Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Wie schade: Die ARD zaudert mit ihrem besten Doku-Sendeplatz

| 16 Lesermeinungen

Seit einigen Monaten leistet sich die ARD am Montagabend einen Sendeplatz, auf dem ganz hervorragende Reportagen über aktuelle Themen zur besten Sendezeit um 21 Uhr gezeigt werden. Vielleicht nicht mehr lange. Weil sich kein ausreichend großes Publikum findet, denkt Programmchef Volker Herres über Alternativen nach. Das Fernsehblog hat nachgefragt.

Heute ist der Tag, an dem Wolfgang D. aus seiner Wohnung auszieht. Nicht freiwillig, aber als irgendwann die Möbelpacker vor der Tür stehen, hat er ja keine andere Wahl. Die Miete ist über Monate nicht bezahlt worden. Also packt D. einen Rucksack mit den nötigsten Sachen, nimmt einen Aktenkoffer und einen Schirm – und geht. Die Treppe hinunter, aus dem Mehrfamilienhaus, in dem er gewohnt hat, vorbei an dem großen Wagen, in dem seine Möbel verstaut werden. Und das alles nur, weil er nicht die Bewerbungen geschrieben hat, die die Arbeitsagentur von ihm verlangte.

Irgendwann bekam er kein Geld mehr überwiesen. Dass D. Analphabet ist, wusste die Agentur. Es hat dort nur niemanden so richtig interessiert. Seine Anwältin sagt: „Sowas hab ich noch nicht erlebt.“

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Screenshot: SWR

Wolfgang D. lebt jetzt im Obdachlosenheim. Als er seine neue Bleibe gezeigt bekommt, verzieht er keine Miene. Er kann es nicht ändern. Draußen erzählt der Heimleiter dem Redakteur vom Fernsehen, der D. begleiten durfte, dass die wenigsten hier wieder rauskommen. „Das heißt: Hier ist eigentlich ziemliche Endstation?“, fragt der Redakteur. Und der Heimleiter sagt: „Ja. Ja.“ Wolfgang D. steht daneben und sagt nichts. Ein kleiner untersetzter Mann mit Schnauzbart und Schirmmütze, die er über die langen Haare gezogen hat, sprachlos.

Es ist kein Mitleidsfilm, den Thomas Reutter und Sylvia Nagel zum – wenn man das so sagen kann: 5. Geburtstag von Hartz IV gedreht haben, sondern ein Erlebnisbericht ganz unterschiedlicher Menschen, die auf Unterstützung vom Staat angewiesen sind und an der Bürokratie scheitern. An Sachbearbeitern, die nicht zurückrufen oder monatelang behaupten, die Unterlagen seien nicht vollständig eingereicht. An unverständlichen Bescheiden, an Sanktionen, die dazu führen, dass Menschen „den Boden unter den Füßen weggezogen bekommen“, wie es in der Reportage heißt.

Bild zu: Wie schade: Die ARD zaudert mit ihrem besten Doku-SendeplatzVielleicht haben Sie’s schon bemerkt: Das ist eine Einschaltempfehlung. (Alleine schon, um den Moment zu sehen, in dem einer der Protagonisten, ein arbeitsloser Schreiner, der als Lkw-Fahrer arbeiten will, seine Fahrprüfung besteht, fest die zur Gratulation ausgestreckte Hand des Prüfers drückt und dabei strahlt als hätte er gerade im Lotto gewonnen.)

Das Problem ist nur: die Sendezeit. „Abgestempelt? Leben mit Hartz IV“ läuft heute Abend um 23.30 Uhr im Ersten. Und gehört da natürlich nicht hin. Denn eigentlich leistet sich die ARD seit einigen Monaten am Montagabend einen Sendeplatz, auf dem ganz hervorragende Reportagen über aktuelle Themen zur besten Sendezeit um 21 Uhr gezeigt werden, so wie neulich die Doku „Der Amoklauf von Winnenden“, für die die Autoren die Hinterbliebenen der Opfer acht Monate nach der Tat besucht haben (schnell noch mal in der Mediathek anschauen.)

Und wenn man ARD-Programmdirektor Volker Herres fragt, ob es ihn nicht ärgert, wenn Medienkritiker einerseits von der ARD fordern, Dokus nicht immer nur im Nachtprogramm zu zeigen, sich dann aber auch beschweren, wenn die ARD mit ihren Montagsquoten nicht gegen „Bauer sucht Frau“ bei RTL ankommt, dann sagt er:

„So ist das Leben eines Fernsehschaffenden. Man kann es nie allen recht machen!“

Es hilft nur nichts: Im Gespräch mit sueddeutsche.de sagte Herres vor zwei Wochen, dass die Zuschauer am Montag nicht reichten, um die bisherige Programmierung fortzusetzen. Und erklärt im Fernsehblog jetzt, was er stattdessen zeigen will: Doku-Reihen wie „Kriegskinder“, „Mein Deutschland“, „Legenden“ oder „Mahlzeit Deutschland“. Die seien zwar weniger aktualitätsbezogen, vielleicht auch weniger gesellschaftskritisch, so Herres, hätten aber durchaus einen hohen Informationsgehalt und seien unterhaltend, „eine Mischung, die am Montagabend offensichtlich ihr Publikum findet“.

Bild zu: Wie schade: Die ARD zaudert mit ihrem besten Doku-SendeplatzHerr Herres, gesellschaftskritische Dokumentationen laufen im Fernsehen sonst selten zu so einer derart prominenten Zeit wie montags im Ersten. Wie ist denn Ihre Bilanz, aus journalistischer und aus quotenanalytischer Sicht?

Volker Herres: Wir hatten in den letzten Monaten mehrere Dokumentationen zu aktuellen Themen auf diesem Sendeplatz. Aus journalistischer Sicht bin ich sehr zufrieden mit diesen Filmen, denn sie belegen, wie schnell und umfassend Das Erste auf aktuelle Ereignisse reagieren kann, um unserem Publikum wichtige und ausführliche Hintergrundinformationen zu geben. Leider sind diese Dokumentationen nicht so erfolgreich gelaufen wie unsere Doku-Reihen. Wir brauchen aber auch am Montag eine angemessene Akzeptanz, was angesichts des Gegenprogramms bei ZDF und auf RTL keine leichte Aufgabe ist.

Vielleicht ist das naiv, so zu fragen, aber: Ist es nicht die Aufgabe der ARD, eine journalistisch aktuelle Dokustrecke trotzdem beizubehalten und die geringeren Quoten in Kauf zu nehmen?

Herres: Das ist nicht naiv gefragt, sondern beschreibt unsere Programmphilosophie: Auf massenattraktive Programme folgen informationsorientierte Sendungen, die politische und soziale Hintergründe beleuchten. Dieser Genrewechsel zieht sich bei uns durch jeden Tag der Woche. Damit wollen wir möglichst viele Zuschauer – die sich etwa am Dienstag oder Mittwoch für unterhaltsame oder anspruchsvolle Filmen und Serien begeistern – auch für politische Themen gewinnen. Wir nehmen dabei im Audience-Flow bewusst Verluste in Kauf. Nur in der Primetime gibt es auch eine Grenze nach unten, die nicht unterschritten werden sollte.

War es ein Fehler, eine Seifenoper-artige Reihe wie „Geld.Macht.Liebe“ direkt vor den Dokus zu platzieren?

Herres: Hinterher ist man immer klüger. Natürlich haben wir uns erhofft, dass „Geld.Macht.Liebe“ ein größeres Publikum begeistert und damit auch die nachfolgende aktuelle Dokumentation profitiert. Am Dienstagabend gelingt dies nach „In aller Freundschaft“ bei unserem Wirtschaftsmagazin durchaus und am Mittwoch mit dem Fernsehfilm und „hart aber fair“ ebenso.

Ob es einen neuen Platz für aktuelle Dokus zu einer ähnlichen Sendezeit geben wird, sagt Herres nicht. Im Februar zeigt das Erste montags auf jeden Fall (wieder) Karneval statt Reportagen, im ersten Halbjahr ist für den Sendeplatz unter anderem eine Dokumentation geplant, die zum geplanten Afrikaschwerpunkt passt, und ein Porträt zum 80. Geburtstag von Helmut Kohl.

Gewöhnen Sie sich also schon mal daran, für aktuelle Reportagen bald wieder länger wachzubleiben. Ach, und wo wir gerade dabei sind: Auch das ZDF hat heute eine Reportage im Programm, die sehenswert klingt (aber erst rechtzeitig zum Sendetermin fertig wird, wie Autorin Anne Gellinek, Leiterin des ZDF-Studios Moskau, erklärt). Wenn Sie nach „Abgestempelt“im Ersten noch wach sind, schalten Sie doch einfach mal rüber: Für das „Duell ums Gas“ hat das ZDF nämlich ein lauschiges Plätzchen um 0.35 Uhr gefunden, und wegen des „ZDF spezial“ zum Beben in Haiti wird’s wohl noch mal zehn Minuten später.

 

Nachtrag, 14. Januar: Inzwischen ist „Abgestempelt?“ in der ARD-Mediathek verfügbar, ebenso das „Duell ums Gas“ beim ZDF.


16 Lesermeinungen

  1. Matthias sagt:

    ttt: 23 Uhr. Druckfrisch:...
    ttt: 23 Uhr. Druckfrisch: 23.30 Uhr. Philosophisches Quartett? Kultur und Anspruch werden versendet, wenn nur noch Menschen wie Wolfgang D. schauen können. Und der macht sich weniger Gedanken um die Berlinale und das neue Buch von Roger Willemsen.
    Irgendwann wurde der Sendeschluss abgeschafft. Manchmal möchte man ihn für ARD und ZDF wieder einführen. Und zwar ganztags.

  2. Jörg sagt:

    Ich habe die Doku...
    Ich habe die Doku „Abgestempelt“ gesehen und kann die Einschaltempfehlung (jetzt halt in der Mediathek) nur unterstützen. Kein Mitleidsfilm, aber ein Film, der betroffen macht, auch und gerade dann, wenn man selbst (noch?) nicht betroffen ist. Für so etwas zahle ich sehr gern Gebühren, sehe aber nicht ein, dass dieser Film sich an Einschaltquoten messen lassen sollte. An der Quotenhatz der ÖR sind m.E. diejenige Sorte Politiker schuld, die sich unter anderem dereinst so vehement für die Zulassung von Privaten eingesetzt haben und nun nicht mehr wahrhaben wollen, dass es einen deutlichen Unterschied gibt bzw. geben sollte: ÖR haben den Auftrag, für Information, Bildung, Kultur und – es steht hier bewusst am Schluss – Unterhaltung zu sorgen. Diesen Auftrag und die Frage, wie ernst er genommen und wie gut er umgesetzt wird, kann man nicht mit Quoten messen.
    Ganz kurze Bemerkung zum Schluss: Müsste es in der Überschrift nicht ‚hadern‘ statt ‚zaudern‘ heißen? Denn die ARD hat hier etwas im Prinzip Gutes, hadert aber ob der schlechten Quote dennoch damit, ist also unzufrieden und klagt darüber.

  3. Der im Artikel beschriebene...
    Der im Artikel beschriebene ARD Beitrag ist für alle, die nur ungern bis spät in den Abend aufbleiben wollen, hier zu finden:
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    https://www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/3632868
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    Ach ja – und der korrekte Link auf den ZDF Beitrag „Duell ums Gas“ in der ZDF-Mediathek lautet:
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    https://www.zdf.de/ZDFmediathek/hauptnavigation/startseite/#/beitrag/video/944294/Duell-ums-Gas/
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    Und – was die programmierte Sendezeit verbunden mit Ihrer Empfehlung an den geneigten Leser demnächst mal wieder länger wachzubleiben angeht…
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    So bauen Menschen meines Berufsstandes schon seit mehr als 10 Jahren ganze Gerätesparten (ggf. ja auch für Medienkritiker), mit welchen es sehr wohl möglich ist sich von programmierten Sendezeiten unabhängig zu machen.
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    Sicher haben die geneigten Leser schon von einem Videorecorder, oder seinem Nachfolger dem Festplattenreceiver (die digitale Variante incl. SAT-, Kabel-TV- und/oder DVBT-Empfänger) gehört. Nach all den vielen Jahren, soll es die auch schon für unter 150,00 EUR geben und somit für den Geldbeutel eines Normalverbrauchers erreichbar.
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    Müsste man sich nun Sorgen machen, das dieses kleine technische Scheisserchen bei einem TV- Kritiker möglicherweise nicht im Wohnzimmer zu finden ist – und daher – die Sendezeit so sehr schmerzt?
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    Sehen Sie’s mir nach, ich musste schon etwas Lachen als sich obige Vermutung vor meinem geistigen Auge auftat.
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    Aber Spaß beiseite…
    Statt „Audience-Flow“ hätte ich gerne „Zuschauerfluss“ gelesen. Ich weis.. ich weis.. Zitate sollten unzensiert wiedergegeben werden. Aber wie wär‘s denn damit: (Anm. d. Autors: Begriffserklärung).
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    Was die Dokumentationen – verbunden mit Ihrer freundlichen Empfehlung – angeht, so waren beide gut.

  4. sebiprivat sagt:

    Letztendlich kämpfen sowohl...
    Letztendlich kämpfen sowohl die Privaten als auch die GEZ-Finanzierten Sender um Marktanteile und um Einschaltquoten.
    Am Beispiel der privaten sieht man, dass das Niveau der Sendungen an die Wünsche der Zuschauer angepasst wird und dass die Hemmschwelle von Jahr zu Jahr singt.
    Dass eine parallele Entwicklung bei den öffentlich-rechtlichen langsam auch Einzug findet, kann ich nicht verstehen und nachvollziehen.
    lg Sebastian

  5. Ich stimme Dir zu Sebastian:...
    Ich stimme Dir zu Sebastian: es ist nicht wirklich nachzuvollziehen.
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    Man hört ja schon mal gelegentlich dass die öffentlich-rechtlichen Sender einen „Auftrag“ hätten, welcher sich u.a. durch die Tatsache der Gebührenfinanzierung definiert. Nun könnte man mutmaßen, dass darin auch das Problem zu suchen sei, warum sich selbige dem Niveau der Privaten annähern sollten.
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    Glaubt man zumindest einem hessischen Machtpolitiker, so müsse der Schwerpunkt des „Auftrages“ nicht primär bei Information und Bildung mit eingestreuter leichter Kost, sondern vielmehr Unterhaltung pur liegen. Denn so – hätten einige Private ja bewiesen – wäre Quote zu machen und indirekt bekäme der Großteil aller Gebührenzahler damit also das zurück wofür er letztlich bezahlte.
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    Ein interessanter Gedanke: der Gebührenzahler als Aktionär!
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    Das in der Welt der Aktionäre überwiegend nur den eigenen Gewinnmaximierungs-Phantasien zugetane Egoisten zu finden sind, welche am Wohl anderer kaum, oder nur dann, interessiert sind, wenn sich damit gleichzeitig der eigene Lebensstandard heben lässt, verschweigt der gute Mann jedoch.
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    Denkt man aber diese Phantasie konsequent zu Ende, käme man wohl an eine Stelle, bei der sich besagter Politiker bestimmt weniger die Hände reiben dürfte: Denn wenn sich ÖR und Privat nicht mehr unterscheiden, wofür dann noch Gebühren bezahlen? Hängen die Privaten doch am Tropf der Werbewirtschaft und nicht am Säckel des deutschen Laumichels.
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    Bevor nun, angesichts solcher Prognosen, die einen in Freudentaumel und die anderen in Trauer versinken: glaube ich mich vage daran zu erinnern von der Kanzlerin den Slogan „Wir müssen um so vieles besser sein wie wir teuer sind“ (oder ähnlich) gehört zu haben.
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    Es bleibt zu hoffen, dass die Verantwortlichen bei den ÖR diesen Slogan nicht nur ebenfalls gehört haben, sondern ihn vielmehr auch beherzigen. Denn besser zu sein, heißt – möglicherweise konservativ gesehen – ja auch nicht jedem Trend nachzulaufen.
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    In diesem Sinne – noch einen geruhsamen Tag nach Deutschland.

  6. Lukas Ormer sagt:

    ARD und ZDF passen sich leider...
    ARD und ZDF passen sich leider immer mehr den Privaten an. Dokus zu späten Terminen, Politmagazine gekürzt, Herz-Schmerz am laufenden Band, Boulevard-Käse, unkritische Talkshows, filzige Verbrüderung mit dem Sport. Während das ZDF meiner Meinung nach der Vorreiter dieser Entwicklung ist, sah ich bei der ARD bisher noch etwas wie Widerstand, der aber auch bröckelt.

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