Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Die Woche im Fernsehen: Die Kuh unter den Fernsehsendern

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Sternekoch Christian Rach hält ein Versprechen, steht aber kurz vorm Herzinfarkt; der NDR guckt wieder bei den Privaten ab; 3sat zeigt, dass Schweizer gar nicht langsam sind, sondern bloß langweiliges Fernsehen machen; und der WDR testet, wie RTL 2 ohne Brüste und Saufen aussähe. Was diese Woche im Fernsehen los war.

Die Sendungen
  • Rachs Restaurantschule RTL
  • Die Inselsheriffs von Sylt NDR
  • Ab auf die Alp! SR/3sat
  • Mallorca – Mein Urlaubstag WDR

Womöglich hat Christian Rach vor Beginn der Dreharbeiten eine Lebensversicherung für sich abgeschlossen. Wenn er sich weiter so aufregt, ist bald Auszahlungstag – sofern er seine Nerven nicht ein bisschen schont.

Es ist natürlich nicht ganz unwahrscheinlich, dass RTL für „Rachs Restaurantschule“ vor allem die Momente herausgesucht hat, in denen der Sternekoch schulterzuckend im Türrahmen steht, seine Azubis anmault, weil die schon wieder eine Hausaufgabe verpennt haben, und ankündigt, am Sinn der Veranstaltung zu zweifeln.

Bild zu: Die Woche im Fernsehen: Die Kuh unter den FernsehsendernAber die Intensität der Schlechtgelauntheitsmomente in Rachs Doku-Experiment, das auf dem Bildschirm gerade kurz vor der Eröffnung steht, ist dann schon besorgniserregend. Dabei ist es gar nicht mal so, dass es nicht umfassende Anlässe dafür gäbe. Nur merkt man Rach im Laufe der Zeit an, dass er vielleicht doch ein wenig bereuen könnte, worauf er sich da eingelassen hat.

Sicher, er hat sein Versprechen gehalten, dass die persönlichen Geschichten der Teilnehmer nicht für Betroffenheitsbeiträge ausgeschlachtet werden (das erledigt nachher ja auch „Extra“). Und alles in allem steht „Rachs Restaurantschule“ dem Sender hervorragend, weil es außer um Unterhaltung eben auch um ein ganz konkretes Ziel geht: zwölf Leuten die Chance auf eine Ausbildung zu geben, die sie auf dem normalen Arbeitsmarkt nicht (mehr) haben, und gemeinsam ein Restaurant zu eröffnen. Sozusagen nationales Motivationsfernsehen. Oder wie’s Rach formuliert: „Wir sind angetreten, damit sich viele im Lande ein Beispiel daran nehmen.“

Die Eröffnung ist längst gelungen, bereits seit Anfang Juli kann sich jeder Zuschauer davon persönlich überzeugen. (Und das Essen war hervorragend bei meinem Besuch, der Service – originell.)

Aber die Sendung wäre noch schöner, wenn RTL darauf verzichten würde, die Tolpatscher der Azubis in der Dauerrotation zu zeigen. Wenn der Teller runter gefallen ist, ist er eben unten. Und wenn der Off-Sprecher noch ein einziges Mal sagt, irgendjemand würde „den Ernst der Lage nicht kapieren“, fahr ich persönlich nach Hamburg, um – äh, mittagzuessen.

Bild zu: Die Woche im Fernsehen: Die Kuh unter den FernsehsendernWährend RTL die soziale Verantwortung probt, besinnen sich die dritten Programme der ARD auf das, was sie am besten können: von den Privaten abgucken. Seit dieser Woche hat auch der NDR seine eigene Kontrolletti-Dokusoap: In „Die Inselsheriffs von Sylt“ (Folge 1: „Party, Unfall, Schlägerei“) werden Polizeibeamte bei ihrer täglichen Arbeitsroutine begleitet, der damit beginnt, Grundschüler zu verwarnen, weil sie in der Fußgängerzone Fahrrad gefahren sind. Nach einer Küchenmesserattacke, einem Spielbankstreit, der Suche nach Taxischwarzfahrern, dem Kräftemessen mit jugendlichen Bahnhofspöblern und der Auflösung einer illegalen Party denkt man sich immerhin: Mönsch, auf Sylt ist doch mehr los als gedacht.

Dass all das dokumentarisch kein bisschen aufbereitet ist und im Schnitt lediglich zusammengepappt wurde, hat immerhin den Vorteil, die Sprecherin nicht zu oft zu hören zu müssen, die ihren Text in einem leeren Schwimmbad eingesprochen haben muss („Glücklicherweise nur ein Versicherungsfall“). Der NDR bietet per Einblendung trotzdem seinen „Mittschnittservice“ an: Für 14 Cent die Minute darf man anrufen und sich die Sendung nachhause bestellen.

Bild zu: Die Woche im Fernsehen: Die Kuh unter den Fernsehsendern
Screenshot: NDR

Zumindest zum Polizeideutschlernen wäre das gar keine so schlechte Idee. Dann können Sie bald so schöne Begriffe wie „Disko anmachen“ erklären (Blaulicht und Martinshorn).

Vorher noch eine kurze Frage: Wenn vom „gemütlichen Postboten aus Bern und seinem Hund“ sowie „Katharina, der fröhlichen Hebamme aus Deutschland“ die Rede ist, und zwar in einer Sendung namens „Ab auf die Alp!“ – würden Sie dann nicht auch vermuten, dass Inka Bause sich schon wieder einen neuen Bauernhofblödsinn hat aufquatschen lassen? Ist aber falsch.

Lediglich neun Jahre nach dem deutschen ist nun nämlich auch das Schweizer Fernsehen auf die Idee gekommen, eine Gruppe Zivilisationsurlauber für einen Sommer in die Berge zu schicken, um sie dort einen Hof bewirtschaften zu lassen. Seit vergangener Woche läuft das Ergebnis bei 3sat, um den deutschen Zuschauern zeigen zu können, dass die Schweizer gar nicht so langsam sind wie immer alle spotten. Sondern noch viel langsamer.

Weil Auftaktfolgen meistens öde sind, hab ich erst diese Woche reingeschaut. Und den mir völlig unbekannten Menschen dabei zugesehen, wie sie sich: ausführlich die Zähne putzen; Kaffee trinken; Blasen bepflastern; Grashöhen diskutieren; Kuhglocken zur Verzierung am Haus anbringen; sich anlecken lassen; und sehr, sehr lange melken üben.

Bild zu: Die Woche im Fernsehen: Die Kuh unter den FernsehsendernDen „Bauer Knubbel“, der seine Hobbyhelfer „über gefährliche Stellen informiert“, hätte sich RTL zwar auch nicht besser ausdenken können. Aber selbst aus dem Off trieft es in dieser Sendung nur so vor Zeitstoppersätzen wie: „Jakob merkt nicht, dass die Kühe links vom Zaun auch zur Herde gehören“ und „Miriam ist aufgeregt, heute muss sie zum ersten Mal käsen“. Das war es dann aber auch schon mit der Aufregung, und fast wünscht man sich Detlev D! Soost, Kader Loth, Gunter Gabriel und Djamila Rowe zurück, die irgendwelche albernen Prüfungen bestehen müssen, indem sie in Kuhdung baden. Letzterer fällt freilich auch bei 3sat zuhauf, zum Beispiel während Jakob erzählt: „Ich freu mich jedes Mal, wenn ich eine Kuh sehe. Ein Freund von mir sagt: Das sind die Philosophen unter den Tieren.“

Abgesehen davon, einen weinenden Bauern davon erzählen zu hören, wie sich eine seiner Kühe mal im Elektrozaun verfing, ist das Tollste an der Sendung die Einsicht, dass das deutsche Fernsehen manchmal doch nicht so übel ist. Was das Erzähltempo angeht.

Zunichte gemacht wird diese Freude augenblicklich beim Ansehen der neuen neunzigminütigen (!) WDR-Dokusoap „Mallorca – Mein Urlaubstag“, in der die Kamera ausführlich filmt, wie Menschen auf besagter Insel einen ganz ruhigen Urlaub machen (Inhaltsangabe auf wdr.de), weit weg vom Ballermann. Quasi RTL 2 ohne Brüste und Saufen. Ach, der Westdeutsche Rundfunk ist einfach die Kuh unter den Fernsehsendern. Oft ganz nützlich, produziert aber auch einen Haufen Mist.

Soviel für diese Woche.

Screenshots: RTL, 3sat, NDR


13 Lesermeinungen

  1. @ pidi: zum Thema lachhaft -...
    @ pidi: zum Thema lachhaft – Herr Schader und Herr Niggemeier kritisieren hier nicht das Medium, sondern die Inhalte. Ein Unterschied, es sei denn „The medium is the message“…

  2. pidi sagt:

    @Helmut Körschgens: Sie haben...
    @Helmut Körschgens: Sie haben Recht, das ist aus meiner Beschreibung nicht deutlich geworden. Natürlich meinte ich die Inhalte.

  3. Herr Körschgens, mit ihrem...
    Herr Körschgens, mit ihrem Sprachverständis ist es, so befürchte ich, nicht so gut bestellt wie Sie dies vielleicht annehmen. Im allgemeinen Sprachgebrauch findet eine Differenzierung zwischen „dem Medium“ und „die Medien“ statt. Die Leser (und mutmaßlich auch die Schreiber) sind sich in der Art und Weise wie dieser Ausdruck zu gebrauchen ist durchaus einig. Deswegen kann es zwar Sinn machen, derartige neue Funktionen eine Vokabel in Klausuren als Fehler zu deklarieren, wenn man denn unbedingt jemanden Ärgern möchte. Aber ob es wirklich praktisch ist, als jemand der so inflationär mit nach Aufmerksamkeit heischenden Adjektiven um sich wirft, sich in eine semantische Diskussion zu trauen, bezweifel ich doch sehr stark. Ich habe sicher nichts gegen einen guten Witz, auch nicht gegen einen „coolen“ Spruch. Dieser kann dann auch ruhig mal gegen mich oder irgendeine Minderheit gehen, ohne das ich mich, abhängig vom Kontext, dazu berufen fühlen würde, jedes mal einen Kommentar dazu abzugeben. Aber wenn Sie dann schon päpstlicher als der Papst sein möchten, einfach einmal „Vergewaltigungen“ als rethorisches Mittel einzusetzen finde ich schon geschmacklos. Alleine die Tatsache das Sie anscheinend, vermutlich intuitiv, eine parallele ziehen können zwischen dem, ihrer Meinung nach, unsachgemäßen Gebrauch von Sprache und Gewalt an Menschen, lässt einen erschütternden Einblick in ihre Gedankenwelt zu. Aber bekanntlich macht man ja die meisten Scherben wenn man die Sterne wirft, während man im Glaushaus sitzt. Mein Tip: Wenn Sie das nächste mal den Drang verspüren zu trollen, gehen Sie direkt in die Vollen. Werfen Sie Herr Schader doch am besten einen Genozid am deutschen Kulturgut vor. Oder fragen Sie ihn, ob er an der Endlösung der deutschen Sprache arbeitet. Dann haben wir wenigenst auch Godwin dabei und jeder hält Sie zumindestens für Netzaffin.

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