Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Die "Popstars"-Offenbarung: Wie Pro Sieben sein Publikum betrügt

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So schamlos hat sich bisher noch kein Sender getraut, seine Zuschauer zu melken: Das "Popstars"-Halbfinale am Dienstagabend endete unter lauten Buh-Rufen, weil sich Pro Sieben nicht zu schade dafür war, sein Publikum und die Kandidaten über zwei Stunden an der Nase herumzuführen.

„Wir machen es heute ausnahmsweise schnell“, hat Detlev D! Soost am Dienstagabend auf der Bühne in der Arena Oberhausen versprochen, als er den Umschlag mit dem Zettel öffnete, auf dem das Ergebnis des Zuschauervotings stand, und er dem Kandidaten-Duo Elif und Nik verkündete: Ihr seid im Finale!

Und während die beiden, die sich in den vergangenen Monaten durch die Pro-Sieben-Castingshow „Popstars“ bis zu diesem Punkt gekämpft hatten, vor Freude ausrasteten, flossen bei den anderen beiden Paaren schon die Tränen. Weil nur noch ein Duo weiterkommen würde. Im Hintergrund auf der großen Videoleinwand waren die Voting-Balken eingeblendet, noch ohne konkrete Ergebnisse. Zu erkennen war nur: Die Entscheidung des Publikums musste denkbar knapp ausgefallen sein.

Bild zu: Die "Popstars"-Offenbarung: Wie Pro Sieben sein Publikum betrügt
Screenshot: Pro Sieben

Dann kam der große Moment. Der Moment, in dem die Moderatoren Charlotte Engelhardt und Giovanni Zarrella den Kandidaten, dem Publikum in der Arena und den Zuschauern zuhause, die sie über zwei Stunden permanent aufgefordert hatten, für ihre Favoriten anzurufen, eröffneten – dass Pro Sieben sich einen großen Spaß auf ihre Kosten erlaubt hatte. Im wahrsten Sinne des Wortes.

„Passt auf, ihr müsst nicht weinen, denn wir haben eine große Überraschung für euch“, erklärte Engelhardt. „Heute abend fliegt niemand raus! Das Voting geht weiter!“ Und Zarrella sagte, bereits unter lauten Buh-Rufen des Publikums in der Halle: „Liebe Zuschauer, (…) wir geben Ihnen zuhause noch die Möglichkeit, 46 Stunden anzurufen. Bis zum Tag des Finales. Es ist fair gemeint.“ (Video auf Youtube ansehen.)

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Screenshot: Pro Sieben

Aber das war nun wirklich der größte Quatsch, den Pro Sieben sich seit langem über den Sender zu schicken traute. Mit Fairness hatte das, was am Dienstagabend im Halbfinale der diesjährigen „Popstars“-Staffel passiert ist, nun wirklich nichts zu tun. Es war stattdessen ein Moment, in dem ein Sender endgültig offenbarte, wie egal ihm seine Zuschauer sind, die er nur braucht, um auf ihrer Telefonrechnung aufzutauchen. In der zweistündigen Liveshow waren sich die Moderatoren Zarrella und Engelhardt nicht zu schade dafür, wiederholt zu erklären, dass am Ende feststünde, welche beiden Paare am Donnerstag im Finale gegeneinander antreten werden. „Gleich gibt’s für Sie zuhause die Entscheidung. Wir machen eine kleine Unterbrechung“, hatte Zarrella noch vor der letzten Werbepause gesagt. Und nach einem Countdown bis zur Schließung der Telefonleitungen: „Für heute ist die Entscheidung gefallen.“ Engelhardt hatte den nervösen Kandidaten versichert: „Ihr seid jetzt so nah dran ins Finale einzuziehen. Auf der anderen Seite seid ihr so nah dran rauszufliegen.“

Aber das war gelogen. Wer im Finale antritt, will Pro Sieben erst am Donnerstag verraten. Und bis dahin noch ein bisschen mehr Geld mit kostenpflichtigen Anrufen zu je 50 Cent verdienen.

Bereits davor war zu ahnen, was der eigentliche Zweck dieses Halbfinales gewesen sein muss, das erstmals in der „Popstars“-Geschichte mit einem solchen Aufwand live veranstaltet wurde. Pro Sieben hatte die komplette Show an den Kooperationspartner Disney verhökert, dem vor kurzem bereits ein ganzer „Disney Day“ gewidmet wurde.

Die Teilnehmer mussten ausnahmslos Songs aus Disney-Filmen singen. Ein Paar versuchte sich am Titellied des neuen Disney-Trickfilms „Küss den Frosch“, der zufällig einen Tag zuvor Deutschland-Premiere hatte, von der in einem eigenen Beitrag berichtet wurde, was sich hübsch mit dem Singlespot für denselben Film zwischendrin ergänzte, den Spots in der Werbepause für andere Disney-Produkte und den „Pro Sieben Entertainment-Tipps“ für – genau: Disney-Produkte. Den Sendungstitel taufte der Sender passenderweise in „Popstars meets Disney“ um. (Und warb zwischendurch noch fürs eigene Merchandising.)

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Screenshots: Pro Sieben

Es ist unfassbar schamlos, wie Pro Sieben seine Programmmarke durchkommerzialisiert hat, sich dabei einen Dreck um die Trennung von Werbung und Programm schert und bereitwillig riskiert, damit seine Zuschauer zu verprellen. Die Moderatoren hatten zum Schluss jedenfalls arge Mühe, gegen die Buh-Rufe aus der Halle anzukommen, während die beiden übrig gebliebenen Kandidatenduos fassungs- und regungslos daneben standen. Engelhardt entblödete sich nicht, noch zu scherzen: „Wir gehen lieber ganz schnell in Deckung.“ Und dann lief eben schnell der Abspann. Es war ein Abend, wie es ihn im deutschen Fernsehen noch nicht gegeben hat, mit einem selbst für die derzeitigen Verhältnisse im Privatfernsehen beispiellosen Mut, zu offenbaren, worum es in diesem Geschäft inzwischen ausschließlich geht. Längst nicht mehr darum, gutes Programm zu machen, nicht einmal mehr darum, seinen Fans treu zu bleiben, und ganz sicher nicht um einen angemessenen Umgang mit denen, die sich als potenzielles Vermarktungsobjekt zur Verfügung stellen.

Sondern einzig und allein um – Kohle.

Im Anschluss an „Popstars“ lief übrigens die „TV total Pokerstars.de Nacht“, zu der es vorher im Trailer geheißen hatte: „Wer geht leer aus? Und wer zockt alle ab?“ Aber diese Frage war nun wirklich schon lange vorher beantwortet.

 

Nachtrag: DWDL.de schreibt über die Quoten des Halbfinales: „Die Live-Show markierte ein neues Staffel-Tief und hielt sich gerade noch so im Senderschnitt.“


193 Lesermeinungen

  1. Mir kam es so vor, als hätte...
    Mir kam es so vor, als hätte die Redaktion erst in der Werbepause bemerkt zu wenig Geld eingenommen zu haben und auch erst dann die Moderatoren instruiert. Naja, was soll’s. Ist eh nur unbedeutendes Fernsehen …

  2. Sie sprechen ganz aus meinen...
    Sie sprechen ganz aus meinen Herzen.

  3. Darüberhinaus wundere ich...
    Darüberhinaus wundere ich mich über die grammatikalische Richtigkeit von „Popstars meets Disney“. Denn Popstars ist in meinen Ohren ein Plural und dann müßte es doch „Popstars meet Disney“ heißen, oder? *grübel*

  4. wie gut das ich um 9...
    wie gut das ich um 9 eingeschlafen bin.. fremdschämen incl. bei popstars!!!!

  5. Passender hätte man es...
    Passender hätte man es wirklich nicht ausdrücken können. Will nur noch kurz daran erinnen, dass die Taktik des Aufbauens eines Zeitdrucks für Pro7Sat1 schonmal sehr teuer wurde:
    https://www.alm.de/34.html?&tx_ttnews%5Btt_news%5D=553&tx_ttnews%5BbackPid%5D=1&cHash=8cf16a8d43

  6. Prima Artikel!
    Hätte ich...

    Prima Artikel!
    Hätte ich nicht besser schreiben können…
    Exakt genauso ging es mir auch!
    Unverschämtheit!!!!!

  7. Sehr gut geschrieben. Ich habe...
    Sehr gut geschrieben. Ich habe zwar nicht angerufen, aber geärgert habe ich mich trotzdem.
    Pro7 will in den 2 Tagen nochmal viel Geld einnehmen, für diese schlecht gelaufene Staffel und als alle gebuhhht haben, wurde schnell laut musik eingeschaltet.
    Eine schande!

  8. Sehr traurig alles....
    Sehr traurig alles.

  9. Danke, dass jemand endlich die...
    Danke, dass jemand endlich die Wahrheit über Pro7 und Popstars im allgemeine hier in Wort fasst.
    Es ist echt beschämend, was sich hier Pro7 geleistet hat, es war ja auch schon in den letzten 2 bis 4 Sendungen so, dass Irgendwie Pro7 meint, wenn man Unterbricht und nicht ganz alles verrät würde sicherlich mehr spannung erwartet und man kann mehr Publikum gewinnen für das Finale, oder für die Folgesendung, denn man weis ja das Ergebniss nicht vom Vorabend.
    Auf einem Weg, macht Pro7 nur das nach, was FOX und CBS in den Staaten schon seit 20 Jahren so machen, FOX hatte damit gar keinen Erfolg mit ausstrahlungen wie z.B Next Supermodel oder American Idol, nach der ersten Staffel mit dieser Methode wurde es sofort unterlassen.
    Bei Pro7 hätte ich das nie gedacht, aber man merkt, dass Die Sender in Europa versuchen an Geld zu kommen, Pro7 hat seit etwa 2005 30 bis 40 % mehr Werbung während Filme und Live Sendungen.
    Zum Telefonvoting, Dem Zuschauer wurden leere versprechungen gemacht, diese wurden nicht eingehalten, alle Zuschauer die anriefen damit Sie ein vom Fernsesender versprochenes Ergebniss erhalten, wurden Betrogen und ich würde dafür pledieren, dass man Pro7 anklagt und das alle Anrufende Ihr Geld sofort zurück kriegen. Dies ist nicht tragbar und sollte am Donnerstag von Pro7 bei Show beginn auch genannt werden wie auch sollte sich Pro7 dafür Öffentlich entschuldigen.
    Bei 1 million anrufer zu 0.5 Euro macht dies 500’000 Euro.
    Pro7 hat an einem solchen Tag zwischen 2.5 und 5 Millionen zuschauer, wen jeder davon nur 1x anruft sind dies zwischen 1.75 und 2.5 Millionen Euro die Pro7 einnimmt, da kommt noch Disney wo durch diese Sendung nochmals Millionen verdient, da nun Personen in genau dieser Zeit (Weihnachten) geschenke kauft, hmm, warum nicht Disney Filme. Das Sponsoring oder die Werbekosten belaufen sich hier auch in den Millionen zahlen.
    Alle Werbespots während einem solchen Live Event sind doppelt ausgestrahlt und kosten einiges mehr, auch da wieder Millionen.
    Pro7 macht an einem solchen abend zwischen 10 bis 15 Millionen Euro.
    Aber was solls, den genau wie der Herr Schader schwreibt, Pro7 interessiert nur eins… KOHLE

  10. Wie schon meine Oma zu sagen...
    Wie schon meine Oma zu sagen pflegte: Schlechte Werbung ist auch Werbung.
    Zumindest ist die Show, respektive der Sender, heute in allen Medien vertreten…
    Ich werde am Donnerstag trotzdem gucken *duck&weg*

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