Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Pocher, Maulwurf-Kamera, 3D-Analysen: Was Sat.1 für die "ran"-Rückkehr plant

| 13 Lesermeinungen

Für die Live-Übertragungen von Champions League und Europa League holt Sat.1 den Namen seiner alten Fußballshow "ran" zurück. Dabei hat das, was Sportchef Sven Froberg für die kommenden Monate plant, mit den alten Tagen kaum noch was zu tun. Nur die Idee, den Fußball wieder unterhaltender zu präsentieren, wird sicher nicht jedem Fan gefallen.

„ran“ kommt wieder! Freuen Sie sich schon?

Ach, nicht so? Dann sind Sie immerhin nicht allein. Beim Fußballmagazin „11 Freunde“ herrscht auch schon leichte Panik. Stellen Sie sich nicht so an, da müssen wir jetzt halt gemeinsam durch. Und das geht am besten mit einer guten Vorbereitung. Freundlicherweise hat sich der neue Sat.1-Sportchef Sven Froberg bereit erklärt, uns dabei zu unterstützen. Also: los. 

Bild zu: Pocher, Maulwurf-Kamera, 3D-Analysen: Was Sat.1 für die "ran"-Rückkehr plantDie wichtigste Änderung: Mit der Fußball-Bundesliga hat das neue „ran“ nichts mehr zu tun, stattdessen zeigt Sat.1 künftig mittwochs und donnerstags Spiele aus Champions League und Europa League mit deutscher Beteiligung. Ausnahmsweise am Dienstag geht’s gleich mit einer absoluten Spitzenbegegnung los: dem Qualifikationsspiel des VfB Stuttgart gegen den, äh, rumänischen FC Timisoara. Froberg hat sich für die Berichterstattung ein komplett neues Team aufgebaut, weil Sat.1 sowas wie eine Sportredaktion in den vergangenen Jahren ja nicht wirklich gebrauchen konnte. Davor war er Chefredakteur beim DSF und hat sich schon bei Premiere um die Champions League gekümmert. 1992 fing er als Praktikant bei „ran“ an und musste in den Proben Interviewpartner doubeln. Zwischen 1997 und 2002 war er Redakteur und Leiter der Sendung.

Ok, ok. Und wer macht jetzt alles mit?

Naja: Johannes B. Kerner halt. Im F.A.Z.-Interview hat der Sat.1-Geschäftsführer Guido Bolten neulich ja schon erklärt, dass er ihn mit Ausschnitten aus alten „ran“-Tagen geködert hat. Auch Kerner war damals bei der „ran“-Premiere dabei. Oliver Welke kam sozusagen in der zweiten Moderatoren-Generation dazu und ist jetzt die zweite Hälfte der Sat.1-Doppelspitze. „Experte“ ist der unvermeidliche Franz Beckenbauer.

Bild zu: Pocher, Maulwurf-Kamera, 3D-Analysen: Was Sat.1 für die "ran"-Rückkehr plantNoch nicht so bekannt ist Andrea Kaiser, 27 Jahre alt, die für das DSF „Bundesliga aktuell“ und die „Moto GP“ moderierte (und auf ihrer Website unter anderem www.bryanadams.com empfiehlt – aber es hat ja jeder so seine Laster). Froberg sagt: „Neue Gesichter sind wichtig für ‚ran‘, um immer wieder zu überraschen. Ich glaube, dass wir das mit Andrea schaffen werden, sie hat beim DSF bewiesen, dass sie authentisch und erfolgreich über Fußball reden kann.“ Das Klischee, dass es „auch was Hübsches“ vor der Kamera brauche, will der Sat.1-Sportchef aber nicht bedienen: „Es geht ganz klar darum, eine Journalistin im Team zu haben, die Biss hat und die Spieler zu sich holt. Wenn die lieber bei ihr stehen bleiben, ist das natürlich nicht schlecht – dann müssen aber auch die Fragen sitzen.“ Und nur damit Sie sich schon mal auf’s Meckern vorbereiten können: Mittelfristig will Froberg auch eine weibliche Kommentatorin finden. „Die darf dann nur nicht reden wie ein Kerl.“

Was kommt wieder?

Bild zu: Pocher, Maulwurf-Kamera, 3D-Analysen: Was Sat.1 für die "ran"-Rückkehr plant„Ein Unwort“, schimpfte die Kritik damals über den Titel der Sendung. Jetzt ist zumindest das „ran“-Logo mopdernisiert worden und sieht kantiger aus als in den 90ern, fast ein bisschen wie aus dem Star-Trek-Kosmos. Ach, und erinnern Sie sich noch an den Tisch, der aus den drei „ran“-Buchstaben bestand? Den soll’s tatsächlich auch wieder geben, diesmal in einer Plexiglasversion. Damit hat es sich dann aber auch schon mit der Deko. „Der Trend geht dahin, näher ans Spiel zu rücken und auf ein zentrales Studio zu verzichten. Einer der Kritikpunkte an ‚ran‘ war früher: Da wird zu oft geklatscht, ständig kommt ein Gast. Das wird es nicht mehr geben: Wir werden keine Distanz mehr zwischen der Präsentation und dem Spiel haben“, verspricht Froberg, weil die Übertragungen natürlich immer live aus den Stadien kommen. (Obwohl das rumänische von oben eher ein bisschen mitgenommen aussieht.)

Bild zu: Pocher, Maulwurf-Kamera, 3D-Analysen: Was Sat.1 für die "ran"-Rückkehr plantEin Comeback gibt’s auch für die ehemalige „ran“-Datenbank, mit der Sat.1 damals Spielaktionen auswertete bis den Zuschauern die Köpfe rauchten. (Dass das System 6 Millionen Mark gekostet hatte, sorgte damals für Erstaunen; vielleicht amüsieren wir uns dann 2026 auch über die läppischen 30 Millionen Euro, die das ZDF für sein neues „heute“-Studio ausgegeben hat.) Womöglich zählt der Computer außer Ballkontakten und Torschüssen inzwischen auch mit, wie oft auf den Rasen gerotzt wird.

Was fällt weg?

Das klatschende Publikum. Also: wenn man mal von den zehntausenden Menschen absieht, die hinter Kerner, Welke und Beckenbauer in den Stadien sitzen

Was ist alles neu?

Bild zu: Pocher, Maulwurf-Kamera, 3D-Analysen: Was Sat.1 für die "ran"-Rückkehr plant„Wir müssen uns in der Live-Berichterstattung am Standard messen lassen, den andere Sender in den vergangenen Jahren etabliert haben, werden aber natürlich auch versuchen, wieder ein paar Prozent besser zu sein“, kündigt Froberg an – und kramt eine neue Technikspielerei heraus: das 3D-System Piero, mit dem sich Spielsituationen dreidimensional nachstellen lassen, sogar aus der Sicht jedes beliebigen Spielers: „Damit können die Zuschauer zum Beispiel den Sololauf aus der Sicht von Lionel Messi vom FC Barcelona erleben. Und wir können nicht nur dazu sagen: Wie schnell war er bei dieser Aktion? Sondern auch: Wie schnell ist damit verglichen ein Sprinter wie Usain Bolt.“

Gut, über den Sinn eines solchen Vergleichs lässt sich natürlich streiten. Es sei denn, Usain Bolt sitzt bereits an der Planung einer zweiten Karriere, der Mann scheint ja nicht ausgelastet zu sein mit dem, was er bisher macht.

Eine neue Kamera gibt’s auch: „Maulwurf-Cam“ sagt Froberg dazu, weil sie hinterm Tor Bilder direkt über der Grasnarbe aufnimmt. Und unter ran.de sollen alle Spiele im Livestream zu sehen sein. Eventuell klappt’s sogar mit eigenen Spielanalysen von Beckenbauer, die sich nach dem Spiel online abrufen lassen.

Und dann kommt: Oliver Pocher, der von Zeit zu Zeit als Reporter eingesetzt werden soll, um die Stars des europäischen Fußballs zu begleiten, diesmal glücklicherweise ohne seine traurigen Spielerparodien, für die man sich immer so arg fremdschämt. Froberg versichert hingegen: „Es macht großen Spaß, wenn Oliver Pocher einen wie Mario Gomez trifft. Solche Elemente brauchen wir, aber sicher nicht zu Lasten aktueller Trainerinterviews.“Die Idee des neuen „ran“ ist letztlich gar nicht so anders als die von früher: Der Fußball soll emotionaler präsentiert werden, das Rahmenprogramm unterhaltender sein, um auch die Zuschauer zu kriegen, die nicht zu den knallharten Fußball-Freaks gehören. Das wird auch im Jahr 2009 nicht allen gefallen.

„Ich gebe gerne zu: Bei ‚ran‘ war das Drumherum manchmal etwas übertrieben“, sagt Froberg. „Wir dürfen nicht künstlich wirken, sondern müssen den Leuten, die vor dem Fernseher einen tollen Abend haben wollen, ein journalistisch hochwertiges Produkt abliefern – auf unterhaltsame Weise.“ Da soll noch mal einer sagen, Praktika beim Privatfernsehen würden sich nicht lohnen.

Noch mehr über das renovierte „ran“ steht am Dienstag in der gedruckten F.A.Z.

Fotos: Sat.1


13 Lesermeinungen

  1. Wobei: so ganz neu ist das...
    Wobei: so ganz neu ist das „neue“ ran-Logo auch nicht. Auch in den letzten aktiven Jahren (z.B. bei der WM 2002, wenn ich mich nicht ganz irre) hatte es schon den neuen Look. Siehe z.B. auch https://www.bluevisions.ch/cd-ran-sat1.jpg .

  2. "Was fällt weg? Das...
    „Was fällt weg? Das klatschende Publikum“
    So ein Mist, ich dachte die Klatschprolten werden vom aktuellen Sportstudio nun weitergereicht.
    Zum Glück spielt „mein“ Verein die nächsten 10 Jahren nicht international, da kann ich „ran“ mal locker ausfallen lassen.

  3. Wurde nicht zuletzt schon,...
    Wurde nicht zuletzt schon, bevor die Marke „ran“ eliminiert wurde, dieses Star-Trek-artige Logo eingesetzt?

  4. Das neue Logo deutet auf eine...
    Das neue Logo deutet auf eine bald stattfindende Assimilation durch die Borg hin. Widerstand ist zwecklos!
    Aber Kerner, naja, ich weiß nicht, hat das nicht gereicht jetzt? Vielleicht wird auch Pfarrer Fliege demnächst ein paar Gastvorstellungen geben, um Betroffenheit über die Brutalität des internationalen Fußballgeschäfts zu äußern. Und schon haben wir die Emotionalität wieder…

  5. Angesichts der körperlichen...
    Angesichts der körperlichen und/oder geistigen Größe eines Oliver Pochers könnte man diesem doch einfach eine Kamera auf den Kopf schnallen und hätte sich zusätzliche Kosten für eine Maulwurfkamera gespart….

  6. @Alex: Kerner hat keine...
    @Alex: Kerner hat keine Emotionen, er stellt nur die Fragen…

  7. kann ich mir nur anschließen:...
    kann ich mir nur anschließen: wozu braucht ran so viele moderatoren? reicht da der teuer eingekaufte kerner nicht?

  8. @Martin: Drei Moderatoren für...
    @Martin: Drei Moderatoren für zwei Tage Fußball in der Woche findest du viele?

  9. Wann soll das denn alles...
    Wann soll das denn alles geschehen?
    Erfahrungsgemäß versinkt doch die Rahmenberichterstattung in einem Meer aus Werbeblöcken.
    Um 20:15 kurze Begrüßung, dann bis 20:25 Werbung, dann bis 20:30 kurze Taktikanalyse und wieder Werbung bis 20:40.
    Übergabe vom Moderatoren an den Kommentatoren. 20:42 nochmal Werbung, 20:44 Sponsoreneinblendung, um 20:45 Anpfiff. Dann in der Halbzeit das gleiche Spiel, 3min quatschen, 12min Werbung und auf nen Pocher, Beckenbauer und Kerner, die einen dann wieder mit dämlichen Fragen an ausgepumpte, verschwitzte Fußballer zum Fremdschämen zwingen, kann ich danach wirklich verzichten.
    Wahrscheinlich hat man nach einem Fußballspiel die Sat1-Frontleute öfter in ihren Werbespots gesehen, als sie bei der Arbeit beobachten zu können.

  10. während sky mit der...
    während sky mit der „spidercam“ krampfhaft einen untauglichen blickwinkel von hinten oben zu etablieren versucht, testet ran nun also mit einer „maulwurfcam“, ob es von vorne unten nicht vielleicht noch eine nummer sinnloser geht. müssten in solche ideen nicht wenigstens ansatzweise erfahrungen mit der „tornetzcam“ einfliessen, deren wichtigste aufgabe wohl darin besteht, einmal pro saison für jeden trailer, der geht, ganz fürchterlich spektakulär abgeschossen zu werden? mein vorschlag wäre die „schiricam“. die schnallt man dem schiedsrichter und seinen assistenten um den kopf und hätte einen tatsächlich sinnvollen, neuen blickwinkel. naja, vielleicht bringt man sie auch ganz einfach im headset unter, das die schiedsrichter ja seit dieser saison tragen (können). und ausreden von dieser seite gäb’s dann auch keine mehr. man könnte sie für einen videobeweis einsetzen, der die bewertungsmöglichkeiten des schiedsrichters berücksichtigt. teilweise meine ich das sogar ernst.
    wie auch immer. ein wenig gespannt bin ich, wie die sache mit der „nähe zum spiel“ und ohne zentrales studio aussehen wird. vor allem, wenn unsere helden mal wieder jenseits der datumsgrenze anzutreten haben oder einer von drei mitarbeitern urlaub hat. ich sehe menschenleere, lichtdurchflutete Allianz Arenen, vor deren kulisse der Kerner und der Kaiser ihre nähe zum spiel zelebrieren. gerade mit den beiden könnte man so etwas aber auch locker auf vorrat produzieren und später namen und orte nachsynchronisieren. wäre ich SAT1, ich würd’s machen. so recht glauben kann ich jedenfalls noch nicht, dass nun ausgerechnet SAT1 in jedem stadion der Champions- und Euroleague vor ort sein wird. aber vielleicht rechnet sich das, ich kann’s nicht beurteilen. der verzicht auf das klatschvieh kann nur positiv sein, klingt aber etwas mehr nach verlegenheit als nach selbsterkenntnis. denn dienstags/mittwochs arbeiten teilweise sogar fussballfans. überhaupt, mal ehrlich: ran ohne klatschvieh ist doch nicht ran. darüber kann selbst Pocher nicht hinwegtäuschen, wenn auch die tragische richtung stimmt.
    die 3d-sache nehme ich als zuschauer erst dann ernst, wenn sie die beantwortung der ultimativen frage ermöglicht, die jedem kernerfan zu jeder tages- und nachtzeit auf der zunge liegt: was hat Lionel Messi im moment des torschusses gefühlt? es sei denn, man kann die spieler in echtzeit steuern. das wäre aus meiner sicht der grosse wurf und ein echtes alleinstellungsmerkmal für ran. ansonsten sehe ich hohes nervpotential, sollte das während des spiels eingesetzt werden. ARD und ZDF haben während der letzten EM so oft und lange wegen ihrer abstands-, abseits- und sonstwasanzeigen zwischen „worldfeed“ und eigenen kameras hin- und hergeschaltet, bis endlich beide jeweils einen komplett durchanalysierten freistoss verpasst hatten. diese spielereien mitsamt zeitlupenorgien führen bei mir in erster linie zum unbedingten verlangen, „denen“ an die gurgel zu wollen. meinem nachbarn geht es ähnlich. ich denke, es hat nicht nur kostengründe, dass Premiere/sky schon immer auf solchen schnickschnack verzichtet. zuletzt liess man dort nur nach dem spiel die „experten“ irgendeinen unfug auf touchscreens herumkritzeln, den sie jedoch deutlich schneller und für jeden verständlich ebenso mit einer der gängigen phrasen abhandeln konnten. auf dem platz nennt sich ein vergleichbarer vorgang spielverzögerung und gibt gelb. eine weitere parallele kommt aus der tiefe des erklärraums des ZDF.
    das kontrastprogramm für alle, die es empfangen können, und für die „deutsche beteiligung“ zweitrangig ist, stellt im internationalen fussball (wie auch in der Formel 1) das Schweizer Fernsehen dar. dort geht es um den fussball, und dort geht es immer allein um das jeweils zu übertragende spiel. emotion und unterhaltung werden aus dem fussball, aus dem stadion bezogen, werden ihm nicht zwanghaft aufgedrückt oder angedichtet. wenn man dann mal ganz genau hinschaut und hinhört, weil man als zuschauer die möglichkeit hat, stellt man sehr schnell fest, wie emotional und unterhaltend dieser sport vor allem dann sein kann, wenn das übergeigte feuerwerk aus kommentatoren, moderatoren, experten, statistikern, komikern und regisseuren mit hang zur tribüne und technischen spielereien ausbleibt. entgegen dem denkansatz eines Herrn Froberg gibt es in meinem bekanntenkreis zwei fälle, die durch die Europameisterschaft 2008 im Schweizer Fernsehen zu echten »fussball-freaks« geworden sind. deren argument gegen den fussball war bis dahin vor allem das emotional präsentierte, offensichtlich wichtigere rahmenprogramm im deutschen fernsehen, von dem sie sich alles mögliche, aber sicher nicht unterhalten oder gar informiert fühlen. mir gefällt dieser geradezu „missionarische“ denkansatz, durch ein möglichst ausschweifendes rahmenprogramm mehr zuschauer abgreifen zu wollen, überhaupt nicht. häufig führt das zu übertragungen, die von der ersten bis zur letzten minute eine inszenierung nach einem vorgegebenen motto/faden sind. aufgrund der unberechenbarkeit des spiels haben solche übertragungen dann ebenso häufig nichts mit dem tatsächlichen geschehen zu tun. für mich steht ausser frage, dass man auf diese weise niemanden für den fussball interessiert und daher letztendlich auch nicht für die nächste sendung. der ansatz geht aber gleichzeitig auf kosten der interessierten zuschauer, die keine »fussball-freaks« sein müssen, um das wesentliche sehen und hören zu wollen.

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