Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Ulrich Deppendorfs Schweißausbruch am Ufer des Sommerlochs

| 21 Lesermeinungen

Tu ich dir nix, tust du mir nix: Der Chef des ARD-Hauptstadtstudios ärgert sich über einen harmlosen Eintrag im "Tagesschau"-Blog - und verrät dabei viel über sein journalistisches Selbstverständnis

Man kann diese Geschichte natürlich als Sommerloch-Thema abtun (schon weil das Sommerloch ihr Thema ist), aber das wäre schade, denn man kann etwas aus ihr lernen, und zwar über das publizistische Selbstverständnis von Ulrich Deppendorf, dem Leiter des Hauptstadtstudios der ARD.

Deppendorf hat sich über seinen Kollegen Kai Gniffke geärgert, der die Redaktion von „ARD aktuell“ leitet und am Dienstag kurz vor Feierabend und Mitternacht im Blog der „Tagesschau“ schnell noch verkündet hatte: „Es ist da!“:

„… heute öffnete das Sommerloch erstmals für diese Saison sein sonnendurchflutetes Maul.“

Es war ein kurzer, launiger Eintrag – einer von dieser Sorte, die Blogs so lesenswert machen, weil sein Inhalt offensichtlich nicht vor der Veröffentlichung vom diensthabenden Bedenkenträger in Abstimmung mit der Stabsabteilung für Kommunikation, Unterabteilung Nichtkommunikation, geprüft wurde. „Wenn wir ehrlich sind“, plauderte Gniffke über die 20-Uhr-Ausgabe der „Tagesschau“ jenes Tages, „hätte man jedes, ja wirklich jedes unserer heutigen Themen auch lassen können.“ Dann scherzte er noch:

„Da schaut man sich gerne mal an, was den Kollegen der anderen Nachrichtensendungen einfällt. Habe schon gewitzelt, ob wir im Erklärraum heute ein 3D-Modell des Sommerlochs sehen.“

Ein „Ulrich Deppendorf“ fand’s nicht so lustig und kommentierte am nächsten Tag lesbar angesäuert:

„Lieber Herr Dr. Gniffke,

wie schön, dass Sie gestern fast jeden Beitrag der Tagesschau um 20 Uhr für entbehrlich hielten. Das hätten Sie uns ja dann auch schon etwas früher mitteilen können. Dann hätten die Kollegen und Kolleginnen aus dem Hauptstadtstudio und in der Republik ja schon eher die Arbeit für die Tagesschau einstellen können. Im Übrigen halte ich keines der Themen gestern für entbehrlich oder dem Sommerloch geschuldet. (…) Nun warten wir jeden Tag auf Ihre Einordnung, was entbehrlich ist. Heute vielleicht Porsche, Opel oder Afghanistan?“

Auch in der tagesschau.de-Redaktion konnten sie es erst nicht glauben, aber dieser „Ulrich Deppendorf“ ist tatsächlich Ulrich Deppendorf. Nun muss man trotz des Tonfalls einen solchen öffentlichen Widerspruch nicht gleich als ARD-internen Zickenkrieg interpretieren – auch dafür sind Blogs ja ein wunderbares Medium, dass sie diese Art von Transparenz herstellen können. Aber Deppendorfs Kommentar ging noch weiter:

„Und warum schielen Sie immer auf das ZDF? Sie sind Chefredakteur von ARD-Aktuell. Bitte mehr Selbstvertrauen. Wir sollten auch nicht mit zu viel Hochmut auf das neue ZDF-Studio schauen. Warten wir erst einmal ab, ob unser neues Studio 2011 der große Hit wird. Ein wenig mehr Solidarität durch Schweigen mit dem anderen öffentlich-rechtlichen System wäre nicht schlecht. Vielleicht benötigen wir dessen Unterstützung ja irgendwann auch einmal.“

Da hört der Spaß aber auf. Ich kenne diese Argumentation aus eigener Erfahrung und der von anderen Medienjournalisten, vor allem aus Zeiten, in denen es den Medien schlecht geht. Berichten wir lieber nicht kritisch über das, was bei den anderen schiefgeht, dann können wir darauf hoffen, dass die anderen auch wattehaft mit uns umgehen. Es ist eine Haltung, die das Gegenteil von Journalismus ist, eine Kombination aus Kumpanei und Kalkül, Duckmäusertum und Angst, von der ich nicht gedacht hätte, dass ein ARD-Hauptstadtstudio-Leiter öffentlich für sie plädieren könnte.

Und nun ist Kai Gniffke wahrlich nicht der Holzer, der mit polemischen Angriffen auf die Konkurrenz im Blog jahrzehntelange Senderdiplomatie zunichte machte. Wenn schon seine harmlosen Frotzeleien über den Virtualitätspomp des ZDF Anlass genug für Deppendorf sind, sich um eine Retourkutsche in zwei Jahren (!) zu sorgen, mag man sich nicht ausmalen, was ernste Kritikversuche für Schweißausbrüche bei ihm auslösten – und wie oft er entsprechende Formen des Journalismus womöglich verhindert.

Gniffke antwortet Deppendorf übrigens im Blog behutsam, dass es „uns vielleicht gut zu Gesicht“ stünde, „etwas weniger breitbeinig durch’s Leben zu gehen“. Als wäre Deppendorfs Problem der breitbeinige Gang. Und nicht der aufrechte.


21 Lesermeinungen

  1. Duckmäusertum und Angst?...
    Duckmäusertum und Angst? Nein, da gehe ich nicht konform. Hätte Deppendorf geschrieben, man solle doch Politiker X nicht so heftig angehen oder anderweitig Kritik an der Berichterstattung der Tagesschau geübt, dann wäre das Duckmäusertum gewesen. Hier wird nur eine verschwurbelte Form von öffentlich-rechtlichem Schweigegelübde angemahnt, eine Art Komment, den Gniffke wohl anscheinend gebrochen hat, in dem er ein bisschen süffisant mit den Kollegen umgesprungen ist. Deppendorf sagt nichts anderes, als dass man besser erst einmal vor der eigenen Haustüre kehrt. Das kann man so sehen, muss man aber nicht.
    Vermutlich hat sich Deppendorf über die als despektierlich empfundenen Äusserungen zum „Sommerloch“ geärgert und sich angegriffen gefühlt. Was soll’s? Hier mangelndes Rückgrat zu entdecken, ist ein kühner Schluss. Man könnte auch das Gegenteil vermuten.

  2. Ron sagt:

    Eigentlich fand ich den...
    Eigentlich fand ich den Kommentar von Herrn Deppendorf gar nicht soooo schlecht. Dann aber kam der Satz mit der „Solidarität durch Schweigen“ … Das lässt doch wieder tief in die Gefühlswelt der öffentlich rechtlichen Sender blicken.
    Und nebenbei gesagt (mal wieder), ich finde das neue Studio des ZDF gut!

  3. yaq12 sagt:

    Das Wichtige und Witzige aus...
    Das Wichtige und Witzige aus dem Fernsehen erfährt man ja wohl doch aus der Printpresse, ob auf Papier oder wie hier online (immerhin getippt und nicht geplappert). Ich sehe selbst fast überhaupt nicht fern, und offenbar versäume ich dadurch nichts. Das wichtige (und witzige) kann man später ja lesen. Also weiter so, liebe FAZ Fernsehbeobachter!
    .
    ad „Entbehrlichkeit der Nachrichten in der Tagesschau“, egal ob Sommerloch oder nicht: Hat sich mal jemand die Mühe gemacht, die in der Tagesschau gesprochenen Worte zu zählen und sie mit der Wortzahl zu vergleichen, die Bildzeitung desselben Tages für die Nachrichten benötigt (ohne Trash etc.)? Ich fürchte sehr, da hat Bild einen höheren Informationsgehalt ……. und wo Bilder (virtuelle gar im ZDF) doch die Domäne des Fernseherns sein sollten.

  4. @yaq12
    Wie kommen sie darauf,...

    @yaq12
    Wie kommen sie darauf, dass die Anzahl der Worte etwas über ihren Informationsgehlat aussagt? Wer bestimmt, was bei der „Bild“-Zeitung „Trash“ ist und was nicht? Wie kommen Sie zu der vollkommen Aussage, der Informationsgehalt der „Bild“ sei höher als der der „Tagesschau“? Das ist noch grösserer Schwachsinn als jeglicher Trash, den die „Bild“-Zeitung produzieren könnte.

  5. Dent sagt:

    CATFIGHT!!!!

    Also es gibt...
    CATFIGHT!!!!
    Also es gibt wenig Nachrichtensendungen im deutschen Fernsehen die so viel Worte brauchen um einen Sachverhalt, komplizierter als nötig, auszudrücken.

  6. Wolfgang sagt:

    Oh Gott, jetzt geht das...
    Oh Gott, jetzt geht das todernste Hickhack hier auch noch weiter! Kein Wunder, dass wir in Deutschland eine Humorkrise haben. Obwohl, die Kommasetzung von dent finde ich einigermaßen lustig…

  7. Wolfgang sagt:

    Ähm, da sollte eigentlich...
    Ähm, da sollte eigentlich „Humorkrise“ stehen statt der html-Zeichen mit einem Link zu https://faz-community.faz.net/blogs/fernsehblog/archive/2009/07/20/raus-aus-der-humorkrise-der-grosse-sitcom-check.aspx
    Aber offenbar funktionieren hier Tags nicht.

  8. Das Problem an der ausgabe der...
    Das Problem an der ausgabe der Tagesschau (und vielen anderen) war doch gar nicht, dass es alles „Kann“-Themen waren. Das kommt vor, nicht nur im Sommerloch. Das Problem ist, was die Redaktion aus diesen Themen gemacht hat. Jetzt hatte man mal einen Tag Zeit, ohne durch kurzatmige tagesaktuelle Berichterstattung beschwert, Hintergründe aufzuarbeiten, Entwicklungen nachzuvollziehen, Konflikte herauszuarbeiten, …
    … und was haben sie draus gemacht? Wieder den üblichen Müll mit Straßenumfrage in Kiel und dämliches Nachplappern wegen einem Erdrutsch im Niemandsland.

  9. Pip sagt:

    Die Frage ist doch, ob die...
    Die Frage ist doch, ob die offiziöse Nachrichtenverleseinstitution Tagesschau auf den Erklärraum mit Spott blicken sollte.
    Mit ihrem Seriösiotät simulierenden Blättergeraschel, während ja doch der Teleprompter verlesen wird, erzielt sie nämlich den unschönen Effekt, weder das Weltgeschehen zu erklären, noch vergleichsweise sehenswert zu sein.

  10. swina sagt:

    was erwarten,...
    was erwarten, hoecker?!
    anfang/mitte der 90er gab es [pour moi]
    einen medialen sonnenaufgang – per humorvoll-kritischem! intellekt.
    .
    wiener/tempo einerseits,
    zak, live aus dem schlachthaus, 0137 (premiere), williemsens woche, canale grande .. andererseits.
    .
    seitdem schlägt nur noch broder ein paar launige wellen im seichten mediengewässer.
    hoecker! komm`se wieder rein.
    die gefahr ist vorbei. wir deppendorfen in die frohe zukunft.

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