Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Premieren-Wochenende (2): Halle ist auch draußen schön

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Es ist nicht ganz klar, wie das Gerücht in die Welt gekommen ist, Guido Cantz könne moderieren. Eigentlich gibt es genügend Videodokumente, die das Gegenteil belegen. Am Samstag ist noch eines dazu gekommen: seine erste "Verstehen Sie Spaß"-Sendung, deren Witze die Redaktion vorher extra per Zeitmaschine besorgt hatte.

Es ist nicht ganz klar, wie das Gerücht in die Welt gekommen ist, Guido Cantz könne moderieren. Eigentlich gibt es genügend Videodokumente, die das Gegenteil belegen. Cantz mag hervorragend darin sein, ganze Horden stark alkoholisierter Verkleideter bei Stimmung zu halten. Oder unaufällig durch Shows zu führen, in denen man nur fragen muss: „Wollen Sie noch einen Koffer öffnen?“ Aber womöglich reicht das inzwischen, um Samstagabendshow-Kompetenz auszustrahlen.

Seit diesem Wochenende gehört Guido Cantz also „Verstehen Sie Spaß?“ und im Vorab-Interview mit dem eigenen Arbeitgeber erklärte der Neue bereits, was es für eine Ehre sei, einen solchen Klassiker anvertraut zu bekommen. Andererseits: Was heißt das schon, wenn der zuständige Sender (in diesem Fall der SWR) es auch schon mal für eine gute Idee hielt, dieselbe Sendung von Cherno Jobatey moderieren zu lassen. Beim SWR darf eben jeder Mal ein bisschen was vom eigenen Mythos ruinieren. Am Samstag hat Cantz seine Chance genutzt.

Bild zu: Premieren-Wochenende (2): Halle ist auch draußen schönSchon die Begrüßung des Publikums in Halle an der Saale fiel merkwürdig spröde aus: Cantz lobte den Gastgeber ironiefrei als „meine absolute Lieblingsstadt“, sagte leise, fast schon bedächtig: „So hab ich mir das vorgestellt: ein gut gelauntes Publikum.“ Und: „Heute darf ich mal moderieren. Das ist wirklich großartig. Vielen Dank.“ Dem „Verstehen Sie Spaß?“-Moderator a.D., Kurt Felix, wünschte Cantz „auf diesem Weg gute Besserung“ (was wohl bedeutet, dass es ihm nicht so gut geht), und seinem direkten Vorgänger Frank Elstner sagte er in die Kamera: „Frank, alles Gute, und vielen Dank, dass du mir diese Sendung übergeben hast.“ Denn: Das ist „ein wirklich toller Tag für mich“.

Besonders souverän wirkte das alles nicht, eher so als habe Cantz sich vor der Sendung runterregeln lassen, um das Publikum keinesfalls zu überfordern. Vom Versprechen, „locker und launig“ zu moderieren, war jedenfalls nichts zu merken.

Vielleicht hat er damit aber auch die Witze gemeint, die ihm seine Redaktion extra per kostspieligem Zeitmaschinentransport aus der Vergangenheit geholt hat. Zum Hochzeitstag von Charles und Camilla fiel Cantz ein: „Ist das schon so lange her, das Charles Camilla den Ring an den Huf gesteckt hat?“ Nachdem die Höhner, Stefan Gwildis und Dietmar Bär ihren Titel „Männer in den besten Jahren“ gesungen hatten, fragte der Moderator: „Ist Johannes Heesters noch drin oder schon raus?“ Und vor dem Beitrag, in dem Cantz durch die Gastgeberstadt streifte, um ein paar Wahrzeichen vorzustellen, sagte er mit spitzbübischem Grinsen: „Nicht nur in der Halle – Halle ist auch draußen schön!“

Anschließend sah man ihn auf der Brücke zwischen den beiden Türmen der Marktkirche stehen und erzählen, diese Brücke sei zu DDR-Zeiten besonders beliebt gewesen, denn da habe man problemlos von Ost nach West laufen können. Gut, dass Georg Friedrich Händel, ein Sohn der Stadt, nicht auf Mallorca geboren sei, hörte man ihn sagen – denn dann hieße sein „Halleluja“ wahrscheinlich „Malleluja“.

Vor einem Marktstand, an dem Wurst verkauft wurde, stellte Cantz sich an ein Werbeschild, auf dem „Polnische Knacker“ beworben wurden und meinte (wenige Minuten nach dem „Brennpunkt“ zum tödlichen Absturz des polnischen Präsidenten): „Da können Ehefrauen aus Warschau ihre alten Männer abgeben.“

Und als ein Zauberer sein Gedankenleseexperiment in die Länge streckte, quakte Cantz aus dem Hintergrund: „Die folgenden Sendungen verschieben sich…“ – hielt dann aber selbst inne als er merkte, dass das weder spontan noch lustig war.

Vielleicht ist das genau der richtige Humor für eine Sendung, die in den vergangenen Jahren endgültig zur Seniorenwachhalteinstanz umgebaut wurde, gegen die „Wetten dass…?“ auch an schlechten Tagen wie ein permanentes Feuerwerk der guten Laune wirkt und Florian Silbereisens „Feste der Volksmusik“ zum echten Vergnügen werden, weil dort wenigstens noch auf ein ordentliches Tempo und auf Abwechslung geachtet wird.

„Ich hoffe, es hat Ihnen nur halb so viel Spaß gemacht wie mir“, sagte Cantz gegen 23.15 Uhr, als bereits zwanzig Minuten überzogen waren. Aber die Hälfte von Null ist eben immer noch – null. Erst recht bei einer Sendung, deren Redaktion sich bei Facebook eine Fanseite anlegt, die tatsächlich das Kürzel www.facebook.com/vsspass trägt – „vs. Spaß“! Darauf muss man erst mal kommen.

Morgen im Fernsehblog: die dritte Wochenend-Premiere, Sonja Zietlow beim „Großen deutschen IQ-Test by RTL 2“.

Foto oben: SWR


17 Lesermeinungen

  1. Als ich den Artikel lesen...
    Als ich den Artikel lesen wollte schon sich ein großes Fenster mit irgendeinem Video (Werbung) vor ebendiesen.
    Warum schreibt ihr überhaupt was im Netz, wenn ihr nicht wollt daß man es liest?

  2. Gibt es denn im ganzen...
    Gibt es denn im ganzen deutschen Fernsehen keinen Moderator, der das Zeugs zu dieser Sendung hat? Neben Pilawa und seinen Klonen wird anscheinend nur die zweite nervtötende Gruppe um Möchtegern-Comedians für fähig angesehen, größere Sendungen zu moderieren. Immerhin konnte Canz seinen Büttenreden-Humor runterpegeln, machte dabei aber jedem Schlafmittel Konkurrenz.

  3. @ Richard: Auf...
    @ Richard: Auf Werbeschaltungen haben die Autoren keinen Einfluss.

  4. netter text. hab aber noch nie...
    netter text. hab aber noch nie irgendeine sendung, die von herrn cantz moderiert wird, länger als fünf minuten gesehen. dafür ist das leben zu kurz. „vs. spass“ hab ich in dem selbigen schon genug, das muss ich mir im tv nicht auch noch antun.

  5. @Richard: laden Sie sich den...
    @Richard: laden Sie sich den kostenlosen Werbeblocker „Adblock Plus“ herunter, dann haben Sie keine Werbung mehr

  6. Tja, wie große...
    Tja, wie große Samstagabend-Unterhaltung geht, hat Stefan Raab gestern bewiesen. Eine zwar viereinhalbstündige, aber dennoch wirklich kurzweilige, unterhaltsame und spannende Show. Hab mich prächtig unterhalten gefühlt!!!

  7. Warum der Zusatz: "(wenige...
    Warum der Zusatz: „(wenige Minuten nach dem „Brennpunkt“ zum tödlichen Absturz des polnischen Präsidenten)“? Was hat das eine mit dem anderen zu tun außer das es nunmal polen sind?

  8. <p>Wow die Werbung ist ja echt...
    Wow die Werbung ist ja echt eine Unverschämtheit. Oben Banner, Rechts Banner, Popups und dazu noch ein nerviges Flash Video quer über dem Artikel, Respekt:
    http://www.stefan-niggemeier.de/…/kein-kommentar-dafuer-viel-werbung

  9. @Uli: Und Sie finden nicht,...
    @Uli: Und Sie finden nicht, dass so eine Fernsehblog-Seite an normalen Tagen (wenn keine Overlay-Werbung nervt) eher wie das linke Beispiel in dem von Ihnen verlinkten Bild aussieht? Weil wir hier so viele Bildergalerien bauen? Und nach jedem 2. Absatz im Text Werbung zwischenschalten?

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