Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Die Grenzen der Satire beim ZDF: Sonneborns Chinesenwitze und Schächters Kotau

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Ein Beitrag der "heute show", in dem chinesische Besucher der Frankfurter Buchmesse vorgeführt werden, hat Proteste in China auslöst. Intendant Markus Schächter erklärte dem chinesischen Botschafter daraufhin, was Satire ist, ließ den Film aber trotzdem sperren - und hofft, dass die "Beziehungen des ZDF zum chinesischen Volk" nicht darunter leiden.

Ein vermutlich lustig gemeinter Beitrag der „heute show“ hat die Beziehungen zwischen dem ZDF und dem chinesischen Volk belastet. Eine satirische Umfrage von Martin Sonneborn auf der Frankfurter Buchmesse, bei der Chinesen mit mangelnden Deutschkenntnissen vorgeführt wurden, ist nach chinesischen Protesten aus dem Online-Archiv des Senders entfernt worden. In einem Brief an den chinesischen Botschafter drückte ZDF-Intendant Markus Schächter sein Bedauern aus, dass der Beitrag „die Gefühle vieler Chinesen verletzt hat und als beleidigend empfunden wurde“.

Der Satiriker Sonneborn hatte sich einen Spaß daraus gemacht, den Chinesen Aussagen über Menschenrechtsverletzungen in ihrem Land in den Mund zu legen und ihnen für sie unverständliche Fragen über Folter und Massenerschießungen zu stellen. Er machte Witze über Produktpiraterie und „gegrillte Labradorsteaks“.

In China fanden das nicht alle lustig. Als eine untertitelte Version des Beitrags auf dem chinesischen Videoportal todou.com veröffentlicht wurde, löste er Reaktionen aus, die der in Taiwan lebende Journalist Klaus Bardenhagen in seinem Blog als „übliche Flut von ‚wir sind in unserem Nationalstolz verletzt und ganz furchtbar traurig, außerdem finden die bösen Ausländer uns sowieso alle böse‘-Kommentaren“ beschreibt. Auch das chinesische Staatsfernsehen CCTV berichtete über den vermeintlichen Skandal, verschwieg dabei aber offenbar, dass es sich nicht um eine Nachrichtensendung, sondern eine Satireshow handelte.

Die Propagandaseite des „China Internet Network Information Center“ (die Sonneborn ebenfalls einen „Journalisten“ nennt) meldete, dass sich das Außenministerium und die Botschaft in Deutschland beim ZDF beschwert hätten. Intendant Schächter habe sich daraufhin entschuldigt.

Ganz so war es nicht. Beim ZDF legt man Wert darauf, dass es sich bei dem Brief an den Botschafter nicht um eine Entschuldigung, sondern nur den Ausdruck des Bedauerns handele. „Satire ist eine Gattung mit langer Tradition“, doziert der Intendant in dem Schreiben. „Solange es Satire gibt, war und ist sie ‚Stein des Anstoßes‘. Deswegen löst sie auch hierzulande immer wieder Kritik, Verärgerung und intensive Diskussionen aus.“

Offenbar hat die Freiheit dieser Ausdrucksform aber hinter persönlichen oder nationalen Empfindlichkeiten zurückzustehen, denn Schächter fährt fort: „In Gesprächen mit der zuständigen Redaktion und den Autoren wurde deutlich gemacht, dass der Beitrag die Gefühle von Chinesen verletzt hat, damit es dazu keine Wiederholung gibt.“

Das ist ein erstaunlicher Kotau – und ein untaugliches Kriterium. Wenn Satire verletzend sein darf, dann muss sie auch Chinesen verletzen dürfen. Dass ein deutscher Intendant sich dem Druck chinesischer Regierungskreise beugt und einen Film aus dem Online-Archiv entfernen lässt, ist ein schlechtes Zeichen.

Und das, obwohl der „heute show“-Beitrag eine erbärmliche Form von Humor ist: Sonneborn demonstriert Überlegenheit gegenüber den Chinesen dadurch, dass er ihre fehlenden Sprachkenntnisse ausnutzt. Er missbraucht zufällige Buchhändler, die das Pech haben, ihm vors Mikrofon zu laufen, für etwas, das man nur mit viel gutem Willen als eine Kritik am chinesischen Staat oder der umstrittenen Politik der Buchmesse deuten kann. Nicht auszuschließen, dass Sonneborn durch die Instrumentalisierung der chinesischen Gäste zeigen wollte, wie die chinesischen Gäste durch die Medien instrumentalisiert werden. Wahrscheinlicher ist, dass es eine gute Gelegenheit war, ein paar Chinesenwitze zu machen.

Das ist traurig und geschmacklos – aber auf meine Gefühle nimmt die „heute show“ ja auch keine Rücksicht, wenn sie regelmäßig jemanden wie den Komiker Olaf Schubert beschäftigt. (Andererseits habe ich natürlich auch keine 100 Millionen Zuschauer für „Wetten dass?“ zu bieten.)

Markus Schächters Brief an den chinesischen Botschafter endet mit der Bitte, sein Bedauern „auch nach China zu übermitteln“. Und dem Satz: „Die Grundlage der langjährigen Beziehungen des ZDF zum chinesischen Volk und seinen chinesischen Partnern sollte, so hoffe ich, stabil und solide genug sein für ihre gedeihliche Weiterentwicklung in der Zukunft.“


82 Lesermeinungen

  1. Sven sagt:

    Ich bin nicht besser als...
    Ich bin nicht besser als Martin Sonneborn. Ich muss zugeben, das ich einen Chinesen dessen nahmen ich nicht aussprechen konnte, auf einer Party immer nur „Menschenrechtsverletzung“ genannt habe und er es noch nicht einmal verstanden hat, weil er nur Englisch konnte. 🙁

  2. Sebastian sagt:

    Die Kritik an Sonneborn...
    Die Kritik an Sonneborn verstehe ich in diesem Zusammenhang ja noch. Aber Schubert? Hast Du dich da vielleicht zu schnell von der in der Tat eher störenden Rolle des „naiven Ossis“ abschrecken lassen? Der ist eine echte Perle in der derzeitigen Comedy-Landschaft.
    „Die Grundlage der langjährigen Beziehungen des ZDF zum chinesischen Volk“ ist allerdings grandios.

  3. Wuschelbär sagt:

    Wenn Olaf Schubert eine Perle...
    Wenn Olaf Schubert eine Perle in der Comedy-Landschaft ist, dann müssen die anderen ja grottenschlecht sein.

  4. Dirk sagt:

    Ich finde es erschreckend,...
    Ich finde es erschreckend, dass in der Randbemerkung und den beiden Kommentaren über Olaf Schubert klar wird, dass hier mangelnde Toleranz vorliegt. Es muss doch jedem ersichtlich sein, dass es weniges gibt, was mehr dem persönlichen Empfinden unterliegt, als der Humor. Ob jemand jetzt Pocher, Cindy oder Schubert mag, ist mir persönlich völlig egal und diese Intoleranz und Arroganz gegenüber den Künstlern finde ich unangebracht.
    Ich finde Kritik an Komikern eventuell angebracht, wenn diese dumme Witze machen oder geistlose Sachen, aber das die Programme von Olaf Schubert geistlos wären, kann nun wahrlich keiner behaupten. Schade Herr Niggemeier, da hätte ich mir mehr Feingefühl von Ihnen versprochen 🙁

  5. Na super, da hat die...
    Na super, da hat die Diskussion gleich die erste Ausfahrt genommen.

  6. Johannes sagt:

    Muss man sich nicht nur...
    Muss man sich nicht nur trauen, muss man auch dürfen. Und aus meiner Sicht darf Herr Sonneborn das. Aber ich bin auch nicht so empfindlich wie manch anderer und durchaus bereit zu Selbstironie und angebrachter Ernstlosigkeit. Was Lustigeres gibt es selten im deutschen Fernsehen. Bravo!

  7. blob sagt:

    um darüber nich lachen zu...
    um darüber nich lachen zu könne muss man kein chinese sein.
    was soll daran witzig sein, menschen worte in den wort zu legen, die einem quasi hilflos ausgeliefert sind?
    schlechte witze auf kosten anderer zu machen, das kann auch stefan raab.

  8. Dissident sagt:

    Gilt Markus Schächter nicht...
    Gilt Markus Schächter nicht als besonders geschmeidig und biegsam, in diesem Sinne also eher als das Gegenteil von Nikolaus Brender? Man kann sagen, was man will, aber Hinternkriecherei macht sich im frommen Regierungsfernsehen offenbar bezahlt.

  9. Robert sagt:

    Ich fand diesen Beitrag der...
    Ich fand diesen Beitrag der heute-show zutiefst beleidigend und unverschämt. Wenn hier jemand davon spricht, dass man Selbstironie aushalten muss, dann kann ich dem zustimmen. Aber sie mussten ja keine Ironie oder Satire aushalten, hier wurden einfach alle Chinesen beleidigt, ja beleidigt und nicht auf satirische oder ironische Weise vorgeführt.
    Den Chinesen einfach die deutschen Vorurteile vorzubringen und sie als Hundefleischesser und Menschenrechtsverletzer darzustellen zeigt viel über die deutschen Denkweisen/Vorurteile der Leute bei der heute-show.
    Ich finde es schade, dass Herr Niggemeier, den ich sehr schätze, sich darüber aufregt, dass viele Chinesen beleidigt sind, wenn sie beleidigt werden 😉 Wenn es Satire wäre, hätte ich nichts dagegen, auch wenn ich die Meinung oder Darstellung nicht teile, aber so eine Verunglimpfung ist einfach eine Sauerei.
    Ich wüsste gerne wie die meisten hier „über den Dingen“-Stehenden reagieren würden, wenn ein „Satiriker“ sich im chinesischen Fernsehen auf erniedrigenste und perfideste Art und Weise über Deutsche lustig machen würde, sie als Idioten, Ignoranten und Nazis darstellen würde. Und wenn man sich nicht verteidigen kann, da man kein Chinesisch versteht. Wenn man selbst betroffen ist, hört die Selbstironie wohl auf was?
    Wenn wegen der Mohammedkarikaturen (die auch welche sind) sich Regierungen und politische Instanzen entschuldigen und einen Kotau machen, dann ist das verständlich. Aber wenn Chinesen „witzigerweise“ als begriffsstutzige, mordende Dummköpfe dargestellt werden, dann ist das doch der Aufregung etwas zuviel und sie sollen sich wieder beruhigen oder es einfach ertragen, den das sei ja Satire.

  10. F. Haanel sagt:

    Es gab mal eine Sendung, in...
    Es gab mal eine Sendung, in der eine gewisse Lady Bitch Ray einem Oliver Pocher ein Gläschen mit ihrem Vaginalsekret schenkte und dieser dann sprachlos war und den Rest der Sendung zum Überlegen brauchte, wie er darauf reagieren sollte. Als er dann am Ende dieser Sendung dieses Gläschen mit einem schlechten Spruch einer norwegischen Sängerin, die kein Wort verstand, weiterschenkte, griff Harald Schmidt ein und maßregelte Pocher. Das hätte er auch nach der Sendung machen können, um Pocher nicht so dumm da stehen zu lassen, aber tat es unmittelbar nach Pochers Fehler vor der Kamera.
    Was Sonneborn mit den Chinesen machte, unterscheidet sich im Grunde nicht von Pochers Aktion, nur dass es in der ‚heute show‘ nicht mal hinter der Kamera ein Regulierungsmechanismus gibt. Da dürfen anscheinend alle tun und lassen, was sie wollen, Hauptsache, es ist politisch unkorrekt. Und genau das macht die ‚heute show‘ zu einem Krampf, Oliver Welke sollte weiter Sportevents moderieren, aber Spitzen gegen Politik und Gesellschaft abschiessen mit dem Charisma einer Badeschlappe lässt ihn unecht wirken. Mir völlig unbegreiflich, warum diese Sendung so beliebt ist. Ein Herr Sonneborn zieht auch besser wieder die Fäden im Hintergrund, vor einer Kamera hat er nichts zu suchen, was er bei ‚Zimmer frei‘ ja schon bewiesen hat – auch wenn seine Masche, die Moderatoren auflaufen zu lassen einen gewissen Reiz hatte – es war stinklangweilig.
    Und schliesslich noch das Verhalten des ZDF – man hätte das Filmchen nicht entfernen lassen sollen, sondern ihn kommentieren – dass er einer Satiresendung entstammt, aber (vorsichtig gesagt) nicht besonders gelungen ist, dafür hätte man sich entschuldigen können. Aber das ist reines Wunschdenken.

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