Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

"Deutschland sucht den Superstar": Die Jugendschutz-Lüge von RTL

| 43 Lesermeinungen

Jugendschützer werfen RTL vor, antisoziales Verhalten zu verherrlichen. Der Sender behauptet, die gerügten Szenen am Nachmittag gar nicht gezeigt zu haben. Aber das ist nachweislich falsch.

In einer der vorläufig besten Pointen des Jahres hat der Fernsehsender RTL, der sein Geld damit verdient, Missgeschicke, körperliche Makel und Selbstüberschätzungen junger Menschen gnadenlos vor einem Millionenpublikum auszustellen, den deutschen Jugendschützern mangelnde „Sensibilität“ vorgeworfen. Und nicht nur das: RTL bezichtigt die Medienwächter, die Unwahrheit gesagt zu haben. Das ist allerdings eine Lüge.

Aber der Reihe nach.

Am Donnerstag rügte die Kommission für Jugendmedienschutz der Landesmedienanstalten (KJM) die erste Folge der aktuellen Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“, genauer: deren Wiederholung im Nachmittagsprogramm. Bei einem 18-jährigen Kandidaten zeichnete sich auf der Hose etwas ab, bei dem es sich um einen Urin-Fleck zu handeln schien. Jury-Chef Dieter Bohlen zeigte mit dem Finger auf den verunsicherten Jungen und machte sich ausführlich über ihn lustig. RTL manipulierte die Szene so, dass die Peinlichkeit und Bloßstellung noch größer wurde.

Die KJM bemängelte die Ausstrahlung am Nachmittag, weil die Szenen Kinder unter zwölf Jahren in ihrer Entwicklung beeinträchtigen könnten. Eine formale Beanstandung konnte die KJM nicht aussprechen, da RTL die Sendung vor der Ausstrahlung der Freiwilligen Selbstkontrolle Fersehen (FSF) vorgelegt hatte, die das Programm durchgewunken hatte. Der KJM-Vorsitzende Wolf-Dieter Ring erklärte: „Hier werden nicht nur beleidigende Äußerungen und antisoziales Verhalten als normale Umgangsformen präsentiert. Hier werden Verhaltensmodelle vorgeführt, die Häme und Herabwürdigung anderer als völlig legitim darstellen.“

Inhaltlich hat RTL zu dieser Debatte nichts beizutragen. Der Sender wirft der KJM stattdessen vor, mit falschen Karten zu spielen. In einer Pressemitteilung heißt es, die KJM habe „in ihren öffentlichen Ausführungen eine Folge ausführlich kritisiert, die in der beschrieben Version nicht im Nachmittagsprogramm von RTL gezeigt wurde“. Unternehmenssprecher Christian Körner lässt sich mit dem Satz zitieren: „Diese bewusst oder unbewusst irreführende Kommunikation der KJM wird der Sensibilität der Thematik nicht gerecht.“

Mit irreführender Kommunikation kennt RTL sich aus.

Richtig ist: Die Nachmittagswiederholung der umstrittenen Folge wich von dem am Abend ausgestrahlten Original ab. Der Sender hat sie um 15 Sekunden gekürzt: Statt 3:36 ist der Auftritt des „Pipi-Kandidaten“ (RTL) nur noch 3:21 Minuten lang. Richtig ist aber auch: All das, was die KJM in ihrer Pressemitteilung bemängelt, ist auch in der vermeintlich kindertauglichen Variante noch enthalten.

Unser Video demonstriert, was der Sender tatsächlich gekürzt hat:

Link: Jugendschutz bei DSDS

Das Video zeigt, wohlgemerkt, nur einen kleinen Teil des Auftritts. Die komplette Demütigung kann man auf der RTL-eigenen Videoplattform „Clipfish“ sehen. Auch die Nachmittagsversion enthielt ungekürzt und unverändert u.a.: die Animation, wie ein fliegender Bohlen auf den Zettel uriniert, der zur Teilnahme am „Recall“ berechtigt; Bohlens Satz „lieber Cholera auf dem Pillermann als dein Gesang – das war Scheiße!“, den RTL aus einem ganz anderen Casting dazwischen geschnitten hat; der Abgang des Kandidaten, unter den RTL das Lied „Jetzt kommen wieder wir mit der Nummer, wo man pinkeln gehen kann“ gelegt hat, und die Frage Bohlens: „Das hatten wir auch noch nie, dass sich einer in die Hose gepisst hatte, nä? Soo ein Fleck!“

Zum Vergleich noch einmal die Beschreibung der KJM: „RTL erweckte in der Inszenierung den Eindruck, der Kandidat könne seine Körperfunktionen nicht kontrollieren. Dies wurde ausführlich thematisiert, mehrfach gezeigt und mittels verschiedenen Inszenierungstechniken lächerlich gemacht.“

Es war, kurz gesagt, all das, was die KJM in ihrer Pressemitteilung beschrieben und bemängelt hat, auch in der Kinderfassung zu sehen. Wenn der Sender das bestreitet, sagt er die Unwahrheit. Mit der Realität hat man’s bei RTL gerade nicht so.

Nachtrag, 19:20 Uhr. RTL hat unser Video auf YouTube entfernen lassen, weil es angeblich einen Verstoß gegen das Urheberrecht darstellt. Vermutlich wird der Sender in Kürze auch die Sevenload-Version entfernen lassen, obwohl die Verwendung des Materials in dieser Form durch das Zitatrecht gedeckt ist.


43 Lesermeinungen

  1. NHEO sagt:

    Die größte Entwürdigung...
    Die größte Entwürdigung entsteht dadurch, dass Menschen sich überhaupt so etwas ansehen. Genau durch die Entscheidung sich diesen Schmutz anzusehen, also durch ihren erbärmlichen Voyeurismus, entwürdigen sie sich selbst über alle Massen.

  2. Mike sagt:

    Es ist eine...
    Es ist eine Unterhaltungssendung, die im Wesentlichen von der Schadenfreude der Zuschauer über die, teilweise recht skurrilen Kandidaten, profitiert. Bohlen ist logischerweise frustriert, da er Stars vom Format einer Leona Lewis bisher nicht gefunden hat auch nicht finden wird; seine sog. „Superstars“ sind keine, das weiss Bohlen und die Kandidaten sollten es eigentlich auch (nach glaube ich 6 oder 7 Staffeln) langsam wissen. Wer da freiwillig hingeht weiss, was ihn erwartet, nämlich Spott und Häme von einem senilen „Poptitan“ und seinen Lakaien.
    Die Mischung aus einer inkompetenten Jury und absolut talentfreien Kandidaten macht aber schon eine recht unterhaltsame Sendung, oder…?

  3. Merica sagt:

    Tut mir leid, aber für den...
    Tut mir leid, aber für den Kandidaten kann ich kein Mitleid aufbringen. Wer sich FREIWILLIG vor einem Fernsehpublikum mit einer verpiselten Hose präsentiert und glaubt dies bliebe einem Klartexter wie Bohlen verborgen lebt im Wolkenkuckucksheim.
    Wobei er dort nicht alleine ist. Herr Niggemeier scheint dort auch Dauerresident zu sein.

  4. Eldragon sagt:

    Quo vadis, Deutschland? Marcel...
    Quo vadis, Deutschland? Marcel Reich-Ranicki hat völlig richtig gehandelt, als er den Deutschen Fernsehpreis ablehnte. Es herrscht auf fast allen Sendern ein unterirdisches Niveau, ich habe mir das Fernsehen in den letzten Jahren weitestgehend abgewöhnt.
    Sähe man das Fernsehprogramm als Spiegel der Gesellschaft, und ich glaube das sollte man tun, so böte sich ein schrecklicher Anblick…

  5. loddar sagt:

    Ich glaube die Frage der...
    Ich glaube die Frage der Einschaltquoten ist hier nicht das Thema, wie es in vielen Kommentaren durchscheint.
    Dass so eine Sendung erfolgreich ist, sollte jedem zu denken geben, insbesondere denen die sie schauen.
    Aber eine ganz andere Frage ist, ob so eine Sendung in dieser Form im Nachmittagsprogramm gezeigt werden darf.
    Dies stellt der Artikel richtig dar und es steht außer Frage, dass die im Nachmittagsprogramm ausgestrahlte Version, Kinder in ihrer Entwicklung schädigt und nachteilig auf jedwede Erziehungsgrundlage wirkt.
    Wenn drei erwachsene Menschen die menschliche Würde in dieser Form missachten, wie soll man einem Kind richtiges soziales Verhalten vermitteln.
    PS: Dass sich ein Sender wie RTL, der sich auf einem so niedrigen sprachlichen Niveau bewegt, sich über die Sprachprobleme anderer lustig macht, ist die einzig wirklich gelungene Ironie der Sendung.
    Ich glaub es zeigt aber, dass es sich nicht um Unterschichtenfernsehen handelt, sondern um billigen Voyeurismus in dem die Unterschicht bloßgestellt werden soll.
    Dies schaut sich dann die Gymniasastin oder die Fremdsprachenkorrespondentin zu Hause an.

  6. hannes sagt:

    Jeder blamiert sich so guter...
    Jeder blamiert sich so guter kann!
    Die Kandidaten, die „Moderatoren“, der Sender, und das Volk welches zuschaut!

  7. Ich sagt:

    Es ist mittlerweile die x'te...
    Es ist mittlerweile die x’te Staffel von DSDS. Jeder Teilnehmer weiß, wie der Bohlen drauf ist.
    Wenn man damit nicht klar kommt, dann soll man sich nicht anmelden.
    Und man kann es mit dem Jugendschutz auch ein bisschen übertreiben.
    In der Schule wird auch jemand ausgelacht, wenn er so nen Fleck hat.
    Da ist das im Fernseh nichts neues.
    Und wer seinen Kinder soetwas nicht antun möchte, der soll dafür sorge tragen, das sie solche Inhalte nicht angucken.
    Wofür haben Eltern sonst Pflichten?

  8. fh sagt:

    solange sich millionen diesen...
    solange sich millionen diesen scheiss anschauen braucht keiner meckern wie schlimm das doch alles ist
    fakt ist: das wollen die leute sehen!
    und das rtl dies nachmittags vielleicht etwas kürzen sollte, naja also ehrlich so doof um das zu verstehen sind unseren kiddies ja nun auch nicht
    freiwilliges selbstkontrolle wäre schon etwas mehr empfohelen aber .. es ist nur eine empfehlung.. und ich wette! selbst nachmittags um diese zeit wars ein quotenrenner!; also!

  9. Kreta sagt:

    Na, glücklicherweise findet...
    Na, glücklicherweise findet sich auch bei FAZ- Bloggern jemand, der dieses wichtige Thema aufgreift.
    Natürlich mit bequemem Link, damit auch die sich belustigen können, an denen diese schwachköpfige Sendung sonst vorbeigegangen wäre.
    Hut ab, eine brillante Leistung!
    Und sollte hier jemand Ironie vermuten, so liegt er völlig richtig.

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