Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Kleine Werbekritik: Von Geisterfahrern und Windows-Nutzern

| 22 Lesermeinungen

Weil die Sender angesichts des schwierigen Werbemarkts besonders flexibel sein wollen, werden auch im letzten Eckchen des Bildschirms noch Produktbotschaften untergebracht. Sat.1 wirbt in einem Imagetrailer für eine Automarke, Vox verkauft sogar seine Werbetrenner. Besonders innovativ ist das selten. Dabei gibt es löbliche Ausnahmen.

Wenn bei privaten Fernsehsendern von der Entwicklung „individueller Sonderwerbeformen“ die Rede ist, dann bedeutet das meistens: Die Werbung rückt näher ans eigentliche Programm ran (im nächsten Jahr darf sie dann ja sogar direkt darin vorkommen). Zum einen, weil die Werbekunden sich nicht mehr nur darauf verlassen wollen, ihre Spots in siebenminütigen Werbeblocks zu versenken, und zum anderen, weil die Sender in der Krise angesichts des schwierigen Werbemarkts besonders flexibel sein müssen.

Sat.1 hat am Donnerstagabend zum ersten Mal Werbung in einem Imagetrailer untergebracht. Darin ist zu sehen, wie sich vor drei Sat.1-Moderatorinnen in Abendgarderobe ein roter Teppich ausrollt, auf dem sie im Blitzlichtgewitter stehen, weil kein Wagen da ist, um sie abzuholen. Plötzlich verlagert sich die Aufmerksamkeit der Fotografen: Der neue BMX X1 fährt vor, jemand öffnet die Tür, dann fährt der Wagen weiter. Ohne dass die Sat.1-Moderatorinnen drin sitzen. Keine Ahnung, wieso sich BMW das aufschwatzen hat lassen, aber: In dieser Mischung aus Werbung und Trailer passt wirklich nichts zusammen. Die Atmosphäre ist kühl, die Musik wird abrupt unterbrochen, als der Wagen im Bild auftaucht und das BMW-Pochen eingespielt werden muss – und in der Totalen ist im Wagen ein Fahrer zu sehen, der, als sich in der Nahaufnahme die Tür öffnet, plötzlich verschwunden ist.

Bild zu: Kleine Werbekritik: Von Geisterfahrern und Windows-Nutzern
Screenshots: Sat.1

Was wollen Sat.1 und BMWuns damit sagen? Dass der X1 immer zu spät kommt? Dass der Wagen auch von Geisterhand gefahren werden kann? Dass Sat.1-Moderatorinnen besser mit dem Taxi nachhause fahren sollten? Oder vielleicht doch bloß, dass im privaten Fernsehen jetzt auch das letzte Eckchen freigeräumt werden muss, um dort krampfhaft Werbung unterzubringen?

Auch Vox experimentiert. Im Werbetrenner zu „Prominent!“ am Sonntagabend wurde neulich die rote Vox-Kugel durch ein Nivea-Produkt ersetzt, das auf den Zuschauer zuraste, bevor der Werbeblock im Anschluss mit dem klassischen Nivea-Spot begann.

Bild zu: Kleine Werbekritik: Von Geisterfahrern und Windows-Nutzern
Screenshots: Vox

Das alles wirkt allerdings weniger innovativ als aufgesetzt (und im Fall von Vox sogar ziemlich stümperhaft umgesetzt). Dabei lässt sich durchaus mit modernen Werbeformen experimentieren. Ein schönes Beispiel ist die Idee von Microsoft, für sein neues Betriebssystem zwischen den beiden Doppelfolgen von „Stromberg“ zu werben. Nach dem Abspann der ersten „Stromberg“-Folge ist unmittelbar im Anschluss Ensemblemitglied Ernie im Bild und versucht den Telefonhörer abzuheben, den ihm die Kollegen aber am Apparat festgeklebt haben. Als er dann auf dem Handy angerufen und nach Dokumenten am PC gefragt wird, wendet er sich kurz ans Publikum, dreht den Bildschirm zur Kamera und sagt:

„Hier, das wär vielleicht für euch auch ganz interessant, oder? Bei Windows 7, da kann man jetzt parallel in zwei Dokumenten – und dann einfach von einem flubbediwubbedi ins andere rüber.“ (Video)

Bild zu: Kleine Werbekritik: Von Geisterfahrern und Windows-Nutzern
Screenshots: Pro Sieben

Für einen Moment ist Ernie rundum zufrieden, weil er seine Arbeit so schnell erledigen kann und dafür am Telefon gelobt wird – bis er entdeckt, dass ihm die Kollegen Pudding auf seine „Extrasocken“ in der Schublade geschmiert haben.

Das ist angenehm unaufdringlich, vor allem, weil Ernie keine geschliffene Werbebotschaft aufsagen muss, sondern ein neues Feature des Produkts so flubbediwubbedi in seiner ganz eigenen Sprache erwähnt. Der Spot ist im Bild als „Dauerwerbesendung“ gekennzeichnet. Dann geht es weiter mit „Stromberg“. Mag sein, dass das eine verhältnismäßig aufwändige Art ist, Werbung zu machen (insgesamt scheint es sechs Varianten zu geben), die darüber hinaus nicht besonders oft einsetzbar sein wird, aber vielleicht deshalb auch lange nicht so nervt wie man das sonst aus dem Fernsehen kennt.

Nachtrag, 17. November: In „epd medien“ ist Markus Ridder übrigens ganz anderer Meinung und bezeichnet die Windows-Werbung als „Werbeterrorattacke“. (Die Anmerkung, „Stromberg“ würde „mit allerlei ‚Sonderwerbeformen‘ zugekleistert“, ist aber wohl in Rage geschrieben, denn Herbsts Auftritt für RWE, auf den er sich bezieht, ist bloß ein regulärer Werbespot.)


22 Lesermeinungen

  1. Das Privatfernsehen will Geld...
    Das Privatfernsehen will Geld verdienen, sollen sie doch – ist ihr gutes Recht, wär schön wenn sie die zusätzlichen Einnahmen, wenn denn welche generiert werden, in die Budgets ihrer Eigenproduktionen stecken würden……bei drei lachen wir alle.

  2. Zur ersten Werbung: Da passt...
    Zur ersten Werbung: Da passt noch etwas nicht. Seit wann hat Sat.1 Moderatorinnen, und dann noch 3 davon?
    Zur letzten: Ernie ist wirklich ein glaubwürdiger Werbeträger für Microsoft: In der aktuellen Staffel ist er am Anfang völlig apathisch, redet mit sich selbst und versucht sich umzubringen. Vermutlich hat er zuvor Windows 7 installiert.

  3. Die Windows-Werbung mit Ernie...
    Die Windows-Werbung mit Ernie ist fast das Witzigste an der bislang eher mauen neuen Stromberg-Staffel.
    Übrigens fehlt im dritten Absatz ein Leerzeichen zwischen „BMW“ und „uns“.

  4. Hi,

    auch wenn die Werbung mit...
    Hi,
    auch wenn die Werbung mit Ernie durchaus innovativ ist, bin ich mir nicht sicher, ob Microsoft bewußt war, daß ihre neue Werbe-Ikone gleich zu Beginn der Staffel eine Depression bekommt und einen Selbstmordversuch unternimmt?

  5. Man mag ja über Windows bzw....
    Man mag ja über Windows bzw. Microsoft im Allgemeinen sagen was man will, aber diese Kampagne bei Stromberg ist wirklich genial, weil sie einfach genau in den Kontext passt. Einer der wenigen Augenblicke wo man mal für Werbung nicht wegschaltet..

  6. Dann sind wir uns ja heute mal...
    Dann sind wir uns ja heute mal einig, sowas mag ich nämlich auch. Und genau deshalb störe ich mich auch immer an zu starren Vorschriften darüber, wie man Werbung machen darf, und wie nicht.
    Dass es auch mit mehr Freiheit weiterhin doofe und nervige Werbung geben wird, ist natürlich klar. Aber immerhin gibt es vielleicht ein paar mehr solche Lichtblicke wie den Windows-Spot mit Ernie.

  7. <p>@Muriel: Dieses Argument...
    @Muriel: Dieses Argument läuft aber nun total ins Leere – weil hier ja alles korrekt gekennzeichnet ist („Werbesendung“ hätte vermutlich auch gereicht) und trotz der „starren Vorschriften“ was Originelles rausgekommen ist. Vielleicht liegt’s also gar nicht an den Vorschriften, dass Werbung sonst so doof ist. Sondern daran, dass den Werbern wenig einfällt.
    @Stefan: Stimmt, als „Imagetrailer“ ist das wirklich nur für Eingeweihte zu erkennen.

  8. Hab den...
    Hab den Ernie-Windows-Mischmasch gesehen und fand es einfach nur extrem peinlich. Bei „da kann man jetzt“ mußte ich dann wegzappen. Dann lieber Nivea-Vox-Kugeln, da weiß ich und der Sender ganz offen, daß ich jetzt verarscht werde.

  9. Zum Glück ist man ja nicht...
    Zum Glück ist man ja nicht gezwungen, sich diese Sender live ansehen zu müssen. Mir geht dieses Werbegedudel so auf den Geist, dass ich, wenn überhaupt, die Privaten nur zeitversetzt über die Festplatte sehe, immer mit der Fernbedienung im Anschlag. Mir ist meine freie Zeit viel zu schade, sie mit dem Glotzen von Werbung zu verbringen. Sollte wegen Leuten wie mir jetzt die Werbung ins Programm eingeflochten werden, lasse ich es ganz. Wenn dann noch versucht werden sollte, für HD-Empfang extra zu kassieren, hebt sich die Branche ihr eigenes Grab aus.
    Der Sat1/BMW-Spot zeigt, wie betriebsblind man werden kann. Die verantwortlichen werden sehr stolz auf diese Idee gewesen sein. So stolz, dass ihnen geflissentlich entgangen ist, ein Stück Satire produziert zu haben.

  10. Ach ja, den (dämlichen)...
    Ach ja, den (dämlichen) Spruch „Colour your live“ in diesem kalten Blau-Grau zu präsentieren, ist auch schon ein Stirnrunzeln wert.

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