Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Einsatz in 4 Sendern: Pro Sieben Sat.1 schwört aufs Selbermachen

| 15 Lesermeinungen

Obwohl sie erst vor zwei Jahren gegründert wurde, gehört Red Seven Entertainment schon jetzt zu den wichtigsten Produktionsfirmen des Landes. Viele Shows lässt Pro Sieben Sat.1 inzwischen von der konzerneigenen Tochter herstellen. Das hat Konsequenzen für die freien Produzenten – auch wenn die noch stillhalten.

In der vergangenen Woche hat der „kress report“ sein aktuelles Produzenten-Rankinig veröffentlicht, in dem steht, wer in der zurückliegenden TV-Saison die erfolgreichsten Produktionsfirmen waren – nicht nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten, aber in Bezug auf die Zuschauerakzeptanz der von ihnen produzierten Shows.

Mit deutlichem Abstand hat sich Grundy Light Entertainment auf dem ersten Platz behauptet, vor allem dank „DSDS“ und „Das Supertalent“. Auf Platz 2 folgt Brainpool, das nicht nur von „Schlag den Raab“ profitiert, sondern vor allem auch von „Cindy aus Marzahn und die jungen Wilden“ und „Unser Star für Oslo“. Direkt danach folgt Endemol Deutschland („Wer wird Millionär“, „Vermisst“, „Die Farm“). Aber ich will Sie hier gar nicht mit Statistiken aus der deutschen Produzentenszene langweilen.

Bild zu: Einsatz in 4 Sendern: Pro Sieben Sat.1 schwört aufs SelbermachenOder – Moment mal: doch, will ich. Denn zum einen ist dieses Ranking höchst interessant, weil sich damit sehr schön zeigen lässt, welche (großen) Produktionsfirmen ganz wesentlich mitbeeinflussen, wie sich das deutsche Fernsehen entwickelt – außer den drei bereits genannten sind das zum Beispiel: Tresor TV („GNTM“), Günther Jauchs I&U TV („5 gegen Jauch“, „Stern TV“), Eyeworks („Schwiegertochter gesucht“) und MME („Bauer sucht Frau“).

Zum anderen ist das Ranking ein Beleg dafür, wie Pro Sieben Sat.1 derzeit seine Strategie für Neuproduktionen ändert: Passenderweise auf Platz 7 steht die konzerneigene Produktionsfirma Red Seven Entertainment, die zwar erst vor gut zwei Jahren gegründet wurde, aber sich in dieser Zeit im Markt schon ziemlich breit gemacht hat – wobei mit „Markt“ hier der Teil gemeint ist, auf den Pro Sieben Sat.1 Einfluss hat.

Red Seven Entertainment ist die Firma des ehemaligen Pro-Sieben-Unterhaltungschefs Jobst Benthues, der seit Ende des vergangenen Jahres auch noch den neu geschaffenen Entertainment-Bereich von Pro Sieben Sat.1 TV Deutschland leitet und für alle Sender in der Gruppe zuständig ist. Bevor er den Doppel-Job übernahm, hat er im vergangenen Jahr gesagt:

„Mein Ziel ist es, eine inspirierte Produktionsfirma aufzubauen – und nicht, da alles hineinzuraffen, was auf dem Markt ist. Wenn ich zwei oder drei Flops nacheinander habe, muss ich mit den Sendern die gleichen Diskussionen führen wie jeder andere Produzent auch.“ (F.A.Z. vom 29. September 2009)

Das Interessante daran ist: Diese Diskussionen führt er nun quasi mit sich selbst, weil er bei Pro Sieben Sat.1 gleichzeitig als Auftraggeber und Produzent agiert – und mit Red Seven natürlich Sendeplätze belegt, die sonst an freie Produzenten vergeben worden wären. Bei denen wird ungern öffentlich über Red Seven Entertainment geredet – niemand mag es sich schließlich mit dem eigenen Kunden verscherzen. Und so lange jeder der Großen noch was vom Kuchen abbekommt, geht das für die meisten ja auch in Ordnung.

Bild zu: Einsatz in 4 Sendern: Pro Sieben Sat.1 schwört aufs SelbermachenFakt ist aber auch, dass Red Seven Entertainment inzwischen allein durch die Zahl der produzierten Programme eine Marktposition erreicht hat, die sich nicht mehr so einfach ignorieren lässt. Am Donnerstagabend steuert Red Seven derzeit bei Pro Sieben die „Spiel ohne Grenzen“-Variante „Crazy Competion“ bei, die Sat.1-Gameshow „Mein Mann kann“ am Freitag geht ebenfalls auf Benthues‘ Konto, in Kürze kommt noch die Rentner-Comedy „Das R-Team“ dazu, die direkt im Anschluss läuft. Samstags liefert Red Seven für Pro Sieben die Recycling-Show „talk talk talk“ und das neue „League of Balls“, das den Überbegriff Fernsehen schon gar nicht mehr verdient hat, so unterirdisch billig wie die Sendung aussieht. Dienstags hat „Broken Comedy“ eine zweite Chance bekommen, das als Best-of günstig produzierter Clips fürs Internet konzipiert ist. Auf Sat.1 Comedy macht Red Seven „Lucky Lück“.

Gerade hat Pro Sieben Sat.1 bekannt gegeben, was in den kommenden Monaten Neues im Programm passieren wird. Dabei ist die Zahl der selbst hergestellten Programme beeindruckend: Für Sat.1 arbeitet Benthues‘ Team an den Shows „Der Bastelkönig“, Barbara Eligmann und Wigald Boning moderieren die Wissensshow „Die Insider“, bei Pro Sieben gibt es wieder „Galileo Big Pictures“, Kabel 1 wird mit neuen Folgen von „Number 1“ und „The Biggest Loser“ sowie der Dokusoap „Jumbos Würstchenmillionär“ versorgt.

Für Pro Sieben Sat.1 ist dieses Vorgehen ebenso konsequent wie logisch. Wenn der Konzern beispielsweise internationale Formatlizenzen einkauft und deren Adaption fürs deutsche Fernsehen selbst übernimmt, spart er sich komplizierte Diskussionen über Budgets und Rechteverhandlungen, wie sie sonst üblich sind, weil viele Produzenten die eigenen Programme gerne selbst weitervermarkten wollen.

Sollte sich Red Seven Entertainment aber weiter so entwickeln wie es derzeit der Fall ist, wird das irgendwann auch für etablierte Anbieter Konsequenzen haben. Weil es dann immer weniger Plätze zu bespielen gibt, für die externe Firmen benötigt werden.

Screenshots/Logos: Pro Sieben Sat.1


15 Lesermeinungen

  1. @Prüfer
    Ach, du liest auch...

    @Prüfer
    Ach, du liest auch nur die Kritiken zu einem Buch und hast dann Mehrwert und Zeitgewinn, weil du das Buch selbst nicht mehr lesen brauchst?

  2. Ich bin die Aufzählung der...
    Ich bin die Aufzählung der von redseven produzierten Sendungen nochmal durchgegangen und war erstaunt das eine Firma für soviel Unsinn verantwortlich sein kann. Wäre das Niveau ein Limbotanz, wäre redseven auf Jahre nicht zu schlagen.
    Und danke, das sich die FAZ das für die Leser antut. Vorsorge ist besser als nachsorgen.

  3. @ J.S.
    zumindest...

    @ J.S.
    zumindest berücksichtige ich das bei der Vorauswahl. Nach ein paar Jahren merkt man schon, ob man mit den Kritikern auf einer Linie ist.

  4. es wird eine sendung geben die...
    es wird eine sendung geben die allen ernstes „jumbos würstchenmillionär“ heisst???? ich bin gerade ernsthaft vom stuhl gefallen vor lachen…made my day!

  5. Ich erinnere mich an die Zeit,...
    Ich erinnere mich an die Zeit, in der „Jumbo“ Schreiner noch beim damals sehr guten „DSF MotorVision“ die Beleuchtung zu den Aussendrehs geschleppt hat. Der Tag, an dem man ihn vor die Kamera gelassen hat (man munkelt, es war der Tag, an dem zum ersten mal in 16:9 gedreht wurde), war der Anfang vom Ende. Der Würstchenmillionär ist da nur die logische Konsequenz.

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