Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

"Big Brother" und das Haus der verlorenen Seelen

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Es sind erstaunliche Kandidaten, die Endemol für die zehnte Staffel von "Big Brother" gecastet hat: Menschen, die nicht mal mehr fürs, sondern teilweise schon im Fernsehen leben, und für die ganz genau vorgeplant sein dürfte, welche Konflikte sie durchlaufen sollen. Wieviel davon wirklich "echt" ist, werden die Zuschauer wohl nie erfahren. Jedenfalls nicht von RTL 2.

Eigentlich seien die Aufnahmen aus den Castings „geheim und nicht für die Öffentlichkeit bestimmt“, erklärte Moderatorin Aleksandra Bechtel in der „Big Brother“-Auftaktshow am Montagabend, „aber: um [Kandidatin] Micaela besser zu erklären, haben wir jetzt mal einen kleinen Ausschnitt für Sie vorbereitet“. Mit der Einblendung „Original Casting-Material“ in der Bildschirmecke lief anschließend ein Video, in dem Micaela (die sich bereits von bild.de bei ihrer Brust-OP begleiten ließ) ihre Lebenskurve auf einem Flipchart aufzeichnen und dabei erläutern sollte, welches die einschneidensten Erfahrungen in ihrem Leben gewesen seien. An einem Punkt stockt die 26-Jährige und sagt mit tränenerstickter Stimme, dass sie eigentlich alles habe „außer Freunden, außer einem Freund“:

„Ich hab eigentlich gar nichts – und das find ich total schlimm. Ich hab noch nie darüber geredet, weil es einfach keinen interessiert. Deshalb will ich auch gerne ins Haus gehen, weil ich einfach mal normale Menschen um mich rum haben möchte. Weil mich eh keiner vermissen wird. Deswegen.“

Bild zu: "Big Brother" und das Haus der verlorenen Seelen
Screenshot: RTL 2

Zuvor hatte Bechtel bereits erklärt, dass keiner von Micaelas Freunden ins Studio kommen wollte, um sich interviewen zu lassen, während alle anderen Kandidaten einen ihnen nahe stehenden Menschen mitgebracht hatten (obwohl im Beitrag davor noch eine „beste Freundin“ mit Micaela im Café saß und angeregt plauderte). „Irgendwie traurig“, sagte „Big Brother“-Verstehfrau Erika Berger. „Das ist ein schlimmes Gefühl.“

Ja, schlimm. Und irgendwie unglaubwürdig.

Mag sein, dass man der jungen Frau damit Unrecht tut. Womöglich hat sie wirklich so wenige Freunde, fühlt sich von allein gelassen und sehnt sich danach, geliebt zu werden. Es kann aber auch sein, dass sie einfach nur ins Fernsehen will. Wer würde sonst schon auf die Idee kommen, bei „Big Brother“ auf „normale Menschen“ zu treffen? Nur für den Fall, dass Sie’s verpasst haben, wollen wir kurz zusammenfassen, welche Mitbewohner Micaela seit Montag hat.

Da ist Cora, 20, die über sich erzählt, sie sei „selbstständig in der Erotikbranche“ tätig, aber zunächst verschweigt, dass man sie auf Wunsch im Internet bestellen kann, um mit ihr Sex zu haben, damit sie das nachher als Video verkaufen kann. „Wenn ich in eine Gruppe von Männern komm, stört es mich nicht, wenn ich erstmal aufs Äußere reduziert werde“, sagt sie. Kristina, 23, findet ihren Po und ihre Beine zu dick, hat sich aber vor dem Einzug bei „BB“ erstmal die Brust vergrößern lassen, immerhin hat das mit der Nasen-OP ja schon so gut geklappt, obwohl ihre Mutter meint, sie solle sich besser „Gehirnmasse reinspritzen“ lassen.

Bild zu: "Big Brother" und das Haus der verlorenen SeelenPisei, 18, ist Fotomodel, hat sich nach bisherigem Kenntnisstand nicht operieren lassen, legt aber ebenfalls Wert auf ein brustbetontes Äußeres, einfach „um zu zeigen: Du bist etwas wert und viele gucken hinter dir her“. Und dann ist da noch Iris, mit ihren 42 Jahren die „Muddi“, die ihre eigene Kneipe mit dem schönen Namen „Im Bett“ betreibt, in der es einen Likör zu trinken gibt, der „F*cken“ heißt. Iris‘ Tochter Daniela ist nicht ins Haus gezogen, weil sie gerade an ihrer Karriere als (Nackt-)Model feilt. Daniela ist derzeit in der Vox-Auswanderer-Sendung „Goodbye Deutschland“ zu sehen ist, wo sie – so ein Zufall – auf Micaela traf, die zu ihrer Erzrivalin wurde, weil Micaela sich auf Messen ebenfalls sehr unangezogen fotografieren lässt, auch schon bei „Germany’s Next Topmodel“ dabei war und sich bei „taff“ als „Boxenluder“ bewarb.

Alle Kandidatinnen hatten nichts dagegen, sich für die von RTL 2 produzierten Filmchen, in denen sie vorgestellt werden, komplett auszuziehen. Gehört für die meisten ja eh zur täglichen Arbeit.

Männer gibt es auch im Haus, aber gegen die Normalität der Damen kommen die meisten nicht an. (Und einer hat sich ja auch schon wieder verabschiedet, weil er sich nicht mit der HIV-Erkrankung seiner Mitbewohner beschäftigen wollte – aber, ach, lesen Sie’s halt selbst). Außer vielleicht der 19-Jährige Daniel, der sich nicht zum ersten Mal beworben hat, weil „Big Brother“ sein „Traum“ ist, der sich Frauen, die er in der Disco kennenlernt, am liebsten mit seinem Freund Pepsi teilt, und über den in Internetforen und bei Twitter geschrieben wird, er habe bereits eine kleine Karriere als Laiendarsteller bei „Richter Alexander Hold“ und „Familien im Brennpunkt“ hinter sich, nachdem ihn die Lust auf die Schule verließ.

Es ist eine ganz erstaunliche Truppe, die Endemol da für die zehnte Staffel von „Big Brother“ zusammengecastet hat: Menschen, die nicht mal mehr fürs, sondern teilweise schon im Fernsehen leben, und für die schon ganz genau vorgeplant sein dürfte, welche Konflikte sie in den kommenden Wochen durchlaufen sollen. Was wird das für ein Spaß, wenn Micaela irgendwann auf die Mama ihrer Erzrivalin trifft!

Dem Medienpromimagazin „clap“ hat RTL-2-Unterhaltungschefin Julia Nicolas erzählt, für sie sei „Big Brother“ ein „Reality-Programm mit echten Menschen“ – wobei mit „echt“ in diesem Falle allenfalls gemeint sein kann, dass alle aus Fleisch und Blut sind und nicht irgendwelche Außerirdischen oder Formwandler. Für die Programmmacher im Privatfernsehen ist dieses „echt“ eine Art Qualitätskriterium, das dem Publikum signalisieren soll: Wir sind ganz nah dran an der Realität. An welcher, wird selten dazu gesagt.

Aber wahrscheinlich ist die eigentliche Begabung der „Big Brother“-Macher sowieso, all die verlorenen Seelen in diesem Land aufzuspüren, die man auf keinen Fall ins Fernsehen lassen sollte. Um dann mit ihnen genau das Gegenteil zu unternehmen.


39 Lesermeinungen

  1. Man möchte die Big Brother...
    Man möchte die Big Brother Zuschauer sicherlich nicht mit zu vielen neuen Gesichtern überfordern. Stattdessen greift man lieber auf bewährtes aus dem schon bekannten Unterschichten-TV zurück.

  2. Nun ein wenig...
    Nun ein wenig exhibitionistisch veranlagt sind die meisten Menschen und das ist wohl genetisch auch in uns verankert. Zeigen wer man ist und was man hat, macht einen eventuell interessant und hilft bei der Partnersuche. Und jede Gesellschaft schafft sich die Spiele, die sie braucht. Vielen Menschen scheint denken weh zu tun und darum vermeiden sie es, wo es nur geht. Doch sind es Menschen mit allen Rechten und Pflichten. Intellektuell tieftanzende Neurobaten haben das Recht sich so zu verwirklichen, wie sie es wünschen, genauso wie Herr Professor xyz. Es gibt in dieser Gesellschaft nun mal die – so schreibt es ein Blogkollege von Ihnen – Unterprivilegierten, die Lernunwilligen und die Nichtdenker. Diese wollen sich berieseln lassen und sind froh Leute zu sehen, die noch ein wenig „dümmer“ scheinen als man selbst. Man mag sich über diese Kreise lustig machen, man kann sie aber auch genauso gut einfach ignorieren, ohne sich die eigene Lebensqualität zu verderben. Jeder hat doch die Wahl zu entscheiden, ob man sich lieber in ein gutes Buch vertieft oder die Glotze anschaltet. Ob man sich an einem Gemälde erfreut oder an Cora und Micaela. Ich habe meine Wahl getroffen und vor 8 Wochen meinen Fernseher und mein Radio abgeschafft. Ich entdecke seitdem, dass mein Leben an innerer Tiefe gewonnen hat. Ich muss mich nämlich jetzt mit mir selbst beschäftigen, etwas was viele Menschen anscheinend auch fürchten.

  3. @BlackJack66: ...und weil das...
    @BlackJack66: …und weil das mit dem Abschaffen des Fernsehers so gut geklappt hat, lesen Sie jetzt stattdessen dieses Blog und dann auch noch einen Eintrag über „Big Brother“? Erstaunlich.

  4. Sagen wir mal so ... Nach der...
    Sagen wir mal so … Nach der ersten Staffel von „Big Brother“ wussten die nächsten Teilnehmer doch schon ziemlich genau, worauf sie sich einlassen und was verlangt wird.
    Glaubt wirklich irgendjemand noch, dass dort Reales stattfindet? Meine Meinung ist das nur noch „Spiele ohne Grenzen“ mit Erotik- bzw. Selbstdarstellern in einer geschlossenen Anstalt.
    Ein „Wahres Leben“ wie damals auf Premiere wird es bei uns in Deutschland nicht mehr geben …

  5. @ Peter Schader: Warum nicht,...
    @ Peter Schader: Warum nicht, so kann ich lesend mir meine Meinung bilden und weiß genug, ohne mir die Serie antun zu müssen. Auch wenn man keinen Fernseher mehr hat, weiß man doch was BB ist.

  6. @Peer Schader:
    Ja, genau...

    @Peer Schader:
    Ja, genau deswegen tut er das. So wie ich und tausende weitere Leser. Ist das ein Problem?

  7. "Formwandler": lol. Sehr...
    „Formwandler“: lol. Sehr interessante These, dass die Akteure „im Fernsehen“ leben.
    Ob die Zuschauer das wissen und das Leben dieser Akteure über die verschiedenen Sendungen mitverfolgen? Denn dann entwickelt sich wirklich eine ganz eigene Telewelt, bei der man sich nicht mehr fragen muss, ob der Zuschauer verblödet, sondern diese sich mit den Akteuren eine eigene „Community“ bauen, die von den Sendern nur gepflegt wird. Die auch von der Kommunikation nicht gleichwertig ist, sondern eher klassisch vom Akteuer zum Konsumenten fliesst.

  8. @Weeschnittchen: Ich freue...
    @Weeschnittchen: Ich freue mich über jeden, der sich für das interessiert, was in diesem Blog passiert, und vor allem über Leser, die es als kleines Fenster zur kuriosen Fernsehwelt nutzen, bin aber aus Erfahrung extrem vorsichtig mit Kommentatoren, die erzählen, wie toll es ihnen geht seit sie ihren Fernseher abgeschafft haben, dann aber sehr gefestigte Meinungen zu dem haben, was sie nicht mehr sehen.

  9. Und das schönste an dem...
    Und das schönste an dem freiwilligen Fernsehentzug ist, das man jetzt zu Freunden geht, wenn es mal etwas sehenswertes gibt, so wie den Tatort aus Münster oder München. Dann isst man zusammen und bei einem guten Rotwein wird danach zusammen der Tatort geschaut. Ist durchaus eine Bereicherung.

  10. @ Peer Schader:
    Es ist mir...

    @ Peer Schader:
    Es ist mir fast peinlich, dass ich so etwas weiß, aber auch Kandidat Carlos lebt im Fernsehen. Er war in der Supertalent-Staffel von 2008 dabei. Damit waren die meisten der „Kandidaten“ schon mal irgendwie im fernsehen, oder?

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