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Genauso doof wie die anderen: "Explosiv" und das falsche Jackson-Video

„Ja, wir haben ein Video gefälscht, und: ja, wir haben das mit Absicht getan“, hat Nazan Eckes in der „Explosiv“-Sendung vom Donnerstag gestanden, und es klang nicht nur wahnsinnig stolz, sondern auch ein klitzekleines bisschen nach Rechtfertigung.

So richtig freundlich waren die Reaktionen schließlich nicht, nachdem RTL heute zugab, ein auf Youtube aufgetauchtes Video, in dem ein quicklebendiger Michael Jackson in einer Tiefgarage einem Leichenwagen entsteigen soll, selbst gedreht zu haben. Zum einen, weil vorher zahlreiche Medien drauf reingefallen waren und sich die Nachricht, Jackson könnte am Leben sein, rasend schnell im Internet verbreitete. Und zum anderen, weil RTL sich nun fragen lassen muss, ob man nicht auch verstorbenen Pop-Helden nach deren Tod noch sowas wie eine Restwürde lassen müsste anstatt Spielchen mit ihnen zu treiben.


Screenshot: RTL

Wahrscheinlich hatte Nazan Eckes da aber schon ihre Bewerbung für den Deutschen Fernsehpreis fertig formuliert und wollte sich nicht von irgendwelchen Moralaposteln reinpfuschen lassen:

„Man kann das geschmacklos finden, aber eigentlich sind wir nur auf einen Zug voller Gerüchte aufgesprungen, der schon längst losgefahren war.“

Der Zug, auf den Eckes mit ihrer Redaktion aufgesprungen ist, fährt übrigens nach Idiotistan, von dem niemand so genau weiß, wo das eigentlich liegt, sondern nur, dass es dort ziemlich voll sein muss. Überall auf den Bahnsteigen sitzen Verschwörungstheoretiker, die nichts Besseres zu tun haben als sich gegenseitig zu erklären, warum Jackson vielleicht noch am Leben sein könnte. Und da dachte sich RTL: Denen zeigen wir mal, wie doof das wirklich ist (Beitrag bei rtl.de ansehen).

Herausgekommen ist ein Video, auf das vielleicht deshalb so viele Leute reingefallen sind, weil es gut inszeniert ist: Die Bilder sind unscharf und verwackelt und suggerieren Echtheit, im Hintergrund keucht der Hobbyfilmer angestrengt, so als hätte er sich sehr beeilen müssen, die Aufnahmen durch das Drahtgitter zu machen. Der Leichenwagen sieht aus wie ein amerikanischer Leichenwagen, eine schmächtige Gestalt mit einem weißen Hemd und längeren dunklen Haaren steigt aus. Den Rest erledigt die Phantasie. Am Donnerstag zeigte „Explosiv“, wie einfach es war, das hinzukriegen: Die Redaktion hat einen amerikanischen Transporter bekleben lassen, ihn in eine Düsseldorfer Tiefgarage gestellt, ein geliehenes Warnlicht aufs Dach gelegt und einen blass geschminkten 14-Jährigen gebeten, auszusteigen, während ein Bodyguard vor ihm steht.

„Eigentlich gibt es schon einige Anhaltspunkte, die darauf hindeuten, dass unser Video gestellt ist“,

rühmte sich der Off-Sprecher. Aber Zeit, um zu erklären, warum das „ein offensichtlich falsches Video“ (Eckes) war, blieb keine, weil ja genüsslich ausgekostet werden sollte, dass alle drauf reingefallen waren. Die „Verschwörungstheoretiker“, die „rumgesponnen“ hätten, und die Medien, die einfach so Topnachrichten draus machten. „Explosiv“ war sich nicht mal zu blöd, die Redaktion eines Videoklatsch-Magazins zu besuchen, die zuständige Redakteurin zum Interview zu bitten und dann vor laufender Kamera zu fragen, was sie denn sagen würde, wenn sie erführe, dass RTL das Video gedreht habe. Tja. Da ist der Frau erst mal die Miene eingefroren und anschließend nichts anderes eingefallen als:

„Dann gratuliere ich Ihnen dazu. Sie haben das wirklich gut gemacht.“


Screenshot: RTL (Verfremdung von uns)

Aber das ist natürlich Quatsch. Es gibt überhaupt keinen Grund für Gratulationen – und das merkt man auch sofort, wenn man fragt: Wozu der ganze Unsinn?

Um zu zeigen, wie schnell sich Verschwörungsvideos im Internet verbreiten und wie leichtgläubig die Menschen sind, sagt „Explosiv“. Aber hallo! Ist ja spitze, dass das endlich mal jemand bewiesen hat. Vielleicht prüft als nächstes mal einer von RTL, ob es diese Schwerkraft, von der immer alle reden, wirklich gibt. Nüchtern betrachtet hat „Explosiv“ gar nichts bewiesen. Außer dass das deutsche Fernsehen noch doofer sein kann als das amerikanische, weil es die Verschwörungsvideos, über die es berichtet, auch noch selbst drehen muss.

Leider ist zu befürchten, dass die Redaktion ernsthaft der Ansicht ist, mit dieser Geschichte etwas Investigatives geleistet zu haben. Das zeigt, wie arm es um den Journalismus dort bestellt ist, bei einem Sender, der mit seinen Klatschmagazinen zu den größten Gerüchteschleudern des Landes gehört und jederzeit bereitwillig auch noch den wildesten Promitratsch von amerikanischen Websites nachplappert und abfilmt, ohne sich auch nur im Geringsten dafür zu interessieren, was davon stimmen könnte. Als neulich Aufnahmen kursierten, in denen ein angeblicher Geist in Jacksons Villa zu sehen war, tat auch RTL ganz aufgeregt, und dass es sich bei dem Geist vielleicht nur um den Schatten eines Angestellt gehandelt hatte, war erst einmal Nebensache.

Aber so ist das nunmal: Es wirkt unglaubwürdig, anderen eine Leichtgläubigkeit vorzuwerfen, mit der man sonst selbst sein Geld verdient. Man kann das geschmacklos finden.

Oder einfach nur verlogen und dumm.

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