Das Fernsehblog

Einsfestival spendiert sich wieder ein bisschen mehr Programm

Sowas kommt im Fernsehen auch nicht mehr alle Tage vor: dass zwei Menschen sich in einer kargen Kulisse ohne Publikum gegenübersitzen und einfach eine Viertelstunde unterhalten, der Gast eine Akustikgitarre zur Hand nimmt und ohne aufzustehen ein Hardrock-Liebeslied vorsingt, am Ende seine Perücke zu Boden schmeißt, sich für die Einladung bedankt und noch ein bisschen mit der Moderatorin plaudert bevor er fragt:

„Sind wir noch auf Sendung? Ach so!“


Screenshot: Einsfestival

Vor allem ist es natürlich ein gutes Zeichen, wenn ein in Köln ansässiger Sender auf einen vort allem in Berlin bekannten Künstler aufmerksam werden und ihn einladen kann ohne vorher multilaterale Gespräche mit den Kollegen der dort ansässigen Landesrundfunkanstalt führen zu müssen.

Ausgerechnet die Folge, in der Comic-Zeichner und Multi-Tasker Fil aus Berlin bei Moderatorin Anja Backhaus eingeladen war, ist nun nicht im Archiv des Einsfestival-Experimentalprogramms „Einsweiter“ abrufbar [Nachtrag: Jetzt ist er’s doch], also müssen Sie mir das jetzt einfach glauben: dass das sehr lustig war. (Alle anderen Videos sehen Sie hier.)

Seit einiger Zeit läuft „Einsweiter gefragt“ freitags als Spezialversion der täglichen „Einsweiter“-Ausgabe, die sonst vor allem Beiträge anderer Landessender wiederholt. Es gibt Anzeichen dafür, dass das nicht so bleiben soll. Außer „Einsweiter gefragt“, für das Leute eingeladen werden, die sonst nicht schon in jeder Talkshow gesessen haben, lief vor anderthalb Wochen bereits ein dreistündiges (und etwas strenges) „Einsweiter Spezial speziell“ zum Eurovision Song Contest mit Sabine Heinrich, die der WDR nach „Unser-Star für Oslo“ nicht wieder im Radio verschwinden lässt, sondern sie bei „Einsweiter“auf dem Bildschirm behält, wenn auch vor deutlich kleinerem Publikum als bisher. Diese Woche ist sie Gastmoderatorin des regelmäßigen „Einsweiter“ (täglich zur mutigen Zeit um 20.01 Uhr).

Im September startet außerdem „Einsweiter erzählt“, das Themen aus „Echtzeit“ weiterführt, dem jungen WDR-Magazin für Politik, Kultur und Leben, das sich im vergangenen Jahr sonntags in der ARD ausprobieren durfte und seitdem keinen Sendeplatz mehr im Hauptprogramm bekommen hat.

Anders als das ZDF mit der Hauruck-Strategie für ZDFneo nimmt sich (oder: braucht) die ARD also Zeit, um herauszufinden, was mit den Digitalprogrammen alles möglich ist. Einsfestival-Leiter Helfried Spitra sagt:

„Von den Digitalkanälen ist Einsfestival aus meiner Sicht sicher derjenige, der für die ARD strategisch am wichtigsten ist. Ich glaube sehr an dieses Konzept und würde das Programm an manchen Stellen gerne noch jünger machen – aber die Verpackung muss im Einklang mit dem Inhalt funktionieren.“

Durchschnittlich 50 Jahre alt sind die Zuschauer von Einsfestival derzeit. Aus ARD-Sicht ist das fantastisch jung. Um den Durchschnitt weiter zu senken, plant Spitra für weitere Neuheiten: Der 10. Geburtstag von „Nightwash“ wird im August mit zwei großen 90-minütigen Liveshows gefeiert, Einsfestival will die Eröffnung der Popkomm zeigen und kooperiert mit den jungen Radiowellen der ARD für den New Music Award. Außerdem läuft ab Herbst Christian Ulmens aus dem Netz bekanntes „ulmen.tv“. Nur das Problem mit dem Budget ist immer noch dasselbe: Es gibt fast keins.

Das sollte die ARD schnellstmöglich ändern. Sonst kommt noch jemand auf die Idee, fehlende finanzielle Mittel seien im Senderverbund Voraussetzung für kreatives Ausprobieren im Programm.

Foto oben: Eins Live

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