Das Fernsehblog

Das Fernsehblog

Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Das Vierte blamiert sich mit seinen Magazinen

| 20 Lesermeinungen

Mit den Magazinen "Look" und "Globe" will der russische Medienunternehmer Dmitri Lesnewski neue Zuschauer für seinen Spartensender Das Vierte gewinnen. Da ist es natürlich eher von Nachteil, bloß Pressetexte aus dem Internet vorzulesen und Allgemeinbehauptungen über andere Kulturkreise aufzustellen.

Mit den eigenproduzierten Magazinen „Look“ und „Globe“ will der russische Medienunternehmer Dmitri Lesnewski neue Zuschauer für seinen 2008 eingekauften Spartensender Das Vierte gewinnen, der seit kurzem ein neues Programm und ein lustig-animiertes Logo hat. Zumindest ist das die offizielle Version.

Seit ich mal reingeschaut habe, bin ich allerdings der festen Überzeugung, dass Lesnewski einen ganz anderen Plan verfolgt, nämlich den, alle Restzuschauer, die Das Vierte nach monatelanger Konzeptlosigkeit noch hat, ganz flott zur Konkurrenz zu schicken. Sonst würden die beiden Magazine doch nicht aussehen als seien sie von einem Haufen ahnungsloser Hilfskräfte produziert, denen man die Augen verbunden und das Denken verboten hat.

Bild zu: Das Vierte blamiert sich mit seinen MagazinenBei „Look“ jedenfalls steht die ehemalige „Germany’s Next Topmodel“-Kandidatin Caroline Ruppert vor einer Bluescreen-Wand in einem Gewölbekeller (sonst würden ihre Anmoderationen nicht so hallen) und verspricht dem Publikum, die die neuesten Trends vorzustellen. Gerade porträtierte „Look“ den „Newcomer“ Guido Maria Kretschmer – wobei: Porträtieren bedeutet in diesem Fall, einfach seine komplette Modenschau auf der Berlin Fashionweek zu zeigen und (Presse-)Texte vorzulesen, die sich mit ein paar Klicks im Internet ausfindig machen lassen (hier zum Beispiel). Der Beitrag begann so:

„Guido Maria Kretschmer wird 1965 in Münster, Westfalen, geboren. Nach dem Abitur entschließt er sich zunächst für ein Medizinstudium, merkt aber relativ schnell, dass die Gestaltung von Stoffen seine eigentliche Leidenschaft ist. Nach einigen Praktika in verschiedenen europäischen Modehäusern und Produktionsbetrieben gründet er im Alter von 22 Jahren sein erstes Label. 1987 gewinnt er seine erste Corporate-Fashion-Ausschreibung und positioniert sich damit in einer äußerst lukrativen Nische, in der viele große Namen tätig sind.“

Genau so spannend geht es weiter:

„Im Jahre 2002 gewinnt Guido Maria Kretschmer den World-of-TUI-Award für sein Designkonzept ‚Sand, Sea and Sky‘.“
„Im Jahre 2004 gründet Guido Maria Kretschmer das Modelabel Guido Maria Couture mit exklusiver Tages- und Abendmode, Accessoires und Schmuck.“
(…)

Und im Jahre 2009 glaubt Das Vierte ernsthaft, mit einem Fernsehen Erfolg haben zu können, das aus Promovideos und vorgetragenen Google-Ergebnissen besteht? Sieht ganz so aus, geht aber auch noch schlimmer, zum Beispiel im „Globe Magazine“, in dem Moderatorin Kerstin Linnartz direkt im Anschluss vermeintliche Reisereportagen ankündigt, allerdings nicht vor einer Bluescreen, sondern im Erlebnis- und Spaßbad Castrop-Rauxel:

Bild zu: Das Vierte blamiert sich mit seinen Magazinen
Screenshot: Das Vierte

Das erweitert den eigenen Horizont ungemein. Ich zum Beispiel war mir bisher gar nicht darüber bewusst, dass Antalya an der türkischen Riviera „weit mehr ist als eine Verteilstation für die verschiedenen Badeorte der Region“. Die Stadt hat schließlich auch den „wichtigsten Flughafen der Region“ und „die Neustadt kann sich wirklich sehen lassen“. Kurz und knapp bringt „Globe“ auf den Punkt, was Antalya so vielfältig macht:

„Der fröhliche Stilmix umfasst alle Lebensbereiche und grenzt niemanden aus. Auch nicht mehr die Ureinwohner.“

Mensch, da können die sich aber glücklich schätzen, die Ureinwohner. Und falls Sie mehr über die Leute wissen wollen, die Sie an Ihrem künftigen Urlaubsort bedienen werden, ist „Globe“ auch dabei behilflich:

„Die Türken sind ein sehr geselliges und kommunikatives Volk. Außerdem essen sie gerne.“

Gut, es hätte vielleicht nicht geschadet, wenn beim Sender jemand die Texte gegengelesen hätte, die der Sender freundlicherweise von den Tourismusmarketingexperten der jeweiligen Reiseregionen zur Verfügung gestellt bekommen haben muss, dann hätten sich vielleicht noch ein paar Grammatikfehler rausstreichen lassen, die die Off-Sprecherin jetzt gnadenlos mitliest („Kairo verdient es, dass man sich mit ihr beschäftigt“). Und der neue Investor könnte der Redaktion auch mal einen Internetzugang spendieren, damit die bei Wikipedia nachschlagen kann, bevor sie behauptet, dass sich Jan Ullrich jährlich auf Mallorca auf die Tour de France vorbereitet – zwei Jahre, nachdem er das Ende seiner Karriere verkündet hat.*

Vielleicht ist das alles auch bloß ein Riesenscherz. Oder, viel schlimmer: Das Vierte hat schon das perfektioniert, worum sich die anderen Sender in der Krise erst noch bemühen. Ein Fernsehprogramm herzustellen, das fast nichts kostet. Außer seine Zuschauer den Verstand.

Screenshot & Logo: Das Vierte

*Nachtrag, 17.44 Uhr: Marcel weist in den Kommentaren darauf hin, dass es sich beim „Globe Magazine“ wohl um das alte Tele-5-Format „Globe“ handeln könnte, was nicht nur den Ullrich, sondern auch das 4:3-Bildformat erklären würde.


20 Lesermeinungen

  1. Fallen jemandem Völker ein,...
    Fallen jemandem Völker ein, die nicht gerne essen? Oder überhaupt irgendeine Lebensform?

  2. Wie peinlich ist das denn?...
    Wie peinlich ist das denn? Manchmal hab ich as Gefühl, die Sender wollen einfach mal ausprobieren, wie weit sie noch gehen dürfen, bis die Zuschauer merken, dass sie nur noch vera****t werden.
    Das neue Senderlogo ist übrigens auch grottig.

  3. "lukrativen Nische" und "in...
    „lukrativen Nische“ und „in der viele große Namen tätig sind“. Merken Werbetexter soetwas nicht? Oder ist der Wille zu groß, gleichzeitig zu sagen, dass man sich in einer Nische platziert hat (deswegen große Erfolgschancen hat), aber gleichzeitig schon viele große Namen da unterwegs sind (die zeigen, wieviel Potential in dieser angeblichen Nische steckt)?
    Nach diesem Bericht traue ich mich nicht mehr, das Vierte mal einzuschalten. Das hört sich nach weit zuviel Fremdscham an.

  4. Das tollste an Antalya ist der...
    Das tollste an Antalya ist der Flughafen und die _Neu_stadt? Scheint sich in den letzten 17 Jahren ja mächtig verändert zu haben. Aber das mit Jan Ullrich ist doch wirklich ein Scherz, oder?

  5. Die einen mit Ihren Magazinen,...
    Die einen mit Ihren Magazinen, die anderen mit Ihren Artikeln. Oder Peer?

  6. das heißt antalya und nicht...
    das heißt antalya und nicht antalia.
    ich als türkin würde nie nach antalya reisen, weil es voller touristen ist.
    bis heute wusste ich nicht, dass ich diesen sender habe. danke für die aufklärung.

  7. @anonym: Danke, korrigiert....
    @anonym: Danke, korrigiert.

  8. Um Dich zu beruhigen: Die...
    Um Dich zu beruhigen: Die Zuschauer haben keine Lust, ihren Verstand zu verlieren und laufen lieber davon. Auf ihren Vorabendsendeplätzen haben „Look“ und „Globe“ bisher im Durchschnitt Marktanteile von je 0,1% („Look“) bzw. 0,1% erreicht. An manchen Tagen lag er auch bei 0,0% (kein Scherz!). Insgesamt tun sich nur jeweils 20.000 Leute die Magazine an. Das ist selbst für Minisender Das Vierte eine Katastrophe.

  9. @Jens: Es tut mir ja leid für...
    @Jens: Es tut mir ja leid für die Kollegen beim Sender, die auf einen ordentlichen Neuanfang gehofft haben – aber eine große Überraschung ist das nicht, finde ich.

  10. @Jens: Danke, diese Zaheln...
    @Jens: Danke, diese Zaheln haben mir meinen Glauben an die Menschheit gerettet. Das Schlimme ist jedoch, dass selbst solche Zahlen nicht dazu führen werden, dass die Privatsender ihren Sparkurs zurückfahren und mehr Qualität produzieren werden. Das deutsche Fernsehen ist so auf Profit ausgerichtet, dass man lieber weiter Billigst-Formate produziert, ob es dem Zuschauer gefällt, interessiert doch eh keinen. Sieht man ja auch gut am Fun-Freitag: Der ist zweifellos grausam, was zurecht zu demensprechend schlechten Quoten und regelmäßig nach kurzer Zeit abgesetzten Formaten führt, scheint sich aber dank minimaler Investitionen trotzdem irgendwie zu rechnen, also ändert sich auch nichts.
    Btw. Dritter Absatz: „verspricht dem Publikum, die die neuesten Trends vorzustellen“
    Ein „die“ zuviel?!

Kommentare sind deaktiviert.