Das Fernsehblog

Mehr Geld für weniger Programm? Boykottiert den TV-Fortschritt!

Heute geht in Berlin die Internationale Funkausstellung (IFA) zu Ende, die Veranstaltung, bei der die ausstellenden Unternehmen nicht nur jedes Jahr darum konkurrieren, wer die neueste Technik zeigen kann, sondern auch darum, wer den Besuchern die größten und hässlichsten Taschen andreht, damit die ihre Hochglanzbroschüren spazieren tragen können bis sie zuhause in den Müll kommen. Die IFA ist eine komische Veranstaltung. Insofern passt es ganz gut, dass die Berliner Medienwoche seit vergangenem Jahr auch räumlich an die Messe angeschlossen ist: Im Konferenzzentrum ICC, das aussieht als hätten es die Aliens aus Versehen liegen lassen als sie vor 250 Jahren kurz zu Besuch waren und dann wieder nachhause geflogen sind, trafen sich am Montag und am Dienstag lauter Medienleute, um über den „Medienstandort Deutschland zwischen Hype und Krise“ zu diskutieren (so jedenfalls lautete der Titel der Auftaktveranstaltung).

Fangen wir mal mit der Krise an. Weil die Werbeeinnahmen zurückgehen, investieren die Privatsender gerade weniger ins Programm, entlassen Leute und überlegen, wie sie künftig weniger Geld ausgeben können, aber trotzdem genauso viele Zuschauer erreichen. Mit mehr Wiederholungen und schrottigen Dokusoaps, die nichts mehr kosten dürfen.

Auf der anderen Seite gibt’s den Hype: HDTV, Internet auf dem Fernseher, 3D-TV – neue Technologien, die Fernsehen zum Erlebnis machen sollen. Nur: Das kostet Geld. Nicht nur die Sender, sondern vor allem die Zuschauer. Zuerst einmal muss ein digitaler Anschluss her. Wer sich eine Satellitenschüssel aufs Dach montiert, kauft statt eines analogen Receivers heutzutage einfach einen digitalen, das ist kein Problem. Aber schon den Kabelkunden ist schwer zu erklären, warum sie vom analogen Empfang, der auf alten 4:3-Fernsehgeräten völlig ok ist, digital umrüsten sollen, zumal das zusätzliche Gebühren verursacht, weil die Kabelanbieter gemeinsam mit den Sendern eine Verschlüsselung durchgesetzt haben.

Mit HD wird alles noch komplizierter: Weil es dafür schon wieder einen neuen Receiver braucht, der die hochauflösenden Bilder überhaupt empfangen und auf den Schirm bringen kann. Das wird (neben dem neuen HD-Fernseher) allerdings nicht die einzige Investition sein, die den Zuschauern zugemutet wird. ARD und ZDF haben ihre HD-Investitionen einfach in ihren letzten Gebührenvorschlag eingerechnet, die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs (KEF) schlüsselt den Bedarf für das „Projekt“ HD für die laufende Gebührenperiode bis 2012 wie folgt auf:

ARD: 133,4 Mio. Euro
ZDF: 99,4 Mio. Euro
Arte: 11,7 Mio. Euro

Zusammen sind das: 244,5 Mio. Euro für die Umstellung auf HDTV. Die privaten Sender wollen sich dieses Geld auf anderem Weg vom Zuschauer holen: Sie zeigen ihre HD-Programme ab Herbst 2009 (RTL, Vox) bzw. Frühjahr 2010 (Pro Sieben, Sat.1, Kabel 1) auf der neuen Astra-Plattform HD+, die im ersten Jahr kostenlos genutzt werden kann, danach aber eine monatliche Gebühr kosten soll, von der Astra bisher noch nicht sagen kann, wie hoch sie sein wird. Allein das ist schon ein Witz.

Das Problem an HD+ ist aber auch: Über die neue Receiver-Technik, die Astra den HD-Satellitennutzern aufdrücken wird, wollen die privaten Sender den Nutzern verbieten, bei aufgezeichneten Programmen die Werbeblöcke vorzuspulen. Theoretisch könnten die Sender Aufzeichnungen für bestimmte Programme auch ganz untersagen. (Wie HD im Kabel geregelt wird, ist derzeit noch nicht absehbar, Kabel Deutschland schafft es derzeit ja noch nicht einmal, sämtliche Sky-HD-Kanäle ins Netz einzuspeisen.)

So. Und jetzt fassen wir das nochmal zusammen: Die Fernsehsender wollen künftig weniger Geld ins Programm investieren. Sie wollen aber gleichzeitig, dass das Publikum mehr Geld dafür ausgibt, um dieses Programm zu empfangen und ihm vorschreiben, dass es die Werbung darin ansehen muss.

Kann es sein, dass da irgendwas nicht stimmt? Aus welchem verdammten Grund sollte ich mehr Geld als bisher dafür bezahlen wollen, ein Fernsehen zu empfangen, das ich schon jetzt kaum noch einschalten will, weil dort selten Qualität läuft, weil die Sender ausschließlich auf die Masse zielen, um die größtmögliche Reichweiten zu schaffen? Und bei dem mir künftig auch noch verboten werden soll, es so zu nutzen, wie ich mich mit meinem Festplattenrekorder in den vergangenen Jahren daran gewöhnt habe? Das deutsche Free TV arbeitet hartnäckig daran, sich selbst abzuschaffen. Die beiden großen privaten Sendergruppen wollen mit der Unterstützung von Astra zum Pay TV werden (so wie es im digitalen Kabel schon der Fall ist), aber ohne die Qualität anzubieten, die man von einem Pay TV erwarten würde, für das man eine monatliche Gebühr zahlen wollte (um dann wie bei HBO oder Showtime Serien zu sehen, die wirklich neu und besonders sind). Die Sender glauben, sie könnten mehr Geld dafür verlangen, dass sie weniger Programm machen.

„Das ist eine Marktentwicklung, die wir so akzeptieren müssen“,

hat Hans Hege, Beauftragter für Plattformregulierung und Digitalen Zugang der Landesmedienanstalten, am Mittwoch über die HD+-Pläne der privaten Sender gesagt. Aber müssen wir das wirklich?

Wieso können wir nicht einfach herzlich darüber lachen, dass eine ganze Branche ihre Kunden für dumm verkaufen will, und deren Pläne einfach ignorieren? Das hat bisher doch auch schon öfter mal ganz gut geklappt. Natürlich wäre hochauflösendes Fernsehen eine tolle Sache. Aber wenn es teurer und unattraktiver ist als das, was wir jetzt haben, wird es hoffentlich ein Riesenflop.

Foto: Medienwoche

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