Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Hauptstadt der Doofen? "Spiegel TV" tritt Berlin in die Tonne

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Vielleicht wollte sich "Spiegel TV" für die Reportage über den Wahlsonntag in Berlin einfach nur vom Mammutprojekt "24 h Berlin" inspirieren lassen. Dabei herausgekommen ist aber eine Kampfansage an eine ganze Stadt, mit der die Reporter nicht viel mehr wollen als sich über andere lustig zumachen. Ein Protokoll.

Als der Wahlabend schon fast gelaufen war, Sat.1 sich vorzeitig aus der politischen Berichterstattung verabschiedet hatte, um eine Polizeidoku zu zeigen und sich in der „Berliner Runde“ auch niemand so richtig mit dem ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender anlegen wollte, gab es doch noch einen Hammer. Bei RTL stand „Spiegel TV“-Moderatorin Maria Gresz vor dem Brandeburger Tor und sagte mir ihrer souveränsten Investigative-Journalisten-Mimik:

„Der Tag, an dem sich die Machtverhältnisse in der Hauptstadt verschoben haben, begann wie jeder andere Sonntag in Berlin: mit tanzwütigen Pistengängern, fleißigen Brötchenbäckern – und mit einem grandiosen Sonnenaufgang. (…) Spiegel-TV-Reporter haben den Entscheidungstag in Berlin dokumentiert, haben Wähler, Gewählte und Abgewählte begleitet. Eine Stadt im Wandel. Die letzten Stunden der schwarz-roten Regierung.“

Bild zu: Hauptstadt der Doofen? "Spiegel TV" tritt Berlin in die TonneUnd mal abgesehen davon, dass wir immer noch eine schwarz-rote Regierung haben, was wohl auch noch ein paar Wochen so bleiben wird, folgte anschließend ein 35-minütiger Zusammenschnitt, mit dem „Spiegel TV“ offensichtlich das neulich im RBB gezeigte Mammutprojekt „24 h Berlin“ noch mal richtig machen wollte, also: richtig journalistisch, wie sich das gehört. Dabei herausgekommen ist eine Kampfansage an eine ganze Stadt, in der, wenn man „Spiegel TV“ glaubt, nur Deppen wohnen.

Und Politiker. Was ja, hoho, manchmal dasselbe ist.

Bild zu: Hauptstadt der Doofen? "Spiegel TV" tritt Berlin in die TonneIn der Nacht zum Sonntag schon war das „Spiegel TV“-Kamerateam in einer Diskothek am Potsdamer Platz zu Gast, um die Leute zu befragen, wie politikverdrossen sie sind. Nachher ging’s beim Bäcker weiter, und vor der Wohnung von zwei Frauen, die sich ausgeschlossen hatten („Die letzte Nacht vor der Wahl wird teuer, das ahnen die beiden schon jetzt“), schließlich mit dem Boten, der die Sonntagszeitungen auslieferte, also einen „Service für die Bessergestellten dieser Gesellschaft“ bietet, wie der Off-Kommentator erklärte. Und davon gibt es in Berlin, der Stadt des Elends, nicht viele. „Dafür leistet sich diese Gesellschaft Dinge, die man kaum für möglich hält. Die deutsche Hauptstadt zum Beispiel betreibt eine U-Bahn-Linie, die niemand braucht und mit der kaum einer fährt.“ 320 Millionen Euro hat die neue U55 vom Hauptbahnhof zum Brandenburger Tor gekostet, verrät „Spiegel TV“. „Berlin hat’s ja.“ Dass die Strecke in den kommenden Jahren bis zum Alexanderplatz ausgebaut wird und Anschluss an die U5 bekommt, um eine zweite Route für Zugreisende zu Europas größtem Umsteigebahnhof zu schaffen, wird nicht erwähnt. Keine Zeit, denn:

„Es wird Wahlmorgen in der Hauptstadt.“

Und bei „Spiegel TV“ noch ein bisschen schlimmer.

Bild zu: Hauptstadt der Doofen? "Spiegel TV" tritt Berlin in die TonneManche Protagonisten können sich vor der Kamera alleine blamieren – so wie die Frau aus dem Wahltaxi, die behauptet: „Ampelkoalition, das ist ja schwarz-rot-gelb“. Oder die Neuköllner Rapper, von denen der eine die Kanzlerin „Angelika Merkel“ nennt und ein anderer sagt: „Ich möchte nicht frauenfeindlich wirken, aber ich denke, es ist noch nicht Zeit für Deutschland, ’ne Frau an der Macht zu haben. Ich würde mich trotzdem freuen, wenn sie wiedergewählt wird. Aber ich denke, dass da’n Mann doch mächtiger rüberkommt.“ Im Osten erzählt eine ältere Dame im Treppenhaus, wie toll die DDR war, und fragt dann: „Aber das bringense nicht wirklich im Fernsehen?“

Bei anderen Protagonisten muss „Spiegel TV“ nachhelfen, um sie bloßzustellen. Wie bei der Wahlhelferin, die einem älteren Herrn zuredet, der zu seiner Frau in die Wahlkabine drängelt – ein „schwerwiegender Eingriff in das Prinzip der geheimen Wahl“, spottet der Sprecher. Die Kollegen vom Wahllokal 313 in Moabit, die ihren „vaterländischen Dienst“ verrichten, indem sie ein Wahlplakat melden, das in der „Bannmeile“ des Lokals hängt, kriegen auch ihr Fett weg: „Am Wahllokal 313 wird der ordnungsgemäße Ablauf der Demokratie nicht scheitern.“

Bild zu: Hauptstadt der Doofen? "Spiegel TV" tritt Berlin in die Tonne

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Screenshots: dctp/RTL

Richtig in Fahrt ist „Spiegel TV“ aber erst zum Schluss, beim Besuch des BSC Reinickendorfs, zu dem es heißt:

„Dass man im Leben nicht immer gewinnen kann, wissen die Fußballer von der dritten Mannschaft des BSC Reinickendorf nur zu genau. In Berlins unterster Spielklasse sind sie souverän Tabellenletzter. Da fällt die Motivation am Wahltag nicht schwer.“

Am Sonntag war wieder ein Spiel. „Doch die Dauerloser aus Reinickendorf können ihren Kasten nicht lange sauber halten, auch heute werden sie wieder 5:0 untergehen.“

Ehrlich, der Sprecher sagt „Dauerloser“.

Bild zu: Hauptstadt der Doofen? "Spiegel TV" tritt Berlin in die TonneWas „Spiegel TV“ da für den späten Sonntagabend zusammengepappt hat, ist das Ergebnis eines Elendsjournalismus, der selbst fürs deutsche Fernsehen ungewöhnlich eklig ist, weil er nur zu dem Zweck betrieben wird, dass sich selbstgefällige Reporter über alles und jeden lustig machen können, der so leichtsinnig war, dem Kamerateam nicht Hausverbot zu erteilen. Anders als „24 h Berlin“, das klar Inspirationsquelle war und den Alltag einer Großstadt möglichst vielfältig und unverfälscht wiedergeben wollte, will „Spiegel TV“ – gar nichts. Die Reporter haben noch nicht mal eine einzige ernst gemeinte Frage, wie sich zwischendurch herausstellt, als den gewöhnlichen Berlinern eine Verschnaufspause gegönnt wird, um Spitzenpolitikern hinterher zu jagen.

Nach Bonn ist „Spiegel TV“ gereist, um Wolfgang Clement beim Joggen aufzuspüren und zu fragen, was er wählt, weil er ja in der Zeitung dazu aufgerufen habe, die FDP zu unterstützen. „Wir wollten mal fragen, wen Sie vorhaben zu wählen, heute“, sagt der Reporter, der sich Clement mit wackeliger Kamera mitten auf der Straße nähert, und als der sagt, dass er das gern für sich behalten würde, reagiert der Reporter patzig: „Dann muss man’s ja nicht in die Zeitung setzen, wenn man drüber nicht sprechen will.“ Dann joggt Clement davon.

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Screenshot: dctp/Spiegel TV

Guido Westerwelle wird (wieder in Berlin) auf dem Nachhauseweg vom Wahllokal verfolgt, obwohl er zuvor mehrere Male höchst freundlich versucht hat, zu kommunizieren, dass es jetzt genug ist: „Ich danke Ihnen sehr für Ihr Interesse, aber wenn Sie jetzt so freundlich wären…“ Die drängende Frage, die „Spiegel TV“ vorher nicht stellen konnte, lautet: „Sagen Sie mal: Vier weitere Jahre Opposition. Wäre das was für Sie?“

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Screenshot: dctp/RTL

In Berlin-Zehlendorf hat Frank-Walter Steinmeier schon morgens um halb zehn die Kamera vor der Nase, aber als im Wahllokal nicht gedreht werden darf, ist „Spiegel TV“ beleidigt und lästert: „Wahrscheinlich hat Steinmeier SPD gewählt.“

Gregor Gysi hingegen hat im Flugzeug sein Gepäck verstaut, und davon gibt es hochexklusive Aufnahmen:

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Screenshot: dctp/Spiegel TV

Zum Höhepunkt aber kommt es erst „vor den Privatgemächern der Kanzlerin“ in Berlin-Mitte:

„Hier wohnt sie, im 3. Stock. Am Klingelschild allerdings: nur der Name ihres Mannes. Seit den frühen Morgenstunden haben die Untertanen auf ihre Erscheinung gewartet. Sie werden nicht enttäuscht. Pünktlich um halb zwei tritt die ‚Lady in Red‘ der deutschen Politik vor die Tür. Mit dabei: der Mann vom Klingelschild, Herr Sauer.“

Auch ihr mag „Spiegel TV“ nicht von der Seite weichen, um ihr beim Wahlgang die alles entscheidende Frage zu stellen:

„Frau Bundeskanzlerin, wie siegessicher sind Sie heute?“

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Screenshot: dctp/RTL

„Ich bin erstmal wahlsicher“, kontert Merkel souverän und eilt davon. Kurz darauf ist das Elend vorbei. Zumindest für diesen Sonntag. Im vergangenen Jahr hat die Niedersächsische Landesmedienanstalt (NLM) die Lizenz des „Spiegel TV“-Partners dctp als „unabhängigen Dritten im Programm von RTL“ bis 30. Juni 2013 verlängert. Das dürfte dicke reichen, um außer der kompletten Politik auch noch ein paar andere Städte in die Tonne zu treten.

Screenshot oben: dctp/RTL


37 Lesermeinungen

  1. Aha, der Gysi fliegt Business....
    Aha, der Gysi fliegt Business.

  2. OT: Schade, dass Das...
    OT: Schade, dass Das Fernsehblog (bzw. FAZ.net?) inzwischen auch dermaßen klickgeil ist, dass nicht mehr der ganze Artikel im Feedreader angezeigt wird, sondern ich stattdessen nur einen Anreißer zu sehen krieg.
    Wirklich schade.
    Speziell Sie wissen es doch eigentlich besser, liebe Autoren…
    R.S.V.P.

  3. @Krischn: Das unterliegt nicht...
    @Krischn: Das unterliegt nicht unserer Beeinflussung, aber ich danke für den überaus freundlichen Hinweis und leite es gerne an die Technik weiter, womöglich lässt sich dies ändern.

  4. Gut beobachtet.
    Ich darf aber...

    Gut beobachtet.
    Ich darf aber mal ein bischen in die Nachbarschaft schauen und abwandeln, denn was sieht man da?
    das Ergebnis einer Elendsbloggerei, der selbst für ne deutsche Zeitung ungewöhnlich eklig ist, weil sie nur zu dem Zweck betrieben wird, dass sich selbstgefällige Besser-Fühl-Schlaumeier über alles und jeden lustig machen können, der so leichtsinnig war, einem Teekannenschwenker nicht Hausverbot zu erteilen.

  5. @Guckeda: Also ich habe mit...
    @Guckeda: Also ich habe mit dieser Bemerkung keinerlei Probleme.

  6. Ach ja... die Drittanbieter,...
    Ach ja… die Drittanbieter, die für Vielfalt sorgen und die Qualität erhöhen sollen.

  7. keene uffregung, meesta,
    an...

    keene uffregung, meesta,
    an balin haben sich schon ganz andere versucht.
    .
    und
    kann man ja vastehn:
    provinz macht aggro auf dauer.
    da hilft och keene binnenalster.

  8. @Peer Schrader (22:17): Danke....
    @Peer Schrader (22:17): Danke. Hab mir schon gedacht, dass Ihr selbst nichts dafür könnt.

  9. @Krischn (und evtl. @Peer):...
    @Krischn (und evtl. @Peer): Das hat nichts mit Klickgeilheit zu tun, sondern ist schlicht nicht der Sinn von RSS-Feeds. Diese _sollen_ durch den Titel und einen Anreisser über neue Inhalte informieren. Den ganzen Text in die Welt zu schleudern, ist nicht deren Sinn.

  10. Der Artikel spricht mir aus...
    Der Artikel spricht mir aus der Seele! Auch wenn diese Von-Oben-Herab-Berichterstattung auch deutlich in Print (vor allem bei Kommentaren und Rezensionen) zu finden ist. Es gehört offensichtlich zum normalen Ton, selbstgefällig und abwertend zu berichten.

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