Das Fernsehblog

Kleine Wappenkunde: Wie Jobst Benthues von Pro Sieben zu Red Seven kam

Im vergangenen Jahr, als das Chaos bei Pro Sieben Sat.1 öfter mal so groß war, dass die Sendergruppe kurz vor der Implosion gestanden haben muss, ist irgendjemandem in Unterföhring der Trick mit der „strategischen Neuausrichtung“ eingefallen. Es deutete sich an, dass Sat.1 von Berlin an den Stammsitz nach München ziehen müsste und dabei viele Mitarbeiter auf der Strecke bleiben würden. Deshalb brauchte es – ja, es brauchte: ein „groß angelegtes Zukunftsprogramm“, um Pro Sieben Sat.1 „auf die Herausforderungen der kommenden Jahre vorzubereiten“.

Oder wie man als Medienjournalist sagt: ein Ablenkungsmanöver.

Also gab Pro Sieben Sat.1 innerhalb von zwölf Monaten einfach so viele Personalien bekannt, dass nachher keiner mehr durchblickte, wer eigentlich wohin versetzt und was alles zusammengelegt oder neu gegründet wurde. Sat.1 und Kabel 1 bekamen neue Geschäftsführer, einige Monate vorher war Andreas Bartl schon vom Pro-Sieben-Chef zum Managing Director der German Free TV berufen worden, sein bisheriger Stellvertreter Thilo Proff übernahm bei Pro Sieben – und eine andere Personalie ist in dem ganzen Trubel ein bisschen untergegangen: die von Jobst Benthues, der als Unterhaltungschef bei Pro Sieben aufgehört hat. Nach elf Jahren. Was zur Hölle sollte das denn?

Ende 2006 war Benthues noch zum stellvertretenden Pro-Sieben-Geschäftsführer ernannt worden, neun Jahre nachdem er zum Sender gekommen war, um dort „liebe sünde“ zu produzieren und später „TV total“ zu etablieren, Bully Herbigs „Bullyparade“ Zeit für den Erfolg zu geben und der immer mal wieder wechselnden Geschäftsführung zu erklären, dass „Stromberg“ trotz mieser Quoten eine gute Idee sei. Wieso wird so einer nicht Chef des Ladens, den er über Jahre aufgebaut hat?

Und stattdessen Geschäftsführer einer neuen Produktionsfirma namens Red Seven Entertainment, die dann so seltsame Sendungen wie „Comedy Zoo“, „Singing Bee“ und „Mascerade“ zustande bringt?

Neulich ergab sich die Gelegenheit, Benthues mal selbst zu fragen. Geantwortet hat er:

„Wann hat man schon mal die Chance, eine komplett neue Produktionsfirma aufzubauen?“

Zum Beispiel, wenn der Konzern, für den man schon länger arbeitet, sich dazu entschließt, selbst eine solche Firma zu gründen und einem dabei völlig freie Hand lässt. Benthues sei eh nicht so der Geschäftsführertyp, heißt es, wenn man sich ein bisschen in der Branche umhört. Eigentlich habe er immer lieber im Studio rumgesessen als im Büro. Insofern ist es vielleicht bloß konsequent, dass er quasi die Seiten gewechselt hat.

„Das hat mich einfach total gereizt. Noch dazu war das eine Situation, in der ich das Gefühl hatte, Pro Sieben steht ganz gut da: mit ‚Germany’s next Topmodel‘, den Raab-Events und Sendungen wie ’switch reloaded‘. Das war für mich der Punkt, um zu sagen: Jetzt mach ich mal was anderes. Jedenfalls hat mich niemand dazu gedrängt.“

Dass Benthues im vergangenen Jahr soviel Mist produziert hat, kann man ihm natürlich übel nehmen. (Und mehr dazu steht heute auf der Medienseite der gedruckten F.A.Z.) Aber es ist immer noch so, dass man im Gespräch mit ihm den Eindruck hat, da sitzt einer, dem das Fernsehen ehrlich Spaß macht. Vielleicht hat die lange Zeit mit Stefan Raab ein bisschen abgefärbt: Benthues lacht fast genauso wie Raab, wenn er sich über etwas amüsiert. Und er hat eine ähnliche Begeisterungsfähigkeit für Ideen, die sich ihm in den Kopf gesetzt haben (auch wenn sie sich nachher vielleicht als nicht so toll herausstellen).

Die anderen Produzenten, mit denen er früher beim Sender zusammengearbeitet hat, fürchten ihn jetzt als Konkurrenten. Aber er macht nicht den Eindruck als würde er sich deswegen abends in den Schlaf weinen. In den vergangenen Monaten hat Benthues ein neues Team zusammengestellt, jetzt arbeiten in München rund 70 Leute für ihn, 10 bereiten in Wien „Austrias Next Topmodel“ für den Kleinsender Puls 4 vor und 20 Kollegen sollen Autoren in Köln ködern:

„Dadurch, dass wir das Büro in Köln haben, können wir denen anbieten, für uns zu arbeiten ohne dass sie ihre geliebte Stadt verlassen müssen. Na gut, die Büros liegen rechtsrheinisch – diesen emotionalen Schritt müssen sie schon gehen“,

scherzt Benthues. In Unterföhring sitzt er im Erdgeschoss der gerade umgebauten Senderzentrale, am Eingang weist ein provisorischer Zettel auf die Firmenräume hin, und auch wenn er immer noch versucht ist, aus der Pro-Sieben-Position für den Sender zu sprechen, bei dem er so lange war, gewöhnt er sich langsam daran, auch für Sat.1 und Kabel 1 da zu sein.

Das Logo seiner neuen Firma, die nach einem Jahr immer noch keine anständige Website hat, weil Außendarstellung für sie vielleicht auch nicht so wichtig ist („Kommt aber!“, verspricht Benthues), ist eine Art schief gestelltes Wappen mit Flügeln und den Initialen „RS“. Und wenn man fragt, was das bitte schön zu bedeuten habe, sagt Benthues völlig selbstverständlich:

„Ich wollte was, das man auf ein Polohemd drucken kann, für das man sich nicht schämen muss, wenn man’s trägt.“

Muss man nicht. Wenn das künftig auch noch für die Programme gilt, die Benthues produziert, braucht man sich um ihn vermutlich wirklich keine Sorgen machen.

Fotos & Logo: Pro Sieben Sat.1

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