Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Mehr Geld für weniger Programm? Boykottiert den TV-Fortschritt!

| 28 Lesermeinungen

In der Krise will sich die TV-Branche den Hype nicht verbieten lassen. Die Sender planen zwar, künftig weniger für neue Programme auszugeben, verlangen von den Zuschauern aber, dass sie mehr für den Empfang bezahlen, weil sich das hochauflösende Fernsehen sonst nicht finanzieren lässt. Fragt sich nur: Wollen wir wirklich so blöde sein?

Heute geht in Berlin die Internationale Funkausstellung (IFA) zu Ende, die Veranstaltung, bei der die ausstellenden Unternehmen nicht nur jedes Jahr darum konkurrieren, wer die neueste Technik zeigen kann, sondern auch darum, wer den Besuchern die größten und hässlichsten Taschen andreht, damit die ihre Hochglanzbroschüren spazieren tragen können bis sie zuhause in den Müll kommen. Die IFA ist eine komische Veranstaltung. Insofern passt es ganz gut, dass die Berliner Medienwoche seit vergangenem Jahr auch räumlich an die Messe angeschlossen ist: Im Konferenzzentrum ICC, das aussieht als hätten es die Aliens aus Versehen liegen lassen als sie vor 250 Jahren kurz zu Besuch waren und dann wieder nachhause geflogen sind, trafen sich am Montag und am Dienstag lauter Medienleute, um über den „Medienstandort Deutschland zwischen Hype und Krise“ zu diskutieren (so jedenfalls lautete der Titel der Auftaktveranstaltung).

Bild zu: Mehr Geld für weniger Programm? Boykottiert den TV-Fortschritt!Fangen wir mal mit der Krise an. Weil die Werbeeinnahmen zurückgehen, investieren die Privatsender gerade weniger ins Programm, entlassen Leute und überlegen, wie sie künftig weniger Geld ausgeben können, aber trotzdem genauso viele Zuschauer erreichen. Mit mehr Wiederholungen und schrottigen Dokusoaps, die nichts mehr kosten dürfen.

Auf der anderen Seite gibt’s den Hype: HDTV, Internet auf dem Fernseher, 3D-TV – neue Technologien, die Fernsehen zum Erlebnis machen sollen. Nur: Das kostet Geld. Nicht nur die Sender, sondern vor allem die Zuschauer. Zuerst einmal muss ein digitaler Anschluss her. Wer sich eine Satellitenschüssel aufs Dach montiert, kauft statt eines analogen Receivers heutzutage einfach einen digitalen, das ist kein Problem. Aber schon den Kabelkunden ist schwer zu erklären, warum sie vom analogen Empfang, der auf alten 4:3-Fernsehgeräten völlig ok ist, digital umrüsten sollen, zumal das zusätzliche Gebühren verursacht, weil die Kabelanbieter gemeinsam mit den Sendern eine Verschlüsselung durchgesetzt haben.

Mit HD wird alles noch komplizierter: Weil es dafür schon wieder einen neuen Receiver braucht, der die hochauflösenden Bilder überhaupt empfangen und auf den Schirm bringen kann. Das wird (neben dem neuen HD-Fernseher) allerdings nicht die einzige Investition sein, die den Zuschauern zugemutet wird. ARD und ZDF haben ihre HD-Investitionen einfach in ihren letzten Gebührenvorschlag eingerechnet, die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs (KEF) schlüsselt den Bedarf für das „Projekt“ HD für die laufende Gebührenperiode bis 2012 wie folgt auf:

ARD: 133,4 Mio. Euro
ZDF: 99,4 Mio. Euro
Arte: 11,7 Mio. Euro

Zusammen sind das: 244,5 Mio. Euro für die Umstellung auf HDTV. Die privaten Sender wollen sich dieses Geld auf anderem Weg vom Zuschauer holen: Sie zeigen ihre HD-Programme ab Herbst 2009 (RTL, Vox) bzw. Frühjahr 2010 (Pro Sieben, Sat.1, Kabel 1) auf der neuen Astra-Plattform HD+, die im ersten Jahr kostenlos genutzt werden kann, danach aber eine monatliche Gebühr kosten soll, von der Astra bisher noch nicht sagen kann, wie hoch sie sein wird. Allein das ist schon ein Witz.

Das Problem an HD+ ist aber auch: Über die neue Receiver-Technik, die Astra den HD-Satellitennutzern aufdrücken wird, wollen die privaten Sender den Nutzern verbieten, bei aufgezeichneten Programmen die Werbeblöcke vorzuspulen. Theoretisch könnten die Sender Aufzeichnungen für bestimmte Programme auch ganz untersagen. (Wie HD im Kabel geregelt wird, ist derzeit noch nicht absehbar, Kabel Deutschland schafft es derzeit ja noch nicht einmal, sämtliche Sky-HD-Kanäle ins Netz einzuspeisen.)

So. Und jetzt fassen wir das nochmal zusammen: Die Fernsehsender wollen künftig weniger Geld ins Programm investieren. Sie wollen aber gleichzeitig, dass das Publikum mehr Geld dafür ausgibt, um dieses Programm zu empfangen und ihm vorschreiben, dass es die Werbung darin ansehen muss.

Kann es sein, dass da irgendwas nicht stimmt? Aus welchem verdammten Grund sollte ich mehr Geld als bisher dafür bezahlen wollen, ein Fernsehen zu empfangen, das ich schon jetzt kaum noch einschalten will, weil dort selten Qualität läuft, weil die Sender ausschließlich auf die Masse zielen, um die größtmögliche Reichweiten zu schaffen? Und bei dem mir künftig auch noch verboten werden soll, es so zu nutzen, wie ich mich mit meinem Festplattenrekorder in den vergangenen Jahren daran gewöhnt habe? Das deutsche Free TV arbeitet hartnäckig daran, sich selbst abzuschaffen. Die beiden großen privaten Sendergruppen wollen mit der Unterstützung von Astra zum Pay TV werden (so wie es im digitalen Kabel schon der Fall ist), aber ohne die Qualität anzubieten, die man von einem Pay TV erwarten würde, für das man eine monatliche Gebühr zahlen wollte (um dann wie bei HBO oder Showtime Serien zu sehen, die wirklich neu und besonders sind). Die Sender glauben, sie könnten mehr Geld dafür verlangen, dass sie weniger Programm machen.

„Das ist eine Marktentwicklung, die wir so akzeptieren müssen“,

hat Hans Hege, Beauftragter für Plattformregulierung und Digitalen Zugang der Landesmedienanstalten, am Mittwoch über die HD+-Pläne der privaten Sender gesagt. Aber müssen wir das wirklich?

Wieso können wir nicht einfach herzlich darüber lachen, dass eine ganze Branche ihre Kunden für dumm verkaufen will, und deren Pläne einfach ignorieren? Das hat bisher doch auch schon öfter mal ganz gut geklappt. Natürlich wäre hochauflösendes Fernsehen eine tolle Sache. Aber wenn es teurer und unattraktiver ist als das, was wir jetzt haben, wird es hoffentlich ein Riesenflop.

Foto: Medienwoche


28 Lesermeinungen

  1. pschader sagt:

    @tumulder: Wie gesagt:...
    @tumulder: Wie gesagt: Kabelkunden zahlen bereits zusätzlich, wenn sie digital sehen wollen, weil das analoge Bild auf dem HD-Bildschirm so richtig übel aussieht (wie bei mir).

  2. PzGren sagt:

    Peer Schader hat Recht. Meine...
    Peer Schader hat Recht. Meine Meinung aber bleibt:
    Maul halten, freuen das HDTV kommt.*
    (Das Problem der wenigen HD Sender sind die bandbreitenintensiven Analogsignale. Deren Anzahl kann man nur [offentlichskeitskompatibel] abschalten, wenn genügend Leute TV digital konsumieren. Das geht aber nur, wenn Fernseher serienmäßig über digitale Tuner verfügen – und dafür sind die Hersteller verantwortlich. Dann kann man sogar auf dem maroden Unitymedia/Kabel D Netz HDTV ermöglichen.
    Nebenbei bemerkt: Wenn Vater Staat schon die Alkopops versteuert, weil er glaubt, legale Konsumenten vor sich selbst schützen zu müssen – kann man da auf eine Digital-Tuner-Regulierung hoffen? Ja?)
    * PS: Ziehe am 1.10. nach BW 🙂

  3. Wolfgang sagt:

    @Peer Schader: Bei den...
    @Peer Schader: Bei den Kabelgebühren muss man eigentlich nicht zusätzlich bezahlen – bei KabelBW hängt man einfach im bereits ausgebauten Gebiet an den vorhandenen Kabelanschluss einen digitalen (oder gar HD-)Receiver dran, freut sich über die gegenüber dem Analogangebot erheblich erweiterten Ergebnisse eines Suchlaufs und gut ist.
    Klar, der Receiver kostet ein paar Euronen, aber es muss ja kein HD+-Gerät sein. Einfache Lösung für die Zukunft: HD+ boykottieren und sich an den öffentlich-rechtlichen Digitalkanälen erfreuen (Eins Festival HD und Arte HD gibt’s ja jetzt schon im Regelbetrieb, der Rest kommt 2010, gilt natürlich auch für Astra und nicht nur für’s Kabel). Wer braucht schon Sat.1 und Co. in HD?

  4. ptrk sagt:

    Ich weiß ja nicht, wie das...
    Ich weiß ja nicht, wie das bei anderen Anbeitern ist, aber bei KabelBW empfange ich digitale Kanäle, sobald ich ein Digitalreceiver anschließe (oder ein Fernseher hab, der das kann). Da muss ich nix zahlen. Bezahlt werden nur spezielle Sender, die es sonst nicht im Free-TV gibt wie z.B. halt sky oder Kinderkram…

  5. Thorben sagt:

    Tja, ich bin mir sicher, dass...
    Tja, ich bin mir sicher, dass ich für Werbefinanziertes Fernsehen, welches ich dann nicht mal aufzeichnen oder vorspulen darf (wie ätzend das ist, sieht man ja schon an den Vorspännen heutiger DVDs) kein Geld bezahlen werde.
    Das investiere ich dann lieber in DVds, Blu-rays oder gucke im Internet Fernsehen.
    Und wenn das genug Bürger machen, werden sich die Sender vielleicht überlegen müssen, ob sie den richtigen Weg gegangen sind.

  6. Paule sagt:

    @ Peer. Komplizierte Geräte:...
    @ Peer. Komplizierte Geräte: Ja, das bringt der Boxenzwang mit sich. Wenn möglich, kann man ja auf DVB-T ausweichen. Da hat man freie Boxenwahl und in manchen Gebieten (z.B. Berlin) ersetzt es das analoge Kabel sehr gut.
    Digitales Kabel: Naja… wie man so hört sind besonders die großen KNB sehr gut darin, die digitalen SD-Signale zum Pixelmatsch zu machen. Das betrifft aber nur die Privaten. Die ÖR müssen unverändert ins Kabel.
    Im Übrigen: Wer hat ein HD-taugliches Gerät und empfängt weiterhin freiwillig analog? Das ist doch schon allein deswegen nicht empfehlenswert, weil die analogen Breitbildsignale idR als Letterbox ankommen und aufgezoomt werden müssen. Und selbst wenn sie als PALplus kommen, haben doch die meisten Displays keinen PALplus-Docoder. Das Bild wird so oder so vergewaltigt.
    (Die klassische Bildröhre kann digitale Artefakte übrigens sehr gut kaschieren…. 😉 )

  7. pschader sagt:

    @Wolfgang/ptrk: Bei Kabel...
    @Wolfgang/ptrk: Bei Kabel Deutschland kostet’s beim Umstieg von analog monatlich 2,90 Euro (aber diese Option wird gerade nur auf telefonische Nachfrage angeboten! Sonst schickt KDG einen Receiver und will 9,90 im Monat zusätzlich. Im Monat!!!).

  8. Wolfgang sagt:

    @Peer: Bei KabelBW zahlt man...
    @Peer: Bei KabelBW zahlt man monatlich 16,90 für den Basisanschluss, egal ob ein analoger oder digitaler Receiver dranhängt. Die 9,90 zusätzlich bei Kabel Deutschland sind wohl inclusive völlig überteuerter und unnötiger Receiver-Miete.
    @Paule: Pixelmatsch ist mir bisher bei „normalen“ Digital-Receivern noch nicht untergekommen, bei den ersten HD-Receivern allerdings schon. Das liegt aber nicht unbedingt am KNB, sondern häufig auch am Receiver oder falschen und schlechten Dosen (Abschluss- und Durchgangswiderstände) und Kabeln im eigenen Haushalt. Hier lassen sich mit fachkundigen Eingriffen teils dramatische Verbesserungen erzielen.

  9. Schokoriegel sagt:

    @paule
    Das scheint mir eine...

    @paule
    Das scheint mir eine Milchmädchenrechnung zu sein. Wenn nur noch jeder zehnte Haushalt das schöne HD+ schaut, gehen die Werbepreise schneller und tiefer in den Keller, als man die 40 Millionen einsparen kann.

  10. kah sagt:

    kann es sein, dass die...
    kann es sein, dass die privaten (rtl, vox…) bereits jetzt ihre digitalen sd-programme mit niedrigerer bandbreite als noch vor monaten ausstrahlen, um den umstieg auf hd attraktiver zu machen ??
    den gleichen eindruck habe ich von sky bundesliga in sd: das bild wirkt „matschiger“ als sd-fussball in ard und zdf.
    die guten alten siebziger!!! damals kam das farbfernsehen ohne exragebühr!!!!

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