Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

"Ein unverzeihlicher Fehler": Wie die Kritik das erste Mal "ran" sah

| 13 Lesermeinungen

Vor 17 Jahren lief auf Sat.1 zum ersten Mal "ran" mit einem gewissen Reinhold Beckmann, der in seiner roten Jeansjacke die Zuschauer zur neuen Fußball-Show begrüßte und die Kritiker mit bunten Grafiken und überladenen Statistiken schockte. Das Fernsehblog dokumentiert, was damals über "ran" geschimpft und geschrieben wurde.

Heute vor 17 Jahren lief auf Sat.1 das erste Mal „ran“. Einen Tag später saß ein gewisser Reinhold Beckmann, damals 36 Jahre alt und Sportchef des Mainzer Privatsenders, mit einer roten Jeansjacke in einem Studio, noch ganz ohne Publikum, aber schon mit einer großen Begeisterung für bunte Grafiken und Statistiken, und begrüßte die Zuschauer zur ersten Samstagsausgabe der neuen Bundesliga-Show. Nachher gab es verhaltenes Lob für freche Fragen und die flotte Inszenierung, am Ende überwog in den Zeitungen aber die Kritik an „Statistik-Unsinn“, „Faktenhuberei“ und „technischem Schnick-Schnack“.

Das Fernsehblog dokumentiert Auszüge aus den Kritiken zum ersten „ran“-Wochenende und einige der darauffolgenden Monate. (Das Foto aus dem „ran“-Studio stammt allerdings aus einem späteren Jahr.)

Bild zu: "Ein unverzeihlicher Fehler": Wie die Kritik das erste Mal "ran" sah
Publikum im ehemaligen „ran“-Studio / Foto: Sat.1


„Die Zeit“ am 14. August 1992:

„Seit sechs Monaten wirbelt Beckmann bei SAT 1. Im Medienzentrum ‚Studio Hamburg‘ belegt seine Redaktion drei Stockwerke.’Wir haben ein Team aus jungen und handwerklich sicheren Leuten‘, sagt Beckmann. ‚Die Mischung aus Chuzpe und Erfahrung stimmt.‘ Bei manchen ist die Chuzpe sehr groß. (…) Den schreibenden Kollegen verkauft sich Reinhold Beckmann gekonnt als Wehrdienstverweigerer, erzählt gern von seinen wilden Jahren bei einem Kölner Piratensender. ‚Vielleicht bin ich in drei Jahren wieder irgendwo freier Mitarbeiter‘, kokettiert er. Wenn er mal, sagt er, einen Preis gewinnen sollte, dann werde er der Verleihung fernbleiben und lieber in einer Kneipe Gitarre spielen – ’so wie Woody Allen‘.“

Bild zu: "Ein unverzeihlicher Fehler": Wie die Kritik das erste Mal "ran" sah„Sport Informations-Dienst“ am 16. August 1992:

„‚ran‘ war nah dran an der Bundesliga
Beckmann: ‚Ein Traum hat sich erfüllt‘
Sportschau-Faßbender in Urlaub / SAT.1-Chef fiel ‚Stein vom Herzen‘
(…)
ARD-Sportschau-Chef Heribert Faßbender, von seinem Ex-Videotechniker Beckmann eingeladen, einen ‚Fachkommentar‘ zur ersten Sendung des Konkurrenten abzugeben, richtete aus, er sei erstmals seit Jahren beim Saisonstart der Fußball-Bundesliga in Urlaub in Griechenland.“

„F.A.Z.“ Feuilleton am 17. August 1992:

„Mit einer nicht enden wollenden Fröhlichkeit, die in keinerlei Verhältnis zum Trübsinn dieses ersten Spieltags stand, suchte Reinhold Beckmann den permanenten Blickkontakt zum Zuschauer. Seine gute Laune scherte sich nicht um die nervöse Fahrigkeit der meisten Spiele, die weder Brillanz noch Dramatik aufkommen ließen. ‚Ein wunderbarer erster Spieltag‘, rief er gleich zu Beginn. Auch die Reporter der Spiele konnten sich kaum zügeln in ihren Evokationen der Begeisterung, wobei auch noch die schwächsten Aktionen von einer allumfassend freundlich-positiven Sicht aufgefangen wurden (…). Wir ahnten: Die Maßstäbe der Kritik, wie sie uns die ‚Sportschau‘ in ihren unbestechlichen Leistungsbilanzen jahrelang vorgeführt hatte, drohten verlorenzugehen.“

„F.A.Z.“ Sport am 17. August 1992:

„Der Versuch, den ersten Spieltag statistisch aufzubereiten, war interessant, verdeckte aber eine große Schwäche nicht. Die Ergebnisse waren nur kurz auf einen Blick zu sehen und wurden nicht, wie bei ARD und ZDF üblich, vorgelesen. Ein unverzeihlicher Fehler. Auch viele sehbehinderte Menschen sitzen erfahrungsgemäß vor dem Apparat.“

„Die Welt“ am 17. August 1992:

„Die Freitagabend-Sendung freilich versprach alles andere als einen gelungenen Start für Beckmann & Co. da war minutenlang die Leitung weg, verlegen mußten die Werbebälle fallengelassen werden. (…) Ganz anders der Samstag: Ein souveräner, sichtlich ausgeruhter Beckmann, leger im Jeans-Dress, der auch einen Disput mit der wandelnden Litfaßsäuöe Lattek nicht aus dem Wege ging. Ein gut aufgelegter Revier-Rubenbauer Werner Hansch – leidenschaftlich statt maniriert. (…) Auch die neue Technik wurde nicht selbstverliebt eingesetzt, sondern als Informationsträger.“

Bild zu: "Ein unverzeihlicher Fehler": Wie die Kritik das erste Mal "ran" sah„taz“ am 17. August 1992:

„Also noch eine Superzeitlupe mehr, hier ein Kurzinterview nach der Auswechslung, dort das Pausenstatement des tolpatschigen Stürmers. Technik tadellos. Extra-Kameras für die Trainerbank, Kontrollkameras für die Vierer- Kette der Bayern, zusätzliche Kameras fürs Randgeschehen (Balljungenknutschereien). An nichts soll’s uns fehlen. Christoph Daum wird mit dem Hubschrauber vom Stadion ins Studio geflogen, beteuert dort mit aufgerissenen Augen, daß Fußball ein ‚absolut sauberer Sport‘ sei: Auch einen Flachwitz hatten sie sich ausgedacht: Udo Lattek sei ’nicht aus Schmelzkäse geschnitzt‘, haha. Helmut Schulte wurde auf Uwe Bein angesetzt, zählte 68 Ballkontakte, sieben Doppelpässe. Der amerikanische Statistikwahn sollte zuletzt völlig hemmungslos über uns hereinbrechen. Aber schon nach der Hälfte der Show vermißten wir etwas. Nein, nicht Heribert. Ein undeutliches Verlangen nach zusammenhängenden Bildern keimte in uns. Die Sehnsucht nach Spielzügen!“

„Süddeutsche Zeitung“ am 17. August 1992:

„Alles soll chicer, peppiger, elektrisierender als bisher sein. Und dieser immense Leistungsdruck schluckt die Informationen. Natürlich sehen wir noch die Spiele, die Tore, tatsächlich auch Spielzüge – doch diese Ereignisse scheinen für Reinhold Beckmann & Co. nur das lästige Beiwerk zu einer Show zu sein, die offensichtlich die große Samstagabend-Unterhaltung ablösen soll.“

„Süddeutsche Zeitung“ am 25. August 1992:

„Das Fernseh-Vorbild Amerika läßt sich nicht blindlings kopieren. Speziell das konzentrierte Zuschauerverhalten der Fußballanhänger hierzulande hat wenig gemein mit den Bedürfnissen einer relaxten US-Fernsehklientel. (…) Wer sich jedoch ein-, zweimal die Woche über ein sehr kompaktes Sportereignis infromieren will, der möchte weder von minutenlangen Werbespots genötigt noch von hyperfröhlichen Moderatoren und Reportern genervt werden, sondern einfach nur: Fußball gucken. Tore, Tricks, Tabellen. Der möchte auch nicht von verkaugsorientierten Schönrednern in ein keimfreies Fußball-Disneyland entführt, sondern mit Fakten informiert werden (…).“

„Sports“ am 10. Oktober 1992:

„‚ran‘ ist enervierende Bildspielerei mit der Folge, daß immerzu gänzlich sinnleere Gimmick abgezogen werden, als hätte jemand den ‚ran‘-Kindern eine Fernsehtechnik geschenkt, die sie uns nun in all ihrer Vielfalt vorführen wollen. ‚ran‘ schleppt mehr Zierat mit sich herum als eine Kokotte aus Hollywood, lauter Fußball-Kitsch, vorgetäuschten Fußball-Tiefgang, slo-mo bis zum Ermüden und diese unsäglichen, ‚Statements‘ genannten Nullblasen zur Halbzeit und nach Spielende. (…) Vor allem aber ist ‚ran‘ infantiler Klamauk und in dieser Eigenschaft genau das, was der Fußball so gut gebrauchen kann wie unsereiner ein zusätzliches Loch im Kopf.“

„Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ am 13. Juni 1993:

„Was die Kameras von Sat.1 einfangen, hat es bei ARD und ZDF selten zu sehen gegeben.“

„Der Spiegel“ am 22. Februar 1993:

„Weil trotz des Bilderbooms die Zuschauerzahlen im Vergleich zum Vorjahr nahezu stagnieren, sieht sich Branchenführer Sat 1 für seine Sendung ‚ran‘ in der Pflicht, sich stets ‚etwas ganz Besonderes einfallen zu lassen‘ (Beckmann). So wurde der Blickwinkel verändert. Der Schütze des Eckballs interessiert nicht mehr, die Objektive werden nun im Zoom auf die Spielertrauben im Strafraum gefahren – dorthin, wo gerempelt und getreten wird. Den Kameras, verlangt Beckmann, soll ‚keine fragwürdige Szene mehr entgehen‘. Technischer Schnickschnack erzeugt zudem eine Pseudo-Modernität, die oft nur Faktenhuberei ist – etwa wenn Computer Laufwege von Trainern, Schiedsrichtern oder Spielern vermessen.“

„F.A.Z.“ am 26. August 1996:

„Wer genau hinschaut und konditionell auf der Höhe des Privatfernsehens ist, der kann zwischen Werbespots, dem organisierten Frohsinn im ‚ran‘-Studio und all den nichtssagenden Interviews Rudimente von Fußball entdecken.“

Im Jahr 2003 lief die Sendung zum letzten Mal. Mehr zum neuen „ran“, mit dem Sat.1 ab der kommenden Woche die Live-Übertragungen von Champions League und Europa League begleitet, steht am Montag im Fernsehblog.

Danke an Hannah und Kai!

Fotos: Sat.1 / cinetext


13 Lesermeinungen

  1. Die F.A.S. gab es schon 1993?...
    Die F.A.S. gab es schon 1993?

  2. <p>@Chronist: Ehemals <a...
    @Chronist: Ehemals als Rhein-Main-Ausgabe, ja.

  3. Ein ernsthafter Sport wie...
    Ein ernsthafter Sport wie FUßball erfordert ernsthafte Kommenattoren, wo kommen wir denn dahin wenn des deutschen zweitliebstes Hobby plötzlich in Unterhaltsamen Format daherkommt und nicht mehr von Bierernsten Moderationsimitatorenlangweilern wie dem legendär unfähigen Faßbender, dem unfaßbar nervigen Gerrrrrrrd Rrrrrrrrubenbauer oder dem unglaublich korrupten Wilfreid Mohren prässentiert wird. Naja typsich für die Medien der damaligen Zeit……obwohl sich soviel gar nicht verändert hat. Erinnert mich ein bisschen an die Leute die im Spiegel-Online-Forum Fernsehkritik betreiben, die würden alle zum Lachen in den Keller gehen, wenn der Stock im Rektum beim Treppensteigen nicht so kneifen würde.

  4. Christoph Daum ... beteuert...
    Christoph Daum … beteuert dort mit aufgerissenen Augen, daß Fußball ein ‚absolut sauberer Sport‘ sei.
    Ob er schon wusste, wie falsch er lag?

  5. Ich verdanke einer...
    Ich verdanke einer ranissimo-Sendung von 1994 mit Jörg Wontorra meinen noch heute gültigen Spitznamen. Es war also nicht alles schlecht damals, auch wenn ich die Sendung bis heute nicht selbst gesehen habe.

  6. @PabloD
    dann wird's aber...

    @PabloD
    dann wird’s aber höchste zeit, dass ihnen mal jemand erklärt, was »laberbacke« bedeutet. 😉
    die kritiken sind aus meiner sicht erschreckend aktuell. besonders die „Süddeutsche Zeitung“ vom 25.08.92 trifft wohl ziemlich genau den nach wie vor geltenden punkt. neu ist halt nur, dass man den kritisierten show- und firlefanzfaktor inzwischen für vollkommen normal hält. insofern könnte man sagen, Beckmann hat gewonnen. er hat mit „ran“ zweifellos einen grundstein gelegt, wobei nach der Sportschau auf ihrem damaligen stand wohl so ziemlich alles eine neuerfindung des fernsehfussballs gewesen wäre, was über das schema „ansage – spielbericht – ansage – spielbericht – tabelle – tschö“ hinausgeht.
    falsch und ziemlich hysterisch war aber schon damals die pauschalität der kritik in der gegenüberstellung zur Sportschau. insbesondere den vorgeblichen statistikwahn habe ich so nie wahrgenommen. neu war nur die präsentation/aufbereitung statistischer daten. man kann sich heute dank YouTube sehr schön vor augen führen, wie dem zuschauer damals die exakt gleichen datensammlungen in der Sportschau vom kommentator einer zusammenfassung um die ohren gehauen wurden. …oder man sieht sich einfach heute eine übertragung mit Bela Rethy oder Steffen Simon an, die das nach wie vor nach dem modell Sportschau’90 praktizieren. alles immer auf kosten des tatsächlichen informationsgehaltes oder „-auftrages“.
    man muss „ran“ aber trotzdem nicht gut finden, wovon ich zu jeder zeit sehr weit entfernt war. ich glaube, das lag daran, dass alles eine nummer zuviel, einen (oder drei) tick(s) zu aufgedreht war. ja, ich denke, genau das war’s. gute, willkommene ideen, leider komplett übergeigt. und heute haben wir bei Premiere/sky und in der Sportschau den traurigen salat irgendwo in der mitte der beiden extremvorbilder, in dem sehr viel geredet und wenig fussball gespielt wird.
    ich fürchte, nachdem „ran“ 2006/07 kurzzeitig als „arena-titte“ unverändert, nur ohne Beckmann aus der versenkung erschien, wird auch die zweite rückkehr kaum angenehmer oder gar anders werden. das personal lässt kaum gutes erahnen, ist ja irgendwie auch über den daumen nach wie vor das gleiche. und beim gedanken an Kerner wird’s definitiv nicht besser.

  7. Sat1 hat viel Unheil gebracht....
    Sat1 hat viel Unheil gebracht. Die permanenten Interviewfragen nach der Gefühlswelt der Sportler („Was fühlten Sie als …?“), die Superzeitlupe, als der Trainer sich am Kopf kratzte und auch bei sonst jeder Bewegung, und die aufgesetzte Emotionalität des Reporters.

  8. @Baker: Wer weiß? Wir können...
    @Baker: Wer weiß? Wir können uns aber wohl sicher sein, dass jeder, der irgendwas ernsthaft als „absolut sauber“ bezeichnet, unehrlich ist oder unter finalem Realitätsverlust leidet.
    Andererseits ist natürlich auch Sauberkeit am Ende eine Frage der Definition.

  9. Naja, die Premieren-Ausgabe...
    Naja, die Premieren-Ausgabe von „ran“ (also, die vom Samstag) war aber auch unglaublich schlecht, soweit ich mich erinnern kann. Was ich jedenfalls niemals vergessen werde, ist das Outfit von Laber-Reinhold, diese rote Jacke… Ganz gruselig.
    Jeder Fußball-Fan war vor „ran“ und „ranissimo“ daran gewöhnt, beim Fußballgucken nicht unterhalten zu werden. Als Statistik reichten die Ergebnisse und eine Tabelle. Sat1 hat mehr Show daraus gemacht, den Sport als Event verkauft und mussten natürlich, als „ran“ neu war, gegen Windmühlen kämpfen. Bei mir in der Heimat sagt man, selbstverständlich auf Platt: „Was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht.“
    Natürlich ist Sat1 auch, als sich die Leute langsam dran gewöhnt hatten, dass ihr Nationalsport nun auch ein Showevent war, übers Ziel hinaus geschossen, bspw. mit der Verleihung ihres Preises, „FUXX“ oder so, nur für Fußballer und Funktionäre.
    Und trotzdem muss man sagen, dass „ran“ den Fußball ein kleines Stück weit revolutioniert hat. Und wenn man sich heute mal die „Sportschau“ im Ersten ansieht, wird man feststellen, dass man dort auhc nicht mehr ohne Showelemente auskommt.

  10. Cooler Typ, dieser Beckmann....
    Cooler Typ, dieser Beckmann. Muß man sich merken.
    Aus dem wird bestimmt noch was.

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