Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

RTL steckt Pro Sieben mit seiner Wirklichkeitsallergie an

| 15 Lesermeinungen

In der Dokusoap "Reality Affairs" will Pro Sieben "Geschichten aus dem echten Leben" erzählen. Aber als sich die "Hure Trixie" in der vergangenen Woche um einen Job als Bordellleiterin bewarb, sah das eher nach Laientheater aus. Quatsch, sagt Pro Sieben, da sei alles echt gewesen. Erst seit dieser Woche würden die Geschichten erfunden.

Die Geschichte der Menschheit ist voller Rätsel. Wie haben es die Ägypter geschafft, die Pyramiden zu bauen? Welches Geheimnis verbirgt sich hinter Stonehenge? Und warum ist RTL mit seinen geskripteten Dokusoaps gerade so erfolgreich, die zwar so aussehen als würden sie Realität erzählen, im Abspann aber aufklären, dass alles bloß Schwindel ist:

Bild zu: RTL steckt Pro Sieben mit seiner Wirklichkeitsallergie an
Screenshot: RTL

Wie löblich, dass Konkurrent Pro Sieben da nicht mitspielt – und wirklich auf „Geschichten aus dem echten Leben“ setzt. So lautet jedenfalls die Beschreibung der kürzlich gestarteten Nachmittagsreihe „Reality Affairs“, die ihre Nähe zum Realen ja schon im Titel trägt.

„Ob Hochzeit, erste Liebe oder Arbeitsalltag in einem Schönheits-Salon: ‚Reality Affairs‘ zeigt, dass das wahre Leben spannender ist als jede Soap“,

heißt es auf der Senderwebsite. In der vergangenen Woche meldete sich Pro Sieben aber nicht aus dem Schönheitssalon, sondern aus dem Bordell, wo die aus „We are Family“ bekannte „Hure Trixie“ endlich Schluss machen wollte mit ihrem unsittlichen Leben und einen ehrenwerten Job annehmen. Als Puffmutter. Wir dokumentieren an dieser Stelle den dramatischen Höhepunkt aus der Freitagssendung: Trixie hat gerade von Bordellbetreiber Claudio gesagt bekommt, dass sie nach der Probezeit Leiterin seines Etablissements werden darf, was ihrer Tochter Romy zuhause gar nicht passt. Romy hat ihrer Mutter nämlich heimlich einen Job beim Fernsehen verschafft und will sie nun telefonisch nachhause locken, um ihr die gute Nachricht zu übermitteln.

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Screenshots: Pro Sieben

Trixie: Hallo? Romy?
Romy: Mama?
Trixie: Romy? Weißt du, wo ich gerade bin?
Romy: Ja, ich weiß, aber du musst ganz schnell nachhause kommen. Mama!
Trixie: Romy! Ich bin hier gerade im ‚Bel Ami‘. Mann, heute ist, mein großer Tag. Ich werd jetzt Clubchefin. Das ist sowas wie ’ne Vereidigung.
Romy: Hast du da schon zugesagt?
Trixie: Ich bin kurz davor!
Romy: Mama, nein, du darfst da nicht zusagen, du musst ganz schnell nachhause kommen.
Trixie: Warum soll ich denn nachhause kommen?
Romy: Ich erzähl’s dir, wenn du zuhause bist. Komm einfach schnell hierher.
Trixie: Wie? Biste jetzt doch schwanger?
Romy: Ach Quatsch, Mama. Das ist wirklich wichtig. Du musst wirklich nachhause kommen. Es geht um dich.
Trixie: Ich kann doch da nicht rausgehen. Nee, Romy. Tut mir leid. Auf diesen Tag habe ich lange hingearbeitet. Und jetzt zieh ich das durch.
Romy: Mama, du wirst das bereuen, wenn du nicht nachhause kommst. Es ist wirklich wichtig. Du wirst dich darüber freuen.
Trixie: Hast mir’n Kuchen gebacken?
Romy: Mama! Denk doch mal’n bisschen nach. Ich würd dich doch nicht nur wegen einem Kuchen da rausholen. Es ist wirklich wichtig. Komm nachhause.
Trixie: Dann brauch ich mich hier nie wieder blicken zu lassen.
Romy: Mama, beweis mir einmal, dass du mir vertraust. Mama, bitte.
Trixie: Romy, weißt du, wie lange ich auf diesen Tag hingearbeitet habe?
Romy: Bitte vertrau mir ein einziges Mal, Mama. Du hast mir schon mit meinem Freund nicht vertraut, und mit der Schwangerschaft hast du mir auch nicht geglaubt. Jetzt vertrau mir hier bitte.
Trixie: Das will ich jetzt nicht einfach so fallen lassen. Nur weil du mal gerade sagst: Mama, komm nachhause.

(Sind Sie noch wach? Dauert nicht mehr lange, versprochen.)

Romy: Bitte Mama, das geht jetzt wirklich um dein Leben. Das ist wirklich wichtig.
Trixie: Wieso kannste’s mir nicht am Telefon sagen?
Romy: Weil ich’s schöner finde, wenn ich’s dir persönlich sagen kann. Komm einfach nachhause. Ich erklär dir alles hier. Bitte, Mama.
Trixie: Romy. Würde es diesen Job hier aufwiegen?
Romy: Auf jeden Fall, das kann man mit Geld gar nicht bezahlen, so gut wie des is. Mama, beweis mir einmal, dass du mir vertraust. Bitte, Mama.
Trixie: Ich weiß, dass ich dir gesagt habe, dass ich dir jetzt immer vertraue.
Romy: Bitte komm nachhause.
Trixie: (seufzt) Mann, Romy, Was ist, wenn ich das bereue?
Romy: Das isses das wert. [sic]
Trixie: Romy, was du jetzt von mir verlangst, ist ganz, ganz groß. Ich werd jetzt dahingehen und absagen. Und ich weiß, dass ich nie mehr hier ankommen muss. Und dann komm ich nachhause. Weil ich dir zeigen will, dass ich dir vertraue.
Romy: Ok, Mama. Danke.
Trixie: Ich komme.
Romy: Ok Mama, bis gleich. Ja?
Trixie: Tschüß.
Romy: Tschüß, hab dich lieb.

Was genau ist hier jetzt peinlicher: Dass im Vergleich mit den Schauspielkünsten der Akteure in „Reality Affairs“ jedes Bauerntheater wie ein international anerkanntes Kunstprojekt wirken würde – oder dass Pro Sieben ernsthaft behauptet, das sei in irgendeiner Form „echt“?

Mitte August hatte der stellvertretende Pro-Sieben-Chefredakteur Sven Pietsch in einer Pressemitteilung behauptet, die Sendung solle „die Dramaturgie einer Telenovela mit der Authentizität einer Dokumentation“ verbinden. Aber entweder war das von vornherein gelogen, oder es hat sich seitdem schon wieder erledigt. Denn authentisch ist an „Reality Affairs“ ungefähr gar nichts, und dass die vermeintliche Dokusoap auf einen Off-Sprecher verzichtet, macht sie keineswegs realer, sondern spart Pro Sieben bloß noch mehr Kohle. Allerdings hat das den unglücklichen Nebeneffekt, dass die mitspielenden Protagonisten permanent glasig in die Ferne gucken müssen und in langen Selbstgesprächen erklären, was sie gerade denken und tun.

Bild zu: RTL steckt Pro Sieben mit seiner Wirklichkeitsallergie an
Screenshot: Pro Sieben

Bevor Trixie den Job als Bordellleiterin im „Bel Ami“ angeboten bekommt, zweifelt sie (laut) an sich selbst:

„Was zieh ich’n an? Das muss heute ein echter Volltreffer werden. Mann, ich werd heute Bordellchefin! Also das hier hatte ich ja schon so oft an. Und rosa… Ach, Mann. Das muss ein Volltreffer sein. Im Grunde ist das meine Hochzeit, meine Hochzeit mit dem ‚Bel Ami‘. Da muss ich aussehen wie ’ne Braut.“

„Und was ist mit den Kindern? Ich mein, ich bin dann ja nicht Bordellchefin auf Probe, mal für ’ne Woche, das ist auch nicht’n Monat. Ich bin’s dann für immer. Na gut. Dafür hätten wir immer’n gedeckten Tisch. Aber in dem Bett werdet ihr bestimmt oft alleine sitzen, ich werd‘ wenig Zeit haben. Ach egal. Ich werd’s euch allen zeigen.“

Und zuhause vor dem Fernseher fragt man sich: Wie sehr müssen die Programmverantwortlichen ihre Zuschauer hassen, um ihnen sowas zuzumuten?

RTL und Pro Sieben geben sich gerade jedenfalls große Mühe, all jene Kritiker zu widerlegen, die glauben, tiefer als zu Zeiten des Daily-Talk-Booms könne das Fernsehen nicht mehr sinken. Das gelingt ihnen vortrefflich – mit dem kleinen Unterschied, dass RTL am Schluss seiner schlecht geschauspielerten Realitätsinszenierungen zumindest einblendet, das Publikum in die Irre geführt zu haben, und Pro Sieben nicht mal das zugeben mag. Nein, halt – richtig muss es heißen: bisher nicht zugeben mochte. Denn seit dieser Woche steht im Abspann der „Reality Affairs“ (die momentan eine dreiste Kopie des RTL-Erfolgs „Die Schulermittler“ sind):

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Screenshot: Pro Sieben

(Falls Sie’s nicht lesen können, da steht: „Alle Personen und Handlungen sind frei erfunden.“)

Pro-Sieben-Sprecher Christoph Körfer erklärt auf Nachfrage, dass es sich dabei um einen Test handele. In dieser und in der nächsten Woche experimentiere man mit geskripteten Fällen. Die Geschichte der „Hure Trixie“ sei jedoch echt gewesen. Körfer sagt:

„Trixie hat ein unglaubliches Leben, wir begleiten sie schon seit Jahren. Sie wird jetzt Moderatorin bei TV Berlin.“

Das war am vergangenen Freitag ebenfalls in „Reality Affairs“ zu sehen, und ob dieser Job als „Erotik-Reporterin“ beim (tatsächlich existierenden) Lokalsender TV Berlin nun echt ist oder auch bloß Fake, hat uns der per Email kontaktierte TV-Berlin-Chef-vom-Dienst Egon Huschitt bisher noch nicht beantwortet. Andererseits ist’s ja eigentlich auch wurscht, Sie müssen sich nur raussuchen, wem Sie nun eher glauben möchten: Pro-Sieben-Mann Körfer, der für die bisherige Echtheit der Nachmittagsgeschichten eintritt – oder doch eher der „Hure Trixie“, die in „Reality Affairs“ vor Freude über ihren neuen Job schon auf den Punkt brachte, worum es beim Fernsehen geht:

„Das ist ja alles ein großes Spiel. Es ist gar nichts mehr echt. Ich bin auch ein Teil dieses Spiels. Ich bin eine Rolle.“


15 Lesermeinungen

  1. Hatte Pro Sieben damals mit...
    Hatte Pro Sieben damals mit der „Abschlussklasse“ nicht mit diesem ganzen geskripteten Mist angefangen – natürlich ohne zu erwähnen, dass das alles gar nicht real war?

  2. Noch viel erschreckender finde...
    Noch viel erschreckender finde ich, dass ich schon Leute gehört habe, die wirklich so reden. Ohne Kamera. Grauenvoll.
    (Da Oben in deinem Text steht einmal versehentlich, Trixie habe gerade etwas „gesagt bekommt“.)

  3. Aber anscheinend gibt es ja...
    Aber anscheinend gibt es ja noch genug Leute die das wirklich gucken. Solange das so bleibt, wird man warscheinlich weiter ausloten wie tief man wirklich in Sachen Budget und Niveau gehen kann. Wobei man dafür auch wieder eine gewisse Kreativität bräuchte, denn ich wüsste spontan nicht wie man es noch schlechter und belangloser machen könnte.

  4. Kann mich wer erschiessen,...
    Kann mich wer erschiessen, möglichst bald bitte!?

  5. Unglaublich. Ich glaube Ihnen...
    Unglaublich. Ich glaube Ihnen das nicht, Herr Schader. Solche Sendungen gibt es nicht! Das haben Sie in irgendeinem kruden Moment erfunden, um uns hier zu belustigen. Ich gehe nun und schaue mir „Zur Person“ mit Hr. Gaus an.

  6. Du glaubst ja garnicht, was...
    Du glaubst ja garnicht, was für ein Mitleid ich mit Leuten habe, die sich intelligenzbeleidigenden Quatsch wie diesen aus beruflichen Gründen ansehen *müssen*…

  7. Ach, das ist doch...
    Ach, das ist doch Joker-Productions.. die mit dem fiesen Smiley 😉
    https://www.stefan-niggemeier.de/blog/fernsehalltag-2009/

  8. @nona: Ich *muss* ja nicht, es...
    @nona: Ich *muss* ja nicht, es ergibt sich bloß.

  9. Bedanken wir uns bei den...
    Bedanken wir uns bei den vielen Emanzipierten (oder auch nicht Emazipierten) Frauen in diesem Land, die wohl 95% der Zuschauerschaft solcher Formate darstellen und auch am Kiosk dafür sorgen das die Welt sich weiter mit dummen Geschichten, Fakes und Lügengebilden Tag für Tag weiter dreht.

  10. Ich glaube, Ihr seht das alle...
    Ich glaube, Ihr seht das alle vom falschen Standpunkt aus. Ich bezeichne die Tatsache solcher Formate schlicht als „Beste-Freundinnen-Pinzip“. Dabei sucht sich eine vermeintlich attraktive Frau (oder nennen wir Sie dem Niveau der Sendung entsprechend „Tussie“) mindestens 2 Freundinnen – diese werden aber rein nach dem Aussehen und ggf. der nicht vorhandenen Intelligenz gewählt um dann gemeinschaftlich umher zu ziehen. Effekt: Die vermeintlich schöne Tussie wirkt jetzt noch schöner, noch intelligenter, quasi als „Königin“ neben dem Fussvolk.
    Und nichts anderes sind die gern angeprangerten Formate. Sie sollen das restliche Programm drum herum einfach nur aufwerten. So betrachtet ergibt alles eine harmonisch, in sich geschlossene Logik moderner Medienpsychologie.
    OHMMMMMM!

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