. Und ansonsten: Kopiert eben noch mehr britische Sitcoms. Black Books vielleicht?

  6. Erstmal müsste jemand ein...
    Erstmal müsste jemand ein Konzept entwickeln, das die amis nicht schon zehnmal besser gemacht haben, oder die Engländer und am Ende muß die Qualität vergleichbar sein. Das Problem ist, man braucht einen radikalen Ansatz, der eine breite Masse finden muß und, bei den ÖR, den bürokratischen Prozeß überlebt. Ich sehe da keine große chance. Da Amis machen seit 60 Jahren Sitcoms, da sehen wir alt aus, aber was solls? sind wir halt sitcomtechnisch ein drittweltland, mein Bedarf wird durch Importe gedeckt (wie bei allen anderen unterentwickelten Genres auch). Das ist nen bisschen wie mit der indischen Autoindustrie. Schön für die Inder, daß sie halbwegs solide, kompakte, günstige Fahrzeuge bauen können, aber wenn du einen Inder fragst ob er lieber ein einheimisches oder, sagen wir, ein deutsches Produkt fahren würde, wäre die Bedenkzeit eher kurz.

  7. Das Genre Sitcom ist zumindest...
    Das Genre Sitcom ist zumindest in Deutschland tot.
    RTL hat es mittlerweile eingesehen, und die letzte Staffel von „Mein Leben und ich“ gar nicht mehr an den Start gebracht. „Der Lehrer“ wird zügig in Doppelfolgen weggesendet und bei Misserfolg nach Folge 3 abgesetzt.
    Bei Sat.1 produziert man das Zeug immer noch nicht, da man dort beratungsresistent ist, siehe Fun-Freitag.
    Die Frage ob man über den Tod des Genres traurig sein soll ist Geschmackssache. Ich bin es nicht. Jahrelang hat sich insbesondere Sony Pictures Deutschland mit ausschließlich in Köln spielenden Formaten dieses Zuschnitts eine goldene Nase verdient, andere Produktionsfirmen und Drehorte kamen nicht zum Zug, eine richtige Monokultur, die mangels Alternative (Nikola, Ritas Welt etc.) auch noch mit Preisen überhäuft wurde.
    Ob Zwegat und Saalfrank besser sind sei mal dahingestellt, Frau Ruff Krokodilstränen hinterherweinen wie Stefan Niggemeier tue ich aber nicht.
    Um Dr. Psycho ist es schon schade, allerdings hat Autor Husmann ebenso wie seine Kollegen Betz und Terjung massiv abgebaut, siehe sein letztes Projekt Der kleine Mann.
    ProSieben wollte sich die Stundenserie (schon allein deshalb ist dies keine Sitcom) Dr. Psycho sparen und eine Halbstundenserie als Prestigeprojekt verkaufen, wo sich die finanziellen Verluste in Grenzen halten. Leider mangelte es auch stark an Qualität.

  8. Ein Satz von einem...
    Ein Satz von einem großartigen Mann sehr präzise ausgesprochen beantwortet alle Diskussionen. Bastian Pastewka sagt: „Ich wünsche mir wieder mehr Kreative und Betreuer, die sich nicht nur am Markt orientieren, sondern sagen: Wir haben eine Geschichte, die gut, verrückt und erzählenswert ist, die wir mit tollen Schauspielern oder Komikern besetzen und für die wir kämpfen. Denn nur darum geht es: um gute Geschichten.“ Hierzu siehe auch Süddeutsche Zeitung vom 18./19.7. „Der perfekte Plot“ von John Mahrenholz

  9. Hans hat doch vollkommen...
    Hans hat doch vollkommen recht. Hussmann hat ja nun Stromberg nicht plötzlich mit der dritten Staffel neu erfunden. Wie kann man denn behaupten „The Office“ wäre nicht mehr die Vorlage für „Stromberg“ bloß weil es ein paar neue Folgen gab? Im Grunde eine Frechheit den Office-Machern gegenüber. Der einzige, der Stromberg auf eine neue Ebene gehoben hat war Kessler.

  10. Glashaus -> Stein: So einfach...
    Glashaus -> Stein: So einfach geht die Rechnung.
    Die Aussage „Es gibt wenige Autoren, die Mitte 20 sind und versuchen, Sitcom für ihre Generation neu zu interpretieren“ verkommt hier zu einem schalen Euphemismus.
    (Wie auch immer: Mir gefällt Stromberg ebenso.)

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