Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Weltexklusiv! Das Fernsehblog präsentiert die Product-Placement-Kennzeichnung

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Im nächsten Frühjahr wird Product Placement im deutschen Fernsehen erlaubt. Die Sender müssen Produktionen nur entsprechend kennzeichen. Das gilt künftig auch für Filme und Serien, die sie im Ausland einkaufen (wenn auch nicht für alle). Das Fernsehblog hat schon ein paar tolle Vorschläge, wie das aussehen könnte.

Seit Anfang des Monats gilt die neue Straßenverkehrsordnung, mit der ein paar Schilder verschwunden sind, weil sie nicht mehr gebraucht werden, und ein paar hinzu gekommen sind, damit es nicht zu übersichtlich wird auf deutschen Straßen. Eines ist dabei völlig vergessen worden: Ergänzend zum Gefahrenzeichen „Wildwechsel“ (links) soll es künftig auch das Gefahrenzeichen „Vielleicht Wildwechsel“ geben.

Das Zeichen soll an allen Orten aufgestellt werden, wo Verkehrsteilnehmer mit Wildwechsel konfrontiert sein könnten, das zuständige Verkehrsamt sich aber trotz eingehender Prüfung nicht ganz sicher ist, ob Wild dort überhaupt die Straße überquert, weil das Wild es bisher nicht bestätigen wollte.

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[M: Das Fernsehblog]

Natürlich haben Sie’s längst gemerkt: Das ist totaler Quatsch. Kein Mensch denkt daran, so ein „Vielleicht“-Schild aufzustellen. Jedenfalls nicht im Straßenverkehr. Im Fernsehen hingegen wird es bald vor „Vielleicht“-Schildern wimmeln. Schuld daran ist die Medienpolitik, die gerade den 13. Rundfunkänderungsstaatsvertrag (RfÄStV) vorbereitet, in dem geregelt sein wird, unter welchen Bedingungen im deutschen Fernsehen ab April 2010 Product Placement in Eigenproduktionen der Privatsender erlaubt sein wird: vor allem nämlich, wenn die Sendungen entsprechend für das Publikum gekennzeichnet sind. Die Medienanstalt MA HSH hat dazu schon mal einen Vorschlag von RTL erarbeiten lassen (bitte runterscrollen) – ja, genau: von RTL. Und falls Ihnen der zu unauffällig ist, hätten wir da noch einen Alternativvorschlag:

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Screenshot: Das Erste [M: Das Fernsehblog]

Vor ein paar Wochen ist die Politik nämlich noch auf eine andere tolle Idee gekommen: Wenn man Product Placement in Eigenproduktionen kennzeichnet, könnte man’s ja eigentlich auch bei Filmen und Serien machen, die die Sender im Ausland einkaufen.

Das Problem ist nur: Den Sendern stinkt es gewaltig, dass sie bald auch Kaufproduktionen kennzeichnen müssen. Weil nämlich gar nicht so leicht herauszufinden ist, ob in einem Film, den man einkauft, an irgendeiner Stelle Platzierungen enthalten sind, für die jemand kassiert hat. Entweder, weil viele Zwischenhändler, über die solche Geschäfte abgewickelt werden, davon überhaupt keine Ahnung haben, oder weil es bisher selten auf der Prioritätenliste von Hollywood-Studios stand, Rechteeinkäufern aus Deutschland genau darzulegen, wie und mit wessen Unterstützung sie ihre Programme finanzieren. Also hat sich die Politik was einfallen lassen: Gekennzeichnet werden müssen (nach jetzigem Stand) nur Kaufproduktionen, die nach dem 19. Dezember 2009 entstanden sind. Und auch nur dann, wenn sich mit „zumutbarem Aufwand“ herausfinden lässt, ob Produktplatzierungen enthalten sind.

Wenn das nicht der Fall ist, entfällt die Kennzeichnungspflicht. Stattdessen muss der Sender sein Publikum darauf hinweisen, dass er nicht genau weiß, ob in dem ausgestrahlten Film Product Placement enthalten ist. Auch dafür gibt es bereits einen Fernsehblog-Entwurf:

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Screenshot: Das Erste [M: Das Fernsehblog]

Alle Produktionen, die bis Mitte Dezember dieses Jahres produziert wurden und von den Sendern zugekauft, müssen gar nicht gekennzeichnet werden, selbst wenn sie Product Placement enthalten und der Sender davon Kenntnis hat, denn das wäre „ein unvertretbarer bürokratischer Aufwand mit zweifelhaften Ergebnis“, wie Martin Stadelmaier, Chef der für die Medienpolitik federführenden Staatskanzlei Rheinland-Pfalz, erklärt. Wenn Daniel Craig als James Bond in „Ein Quantum Trost“ also demnächst bei der Ausstrahlung auf RTL sein Sony-Ericsson-Handy in die Kamera hält und im Ford durch die Gegend braust, ist das zwar Product Placement, auf das aber nicht hingewiesen werden muss, weil der Film aus dem Jahr 2008 stammt. Erst wenn Craig das im nächsten Bond-Film noch mal macht und der im Fernsehen läuft, ist es kennzeichnungspflichtig.

Bei der ARD heißt es auf Anfrage des Fernsehblogs dazu, man empfinde das als „sehr kleinteilige Regulierung“:

„Der jetzt vorgesehene hohe Bedarf an Koordinierungs- und Richtlinienpflichten verstärkt den Eindruck, dass die rundfunkrechtlichen Vorgaben – ohne dass dies europäisch relevant wäre – immer komplizierter und für die Betroffenen damit noch zeitaufwändiger werden.“

Mit „Betroffenen“ meint die ARD natürlich: sich (bzw. die anderen Sender). Und falls Sie sich jetzt als Irgendwie-auch-Betroffener fragen, was eigentlich der Zuschauer von so einer komplizierten Regelung hat, dann – ja, dann haben Sie halt einfach Pech.


21 Lesermeinungen

  1. Herr Peer: Bekommen Besucher...
    Herr Peer: Bekommen Besucher Ihrer Seite denn auch in Zukunft den Hinweis: „Achtung, diese Seite kann nervige Pop-ups enthalten, diese klicken Sie bei Bedarf einfach weg oder installieren einen Anti-Nerv-Pop-Up-Blocker.
    ?

  2. In vielen Filmen ist doch im...
    In vielen Filmen ist doch im Abspann schon häufig (und oft sehr lang) erwähnt, welche Firmen mitgeholfen haben, von „Ariflex“-Kameras über Plattenfirmen bis zur Catering-Firma.

  3. Damit ist nun mal verdammt...
    Damit ist nun mal verdammt viel Geld zu verdienen. Die Werbung der Unternehmen ist so nicht sofort als solche zu erkennen und brennt sich sich eher unterschwellig in das Gedächtnis des Konsumenten. Gerade die öffentlich-rechtlichen Sender hätten meiner Meinung nach aber die Aufgabe einen solchen finanziellen Versuchung zu widerstehen. Denn wozu zahlen wir Rundfunkgebühren?

  4. MA HSH?! Mit Hawkeye und BJ...
    MA HSH?! Mit Hawkeye und BJ und „Faser“ Mulcahy? Toll!

  5. Hach... Wäre es nicht...
    Hach… Wäre es nicht vielleicht wirklich einfacher, uns das ganze Theater zu sparen und die Sender werben zu lassen, wie sie wollen? Ich weiß, dass es dafür hier nicht viel Unterstützung gibt, aber ich jedenfalls fühle mich stark genug, auch ohne Vorwarnung eine Sendung zu ertragen, in der halt jemand eine Coke trinkt.

  6. @Muriel: Dagegen!...
    @Muriel: Dagegen!

  7. @Muriel

    Hat ja niemand was...
    @Muriel
    Hat ja niemand was dagegen, dass da jemand Coke trinkt oder irgendwie Auto fährt oder so. Wenn die Entscheidung darüber, was jemand fährt / trinkt keine redaktionelle mehr ist, sondern eine interessengesteuerte, dann wirds doof.

  8. @Peer Schader: Dagegen...,...
    @Peer Schader: Dagegen…, weil?

  9. @Stui: Siehe die Kommentare...
    @Stui: Siehe die Kommentare unter den oben im Kasten verlinkten Enträge.

  10. Einige Anmerkungen pro&contra:...
    Einige Anmerkungen pro&contra:
    Hauptgrund für die Zulassung von Product-Placement ist wohl die Tatsache, dass diese Werbform in amerikanischen Produktionen absolut üblich ist und diese auch bisher von deutschen Sendern grds. zulässigerweise ausgestrahlt werden durften. Mangels Werbeabsicht war es in diesem Fall meist keine Schleichwerbung iSd § 2 II Nr.6 RStV. Auch Mitbewerber konnten nicht (nach § 4 Nr.3 bzw. Nr.11 UWG) dagegen vorgehen. Selbst produzieren durften sie solche Sendungen allerdings nicht. Diese Praxis kann man als widersprüchlich bezeichnen, da die Schleichwerbung in US-Produktionen kaum weniger verbraucherschädlich ist (sofern man diese überhaupt für schädlich hält). Außerdem: Auch nach dem RÄStV ist die übermäßige Herausstellung von Produkten unzulässig. Zudem wird der zulässige Bereich entgeltlicher P-P (Sendungen der leichten Unterhaltung) eng gefasst (vgl. geplanter § 15 RStV).
    Natürlich bestehen auch Gefahren im Fall der Zulassung, v.a. Irreführungsgefahr (soll durch Hinweise beseitigt werden) und Gefahr der redaktionellen Beeinflussung (diese Gefahr kann wohl nicht effektiv vermieden werden). Kritiker verweisen zudem darauf, dass Hinweise nicht effektiv vor Irreführung schützten und für die Unternehmen zusätzlichen Werbeeffekt haben.

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