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Pupse im Weltraum: Das Relevanz-Verständnis des Pro-Sieben-Sat.1-Chefs

Bild zu: Pupse im Weltraum: Das Relevanz-Verständnis des Pro-Sieben-Sat.1-ChefsThomas Ebeling, seit gut einem Jahr Vorstandschef bei Pro Sieben Sat.1, möchte zukünftig weniger Geld für klassische Nachrichten ausgeben. Auf dem Podium des DLM-Symposiums, einer Diskussionsveranstaltung der Landesmedienanstalten, wiederholte er am Mittwoch seine Auffassung, für das junge Publikum seien klassische Nachrichten nicht so wichtig. Informationsvermittlung, wie sie der Rundfunkstaatsvertrag auch von privaten Sendern verlangt, sei schließlich nicht nur durch Nachrichten erreichbar. „Die vertiefende Betrachtung können Magazine viel besser leisten“, findet Ebeling – und hat auch ein schönes Beispiel parat:

„Formate wie ‚Galileo‘ sind viel relevanter als die Nachrichten um 18 Uhr.“

Na, dann schauen wir uns doch einfach mal an, ob der Mann nicht vielleicht Recht hat, und fassen zusammen, mit welcher Relevanz Ebelings Vorzeigemagazin „Galileo“ in den vergangenen Tagen glänzte:

Montag, 8. März 2010

„Die neue Woche beginnt bei uns spektakulär“, kündigt Moderator Aiman Abdallah den ersten Beitrag an. „Wir haben die Macher der erfolgreichsten Internetvideos besucht, um zu überprüfen, ob sie getrickst haben oder nicht.“ Die „Galileo“-Reporter sind nach Norwegen gereist, um einen Offroad-Fahrer zu besuchen, der einen 100 Meter hohen Sandberg senkrecht hinaufgefahren ist. In Irland hat „Galileo“ den Schäfer getroffen, der seinen Tieren LED-Lampen angesteckt und im Dunkeln lustige Filme aus der Vogelperspektive gedreht hat. In New York stand ein gehbehinderter Skateboardfahrer zum Interview bereit. Und in Bad Ems ließen sich die verblüfften Reporter von zwei Studenten vorführen, wie man aus mehreren Metern Entfernung Weißbrotscheiben im Toaster versenken kann.

„Fancy fast Food“ heißt der neueste Trend für Leute, denen es als Kind verboten war, mit dem Essen zu spielen. Konkret geht es um das „Umstylen“ von Fastfood zu Gourmetgerichten. „Galieleo“ hat Satéspieße aus Crispy Chicken, Geschnetzeltes aus Hamburger und Crème brûlée aus Donuts nachgebaut. Und die Testesser haben hinterher nichts von dem Schummel gemerkt!

Hätten Sie’s gewusst? Das teuerste Fahrrad der Welt ist aus – Holz. Irre!

Und dann wieder Aiman Abdallah: „Aus der Tierwelt stammen spannende Mythen und wir haben bereits einige geklärt: Ja, Lamas können tatsächlich spucken. Und: Nein, Schafe sind keineswegs dumm.“ Nur Pro-Sieben-Redakteure, die kommen für ihre Moderationstexte definitiv in die Hölle. Aber eigentlich ging’s ja um „Tiermythen“. Also: Wölfe heulen nicht den Mond an und Schlangengift tötet nicht in Sekunden. Letzteres hat „Galileo“ höchstpersönlich in Australien ausprobiert (an einer unschuldigen Maus) und dabei vom Reptilienexperten erfahren, was man im Falle eines Schlangenbisses auf keinen Fall tun sollte: Niemals selbst zum Krankenhaus fahren, man könnte im Auto ohnmächtig werden und sich verletzen. Ach so, und: Kängurus boxen nicht.

In der Rubrik „100 Sekunden“ taucht aber doch noch eine interessante Frage auf: Haben die Erdbeben in der Türkei und Chile, über die gerade in diesen „Nachrichten“ berichtet wird, wie es sie auf anderen Sendern gibt, irgendwas miteinander zu tun? Hm. Das kann „Galileo“ leider auch nicht beantworten. Viel wichtiger an dieser Erdbeben-Geschichte schien der Redaktion auch die Frage:

Dienstag, 9. März 2010:

Da ist er wieder, der große „Fake-Check“: „Kann man wirklich [kopfüber] auf einem Finger stehen? Galileo-Zuschauer probieren es aus.“ In einem Einkaufszentrum. Aber ohne Erfolg. Also hat die Redaktion die Deutsche Meisterin in Sportakrobatik, einen Balancekünstler und mehrere Shaolin-Mönche als fachkundige Experten hinzugezogen und herausgefunden: Ja, man kann. Aber der letzte, der es geschafft hat, ist 1989 gestorben.

So, meine Damen und Herren, und nun machen Sie sich bitte auf die Königsdisziplin gefasst: die „Galileo“-Reportage über den teuersten Füller der Welt. 200.000 Euro kostet der, es gibt nur wenige Exemplare davon, und: „Bei der Entstehung von Füller 81 darf ‚Galileo‘ exklusiv dabei sein.“ Nach 15 Minuten sowie einer intensiven Beratung durch den Abteilungsleiter Sonderanfertigungen in Deutschlands ältester Füllermanufaktur steht für die Redaktion fest: Das ist „nicht nur ein Schmuckstück, sondern auch ein perfektes Schreibgerät“. Und bevor wir gleich was über Astronautenfutter erfahren, hat Aiman Abdallah da noch mal eine Frage:

Jetzt aber zur Herstellung des Luxus-„Space Food“, das Sternekoch Harald Wohlfahrt in ganz leichten Dosen verpacken muss, weil der Transport sonst so teuer kommt. Und was isst man so im All? Geschmortes Kalbsbäckchen mit Gemüse in Balsamicoessigsoße zum Beispiel. Bloß nichts mit Zwiebeln, weil die Luft sonst durch Pupse verunreinigt wird. Gut zu wissen, falls man mal in Verlegenheit kommt.

Und sofern die Raumfahrtbehörde sonst noch ein paar Tipps braucht: „Galileo“ hat im „Chemieexperiment XXL“ 24 cm dicken Stahl durchgeschmolzen. Vielleicht ist das ja auch für irgendwas gut.

Mittwoch, 10. März 2010

Und jetzt wieder – nein, der „Fake-Check“ hat heute Urlaub. Diesmal gibt’s zum Auftakt das „Diät-Quiz“, in dem sich herausstellt, dass die Deutschen die dicksten Europäer sind, weil sie pro Jahr 62 Kilo Fleisch, 9 Kilo Schokolade und 110 Liter Bier vertilgen. Viel wichtiger ist jedoch die Frage: Leben Piloten wirklich nonstop im Luxus? „Ein Pilot hat für uns ausgepackt“, verspricht „Galileo“ und ist einen Tag mit einem Flugkapitän mitgereist, um sich abends beim Feiern unter Palmen zwischen lauter hübschen Frauen von ihm bestätigen zu lassen: „Es ist nicht leicht, treu zu bleiben.“

Ganz ohne Kapitän durfte der „Galileo“-Reporter nachher „die ausgefallensten Luxusgerichte der Welt“ kosten: Seeigel, cremigen Elchkäse, Kaviar von der Weinbergschnecke, Schwalbennester aus Vogelspeichel. Und für den Donnerstagabend hat Aiman Abdallah schon den nächsten Beitrag parat, einen „Nationenkampf“, bei dem sich herausstellen soll: Wer macht den besten Gulasch? Deutsche oder Ungarn?

Fassen wir nochmal zusammen: Es ist für Pro Sieben Sat.1 kein Problem, Reporter um die halbe Welt (und notfalls sogar nach Bad Ems) reisen zu lassen, damit sie glibberige Delikatessen in den Mund nehmen, Mäuse ins Jenseits befördern oder die Protagonisten lustiger Internetvideos aufspüren können. Es ist auch kein Problem, 15-minütige Reportagen über glitzersteinbesetzte Füller zu zeigen oder sündhaft teure Holzfahrräder. Wenn sich irgendwas Großes kaputtmachen oder durchschmelzen lässt, scheut Pro Sieben keine Ausgaben, um das mit der Kamera festhalten zu können.

Nur für anständige Nachrichten ist in Ebelings Konzern beim besten Willen nicht genug Geld und Platz da.

Jetzt wissen wir immerhin warum: Das, was täglich so auf der Welt passiert, ist für Informationssendungen, wie Pro Sieben Sat.1 sie zeigt, viel zu aufregend.

Screenshots: Pro Sieben

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