Das Fernsehblog

Erfolg mit Aussicht: Die ARD revolutioniert den eigenen Serienabend

„Haben Sie sich schon in unserem schönen Hengasch eingelebt?“,

wird die Kommissarin gefragt , nachdem sie sich cabriofahrend von ihrer bisherigen Wirkungsstätte Köln in die Eifel begeben hat, um dort widerwillig die Leitung der Polizeiinspektion zu übernehmen. In Hengasch, Kreis Liebernich. Schon in diesem Moment gab es für ARD-Zuschauer gestern Abend allen Grund, sich die Augen zu reiben, weil oben in der Ecke tatsächlich das Logo des Ersten zu sehen war, wo man um derlei Ironie sonst einen ähnlich großen Bogen macht wie Guido Westerwelle um gute Werte in den Meinungsumfragen.

Es war trotzdem keine Halluzination:


Screenshot: Das Erste [M: Das Fernsehblog]

Bitte lassen Sie sich nicht davon irritieren, aber es scheint eine Woche des ARD-Lobs im Fernsehblog zu werden. Gestern schon – und heute nochmal, weil die Serie „Mord mit Aussicht“ nach der nicht besonders erfolgreichen Erstausstrahlung vor zwei Jahren nicht nur auf einem neuen Sendeplatz eine zweite Chance bekommen hat, sondern außerdem gleich sieben neue Folgen in Auftrag gegeben wurden, die direkt im Anschluss laufen.

Caroline Peters spielt die von der Versetzung genervte Kommissarin Sophie Haas, die im kleinen Eifelörtchen mit ihrer ruppigen Art für Unruhe sorgt, dafür aber schon in der ersten Woche sämtliche ungeklärten Fälle löst: den Muttererde-Klau auf der Gemeindehausbaustelle, die nächtlichen Kuhumschubsversuche und das mysteriöse Verschwinden des Ortsbürgermeisters, das schon Jahre zurück liegt. Die Leute vom Land kommen gar nicht gut weg in „Mord mit Aussicht“, vor allem die Polizeikollegen (Meike Droste, Bjarne Mädel): Die Serie zeigt sie als träge, dauerfrühtstückende, bleistiftanspitzende, sachbeschädigungsverwaltende Vogelscheiße-vom-Dienstwagen-Schrubber, die freilich gar nicht so doof sind, wenn sie mal gefordert werden und aus dem Quark kommen müssen. Auf der anderen Seite hat Kommissarin Haas alle Mühe, sich den Gepflogenheiten des Landlebens anzupassen, wo die gemeinsame Einnahme von Selbstgebackenem Bedingung für jegliche Art von Informationsaustausch ist.

Für ARD-Verhältnisse ist die Serie geradezu revolutionär, weil sie – wie die meisten anderen Produktionen – nicht klar fürs ältere Publikum geschrieben ist. Und weil darin weder Tierärzte noch Nonnen vorkommen.

Das eigentlich Erstaunliche ist, dass am gestrigen Dienstag trotzdem 5,83 Millionen Zuschauer die Wiederholung der ersten Folge sahen (über anderthalb Millionen mehr als 2008 am Montagabend). Und zwar auf einem Sendeplatz, auf dem die Zuschauer üblicherweise ganz andere Kost gewohnt sind, nämlich „Um Himmels Willen“, „Tierärztin Dr. Mertens“ und „Familie Dr. Kleist“. Im Vergleich dazu wirkt „Mord mit Aussicht“ wie Serienanarchie. Doch der ARD ist es offensichtlich gelungen, ihre Zuschauer im Laufe der Jahre so zu erziehen, dass sie dienstagabends automatisch das Erste einschalten. Egal was kommt.

Insofern eröffnet der „Mord mit Aussicht“-Erfolg der ARD ungeahnte Möglichkeiten: Künftig kann Programmdirektor Volker Herres am Dienstag zur besten Sendezeit die tollsten Experimente wagen – frecher, ironischer und jünger als alles, was man bisher gewöhnt war. Hauptsache, er streut in regelmäßigen Abständen Nonnen und Tierärzte dazwischen, damit die Stammzuschauer nicht misstrauisch werden.

Die ARD ist also gerettet. Und warten Sie erstmal ab, was in der Branche los ist, wenn Thomas Bellut beim ZDF bald auf die Idee kommt, „KDD“ in der Wiederholung auf dem Sendeplatz von „Unser Charly“ zu zeigen.

Foto: Das Erste

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