Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Die Woche im Fernsehen: Am Bauch des Volkes

| 8 Lesermeinungen

Mit "Lasko" sorgt RTL weiter dafür, dass die Stuntmen-Ausbildungsfirmen keine Kurzarbeit anmelden müssen; Elton flieht bei "1, 2 oder 3" auf die Straße; in seiner ersten eigenen Sketchcomedy parodiert der MDR – Derrick; und Kabel 1 sucht mit Hilfe von "Galileo"-Tester Jumbo Schreiner ein paar arme Würstchen. Was diese Woche im Fernsehen los war.

Die Sendungen
  • Lasko – Die Faust
    Gottes
    RTL
  • 1, 2 oder 3 ZDF
  • Auch das noch MDR
  • Jumbos Würstchen-millionär Kabel 1

Seit ein paar Tagen ist „das größte Geheimnis der abendländischen Geschichte“ gelöst! Drunter macht es RTL an einem gewöhnlichen Donnerstag nicht mehr. Nicht jedenfalls, wenn Prügelmönch „Lasko“ für eine zweite Staffel den Katakomben des RTL-Erfolgs entsteigt, um so mir nichts dir nichts das verloren geglaubte 5. Evangelium wiederzuentdecken und prompt zu verbrennen, damit es nicht den Falschen in die Hände gerät.

Keine fünf Minuten brauchte der Held zum Auftakt, um sein Publikum mit einer Verfolgungsjagd, einer Prügelei, einem Mord, einem Superstunt in luftiger Höhe und einem geheimnisvollen Suizid zu lähmen.

Bild zu: Die Woche im Fernsehen: Am Bauch des VolkesFür die Videospielindustrie muss die Serie ein Traum sein, weil eigentlich nur noch eine Steuerung eingebaut werden braucht, um sie ins Playstation-3-Regal zu stellen.

Dass die meisten Szenen in rot und gelb und blau getränkt sind, als sei jemandem in der Postproduktion der Wasserfarbkasten überm Pult ausgelaufen, wird all jene Zuschauer nicht stören, die das auch bei „CSI“ nicht total albern finden. Aber der Aufwand, der bei „Lasko“ betrieben wird, um die Gaga-Geschichten zu erzählen, in denen es immer gleich um das Schicksal der gesamten Welt geht, der ist schlicht beeindruckend. Ständig wird in Hotels, Gewölben, Bibliotheken und auf Baugerüsten gewirbelt, geprügelt und geturnt. Zum Schluss stirbt der Bösewicht auch noch den Flammentod, und RTL sorgt so immerhin dafür, dass in nächster Zeit wohl kein Stuntmen-Ausbildungsunternehmen Kurzarbeit wird anmelden müssen.

Ob man „Highway to hell“ singende Mönche, die sich zur Präsentation ihres Sixpacks permanent der Oberbekleidung entledigen und Dialoge wie „Sollten wir die Sache nicht lieber der Polizei übergeben?“ – „Ich bin die Polizei!“ nun gut findet oder nicht: Die „Lasko“-Macher wollen ihrem Publikum in jeder Minute etwas bieten. Und tragen auch noch vorbildlich zur Verkehrserziehung bei.

Bei Verfolgungsjagden sind nämlich immer alle brav angeschnallt.

Seit vergangener Woche ist Ex-„TV total“-Praktikant Elton im ZDF neuer Herr von „1, 2 oder 3“, und dass sein „Moderieren“ im Wesentlichen daraus besteht, Fragen etwas holprig von Kärtchen abzulesen, hat er ja vorher schon gesagt. Überraschend für alle, die Elton nur aus seiner Frotzelrolle bei Pro Sieben kennen, ist hingegen, mit welch sanfter Stimme der Familienvater das erledigt. Und das, obwohl die Sendung – auch wenn das einem Verrat an der eigenen Kindheit gleich kommt – stinklangweilig und furchtbar altmodisch ist.

Die Kinder dürfen immer noch hüpfend Fragen beantworten, müssen sonst aber die ganze Zeit still sein. Nur der adipöse Kandidat aus Slowenien durfte kurz sagen, woher er so gut deutsch kann: „Aus dem Fernsehen“.

Bild zu: Die Woche im Fernsehen: Am Bauch des VolkesEin „Kamerakind“ gibt’s auch noch, das hat aber statt dem wuchtigen Technikmonster, das es früher zu bedienen galt, eine Mini-HD-Cam in der Hand, was für die Kids von heute, die sich ja in der großen Pause locker mal ins Pentagon hacken, wirklich alles andere als spektakulär ist. Elton macht das Beste aus der neuen Aufgabe: Er geht mit dem Showmaskottchen Piet Flosse, einer Robbe, raus auf die Straße und produziert lustige Filmchen, die auf die Fragen hinleiten. Zur Premiere durfte er mit Unterstützung der Polizei Autofahrer zur Kontrolle rauswinken.

Elton: Was sehen Sie da neben sich stehen?
Autofahrer: Eine blaue Stoffrobbe.
Elton: Sie haben doch was getrunken! Bitte einmal pusten.

An den Späßen im Kinderfernsehen könnte sich das Team der neuen MDR-Sketchshow ruhig mal ein Beispiel nehmen. Dann ließe sich nämlich die Neuverfilmung von Witzeseitenwitzen aus den 80ern und die schon hundertmal lustiger gesehenen Teleshopping-Satiren vermeiden. „Neue Gesichter“ und „neue Autoren“ hat der Sender für vorher versprochen – und Wort gehalten. Von neuen Gags war ja nie die Rede.
 
Bild zu: Die Woche im Fernsehen: Am Bauch des VolkesZugegeben: Die MDR-Sendungen, die „Auch das noch“ in „Switch“-Manier verulkt, müsste man natürlich kennen, um beurteilen zu können, ob das lustig ist. Andererseits sehen auch die Originale oft schon so aus als hätte sie sich ein Redakteur nach dem achten Kräuterschnaps ausgedacht.

Zur Sicherheit kurz die Frage: Wir schreiben doch das Jahr 2010, oder? Gut. Dann sag doch dem MDR mal einer, dass die Zeiten, in denen Parodien von Derrick und Rudolf Mooshammer eine gute Idee waren, schon sehr lange vorbei sind.

Erst eine Woche ist es her, dass Sat.1 mit seiner gut produzierten Kochcastingshow „Deutschlands Meisterkoch“ letztmals gnadenlos am Publikumsgeschmack vorbeisendete. Vergangenen Samstag war Finale. Und nur drei Tage später dachten sich die Kollegen von Kabel 1: Jetzt versuchen wir einfach noch mal, ob wir das auch mit einer schlecht produzierten Kochcastingshow schaffen. Die Rechnung ist aufgegangen.

Dafür hat der hauptberuflich als „Galileo“-Sandwichvernichter arbeitende Jumbo Schreiner („Ich bin der Bauch des Volkes“) eine eigene Sendung bekommen, in der ein Unternehmerpaar gesucht wird, dass sich einen „Hightech-Imbisswagen“ erspielt, um damit zwei Jahre auf einem Baumarktparkplatz Wurst und Fritten zuzubereiten. Ja, Sie haben richtig verstanden: das ist der Hauptgewinn, nicht die Strafe für die Verlierer.

Bild zu: Die Woche im Fernsehen: Am Bauch des VolkesWas kommt als nächstes? Menschen, die sich in Quizshows ein Bein abnehmen lassen, wenn sie alle Fragen richtig beantworten?

Um ihrem Ziel näher zu kommen und sich vor der Jury zu beweisen (in der auch „Finanzterrier“ Nicole Löhnert sitzt, die schon die für ihren dauerhaften Erfolg bekannten Gewinner der Vox-Show „Mein Restaurant“ beraten hat), mussten die Kandidaten von „Jumbos Würstchenmillionär“ zum Auftakt Mayonnaise herstellen. Das ging bei den meisten gründlich daneben. Hinterher hat die Jury aber verraten, dass der Geschmack eigentlich egal war, weil es bloß um die Präsentation ging.

Die Zubereitung eines echten Wurstgedecks war’s nachher auch, weil die vermeintliche Küche bloß als Kulisse für zahlreiche Pannen herhalten musste, die die Teilnehmer während der Zubereitung über sich ergehen lassen durften.

Bei „Alles nichts oder?“ wäre das vor zwanzig Jahren sicher sehr lustig gewesen.

Soviel für diese Woche.

Screenshots: RTL, ZDF, MDR, Kabel 1


8 Lesermeinungen

  1. Ein 5. Evangelium, dessen...
    Ein 5. Evangelium, dessen Inhalt die ganze Welt gefährdet? Ich hab mich Donnerstag darüber schlappgelacht.
    Schließlich gibt es unzählige, sog. apokryphe Evangelien, die auch über Jesus Christus berichten und ganz und gar nicht verschollen sind (auch wenn die Kirche das sixher gerne hätte). In einigen dieser apokryphen Evangelien wird die Göttlichkeit Jesu auch angezweifelt. Und in den Anfängen des Christentums gab es die Arianer, die Jesus als Mensch sahen.
    RTL, bitte etwas Neues ausdenken (das gilt auch für den MDR)!

  2. Natürlich ist LASKO...
    Natürlich ist LASKO Popcorn-TV und wer die Handlung ernst nimmt, ist selber schuld. Aber die Kämpfe sind alle gut choreografiert, manche spitzenmäßig.
    Wer Tiefgang will, kann sich BLOCH ansehen. Der kämpft halt dafür nicht ganz so viel.

  3. in der ein Unternehmerpaar...
    in der ein Unternehmerpaar gesucht wird, dass sich einen „Hightech-Imbisswagen“ erspielt, um damit zwei Jahre auf einem Baumarktparkplatz Wurst und Fritten zuzubereiten.
    Dieses „das“ hat ein s zu viel. Danke, dass Sie für mich fernsehen, muss ich mir das nicht antun.

  4. Der Aspekt des Cross-Sellings...
    Der Aspekt des Cross-Sellings wurde noch nicht ausreichend gewürdigt. So könnte Mönch Lasko z.B. seine eigene Würstchenmillionärmayonnaise zubereiten. Ohne Oberbekleidung selbstverständlich.

  5. Dirk Bach und Anke Engelke in...
    Dirk Bach und Anke Engelke in der Sesamstraße, Elton bei 1,2 oder 3 finde ich in den Fällen nicht besonders passend.
    Das sind „Comedians“ deren Gags zielgruppengerecht anzüglich, doppleldeutig, zotig und bürsten gegen den Strich der „political correktness“ – kurz: sehr ok für Jugendliche und Erwachsene.
    Ich würde es nicht mögen, wenn eines meiner kleineren Kinder (hab‘ keine) käme und meinte es müsste jetzt „Ladykracher“ oder „Elton vs. Simon“ gucken dürfen, weil da ja „ihre“ Moderatoren aus „ihrem“ Kinderprogramm dabei sind.
    Oder die Kinder es mehr oder weniger zufällig oder heimlich gucken und glauben, jetzt kommt was für sie, und dann wird es bizarr und gemein. (Und nein, das ist für mich nicht dasselbe wie Katy Perry im Kleidchen.)

  6. Und ich dachte sowieso schon,...
    Und ich dachte sowieso schon, Dan Brown selbst sei ausgelutscht. Den Mash-Up mit „Alarm für Cobra 11“ hätte es dafür wirklich nicht gebraucht.

  7. Hehehe.. nette Metapher Peern,...
    Hehehe.. nette Metapher Peern, mit Lasko als Videogame .. wenn man so drüber nachdenkt, trifft das definitiv zu.

  8. Ja, ich finde es auch...
    Ja, ich finde es auch merkwürdig, wie die Moderatoren von den Privatsendern scharenweise rüberwandern. Und damit doch zugleich die Akzeptanz ihrer früheren Sender erhöhen. Elton ist mir auch aufgefallen und ich erinnere mich an den Tenor von Ex-Sätzen von ihm – aber vielleicht hat er sich gebessert und verändert??? Seltsam nur, dass die Resozialisierungs-Chance eine solche Rolle bei den Überlegungen von ARD und ZDF und KIKA spielt…
    Da fehlt irgendwie ein Zwischenschritt: Erklärungen, Interviews, Kampagnen. Damit man sich die Wandlung vorstellen kann.
    Wir brauchen sooo dringend glaubwürdige Vorbilder. Gerade die Kinder und Jugendlichen… und nicht das Gefühl, dass Geld und Promi-Hype und Mafia-Coolness schon alles regeln.

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