Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Kleine Product-Placement-Bilanz (2): Windelweiche Werbesoap

| 16 Lesermeinungen

Rund-um-die-Uhr-Service, Kinderbetreuung, Ayuveda-Massage und Kosmetikkabinen, ein Hallenbad mit kinderfreundlicher Wassertemperatur und Entspannung für die Eltern: Das Familienhotel aus der Dokusoap "Windeln und Wellness" hat viele Vorteile. Und als Zuschauer des neuen Frauensenders Sixx verpasst man keinen einzigen.

Sie ist wahrlich eines der Highlights beim neuen Pro-Sieben-Sat.1-Frauensender Sixx: die Dokusoap „Windeln und Wellness – Familienurlaub all inklusive“ (Produktion: Red Seven Entertainment). Nicht nur, weil sie als vorerst einzige Eigenproduktion im Programm läuft, sondern auch, weil dort mit dem seit April in Deutschland erlaubten Product Placement experimentiert wird – und zwar nicht so zurückhaltend, wie gestern an dieser Stelle beschrieben.

Bild zu: Kleine Product-Placement-Bilanz (2): Windelweiche WerbesoapEs geht um Eltern, die mit dem Nachwuchs in Familienhotels Ferien machen, in denen die Kleinen betreut werden, damit die Großen mal ausspannen können – aber inhaltliche Gründe können für die Produktion kaum ausschlaggebend gewesen sein. Es sei denn, bei Pro Sieben Sat.1 geht man ernsthaft davon aus, dass es interessant sein könnte, fremden Leuten beim Urlaub zuzusehen, in dem nichts, aber auch gar nichts passiert und das Spannendste ist, ob die Kids abends im fremden Bett einschlafen können.

In der ersten Folge begleitete „Windeln und Wellness“ die alleinerziehende Djamila Rowe (deren Bekanntheit in Deutschland auf eine acht Jahre zurückliegende Affäre mit einem Botschafter zurückgeht), wie sie mit ihrer Tochter entspannt. Und zwar in „Europas edelstem Baby- und Familienhotel“, wie der Off-Kommentator erzählt.

Der Service dort ist wirklich perfekt: Rowe wird vom Geschäftsführer persönlich durchs Hotel geführt – und beim Zusehen hat man schnell den Eindruck, eine verfilmte Unternehmensbroschüre eingeschaltet zu haben.

„In der Alpenrose kommen auf 180 Gäste 130 Mitarbeiter“, schwärmt der Sprecher und informiert: „Eine Nacht kostet hier rund 300 Euro. Dafür gibt’s Ledersofas, Flatscreen-TV, eine Whirlpool-Badewanne und natürlich einen Rund-um-die-Uhr-Service.“ Der Spa-Bereich wird ausführlich vorgestellt (die Ayuveda-Massage, die Kosmetikkabinen), der Geschäftsführer erwähnt die schönen Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe und aus dem Off folgen Werbetexte auf Anzeigenblattniveau:

„Allein für Sicherheitsmaßnahmen werden hier bis zu 3000 Euro die Woche ausgegeben.“
„Während die Eltern sich bei Massage und Manikür entspannen, werden die Babys und Kinder von einem 18-köpfigen Team bis zu zehn Stunden am Tag bespaßt. Das ist im Preis inklusive.“
„Im Luxusbabyhotel gibt es ein Spa von 750 Quadramtemetern mit 6 Mitarbeitern und 14 Behandlungsräumen.“
„Jedes Zimmer im 4-Sterne-Luxushotel ist mit einem Babyfon ausgestattet. Wird das Kind in der Nacht wach, erhalten die Eltern einen Anruf auf dem Handy. Eine super Sache.“
„[Es gibt ein] Buffet, das selbst bei einer Luxuslady wie ihr keine Wünsche offen lässt.“
„Das Hotel hat ein großes Hallenbad. Das Wasser ist kinderfreundliche 28 Grad warm.“

Außerdem kann ich nur vom Zusehen jetzt blind das hoteleigene Babyfonsystem bedienen. Am Ende wird Rowe wieder vom Geschäftsführer verabschiedet, der sich erkundigt, ob ihr der Aufenthalt gefallen hat, und man ist kein bisschen mehr überrascht, wenn dazu der Product-Placement-Hinweis eingeblendet wird:

Bild zu: Kleine Product-Placement-Bilanz (2): Windelweiche Werbesoap
Screenshot: Sixx

Im Vorspann gab es den zwar auch schon, allerdings scheint sich weiße Schrift auf hellem Grund bei den Sendern gerade als beliebte Lösung für die Placement-Kennzeichnung durchzusetzen.

Ich weiß nicht, ob das Hotel für die Dauererwähnung bezahlt oder Rowe (und dem Team) „nur“ den kostenlosen Aufenthalt ermöglicht hat – aber eigentlich ist das gar nicht weiter wichtig. Es sei denn, die Landesmedienanstalten wollen schon mal prüfen, ob das Hotel „zu stark herausgestellt“ wurde, was laut Werberichtlinien untersagt wäre (obwohl bisher niemand genau Kriterien festgelegt hat). Interessanter ist jedoch die Frage, ob es diese Sendung womöglich nur gibt, damit familienfreundliche Hotels auf sich aufmerksam machen können. Denn das würde bedeuten, dass die Erlaubnis der Produktplatzierungen tatsächlich dazu führt, dass sich Programminhalte im privaten Fernsehen zukünftig stärker nach den Bedürfnissen von Werbekunden richten.

Und natürlich, dass das Vertrauen der „Windeln und Wellness“-Macher in die Doofheit der Zuschauer grenzenlos sein muss, wenn sie tatsächlich davon ausgehen, dass es Leute gibt, die nichts Besseres zu tun haben als sich einen 45-minütigen Werbefilm anzusehen.

Ich befürchte ja: manche haben das wirklich nicht.


16 Lesermeinungen

  1. Oma Schmitz sagt:

    Dapassen die charakterlichen...
    Dapassen die charakterlichen Verwerfungen der Protagonisten doch perfekt zum Sender:
    2002 wurde Djamila Rowe durch eine angebliche Affäre mit dem damaligen Schweizer Botschafter bekannt. In der schweizerischen Zeitung Sonntagsblick behauptete Rowe für ein Honorar von 10.000 Euro, eine Affäre mit Borer gehabt zu haben. Diese Aussage widerrief Rowe später. Der Ringier-Verlag zahlte Borer nach einer außergerichtlichen Einigung Schmerzensgeld von über einer Million Schweizer Franken. Rowe wurde für die Falschaussage trotz eines Meineides nicht gerichtlich belangt.
    Für die Lüge, sie ein ganz normaler zahlender Gast im Hotel gewesen, wird sie wohl ebenfalls nicht belangt werden, schätze ich. Das einzig Gute daran ist, daß man jetzt schon absehen kann, daß Sixx an der miesen Qualität seiner anderswo gescheiterten Halbwelt-Redakteure zugrunde gehen wird.

  2. BloodyFox sagt:

    "Für die Lüge, sie ein ganz...
    „Für die Lüge, sie ein ganz normaler zahlender Gast im Hotel gewesen, wird sie wohl ebenfalls nicht belangt werden, schätze ich.“
    Wer soll sie denn dafür belangen? Und vor allem weshalb? Bei Schleichwerbung geht es den Sendern an den Kragen, nicht den Protagonisten. Denen kann man allerhöchsten vorwerfen, sie seien unmoralisch, aber hey, als C-Prominenz gehört das ja wohl zum Standardrepertoire.

  3. Honky sagt:

    @derwaechter
    Sebastian meinte...

    @derwaechter
    Sebastian meinte wohl nur, dass jeder das Recht hat und auch haben sollte, das zu gucken, was man will – selbst wenn es nach einen anstregenden Tag nur zur Berieselung/Entspannung dient und nicht zur kulturellen Erbauung (die Einstellung, dass Fernsehen immer hochwertig sein muss, finde ich ziemlich borniert).
    @BloodyFox
    Bei Frau Rowe von C-Prominenz zu sprechen ist doch ziemlich übertrieben, Z-Prominenz triff es da schon eher 😉

  4. philipp sagt:

    @holger:
    vllt war die...

    @holger:
    vllt war die einblendung ja in becks-grüner schrift auf becks-grünem grund… warum sollten die bremer brauer anders arbeiten als sixx? 😉
    check mal den artikel, da gibts mehr dazu:
    https://wp.me/pI18k-8N

  5. Roederhallo sagt:

    @bloodyfox
    Ich kann es nicht...

    @bloodyfox
    Ich kann es nicht besser beschreiben.
    @alle
    Die WM hat begonnen. Beim Thema Werbung im Programm setzen Sportübertragungen regelmäßig Bestmarken. Da ist nicht nur ein Hotel zu sehen, sondern permanent zig Logos/ Marken im Bild; das nennt sich dann Sponsoring und niemand findet das anstößig. Abschalten tut schon gleich – Siehe auch https://tinyurl.com/3axxldl

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