Das Fernsehblog

Kleine Werbekritik: Von Geisterfahrern und Windows-Nutzern

Wenn bei privaten Fernsehsendern von der Entwicklung „individueller Sonderwerbeformen“ die Rede ist, dann bedeutet das meistens: Die Werbung rückt näher ans eigentliche Programm ran (im nächsten Jahr darf sie dann ja sogar direkt darin vorkommen). Zum einen, weil die Werbekunden sich nicht mehr nur darauf verlassen wollen, ihre Spots in siebenminütigen Werbeblocks zu versenken, und zum anderen, weil die Sender in der Krise angesichts des schwierigen Werbemarkts besonders flexibel sein müssen.

Sat.1 hat am Donnerstagabend zum ersten Mal Werbung in einem Imagetrailer untergebracht. Darin ist zu sehen, wie sich vor drei Sat.1-Moderatorinnen in Abendgarderobe ein roter Teppich ausrollt, auf dem sie im Blitzlichtgewitter stehen, weil kein Wagen da ist, um sie abzuholen. Plötzlich verlagert sich die Aufmerksamkeit der Fotografen: Der neue BMX X1 fährt vor, jemand öffnet die Tür, dann fährt der Wagen weiter. Ohne dass die Sat.1-Moderatorinnen drin sitzen. Keine Ahnung, wieso sich BMW das aufschwatzen hat lassen, aber: In dieser Mischung aus Werbung und Trailer passt wirklich nichts zusammen. Die Atmosphäre ist kühl, die Musik wird abrupt unterbrochen, als der Wagen im Bild auftaucht und das BMW-Pochen eingespielt werden muss – und in der Totalen ist im Wagen ein Fahrer zu sehen, der, als sich in der Nahaufnahme die Tür öffnet, plötzlich verschwunden ist.


Screenshots: Sat.1

Was wollen Sat.1 und BMWuns damit sagen? Dass der X1 immer zu spät kommt? Dass der Wagen auch von Geisterhand gefahren werden kann? Dass Sat.1-Moderatorinnen besser mit dem Taxi nachhause fahren sollten? Oder vielleicht doch bloß, dass im privaten Fernsehen jetzt auch das letzte Eckchen freigeräumt werden muss, um dort krampfhaft Werbung unterzubringen?

Auch Vox experimentiert. Im Werbetrenner zu „Prominent!“ am Sonntagabend wurde neulich die rote Vox-Kugel durch ein Nivea-Produkt ersetzt, das auf den Zuschauer zuraste, bevor der Werbeblock im Anschluss mit dem klassischen Nivea-Spot begann.


Screenshots: Vox

Das alles wirkt allerdings weniger innovativ als aufgesetzt (und im Fall von Vox sogar ziemlich stümperhaft umgesetzt). Dabei lässt sich durchaus mit modernen Werbeformen experimentieren. Ein schönes Beispiel ist die Idee von Microsoft, für sein neues Betriebssystem zwischen den beiden Doppelfolgen von „Stromberg“ zu werben. Nach dem Abspann der ersten „Stromberg“-Folge ist unmittelbar im Anschluss Ensemblemitglied Ernie im Bild und versucht den Telefonhörer abzuheben, den ihm die Kollegen aber am Apparat festgeklebt haben. Als er dann auf dem Handy angerufen und nach Dokumenten am PC gefragt wird, wendet er sich kurz ans Publikum, dreht den Bildschirm zur Kamera und sagt:

„Hier, das wär vielleicht für euch auch ganz interessant, oder? Bei Windows 7, da kann man jetzt parallel in zwei Dokumenten – und dann einfach von einem flubbediwubbedi ins andere rüber.“ (Video)


Screenshots: Pro Sieben

Für einen Moment ist Ernie rundum zufrieden, weil er seine Arbeit so schnell erledigen kann und dafür am Telefon gelobt wird – bis er entdeckt, dass ihm die Kollegen Pudding auf seine „Extrasocken“ in der Schublade geschmiert haben.

Das ist angenehm unaufdringlich, vor allem, weil Ernie keine geschliffene Werbebotschaft aufsagen muss, sondern ein neues Feature des Produkts so flubbediwubbedi in seiner ganz eigenen Sprache erwähnt. Der Spot ist im Bild als „Dauerwerbesendung“ gekennzeichnet. Dann geht es weiter mit „Stromberg“. Mag sein, dass das eine verhältnismäßig aufwändige Art ist, Werbung zu machen (insgesamt scheint es sechs Varianten zu geben), die darüber hinaus nicht besonders oft einsetzbar sein wird, aber vielleicht deshalb auch lange nicht so nervt wie man das sonst aus dem Fernsehen kennt.

Nachtrag, 17. November: In „epd medien“ ist Markus Ridder übrigens ganz anderer Meinung und bezeichnet die Windows-Werbung als „Werbeterrorattacke“. (Die Anmerkung, „Stromberg“ würde „mit allerlei ‚Sonderwerbeformen‘ zugekleistert“, ist aber wohl in Rage geschrieben, denn Herbsts Auftritt für RWE, auf den er sich bezieht, ist bloß ein regulärer Werbespot.)

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