Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Achtung, Baustelle! RTL und die Tücken des Prinzips Verlässlichkeit

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Jahrelang mussten die RTL-Programmplaner lediglich all die erfolgreichen Sendungen in die richtige Reihenfolge bringen, die Zuschauer haben dann schon von selbst eingeschaltet. Damit scheint es jetzt vorbei zu sein: Plötzlich gibt es auch bei RTL wieder Baustellen, noch dazu im Hauptabendprogramm. Und keine Aussicht auf schnelle Abhilfe.

Es muss eine tolle Zeit gewesen sein für die Mitarbeiter in der RTL-Programmplanung. Eine Zeit voller Kaffeepausen und Heute-mach-ich-früher-Schluss. Während bei der Konkurrenz eine Baustelle nach der nächsten aufgemacht wurde, mussten die RTL-Planer nur all die erfolgreichen Sendungen, die da waren, in die richtige Reihenfolge bringen. Die Zuschauer haben dann schon von selbst eingeschaltet. Einmal im Jahr konnte es sich RTL-Geschäftsführerin Anke Schäferkordt deshalb sogar erlauben, schonungslos ehrlich mit Werbekunden und Journalisten zu sein. Bei der Vorstellung des neuen Programms (das im Wesentlichen das alte war) erklärte die Senderchefin deshalb: Am Nachmittag gebe es sicher „Optimierungspotenzial“, aber sonst sei alles in Ordnung.

Hat ja auch gestimmt.

Gerade stimmt es nicht mehr. Inzwischen hat RTL mit seinen geskripteten Dokusoaps zwar eine Lösung für den Nachmittag gefunden. Dafür ist die Glückssträhne in der Hauptsendezeit vorbei. „DSDS“ mag gerade höchst erfolgreich sein. Werktags zeigen sich im Programm jedoch massive Abnutzungserscheinungen. Neue Formate sind gefloppt, alte nicht weiterentwickelt worden – es gab einfach keinen Anlass, aktiv zu werden. Umso größer wird in Köln der Schock sein, dass es jetzt gleich auf mehreren Plätzen höchste Zeit wird.

Bild zu: Achtung, Baustelle! RTL und die Tücken des Prinzips VerlässlichkeitAm Montag um 21.15 Uhr tut sich „Vermisst“ gerade unerwartet schwer. Zum Start reichte es gerade mal für 14,5 Prozent Marktanteil bei den jungen Zuschauern [Nachtrag, 30.3.: Diese Woche sah’s besser aus.] Das ist vor allem deshalb problematisch, weil RTL Nachschub für den Sendeplatz braucht, der einer der erfolgreichsten im Programm ist (unter anderem wegen „Bauer sucht Frau“ und „Rach der Restauranttester“). Bisher kam der – wie „Vermisst“ – stets vom Sonntagvorabend, aber auch dort fehlen Alternativen. „Der Hotelinspektor“ floppte im vergangenen Jahr und gegen „Die Farm“ hat sogar Sat.1 wieder echte Chancen, sich bei den Zuschauern durchzusetzen. Die Trash-Kuppelshow „Schwiegertochter gesucht“ könnte zwar auf den Montagabend rücken, dann jedoch würden für den Sonntag endgültig die Alternativen fehlen. Spannend wird, wie sich ab Mitte April „Endlich wieder Arbeit“ schlägt.

Bild zu: Achtung, Baustelle! RTL und die Tücken des Prinzips VerlässlichkeitAuch am Dienstag zeichnet sich eine Wende ab: Vor zwei Wochen holte „Dr. House“, zuletzt die erfolgreichste Serie beim jungen Publikum, die schwächste Quote seit 2006. Der Marktanteil lag damit immer noch weit über dem Senderschnitt, doch langsam zeichnet sich ab, dass „House“ den Zenit seines Erfolgs bei den deutschen Zuschauern überschritten hat.

Mag sein, dass sich manche sattgesehen haben oder dass die günstigen DVD-Boxen, die palettenweise in den Elektronikmärkten liegen, Schuld sind. Wahrscheinlich hat sich RTL diese Schlappe aber (wie die Kollegen von DWDL schon anmerkten) selbst zuzuschreiben: Mit wilden Unterbrechungen der aufeinander aufbauenden Episoden wollte der Sender den Serienerfolg möglichst lange strecken. Kann sein, dass er ihn damit sogar verkürzt hat.

Anstatt neue Staffeln konsequent am Stück zu zeigen, hat RTL immer wieder ärgerliche Pausen gemacht. Selbst die Auswahl und Reihenfolge der gezeigten Wiederholungen waren zum Teil ein Rätsel.

Nun ist es für viele Zuschauer bereits ein Zugeständnis, jede Woche zur selben Sendezeit denselben Kanal einzuschalten, um dort eine neue Episode der Lieblingsserie anzuschauen. Nach dem Einschalten aber festzustellen, dass statt der neuen Episode schon wieder eine alte kommt, nervt irgendwann auch den treuesten Fan. (Und das ist nicht der einzige Grund, wie Michael vor längerer Zeit im Fernsehlexikon aufgeschrieben hat.) Dass man sich in Köln inzwischen besonnen hat und nach dem Ende der 5. Staffel am Dienstag in der Woche darauf gleich die 1. Folge der 6. Staffel zeigt, kommt vielleicht zu spät, zumal Pro Sieben mit seinem Comedy-Dienstag und „Two and a half men“ eine vom Publikum akzeptierte  Alternative aufgebaut hat.

Bild zu: Achtung, Baustelle! RTL und die Tücken des Prinzips VerlässlichkeitAuf jeden Fall ist der Ärger damit noch nicht vorbei. Am Mittwoch schwächelt der einstige Quotengarant Peter Zwegat, der mit „Raus aus den Schulden“ ebenfalls klar unter Senderschnitt liegt. Bei der „Super Nanny“ gibt es schon seit längerem ungemütliche Ausschläge nach unten. „Teenager außer Kontrolle“ dürfte mit den momentanen Ergebnissen endgültig abgesetzt werden. Und „Die Ausreißer“ glänzte Anfang des Jahres auch nicht mit besonders guten Werten. Selbst erfolgreiche Dokusoaps lassen sich nicht unendlich fortsetzen. Es fehlt Abwechslung. (Und der „Nachbarschaftsstreit“, der 2009 nach einigen Folgen nicht wirklich überzeugte, kommt wohl eher nicht wieder.)

Verlässlichkeit war Schäferkordts Credo und ihr Erfolgsgeheimnis: Wenn das Publikum weiß, was es von einem Sender zu erwarten hat, wird es mit der Zeit zum Stammpublikum. Richtig so. Nur ist darüber in Vergessenheit geraten, dass erfolgreiches Fernsehen eine weitere Voraussetzung braucht. Die lautet, so paradox das auch klingen mag: Überraschung. Davon hatte RTL in den vergangenen Monaten nicht besonders viel zu bieten (sieht man mal davon ab, dass es sehr überraschend war, in welcher Reihenfolge „Dr. House“ lief). Genauso wenig wie die Ausdauer, an neuen Programmen zu arbeiten, deren Quote nicht von vornherein durch die Decke schoss. Irgendwann langweilen sich die Zuschauer eben vor lauter Verlässlichkeit.

Jetzt ist sie da, die Großbaustelle bei RTL. Und spannender als das Programm, mit dem sie gefüllt werden muss, wird es vermutlich sein, Fernsehmachern beim Ausprobieren zuzusehen, die mit sowas vollkommen aus der Übung sind.

Alle Screenshots: RTL


22 Lesermeinungen

  1. <p>RTL hin oder her, aber...
    RTL hin oder her, aber warum faengt der montag bei RTL mit dem L an und nicht mit dem R?
    Ich finde RTL allgemein irgendwie nur noch niveaulos.
    alles drehts ich nur noch um derart dumm-geschauspielerte Soaps bzw. möchtegern realitäts-serien.
    Da mag man sich nur noch am kopf packen und sich fremdschämen.
    Gut, dass man noch hobbies und ein leben hat, anstatt 24stunden 7 tage die woche vor de glotze zu hocken.
    naja, die gerichtsshows existieren ja nicht mehr, bald werden bestimmta uch die doku-soaps abgesetz, aber was kommt dann?
    Man wird es sehen.
    Oh, ich hab ganz vergessen, dass auf rtl ja nicht einmal mehr eine Talkshow laeuft. oli geissen wurde ja auch abgesetzt!
    Ich finde, es sollten mehr amerikanische sitcoms im deutschen Tv laufen.

  2. Ich staune immer wieder, wie...
    Ich staune immer wieder, wie unprofessionell und hilflos die Arbeit von Programmplanern und anderen Fernsehmachern von außen anmutet. Man hat permanent den Eindruck, man könnte das selbst viel besser. Trotzdem schafft es von unseren vielen Sendern kein einziger.
    Muss wohl schwerer sein, als es aussieht.

  3. Günther Jauch! GÜNTHER...
    Günther Jauch! GÜNTHER JAUCH!!! RTL hat Jauch! Jauch, den berufsjugendlichen Moderator eines Magazins namens „Stern TV“, das an Effekthascherei kaum zu überbieten ist und mit den journalistischen Ansprüchen des Nachrichtenblatts Stern so viel gemein hat wie eine Schildkröte mit einem Ferrari. Neuerdings quatscht sich Quotengünther durch WWM und „Fünf gegen Jauch“ als gäbe es kein Morgen. Wenn er in einer Sendung zehn Fragen stellt, ist das schon viel. Dazwischen: Rückenleiden, Gartentipps, Suggestionsversuche am Kandidaten und (bei weiblichen Exemplaren) hölzerne Charmeoffensiven. Was Jauch RTL kostet, muss an anderer Stelle gespart werdern. Vielleicht kommt da sogar manchmal die Weisung: „Günther, heute nur 8.000 Euro, okay?!“

  4. Ich habe letztens die ersten...
    Ich habe letztens die ersten zwei Staffeln der mehrfach ausgezeichneten US Serie „True Blood“ gesehen und wundere mich ernsthaft warum Sender wie RTL lieber weiter auf eigens produzierte Trash und Reality Shows setzen. Gerüchteweise scheute man bei RTL das FSK 18 Rating:
    https://www.imdb.com/title/tt0844441/

  5. @uk: Häh? Und was hat das...
    @uk: Häh? Und was hat das eine mit dem anderen zu tun? Soll RTL nur noch Kaufserien zeigen?

  6. Besser gut eingekauft als...
    Besser gut eingekauft als schlecht erfunden, oder nicht? Bevor ich mich mit Super Nanny, Zwegat, Ausreißer und Co. am Mittwoch rumschlage würde ich lieber versuchen den Erfolg von Dr. House und CSI Miami zu kopieren. Oder gibt es eine magische Regeln nach der man nicht mehr als x US Serien pro Woche zeigen darf?
    Pro Sieben macht es mittwochs vor mit Desperate Housewives und Vampire Diaries. Dagegen könnte man bei RTL locker anstinken, aber sicher nicht mit ausgelutschten Reality Formaten.

  7. Ich würde sagen, es gibt auf...
    Ich würde sagen, es gibt auf anderen Sendern zur selben Sendezeit einfach bessere Formate. „Fast Forward“ und „Lie to Me“sind erstaunlich gut, „House“ wurde meiner Meinung nach einfach zu sehr zerstückelt und viele die früher gerne eingeschaltet haben, sind jetzt komplett verwirrt und wissen ohne Episodenguide nicht mehr wer eigentlich mit wem in welcher Verbindung steht. -.-
    Wenn es mal keine US Serie sein soll, wie wäre es dann mit „Skins“ (UK)?

  8. Leider kann man mittlerweile...
    Leider kann man mittlerweile eigentlich über fast jede US-Serie bei RTL sagen, dass ihre Ausstrahlung an ärgerlichen Ausstrahlungsunterbrechungen und rätselhaften Wiederholungsmustern krankt. Vielleicht sollten sie’s doch einfach VOX überlassen und sich selbst auf den so erfolgreichen Pseudodoku-Markt konzentrieren… Jedenfalls fühle ich mich inzwischen als Serienfan beim Schauen von RTL regelrecht deplaziert, mehr noch als z.B. in der Sonntagabend-Schiene bei SAT.1 (wo mich vom Restprogramm auch nicht mehr sonderlich viel interessiert).

  9. "Neue Formate sind gefloppt,...
    „Neue Formate sind gefloppt, alte nicht weiterentwickelt worden –“
    Da zeigt sich DAS RTL-Problem schlechthin. Die meisten der Doku-Soap-Formate am Abend stammen aus dem Ausland. Man adaptierte sie – meist erfolgreich – und dann liefen die. Irgendwann geht jedes Format mal unter und da zeigt sich im Hause RTL ein Problem: Die Einkäufe liefen so gut, dass man wenig selbst entwickeln musste. Die können es schlicht nicht. Und wenn es von außen keinen Nachschub gibt, dann läuft Wasser in den Kahn.
    Und bei den US-Serien war es fast schon immer so, dass es immer einige Kracher gab, aber auch einen großen Bodensatz, der eben nicht so gut läuft. RTL ist aufgrund seiner allgemeinen Quotenlage auf die Kracher angewiesen. Außerdem konditionierte Man das Publikum auf US-Ware. Nun wird es schwer, Nachschub zu finden. Man wird sich vielleicht wieder bei VOX bedienen. Hat schonmal funktioniert. Aber eine sichere Ausgangslage ist das auch nicht.

  10. Es muss natürlich "Flash...
    Es muss natürlich „Flash Forward“ heissen. XD

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