Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Der 5-Punkte-Plan des neuen ZDF-Chefredakteurs

| 16 Lesermeinungen

Im vergangenen Dezember hat Hauptstadtstudioleiter Peter Frey erfahren, dass er Nikolaus Brender als Chefredakteur des ZDF beerben wird. Heute ist es soweit. Trotz der kurzen Vorbereitungszeit formuliert der Neue bereits erstaunlich klare Ziele. Im Fernsehblog steht, was Frey sich zum Start alles vorgenommen hat.

Erinnern Sie sich noch an die schönsten Erklärräume im neuen ZDF-Nachrichtenstudio? Nicht? Wir hätten da eine kleine Auswahl anzubieten:

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Screenshots: ZDF

(Mein liebster ist der unten in der Mitte, in der Claus Kleber über die paar Arbeitslosen hinwegsieht. Nein, halt, doch der links daneben mit dem sinnlosen Höhenverlauf der Tour-de-France-Strecke.)

Seit einem Dreivierteljahr sind „heute“ und „heute journal“ mit dem neuen Design auf Sendung, und so richtig will sich der Gewöhnungsprozess einfach nicht einstellen, oder? Modern sieht es ja aus. Aber als Zuschauer hat man zu Beginn der Sendung immer noch das Gefühl, die Nachrichten würden von einem riesigen Tisch moderiert (und nicht von den winzigen Figürchen, die dahinter sitzen).

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Screenshots: ZDF

Im vergangenen Jahr bügelte das ZDF alle, die sich eher skeptisch zur „Grünen Hölle“ (wie das Studio intern genannt wird) äußerten, noch per Pressemitteilung ab:

„Drei Viertel der ZDF-Zuschauer sind zufrieden mit dem neuen Nachrichtenstudio von ‚heute‘ und ‚heute-journal‘. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Befragung, die das ZDF in den Tagen nach dem Sendestart am 17. Juli durchgeführt hat. Demnach gaben rund 60 Prozent der Befragten an, dass das neue ZDF-Nachrichtenstudio hilft, die Nachrichten inhaltlich besser zu verstehen.“

Jetzt bekommen die Skeptiker nachträglich Unterstützung. Vom neuen ZDF-Chefredakteur Peter Frey. Der tritt am heutigen Mittwoch in Mainz die Nachfolge von Nikolaus Brender an, dem sich im vergangenen Jahr der branchenweit anerkannte Programmanalyst Roland Koch in den Weg stellte, um dessen Vertragsverlängerung zu verhindern. Mit Erfolg. Trotz der kurzen Vorbereitungszeit nach seiner Wahl im Dezember formuliert Frey nun bereits erstaunlich klare Ziele, die er sich für seine neue Zuständigkeit gesetzt hat (zum Beispiel bei der Nachrichten-Optik).

Das Nachrichtenstudio. „Da wurde eine Menge Arbeit geleistet, wir haben einen Sprung in die Zukunft geschafft“, sagt Frey. „Aber ich bin mit dem Resultat nur eingeschränkt zufrieden.“ Die Präsenz der Moderatoren habe im neuen Studio gelitten. „Das dient nicht der Zuschauerbindung. Die Technik soll die Moderatoren ja unterstützen.“ Vor allem die extremen Totalen stören den neuen Chef, jetzt soll an der Kameraführung gearbeitet werden. Auch die bisherigen Animationen, für die die Sprecher hinter ihrem Pult hervortreten, sieht Frey kritisch: „Viele Erklärräume waren nicht besonders überzeugend.“

Die Moderatoren. „Wir müssen mit unseren Köpfen mehr machen“, sagt Frey – und meint das nicht nur als Aufforderung, öfter mal die kleinen grauen Zellen zu bemühen. Eigentlich plant Frey etwas ganz anderes: „Ich habe mir vorgenommen, den Moderatoren, die beim Publikum eingeführt sind, größere Möglichkeiten zu geben.“ Was das genau bedeutet, will er noch nicht verraten. Aber es reicht ja, einen Blick ins Programm zu werfen: Steffen Seibert ist schon seit längerem nicht nur im „heute journal“ präsent, sondern moderiert auch Infotainment-Shows wie „Ich kann Kanzler“. Im vergangenen Jahr stand er mit der Nachrichten-Kollegin Dunja Hayali für „Die Sternstunden der Deutschen“ vor der Kamera. Gut möglich, dass es solche Einsätze bald regelmäßiger gibt.

Bild zu: Der 5-Punkte-Plan des neuen ZDF-ChefredakteursDie Inhalte. Bevor Frey selbst zum Chefredakteur gewählt wurde, war er in den 80ern persönlicher Referent des Brender-Vorgängers Klaus Bresser und zuständiger Redakteur für die Interviewreihe „Was nun?“, die zuletzt seltener im Programm war. Frey will das ändern. Außerdem plant er, die Frequenz der politischen Kommentare zu erhöhen. Dazu will der neue Chef sämtliche Eigenformate „auf den Prüfstand“ stellen: „Die Magazine haben sich zum Teil beträchtlich angenähert.“ Frey fordert mehr Vielfalt, klarere Profile – und wenn es doch einmal thematische Überschneidungen gibt, eine sendungsübergreifende Verzahnung. Berichtet etwa „ZDF.reporter“ über eine Thematik, die auch bei „Maybrit Illner“ im Anschluss eine Rolle spielt, sollen die Zuschauer das künftig stärker wahrnehmen.

Zum Dokusendeplatz in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag äußert sich Frey deutlich: „Das ist sicher eine Notlösung, um das Genre Dokumentation zu retten, und nur dadurch zu rechtfertigen, dass die Sendungen zeitgleich online verfügbar sind und auf anderen Kanälen gezeigt werden.“ Ein Dauerlösung ist das für ihn offensichtlich nicht.

Es fehlt nur an Sendeplätzen im Programm, die auch mit schwerer zugänglichen Themen bespielt werden können (zum Teil auch, weil man sich in Mainz einfach nicht dazu durchringen mochte, die Ex-Kerner-Schiene dauerhaft für Alternativen freizugeben). Künftig wird sich Frey mit Programmdirektor Thomas Bellut, der die Unterhaltung koordiniert, darüber verständigen müssen. Er sagt: „Wenn es sein muss, werden wir kämpfen. Das ist die Verabredung.“

Das Publikum. „Wir müssen die ganze Breite der Gesellschaft abbilden“, sagt Frey über das Ziel, auch jüngere Zuschauer fürs ZDF zu begeistern. Dem ist eigentlich wenig hinzuzufügen. Macht er dann aber doch: „Wir können dabei ruhig ein bisschen frecher werden.“

Die Unabhängigkeit. Über die ist beim ZDF in den vergangenen Monaten mehr diskutiert worden als übers eigentliche Programm. „Wir sind ein Sender auf Bewährung“, sagt Frey und versichert, dafür sorgen zu wollen, dass sich das ändert. Einfach wird das nicht in einem Sender, von dem die Politik immer noch glaubt, dass ihr ein Stückchen davon gehöre, wie Kurt Beck gerade dem „Spiegel“ erzählt hat („Wenn ARD und ZDF ökonomisch scheitern, müssen wir dafür geradestehen. Ist es zu viel verlangt, da – mit anderen Gruppen – mitreden zu dürfen?“) und dessen Gründung ja auf eine ganz konkrete politische Absicht des ehemaligen Bundeskanzlers Konrad Adenauers zurückgeht, die vom Bundesverfassungsgericht verhindert wurde. „Der Kampf hört nicht auf, wenn Nikolaus Brender gegangen ist. Er hat aber auch nicht mit ihm angefangen“, fasst Frey zusammen. „Meine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass jetzt wieder die Arbeit gemacht werden kann.“


16 Lesermeinungen

  1. Es ist bemerkenswert, dass das...
    Es ist bemerkenswert, dass das ZDF offensichtlich gerade das als feature betrachtet, was ich bemängele: Personality. Ich will nicht die Nachrichten als moderiertes Entertainment Event präsentiert bekommen, weil ich etwa sonst nicht wüsste, warum ich diese gucken sollte. Oder um es anders auszudrücken: ich will nicht das „heute-Journal mit Marietta Slomka“, ich will das heute-Journal. Immer wenn Namen in dieser Form genannt werden, werde ich misstrauisch. Mir ist da entschieden zu viel Fixierung auf Gesichter, meist irgendwie betroffene, damit der Zuschauer weiss, dass er jetzt auch betroffen sein muss. Das nenne ich Vereinnahmung des Zuschauers und Aufbau eines unausgesprochenen Konsenses. Darin geht das ZDF sogar weit über die RTL-Nachrichten hinaus. Und das neue Studio ist in meinen Augen eine ebenso überflüssige wie alberne Effekthascherei.
    Interessanterweise sieht man das in der ARD offensichtlich ein wenig anders. Kritiker werden sagen, die ARD-Nachrichten wirkten im Gegensatz dazu steif und kühl. Ich finde allerdings, so sollten Nachrichten auch sein: mit einer gewissen journalistischen Distanz sowohl zum Inhalt wie auch zum Publikum.

  2. Wie wäre es denn z.B zdf_neo...
    Wie wäre es denn z.B zdf_neo auch der jungen Zielgruppe zugänglich zu machen? Ohne digitalfernsehen. Öffentlich quasi? Ohne Mehrkosten und nachrüsten der Haushalte?

  3. @ T.M.
    Dabei muss bitte...

    @ T.M.
    Dabei muss bitte unterschieden werden.
    Die Tagesschau ist tatsächlich sehr steif. Vor allem im Vergleich zum heute JOURNAL. Und da hinkt der Vergleich auch. Wenn man 19-Uhr-Heute und heute Journal vergleicht fällt einem auch ein Unterschied im „Steifegrad“ auf.
    Vergleichbar ist Tagesschau mit 19-Uhr-zdf-heute-Nachrichten und Heute Journal mit den Tagesthemen der ARD.
    Im Journal geht es einfach rein von der Ausrichtung um Hintergründe und Erläuterungen, um das Erklären von Nachrichten. In der Tagesschau wird aufgelistet. In den 19-Uhr-Nachrichten auch.
    Heute journal ist eben ein Journal.
    Wohl aber ist es richtig, dass die ARD-Nachrichten insgesamt noch konservativer wirken und dass auch die Tagesthemen steifer sind als das heute journal.
    Was man da jetzt mehr mag, ist Geschmackssache. Nur bitte nicht heute journal mit Tagesschau vergleichen, das sind unterschiedliche Sendekonzepte, wenngleich es bei beiden um Nachrichten geht.
    (Will damit nicht sagen, dass du Tagesschau und journal direkt verglichen hast, las sich nur so 😉

  4. Ich finde das neue...
    Ich finde das neue firlefanzige Studiodesign nach wie vor farblich und lichttechnisch unsympathisch und insgesamt scheusslich. Ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen. Ansonsten hat T.M. oben mit erstaunlicher Deckungsgleiche ziemlich exakt das geäussert, was mir auch im Sinn war.

  5. Danke für die Aufbereitung,...
    Danke für die Aufbereitung, Herr Schrader!
    Angst macht mir folgende Ankündigung:
    „Wir müssen die ganze Breite der Gesellschaft abbilden“, sagt Frey über das Ziel, auch jüngere Zuschauer fürs ZDF zu begeistern. … „Wir können dabei ruhig ein bisschen frecher werden.“
    ZDF goes Scripted Reality? Gülcan? Mario Barth kriegt eine Sitcom? Rosamunde Pilcher 2.0?
    In Mainz war man leider in den vergangenen Jahren nie wirklich erfolgreich, wenn es darum ging, das Programm zu verjüngen. Da fehlen den Damen und Herren wohl einfach Menschen mit frischen Ideen und dem Mut, diese auch gegen den öffentlich-rechtlichen Wasserkopf durchzusetzen.

  6. Seitdem die heute-Sendung aus...
    Seitdem die heute-Sendung aus dem neuen Studio kommt hat sie ja nicht einmal mehr einen gescheiten Opener. Sie soll sich also möglichst unauffällig zwischen zwei Werbeblöcke einfügen, damit bloß nicht auffällt über was die Moderationspuppen in der unendlichen Studioweite eigentlich reden.
    Profil einer HAUPTnachrichtensendung sieht anders aus.
    Aber seitdem Frau Gerster lang und breit über das Nürnberger Eisbärenbaby erzählen mußte sind die ZDF-Nachrichten in ihrer Gänze für mich ein einziger Witz. Da greife ich lieber zur seriösen Tagesschau.

  7. @Kat: ahem... terrestrisches...
    @Kat: ahem… terrestrisches Fernsehen ist mittlerweile digital, und wer für ZDF_neo die wenig verfügbaren vollen analogen Frequenzen auf Satellit und Kabel einen anderen Kanal von/aus selbigem kicken will, muss vorher „eventuell“ auch festlegen, welcher Kanal das sein soll.
    Ich würd ja HSE oder MTV vorschlagen aber Sie müssen da leider den Tatsachen ins Auge blicken: Neo ist ein neuer Kanal, dafür einen alteingesessenen rauskicken ist einfach nicht drin.

  8. @Densemann: Stimmt nicht ganz,...
    @Densemann: Stimmt nicht ganz, finde ich, z.B. deswegen:
    https://faz-community.faz.net/blogs/fernsehblog/archive/2009/06/05/zack-zack-zdf-die-eu-im-schnelldurchlauf-erklaert.aspx

  9. @Peer: Wie heißt es so schön...
    @Peer: Wie heißt es so schön … Ausnahmen (auf schlechten Sendeplätzen) bestätigen die Regel.
    Und soll Frau Bauerfeind dann die freche Frau Kerner werden? Wohl kaum. Genauso wie die ARD schaut das ZDF inzwischen doch lieber auf die Quote und schielt zu den Privaten.
    Neue Sendekonzepte verschwinden doch entweder im Spätprogramm, auf Spartenkanälen (Hurra, neo hat vielleicht eine Lebensberechtigung!) oder bleiben auf ewig in der Schublade.
    In Mainz-Lerchenberg lehnt sich keiner mehr aus dem Fenster.
    Pilcher, Kochshows, Ferres und the next Kerner. Mehr erwarte ich nicht mehr von einem Sender, der einst mit Trommelwirbel die „Sopranos“ holte, die Serie im Nachtprogramm versenkte und dann wegen schlechter Quoten aus dem Programm warf.

  10. "Wenn es sein muss, werden wir...
    „Wenn es sein muss, werden wir kämpfen. Das ist die Verabredung.“
    Gute Idee. Frey und Bellut um 12 Uhr mittags im Erklärraum. Als Waffe schlage ich WII-Controller vor.

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