Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Es gibt nichts zu sehen, bitte gehen Sie weiter: Die "MTV Europe Music Awards" in Berlin

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Am Donnerstag feierte MTV in Berlin seine "Europe Music Awards", die klinisch-perfekte Inszenierung einer Preisverleihung, in der jede Spontaneität einer Katastrophe gleich gekommen wäre und die die Stadt für denselben Zweck benutzte wie das Publikum in der Halle: als Kulisse, auf die es nicht weiter ankam. Das Fernsehblog hat mitprotokolliert.

Am Donnerstag feierte MTV in Berlin seine „Europe Music Awards“, die klinisch-perfekte Inszenierung einer Preisverleihung, in der jede Spontaneität einer Katastrophe gleich gekommen wäre und die Stadt zwanzig Jahre nach dem Mauerfall für denselben Zweck benutzte wie das Publikum in der Halle vor Ort: als Kulisse, auf die es nicht weiter ankam, in einer Halle, die für sich als „eine der modernsten Multifunktionsarenen der Welt“ wirbt. Genauso war der Abend dann auch.

19.29 Uhr: Die Tram M10 Richtung Warschauer Straße ist voller Mädchen mit extrem rotem Lippenstift.

19.48 Uhr: Vor der Arena spielt eine Band auf einem Truck „What is love?“ von Haddaway. Äh: Falsche Veranstaltung? Mit Edding haben weibliche Fans Liebesbekundungen für ihre Stars auf aufgeblasene Kondome geschrieben, leider sehr unleserlich. Weil es aber gar keinen roten Teppich gibt, ziehen sie enttäuscht wieder ab. Die Schlange vor dem Wagen von Getränke Nordmann, „Fachgroßhandel seit 1908“, ist sehr übersichtlich. Es wird Hasseröder ausgeschenkt.

20.14 Uhr: Drinnen in der Halle muss Annemarie Eilfeld dringend mal telefonieren. Ist man eigentlich als Ex-„DSDS“-Kandidat automatisch dazu verdammt, sein Leben lang auf solchen Veranstaltungen rumzuhängen? Dieter Gorny ist ohne Dreitagebart kaum zu erkennen, erklärt seinem Gesprächspartner aber „die Branche“. „Scooter“-Sänger Schreihals H.P. Baxxter lässt sich geduldig von und mit leicht untersetzten Frauen fotografieren. An der „EMA-Bar“ gibt es flüssige Sponsoren zu trinken:

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Geduldig füllt ein Mann mit Pferdeschwanz vor einer stillgelegten Zapfanlage Bier aus 0,33-Liter-Flaschen in Plastikbecher, die aussehen wie Cocktailgläser.

20.55 Uhr: Der Innenraum füllt sich langsam. Auf der mittleren Bühne versucht ein Warm-Upper, der wie der kleine Bruder von Bono aussieht, die Leute zum Jubeln zu bringen. Ein Countdown, der die Zeit bis zum Beginn der Show rückwärts zählen soll, endet drei Minuten vor Beginn der Show.

21.01 Uhr: „Get up, you damn motherfuckers“, begrüßt Green-Day-Frontmann Billie Joe Armstrong das Publikum und wirft sich so irre in die Menge als bekäme er von MTV einen Bonus für jeden einzelnen blauen Fleck. Die „Europe Music Awards“ sind auf Sendung, in der Halle sorgen die Ankündigungen von Tokio Hotel und David Hasselhoff für die lautesten Kreischer. Moderatorin Katy Perry eröffnet mit einer Art Medley im ersten von geschätzt hundertsechzig Kostümen, die sie in den kommenden zweieinhalb Stunden anziehen muss.

21.12 Uhr: Unten in der Menge hat eine Gruppe junger Leute Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit auf seinem Rangplatz entdeckt, sie reißen vier Schilder mit den Buchstaben W, O, W und I in die Höhe und rufen laut: „Wowi“! Wowereit bleibt cool.

21.14 Uhr: U2 werden als „Best Live Act“ ausgezeichnet, Bono bedankt sich erstaunlich lustlos, wahrscheinlich laufen draußen schon die Rotoren Turbinen seines Jets.

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21.29 Uhr: Zwanzig Jahre nach seinem größten Erfolg gibt David Hasselhoff als Laudator der Kategorie „Best Rock“ eine Kostprobe seines übriggebliebenen Deutschs: „Geht’s gut? Wie geht’s? Gut?“

21.33 Uhr: Jay-Z’s großer Auftritt. Auf die weiße Bühne werden New Yorker Wolkenkratzer und Straßenschluchten projiziert. Gerade war schon Beyoncé da, gleich kommen noch Shakira und Leona Lewis. Die Bühne und das Licht sind toll, aber warum heißt diese Show noch mal „Europe Music Awards“? Die Kollegin von der „Bunten“ beschäftigen nebenan ganz andere drängende Fragen, unter anderem: Wer ist die hübsche Asiatin an Jay-Z’s Seite?

21.54 Uhr: Eine Reihe weiter nippt Wowi am Sekt und wippt mit dem Fuß zu den Foo Fighters, was gar nicht so leicht ist, wenn man das mal nachzumachen versucht.

21.56 Uhr: Katy Perry erklärt, was sie an Berlin so mag: „It’s a cool party city with wonderful people“ – ja, besser kann man diese Stadt wohl kaum charakterisieren. Dann läuft der erste Teil des U2-Konzerts, das am Abend vor dem Brandenburger Tor aufgezeichnet wurde, und zu dem MTV später am Abend noch eine Erklärung veröffentlichen muss, weil sich die Leute im Netz über den Sichtschutz mokieren, die der Sender aufbauen ließ: MTV baut in Berlin die Mauer wieder auf, spotten die User. MTV erklärt: Niemand habe die Absicht gehabt, eine Mauer zu bauen. („Under no circumstances did MTV build a ‚wall‘ of any kind in or around the U2 production site.“) Es habe sich lediglich um einen „temporary security fence“ gehandelt. Hat die Regierung der DDR damals vermutlich ähnlich gesehen.

22.15 Uhr: Eminem wird bester männlicher Künstler, ist aber (genauso wie Lady Gaga) nicht da und hat sich für seine Videobotschaft offensichtlich mit einem Gurkenglas einen eigenen Award gebastelt. In der Pause laufen auf den Videoleinwänden die in den jeweiligen europäischen Ländern bepreisten Künstler im Schnelldurchlauf. Wer das alles ist? Ach, egal. MTV jedenfalls.

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22.30 Uhr: Als Tokio Hotel auf die Bühne kommen, ist im Innenraum der Teufel los. Die Kollegin von der britischen Presse blättert irritiert in ihrem Programmheft, um herauszufinden, wer die Teenager mit den lustigen Frisuren sind, die gerade ihr Equipment abfackeln.

22.35 Uhr: Ein völlig aufgekratzter und wild frisierter Matthias Schweighöfer kündigt „mit die geilste Band Deutschlands“ an, aber dann kommen doch nur Silbermond, die „Best German Act“ werden und sich nach neunzehn Sekunden selbst wieder von der Bühne komplimentieren. Naja, wenigstens war die Anreise nicht so arg weit.

22.59 Uhr: In den oberen Rängen sind die ersten Leute eingeschlafen, trotz Wodka mit Wild-Berry-Dings. Draußen an der Bar meckert ein ins Gespräch vertiefter Mann seinen Kumpel an: „Jetzt mal nix gegen Queensberry!“ Schweppesrausch? Na gut, dann eben doch: Einmal das fliederfarbene Getränk, in dem genau abgezählt eine Himbeere und eine Blaubeere schwimmen bitte. Schmeckt aber so wie es aussieht: wie in Springfield aus dem Atomkraftwerk gelaufen.

23.11 Uhr: Beyoncé sieht fast ein bisschen genervt aus, dass sie jetzt schon zum dritten Mal auf die Bühne muss, um einen Award entgegenzunehmen. Draußen wird die Schlange an der Garderobe länger.

23.16 Uhr: Super-Idee, so eine Show mit einem aufgezeichneten Video vom Brandenburger Tor zu beschließen, da können die Leute in der Halle schon mal den Weg nach draußen suchen, von ihnen verabschieden wird sich hier ja sowieso keiner mehr. Jetzt braucht sie ja auch keiner mehr. Vielleicht ist Katy Perry aber auch beim Kostümwechsel in ihrer letzten Klamotte stecken geblieben. Kurz darauf haben U2 auf der Videoleinwand „Bloody Sunday“ zu Ende gespielt, Schwarzbild, das Licht in der Halle geht an. Bitte gehen Sie jetzt.

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23.32 Uhr: Auf dem balkonesken Vorsprung im ersten Stock werden die letzten Becher geleert. Eine junge Frau fragt: „Schöfferhofer Eiskristall? Ich hab noch neun in meiner Tasche.“ Nein, danke. Durchsichtiges Weizen ist mir unheimlich.“Es gibt bestimmt noch Leute, die das mögen“, motzt sie und zieht beleidigt ab. Vor der Arena stehen blonde Damen, die Schilder in Sternform hochhalten (siehe Foto oben), auf denen steht: „Follow the stars“. Zur Aftershowparty, die bestimmt vor Stars nur so wimmelt.

23.40 Uhr: Über dem Ausgang steht: „Giving the world a reason to cheer.“ Aber nicht mehr heute Abend.

Fotos: Das Fernsehblog


16 Lesermeinungen

  1. War nicht so, wa?...
    War nicht so, wa?

  2. Ich hab in Erinnerung (letzte...
    Ich hab in Erinnerung (letzte Nacht im Radio gehört?) dass der Hasselhoff sturzbetrunken auf der Bühne war?!?

  3. Alles sehr interessant....
    Alles sehr interessant. „Rotoren“ haben allerdings nur Hubschrauber, ein Jet wird von Turbinen angetrieben.

  4. @Jeeves: Hat man vom Rang aus...
    @Jeeves: Hat man vom Rang aus nicht riechen können.
    @Sandrine Haupt: Na gut. Danke.

  5. "MTV baut in Berlin die Mauer...
    „MTV baut in Berlin die Mauer wieder auf, spotten die User. MTV erklärt: Niemand habe die Absicht gehabt, eine Mauer zu bauen.“
    Herrlich

  6. Myspace killed the Mtv star....
    Myspace killed the Mtv star. Aber irgendwie auch nicht schade drum. Pop is over, whats next?

  7. Ich mag's ja gern zynisch,...
    Ich mag’s ja gern zynisch, aber mal ehrlich:
    Du warst auf dem Set einer TV-Produktion.. was soll denn da passieren, Deiner Meinung nach? Selbst beim Dreh von Die Hard 4.0 passiert doch größtenteils ’nix‘.
    Wir gemeines Fußvolk, europäisches, werden jedenfalls in den kommenden 6-10 Wochen in heavy-rotation (Turbine? Propeller?) sämtlich Auf- und Danebentritte auf ZappelTV besichtigen können.
    Typisch mal wieder, dass nur ein altes Circuspferd wie Hasselhoff es schaffte, ein bischen Skandälchen zu erzeugen.. hätt‘ ja fürs Jungvolk wenigstens Kotzen können.. das war SO zu subtil, David! Sieht man ja nix bei YouTube….

  8. Na ja, diese ganzen...
    Na ja, diese ganzen MTV-Awards, egal, ob Video oder Europe, werden ja schon seit Jahren immer öder und irrelevanter. Früher waren das noch sehenswerte Shows mit echten Highlights, man denke nur an Nirvana bei den VMAs ’93, heute ist es wirklich nur noch aalglatter, extrem amerikanischer 0815-Glamour. Zumal es eh fragwürdig ist, wozu wir noch EUROPE Music Awards brauchen, wenn dort größtenteils eh nur die üblichen verdächtigen Ami-Künstler auftreten und ausgezeichnet werden. Meines Erachtens alles ziemlich überflüssig und wäre kein Verlust, wenn es abgeschafft wird.
    Btw. Wie wird das eigentlich finanziert? Da MTV ja ein Privatsender ist, werden dafür doch hoffentlich wenigstens keine öffentlichen Gelder verbraten, oder?

  9. Also wenn ich die EMAs in...
    Also wenn ich die EMAs in Deutschland mit denen aus anderen Ländern vergleiche hab ich immer das Gefühl, dass das deutsche Publikum weniger begeisterungsfähig ist. Viele Witze werden anscheinend nicht verstanden… (vielleicht sind sie aber auch nicht so gut). Umso erstaunlicher, dass die EMAs hier nun schon zum vierten Mal stattfanden.

  10. @Torsten: Ich würd mal stark...
    @Torsten: Ich würd mal stark vermuten, dass die drölfzig Sponsoren mit der Finanzierung zu tun haben könnten.
    @Andreas (den anderen): Ich würd mal stark vermuten, dass man dort so eine Show ansiedelt, wo es auch genügend Sponsoren dafür gibt. Oder eine geeignete Location. Oder Leute, die sich für sowas überhaupt noch interessieren, bzw. sich noch daran erinnern können, dass das M in MTV mal für Musik stand.
    Natürlich sind das nur Vermutungen.
    Andreas

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