Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Die "Tagesthemen" machen die besten "Tagesthemen" aller "Tagesthemen"

| 12 Lesermeinungen

Die ARD-Nachrichten haben etwas zu feiern: sich selbst. Und das alle Jahre wieder.

Berlin. Das Kollektiv des FAZ.net-Fersehblogs hat auf seiner jährlichen Vollversammlung eine positive Bilanz des abgelaufenen Blogjahres gezogen. Bei der Zusammenkunft, die in diesem Jahr erstmals an einem historischen Ort stattfand, in einer Gartenlokalität der Nähe der ehemaligen Berliner Grenze zwischen den Stadtteilen Treptow und Kreuzberg, wurde bei zunehmend besserer Stimmung auch wieder das begehrte Bier ausgeschenkt. Die beiden Anwesenden gratulierten sich gegenseitig zu ihren gelungenen Beiträgen und zitierten Lieblingspointen aus ihren eigenen Texten. Die hohe Qualität der Einträge sei auch in Zukunft eine zentrale Voraussetzung für die Qualitätssicherung, hieß es in einer gemeinsamen Erklärung. Nur so könne die Position des FAZ.net-Fernsehblogs als führendes Fernsehblog auf FAZ.net gewährleistet werden. „Der überragende Erfolg zeigt, dass es richtig war, den Forderungen nach einer stärkeren Berücksichtigung von Koch-Themen oder gar Hochkultur nicht nachzugeben“, betonten die Verantwortlichen und wiesen darauf hin, dass man so jung vermutlich auch nicht mehr zusammenkommen werde.

Und damit zu einem ganz anderen Thema.

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In Hamburg fand gerade das jährliche ARD-Inlandskorrespondententreffen statt, bei dem erneut die „Tagesthemen-Awards“ für die besten Nachrichtenbeiträge verliehen wurden. Die besten Nachrichtenbeiträge der ARD, natürlich, wobei aus Sicht des Senderverbundes vermutlich das eine mit dem anderen eh identisch ist. Nun ist so eine interne Preisverleihung sicher eine schöne Sache, als Ansporn und Anlass, über die eigene Arbeit nachzudenken. Für die ARD scheint es aber auch so etwas wie die jährlichen Ernte- und Produktionssoll-Erfüllungsmeldungen der „Aktuellen Kamera“ des DDR-Fernsehens zu sein.

In einer Pressemitteilung des NDR heißt es:

Die Chefredakteure von ARD-aktuell, Dr. Kai Gniffke und Thomas Hinrichs, lobten das große Engagement der Kolleginnen und Kollegen in den Landesrundfunkanstalten und den Auslandsstudios. Die hohe Qualität der Beiträge seien Grundvoraussetzung für den erfolgreichen Kurs der letzten Jahre.

Das ist keine Selbstverständlichkeit. Im Vorjahr zum Beispiel musste Herr Gniffke noch auf seinen Doktortitel und die weibliche Belegschaft auf ihre Erwähung ganz verzichten. Damals verlautbarte der NDR:

Die Chefredakteure von ARD-aktuell, Kai Gniffke und Thomas Hinrichs, lobten das große Engagement der Kollegen in den Landesrundfunkanstalten und den Auslandsstudios. Durch die hohe Qualität der Beiträge seien die Tagesthemen auch weiterhin erfolgreichem Kurs.

Nun gibt es aber nicht nur ARD-aktuell-Chefredakteure, sondern auch einen ARD-Chefredakteur. Was mag der sagen zur Qualität der Arbeit der „Tagesthemen“?

ARD-Chefredakteur Thomas Baumann würdigte die herausragende Qualität insbesondere der politischen Berichterstattung, die mehr als zwei Drittel der täglichen Sendezeit ausmache und die für die Glaubwürdigkeit der ARD von fundamentaler Bedeutung sei.

Oh, Verzeihung, das war seine Einschätzung im vergangenem Jahr. In diesem Jahr fällt sein Urteil wie folgt aus:

ARD-Chefredakteur Thomas Baumann würdigte die herausragende Qualität insbesondere der politischen Berichterstattung, die mehr als zwei Drittel der täglichen Sendezeit ausmache, und die für die Glaubwürdigkeit der ARD von fundamentaler Bedeutung sei.

Nun täte man den mehreren Dutzend Verantwortlichen in der ARD-Chefredaktion in München, bei ARD-aktuell in Hamburg, bei der ARD-Generalsekretärin in Berlin, in der NDR-Pressestelle und in der NDR-Intendanz, von denen die Erfolgsmeldung vermutlich abgesegnet werden musste, unrecht, wenn man so täte, als hätte da jemand einfach die Leerfloskeln vom letzten Jahr wiederholt (als Fanal gegen sinkende Gebühreneinnahmen, womöglich). Nein, im vergangenen Jahr erklärte der Zweite Chefredakteur Hinrichs den angeblichen Quotenerfolg seiner Sendung noch so:

„Gerade wenn man an einer seriösen Berichterstattung festhält, die Abstand nimmt vom süßen Gift der Boulevardisierung, ist man angewiesen auf erstklassig gestaltete Filmbeiträge“, so Thomas Hinrichs.

Der Einsatz einer Metapher galt angesichts des Legitimationsdrucks, unter dem die Öffentlich-Rechtlichen stehen, in diesem Jahr offensichtlich als zu kontrovers. Deshalb heißt es diesmal nur:

„Die Zuschauer haben Interesse an fundierten, seriösen Informationen. Eine Boulevardisierung von Nachrichten lehnen wir daher ab. Öffentlich-rechtlicher Informationsjournalismus muss erklären, einordnen und Orientierung geben,“ so Hinrichs.

Und darf, das fügen wir hinzu, keine Angst haben, sich zu wiederholen, prawdaeske Pressemitteilungen zu veröffentlichen und sich vollständig lächerlich zu machen. Übrigens: „Mit Witz und Charme führte die ARD-Moderatorin Linda Zervakis durch den Abend.“ Aber auch das wussten Sie ja schon.

Foto: ARD

Nachtrag, 5. Juli. Die Erfolgsmeldung ist heute nun auch – vermutlich entsprechend dem Fünf-Jahres-Jubel-Plan – im „Tagesschau“-Blog veröffentlicht worden. Dort kann man sich auch die ausgezeichneten Beiträge ansehen.


12 Lesermeinungen

  1. Wäre so eine Veranstaltung...
    Wäre so eine Veranstaltung auch nur annähernd vorstellbar für ein „Nachrichtenmagazin“ von RTL, Vox, Sat.1 und Co.?
    Im Übrigen würde vielleicht auch das „FAZ.net-Fernsehblog-Kollektiv“ gerne mal von Linda Zervakis witzig, nett und charmant durch einen Abend der Selbst-Lobhudelei geführt werden – wenn’s Spaß macht, warum nicht? Meinen Neid hättet Ihr.

  2. Habe - wenn ich mich richtig...
    Habe – wenn ich mich richtig erinnere – gestern sechs PM des NDR im Epostkasten gehabt. Wenn die Presseabteilung es dabei noch schafft, die PM des letzten Jahres inhaltlich und formal zu verbessern – wer will da meckern?

  3. prawdaesk?...
    prawdaesk?

  4. Hihi...
    Hihi

  5. Besonders schön ist der Preis...
    Besonders schön ist der Preis Illustration 2009: „Brotscheibe“.
    https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video564900.html

  6. Ich finde, für...
    Ich finde, für quasi-behördliche Bescheide ist da noch ganz schön „Pfiff“ drin. Nächstes Jahr sind die Formulierungen ‚Witz‘ und ‚Charme‘ zu streichen.

  7. ... aber, und das finde ich...
    … aber, und das finde ich bemerkenswert: Einen Wirtschaftspreis gab es dieses Jahr nicht. Auch das lässt – von der Verbrate von Gebührengeldern abgesehen – tief blicken.

  8. Nächstes Jahr heisst es dann...
    Nächstes Jahr heisst es dann wohl „Die Chefredakteurinnen und Chefredakteure von ARD-aktuell, Dr. Kai Gniffke und Thomas Hinrichs, lobten das große Engagement der Kolleginnen und Kollegen in den Landesrundfunkanstaltinnen und Landesrundfunkanstalten…“

  9. Ich persönlich finde es ja...
    Ich persönlich finde es ja deutlich sinnvoller seine Arbeitszeit dem Programm zu widmen und weniger dem Umdichten von „Leerfloskeln“. Getreu dem alten Fussballermotto: „Wichtig‘ is auf’m Platz“.

  10. Man kann es bedauern, Häme...
    Man kann es bedauern, Häme empfinden oder sich fragen, wie ernst man es nehmen muss, wenn DäDäDäÄrr in den Strukturen öffentlich- rechtlicher Anstalten und sichtlich auch in den Programminhalten wiedererkennbar wird. Na gut: am Ende werden wieder nur gewaltige Pensionslasten für Funktionäre eines untergegangenen Systems zu bezahlen sein, damit der soziale Friede-Freude-Eierkuchen erhalten bleibt. Guten Appetit!

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