Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

"Das ZDF ist schlauer als man denkt": Oliver Welke zum Staffelstart der "heute show"

| 23 Lesermeinungen

Die Testphase ist bestanden, der Programmdirektor hat die Fortsetzung bestätigt und die Redaktion ist aus der Sommerpause zurück: Ab Freitag läuft wieder die "heute show". Moderator Oliver Welke erzählt im Fernsehblog, was er in den vergangenen Monaten gelernt hat und wie das ZDF damit umgeht, im eigenen Programm regelmäßig selbst Zielscheibe zu sein.

Man muss sich auch mal irren können. Im Mai vergangenen Jahres stand hier im Fernsehblog ein Text über die Premiere der „heute show“, der mit Nettigkeiten eher sparsam umging. Seitdem hat sich einiges getan: Das ZDF hat der Nachrichtensatire einen wöchentlichen Sendeplatz am Freitagabend geschenkt, mehrere Mainzelmännchen wurden in der Show erschlagen, zerschreddert und erquetscht, Mitarbeiter Martin Sonneborn hat erst die diplomatischen Beziehungen mit China ins Wanken gebracht und dann das gute Verhältnis des ZDF zur Pharmaindustrie, die dafür sorgt, dass die Werbeblöcke am Vorabend ausgebucht sind. Eigentlich ist das keine schlechte Bilanz für gerade mal knapp über 20 Sendungen.

Also gut: Die „heute show“ hat sich ganz gut entwickelt, mit einer Lust an der politischen Satire, wie es sie im deutschen Fernsehen eher selten gibt.

In den vergangenen Wochen war Sommerpause, obwohl es genügend Gelegenheiten für Sondersendungen gegeben hätte. Seit ein paar Tagen sitzt die Redaktion wieder zusammen, um den Start der neuen Staffel am Freitag vorzubereiten und Moderator Oliver Welke sagt:

„Das ist ein bisschen wie wenn die Schule nach den Sommerferien wieder losgeht: Einerseits trifft man seine Freunde wieder, andererseits denkt man: ‚Mist, ein bisschen länger hätte es ruhig noch dauern können.'“

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Nur in der „heute show“ mit Krawatte: „Anchorman“ Oliver Welke / Screenshot: ZDF

Programmdirektor Thomas Bellut hat der „SZ“ in der vergangenen Woche quasi die Fortsetzung bestätigt. Und die Redaktion kann jetzt anwenden, was sie in den ersten Monaten der wöchentlichen Ausstrahlung gelernt hat: Dass sich die Zuschauer vom Tempo ruhig auch mal überfordert fühlen dürfen; dass man damit leben muss, wenn fünf bis sechs Minuten der Aufzeichnung nachher dem Schnitt zum Opfer fallen („Mir sind 29 wirklich dichte Minuten lieber als nachher das Gefühl: ‚Ach Mensch, im Mittelteil haben wir durchgehangen'“, sagt Welke); und dass der FDP tatsächlich nicht mehr zu helfen ist:

„Es gab in der letzten Staffel irgendwann den Punkt, an dem ich gesagt habe: Wollen wir jetzt nicht auch mal eine FDP-freie Sendung machen? Mal was ganz Verrücktes! Das war kurz bevor sich Guido Westerwelle persönlich mit den Journalisten anlegte und seine Verschwörungstheorie zum linken Zeitgeist entwickelte. Da mussten wir erkennen: Ok, er will es offensichtlich so. Wir haben keine andere Wahl„,

sagt Welke. Bis zu acht feste Redakteure arbeiten derzeit an 29 Minuten „heute show“. Zwei weitere Kollegen hat das Team sich vom Nachrichtenfernsehen geholt, damit die der Redaktion montags in der Konferenz einen Crashkurs zu den Themen der Woche geben könne. Vier Studenten werden dafür bezahlt, potenziell verwertbare Ausschnitte zu sichten. Und in der Grafik arbeiten vier Kollegen an den Illustrationen.

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Screenshots: ZDF

Von der „Daily Show“ mit Jon Stewart haben sich die „heute show“-Macher zwar inspirieren lassen, Vergleiche sind Welke aber eher nicht so recht: „Das fiele für uns natürlich brutal aus“ – weil die amerikanischen Kollegen viel mehr Erfahrung und Ressourcen haben. Wobei letztere bei der „heute show“ für deutsche Verhältnisse auch schon nicht schlecht sind: „Einen Apparat, wie wir ihn brauchen, in den jetzigen Zeiten bei einem Privatsender durchzusetzen, ist unmöglich.“

Nur eins wäre noch ganz interessant zu wissen: nämlich wie die fürs öffentlich-rechtliche Fernsehen eher unytpische Lust zur Provokation im Sender so ankommt.

Oliver Welke: Ich kann Ihnen da leider keine Heldengeschichten von uns erzählen. Das ZDF ist regelrecht stolz, dass es die „heute show“ gibt. Viele Nachrichtenkollegen haben uns ausrichten lassen, dass sie gerne zusehen – vielleicht auch, weil wir Sachen sagen, die sie in ihrem Kontext nicht dürfen.

Niemand beschwert sich, dass Sie den guten Namen der seriösen Nachrichten beflecken?

Ich war gespannt, wie sich das Verhältnis zu „heute“ entwickelt. Wir brauchen von den Kollegen ja ganz oft Originalmaterial, das von denen in ihrer regulären Arbeitszeit herausgesucht und überspielt wird. Gelegentlich müssen sie dann zum Dank auch noch ertragen, dass wir uns über ihr virtuelles Studio lustig machen – und trotzdem ist das, was wir aus der Nachrichtenredaktion und der Programmdirektion mitkriegen, positiv. Wir hätten die aber natürlich auch bis auf die Knochen blamieren können.

Und wenn Sie andere bis auf die Knochen blamieren?

Unser Redakteur beim ZDF, Stephan Denzer, ist ja bereits durch „Neues aus der Anstalt“ gestählt. Wenn Beschwerden von Zuschauern kommen, hält das ZDF das weitestgehend von uns fern. Ich krieg manchmal mit, dass beim Sender sehr viele Mails und Briefe beantwortet werden müssen, wenn wir uns mal ein bisschen weiter aus dem Fenster gelehnt haben. Aber man lässt uns damit komplett in Ruhe.

Es ist auch nicht so, dass sich die Politiker direkt bei Ihnen melden würden?

Nein, die rufen natürlich gleich viel weiter oben an. Mit Leuten wie uns geben die sich nicht ab.

Dabei kommt ja auch der eigene Sender in der „heute show“ oft nicht so gut weg. Mainzelmännchen sterben grausame Tode…

…Sie geben vor, jemanden vom Fernsehrat in der Sendung zu haben, der Gags zum Zwecke der politischen Neutralität zählt – sind Sie sicher, dass da keiner aus dem Sender was dagegen sagt?

Die Leute gehen ja davon aus, dass es beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen so zugeht. Deshalb müssen wir das zum Thema machen. Wir haben beim Fall Nikolaus Brender auch behauptet, ich sei enttäuscht, dass nicht ich neuer Chefredakteur wurde, weil ich so weit gegangen sei. Dazu haben wir Bilder gezeigt, auf denen ich mit Roland Koch in der Sauna sitze, einfach um das Klischee zu bedienen. Und es ist ja das alte Problem: Wer austeilt, muss auch einstecken. Wenn wir uns ausschließlich über die ARD oder die Privaten lustig machen würden, wäre das extrem uncool. Das sieht man im ZDF zum Glück genauso. „Switch reloaded“ ist oft am fiesesten zu Pro Sieben, die „heute show“ muss das genauso machen.

Es wäre aber auch ein natürlicher Reflex gewesen, gerade in der Bewährungsphase der Sendung etwas vorsichtiger zu sein.

Das ZDF ist da schlauer als man gemeinhin denkt. Die Zuschauer bewerten es positiv, wenn man sich über den eigenen Sender lustig machen kann – weil viele das dem ZDF nicht zugetraut hätten. In Mainz wird sicher an vielen Stellen nicht gejubelt. Aber ich glaube, dass die meisten verstanden haben, dass das dem Sender etwas bringt.

Nur als Martin Sonneborn mit seinem Pharmalobby-Film in den Schlagzeilen war, war die Geduld überstrapaziert?

Die Kritik, die Programmdirektor Thomas Bellut nachher geäußert hat, bezog sich ja ausdrücklich auf unseren Formfehler, dass das Team angekündigt hat, es komme von „heute“. Dadurch hatte die Gegenseite die natürlich eine Munition, die man ihr nicht hätte geben müssen. Dass Bellut sich dazu äußern musste, war klar. Aber er hat nie die Qualität der MAZ in Frage gestellt. Der Pharmareferent hat sich ja selbst um Kopf und Kragen geredet. Und die Welle, die es deswegen gegeben hat, war positiv für die „heute show“. Ich möchte es aber den Kollegen von „heute“ auf keinen Fall antun, dass sie künftig Schwierigkeiten bei der Vereinbarung von Interviews kriegen, weil alle glauben, dass Sonneborn kommt. So ein Fehler darf uns nicht mehr passieren.

Die „heute show“ läuft freitags um 22.30 Uhr im ZDF.

Screenshots: ZDF


23 Lesermeinungen

  1. Zu dem angeblichen Formfehler:...
    Zu dem angeblichen Formfehler: War es denn überhaupt so, dass behauptet wurde man komme von „heute“? Herr Sonneborn stellt das nämlich etwas anders dar.

  2. Wow. Ich bin ja immer gerne...
    Wow. Ich bin ja immer gerne mal gegen das öffentlich-rechtliche Fernsehen, und so, aber KeinOhrFeigen… Das hat Klasse. Vielleicht sollte ich mir das doch auch mal ansehen.

  3. Wenn Oliver Welke nicht so ein...
    Wenn Oliver Welke nicht so ein fürchterlicher Haudrauf-Comedian wäre der besser zu RTL oder Sat1 passen würde, könnte man sich den Spaß sogar öfter ansehen.
    Mir persönlich hat das Westerwelle-Video schon wieder gereicht, der Mann mag ganz nett sein aber ich kann ihn leider nicht leiden.

  4. Ich bin freier...
    Ich bin freier Radiojournalist. Und das, was Sonneborn da getan hat, ist verheerend, weil er einen der wichtigsten Grundsaetze gebrochen hat: Wenn jemand etwas aeussert, was er nicht veroeffetlicht haben will, dann wird es nicht veroeffentlicht — es sei denn es besteht wirklich ein besonderes, serioes rechtfertigbares Interesse.
    Das war nichts weiter als ein Schlag ins Gesicht aller Kollegen, die darauf angewiesen sind, dass auch Personen, die dazu neigen, sich um Kopf und Kragen zu reden, einem Journalisten vertrauen, dass er sie nicht blossstellen wird.

  5. Sonneborn hat ja keinen armen...
    Sonneborn hat ja keinen armen Interviewpartner vorgeführt, sondern einen Pharmalobbyisten, der davon lebt, Leuten Märchen aufzutischen, sie schlicht zu betrügen. Das man so jemanden bloßstellt, in dem man ihn vorgaukelt, er würde ein paar Propaganda-Minuten in den Nachrichten zu bekommen ist ja wohl alles andere als verwerflich.

  6. @Eugen: Sonneborn ist sicher...
    @Eugen: Sonneborn ist sicher kein Kollege von Ihnen. Oder sind Sie Radiojournalist und Satiriker? Zudem war das, was Sonneborn da getan hat, genau das, was Journalisten eigentlich tun müssten. Er hat aufgezeigt, wie Lobbyisten sich darauf verlassen, dass ihre Propaganda vom öffentlich rechtlichen Fernsehen ausgestrahlt wird.

  7. Trotzdem, ich kann mit diesem...
    Trotzdem, ich kann mit diesem halbherzigen „Daily Show“-Klon nichts anfangen. Die Gans sind mir oft immer noch zu flach und Holzhammer-mäßig, Oliver Welke ist einfach kein Jon Stewart oder Stephen Colberts, und dass er sich wirklich für Politik und Satire interessiert, kauft man ihm null ab. Es gibt nur eine wirklich bissige und witzige Satire-Show im deutschen Fernsehen, und das ist und bleibt Extra 3.

  8. geile auffassung von...
    geile auffassung von journalismus, eugen:
    wenn jemand sich um kopf und kragen redet, soll der anständige journalist wegschauen.
    schon bisschen zu lang im lobby-journalismus-sumpf gelebt, was?

  9. @ Eugen
    Das solche Lobbyisten...

    @ Eugen
    Das solche Lobbyisten Vertrauen haben sollten, von Journalisten nicht bloßgestellt zu werden, auch wenn sie in einem Interview Lügen und Quatsch verbreiten, finde ich ein emrkwürdiges Verstzändnis von Journalismus. Verwechseln Sie da nicht Journalismus und public relation?

  10. Gab es doch schon lange vorher...
    Gab es doch schon lange vorher bei den Simpsons: Nach Kanada, der Pillen wegen-Lisa und Marge besuchen die Presseabteilung eines Pharmakonzerns…

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