Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Das ZDF setzt "Kavka" fort, die ARD nur ihre Ideenlosigkeit

| 24 Lesermeinungen

Was hat der Quizshow-Aufguss "Das Duell im Ersten" mit dem ZDF.info-Talk "Kavka" zu tun? Gar nichts. Außer dass man anhand der beiden Sendungen am Dienstagabend sehr schön beobachten konnte, wie doof öffentlich-rechtliches Fernsehen manchmal ist – und wie toll, wenn es sich traut, Debatten anzuregen.

Manchmal kann man an so einem Dienstagabend die Vergangenheit und die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nacheinander beobachten. Weil die Zukunft natürlich spannender ist, fangen wir mit der an.

* * *

Und mit Jens Jessen, Feuilletonchef der „Zeit“, der gestern im Berliner Angesagten-Club Watergate zwischen jeder Menge junger Leute saß, über die er schon vor gut einem Jahr geschrieben hatte, sie seien „traurige Streber“. Zumindest als Provokateur machte Jessen dort keine schlechte Figur, und forderte „eine gewisse querulatorischer Energie“ ein. Denn:

„Wenn die Alten völlig unangefochten in ihren gut austarierten, bewährten Vorurteilen voran arbeiten – das wird eine völlig gelähmte Gesellschaft.“

Von Energie war bei den Zuschauern rundherum eher nix zu spüren, jeder nippte mit interessiertem Gesichtsausdruck an seinem Becks, jedenfalls bis Besuch von der Piratenpartei kam und Jessen, plötzlich richtig aufgebracht, behauptete, deren Mitglieder seien „für das Erlauben von Kinderpornographie im Netz“. Auf einmal regte sich im Publikum dann doch noch so etwas wie „querulatorische“ Energie, erst in Form von Buh-Rufen, dann auch mit einer Richtigstellung: Das stimmt einfach nicht! Woraufhin Jessen den Hereinrufer ebenso prompt wie herablassend zurechtwies: „Doch, mein Lieber.“ Kampflos mag ja niemand bewährte Vorurteile aufgeben – erst recht nicht, wenn es die eigenen sind.

Zu sehen war die kleine Auseinandersetzung gestern Abend im ZDF.infokanal, wo heimlich, still und leise der im April getestete Gesellschafts-Talk „Kavka“ in die zweite Runde ging, und zwar zum Thema „Generation Warmduscher“ bzw. der Frage: Warum gibt es von den Jungen heute eigentlich so wenig Protest gegen die herrschenden Verhältnisse? Anlässe fänden sich doch genug.

Bild zu: Das ZDF setzt "Kavka" fort, die ARD nur ihre Ideenlosigkeit
Markus Kavka mit Jens Jessen / Screenshot: ZDF.info

Mittendrin saß Moderator Markus Kavka, redete außer mit Jessen erst mit einer jungen Frau, die glaubt, zu wenig Zeit zu haben, um engagiert zu sein, und dann mit der politischen Aktivistin Hanna Poddig, die zuviel Zeit hat, um total unangepasst zu sein.

Das war kein Meilenstein des deutschen Fernsehtalks, und es gäbe vieles an der Sendung zu verbessern: Die pseudo-modernen Kurzgespräche mit Gesprächspartnern, die per Webcam zugeschaltet werden, müssen raus, weil die Technik nicht ordentlich funktioniert. Dafür darf die Runde im Studio (trotz enger Platzverhältnisse) ruhig etwas größer werden. Vor allem aber braucht es mehr Diskussionen der Gäste untereinander, und nicht nur Kavka, der jeden einzeln drannimmt, obwohl er dabei durchaus die richtigen Fragen stellt.

Allerdings ist „Kavka“ der Versuch des ZDF, eine Gesprächssendung für junge Zuschauer zu machen, die sich um Themen kümmert, über die sonst nirgendwo im Fernsehen gesprochen wird. Wer zusieht, fühlt sich nachher tatsächlich angesprochen und fragt sich: Was mach ich eigentlich? Wann bin ich das letzte Mal auf die Straße gegangen? Und wie drückt man am besten aus, dass man nicht einverstanden mit dem ist, was gerade in der Politik passiert (oder dem Unsinn, den man so als Feuilletonchef der „Zeit“ im Fernsehen redet)?

So kann öffentlich-rechtliche Grundversorgung funktionieren, wenn sie sich traut, Debatten anzuregen. Wenn das ZDF klug ist, macht es weiter damit – am besten im neuen Zielgruppensender ZDF.neo, wo die Chance besteht, dass sich auch jemand für die darauffolgenden Programme begeistern könnte.

Bei ZDF.info lief gestern nach dem Ende von „Kavka“, zu dem der Moderator (quasi als Reminiszenz) noch einen Tisch kaputt hauen durfte, übrigens das hier:

Bild zu: Das ZDF setzt "Kavka" fort, die ARD nur ihre Ideenlosigkeit
Screenshots: ZDF.info

Wer „Kavka“ verpasst hat, kann sich die Sendung in der ZDF-Mediathek ansehen.

* * *

Und damit sind wir auch schon bei der Vergangenheit des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Und ihrer Sachwalterin, der ARD, die auf die fantastische Idee gekommen ist, ihren Problemsendeplatz um 18.50 Uhr mit einem von Jörg Pilawas Firma white balance produzierten Quiz zu füllen, das nun dienstags bis freitags direkt vor dem „Quiz mit Jörg Pilawa“ läuft.

„Das Duell im Ersten“ heißt die von Florian Weber moderierte Sendung, die als „spannendes Wissensspiel“ angekündigt ist, in Wahrheit aber todlangweilig und völlig innovationsfrei ist. Das Prinzip: Ein Kandidat tritt gegen einen Promi im Fragenbeantworten an. Wer nach 10 Runden nicht eingeschlafen ist die meisten Punkte hat, gewinnt Geld, das er spenden kann.

Am Dienstag trat „Großstadtrevier“-Darsteller Jan Fedder gegen eine Ordensschwester namens Johanna an. Und musste mit ihr unter anderem die zehn beliebtesten Vereinssportarten der Deutschen aufzählen:

Bild zu: Das ZDF setzt "Kavka" fort, die ARD nur ihre Ideenlosigkeit
Screenshot: Das Erste

Ja, irre.

Vielleicht muss man das einfach mal vorschlagen: Wenn der ARD nix Besseres einfällt als der x-te Aufguss einer total öden Quizshow, die sich auch ein Viertklässler hätte ausdenken können, wenn dieser Aufguss dann auch aus einem derart tristen Studio mit den Grundfarben Blau und Ocker kommt und sich in der ganzen ARD einfach niemand auftreiben lässt, der Ahnung hat, wie man modernes Fernsehen macht…

…dann wäre es vielleicht besser, wenn die ARD in nächster Zeit ab 18.50 Uhr einfach ein Testbild senden und sich das Geld für diesen Unsinn sparen würde.


24 Lesermeinungen

  1. pschader sagt:

    @meyer: Qualitativ hochwertige...
    @meyer: Qualitativ hochwertige moderne Serien, wie sie auf diesem Sendeplatz lange Tradition waren. Oder irgendwas völlig Neues – ist doch super, einen Testsendeplatz zu haben, auf dem innovative Programme nicht mehr als ein paar Prozent Marktanteil schaffen müssen, weil die trashigen Alternativen dort auch nicht mehr bringen.

  2. Paule sagt:

    @Peer:Qualitativ hochwertige...
    @Peer:Qualitativ hochwertige moderne Serien, wie sie auf diesem Sendeplatz lange Tradition waren.
    Lange? Tradition? 86 Folgen Berlin, Berlin und 52 Folgen Türkisch (plus ein paar Flops) in 8 Jahren sind nicht wirklich viel. Außerdem war der Jahresoutput immer so wenig, dass sich kein Zuschauer auf die 8 neuen Wochen pro Jahr umorientieren wollte. Dafür verlässt keiner seine Seifenoper. Außerdem würde es locker mal ein Jahr dauern, bis man eine Serie auf Sendung hätte.
    Dazu kommen die Zwänge der Werbefinanzierung. Die erlaubt keine teuren Experimente, sondern verlangt, dass dort, wo Werbung erlaubt ist, diese auch genutzt wird, um die Sendungen zu finanzieren. Deswegen gibts jetzt preiswerte Quizkost.
    Die ARD ist mit ihrem Vorabend in einer eher schlechten Position, weil das ZDF, die Dritten und die Privaten sehr stark sind.
    Ich gehe mal nicht darauf ein, dass der Vorschlag „irgendwas völlig Neues“ auch irgendwie greifbar wäre. Etwas konkreter wäre nicht schlecht gewesen. 😉

  3. pschader sagt:

    @Paule: Meinste nicht, dass...
    @Paule: Meinste nicht, dass ich mir das hoch bezahlen lassen sollte, wenn ich das ARD-Vorabend-Problem mal eben so nebenbei bei der Arbeit lösen könnte?
    Die Serien, die du erwähnst, sind übrigens zig mal wiederholt worden. Für „Berlin Berlin“ haben sich die Zuschauer sehr wohl umorientiert. Und für das Werbefinanzierungs-Dilemma, das du ansprichst, hab ich eine perfekte Lösung: Die ARD verzichtet ganz auf Werbung.

  4. Paule sagt:

    @Peer "Meinste nicht, dass ich...
    @Peer „Meinste nicht, dass ich mir das hoch bezahlen lassen sollte,…“
    Klar, aber es fällt sehr leicht, das Angebot zu kritisieren, ohne konkrete Alternativen vorzuschlagen. Geht mir ja nicht anders.
    Ich halte das neue Quiz auch für keine gute Leistung. Mir fällt aber keine Alternative ein, die dort wirklich reinpasst und schnell verfügbar wäre. Deswegen ist es den Versuch wert.
    „Die ARD verzichtet ganz auf Werbung.“
    Das wäre wünschenswert, aber solange es den Sendern erlaubt ist, welche zu haben, sind sie verpflichtet, dies zu nutzen, weil diese Einnahmequelle Einfluss auf unsere Gebühren hat. Im Übrigen sichert die Werbung – bzw. der Zwang auf Werbeumsätze – dass man sich ein wenig am Zuschauer orientiert und nicht gutmenschlich ohne Publikum dahersendet, wie es bei unseren Sendern leider sehr verbreitet ist (ob man das dann tatsächlich schafft, steht auf einem anderen Blatt).

  5. habe zufällig das Quiz in der...
    habe zufällig das Quiz in der ARD gesehen (nur kurz) und dachte das wäre ein neues Comedy-Format, das Ratesendungen parodiert. So kann man sich täuschen…

  6. JMK sagt:

    für den Sendeplatz und viele...
    für den Sendeplatz und viele andere auch würde mich auch so einiges einfallen, Quizshows wäres ja in Ordnung wenn diese nicht so bräsig daherkommen würde warum nicht ne Nostalgie-Ecke mit alten Serien oder mal eine unterhaltsame Wissenshows jenseits der Lebensmittelshow Galileo etc. pp.

  7. Ariane sagt:

    Jetzt musste ich tatsächlich...
    Jetzt musste ich tatsächlich zweimal lesen, um zu verstehen, dass Schwester Johanna gar nicht der Promiquizzer ist 😀
    Was macht Kavka eigentlich beim ZDF, ich dachte, er ist demnächst bei Kabel1 mit einer Musiksendung zu sehen?

  8. Bernhard sagt:

    @Peer Schader: Ich mach mal...
    @Peer Schader: Ich mach mal schnell das Programm und stelle es hier zur Diskussion…
    Es heißt doch immer mal wieder, dass die ARD nicht genug Sendeplätze hätte, um die zum Teil sehr guten Sendungen der dritten Programme ins ARD-Programm zu befördern bzw. wenn doch mal Sendungen ins Erste kommen, dann werden diese auf einen grottenschlechten Sendeplatz gezeigt. Es müssen ja keine Erstaustrahlungen sein. Zweitverwertung kurz nach der Erstausstrahlung auf dem dritten Programm reicht auch.
    Dienstag:
    Nehmen wir mal „Zimmer frei“ für eine wöchentliche Wiederholung am Dienstag auf der ARD (Erstausstrahlung war am Sonntag zuvor im WDR). Zusätzliche Kosten gibt es nicht, weil die Sendung ja ohnehin schon vom WDR fürs eigene Programm produziert wird.
    Mittwoch:
    Für Mittwoch könnte man die „Dittsche“-Wiederholung von seinem versteckten Sendeplatz (0:20 Uhr in der Nacht von Montag zu Dienstag) holen (Erstausstrahlung war ebenfalls am Sonntag zuvor auf dem WDR). Zusammen mit „Alfons und Gäste“ (Erstausstrahlung am Samstag zuvor im SWR) haben wir dann auch diesen Sendeplatz umsonst mit hochwertigem Material bespielt.
    Donnerstag:
    2 US-Sitcoms einkaufen und diesen Sendeplatz damit bespielen.
    Alternativ: Ein halbstündiges unkonventionelles Kinomagazin produzieren (Moderation / Off-Kommentare: Ina Müller). Die andere halbe Stunde würde dann von Pierre M. Krause, Caroline Korneli und Jan Böhmermann mit lustigen Kommentaren zum Weltgeschehen bespielt.
    Freitag:
    Platz zum Experimentieren.
    Dinge für die leider kein Platz mehr bleibt: Thadeusz (RBB) – sehr guter Talk!

  9. pschader sagt:

    <p>@Paule: Ja, diese Quizze am...
    @Paule: Ja, diese Quizze am Vorabend sind echt viel näher am Zuschauer dran als die Quizze in der Primetime. Das ist doch Blödsinn, die ARD ist inzwischen so arg am Zuschauer orientiert, dass das halbe Abendprogramm eine Katastrophe ist, ganz ohne Werbeumsatzorientierung.
    @Ariane: Wer kann schon noch von einem Job leben?
    @Bernhard: Ich würd dich sofort einstellen!

  10. JMK sagt:

    warum sollte man Programme der...
    warum sollte man Programme der Dritten, die in den „anderen“ Dritten und in den ARD Digitalkanälen zur Gebnüge wiederholt werden auch noch im Ersten wiederholen?

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