Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Christoph Maria Herbsts Mord zum Mitraten – oder: Mehr Spielfilmreihen fürs Privatfernsehen!

| 15 Lesermeinungen

Mit der Hercule-Poirot-Neuinterpretation "Kreutzer kommt" hat Pro Sieben am Montagabend den perfekten Auftakt für eine neue Spielfilmreihe im Programm. Weil das Privatfernsehen das Genre aber vor allem als Risiko betrachtet und keine festen Sendeplätze freihält, hängt die Fortsetzung mal wieder allein von der Quote ab.

„Ich suche nach den Mördern“, sagt der Mann im rentnerbeigen Trenchcoat, „und ich kriege sie alle“. Nein, Bescheidenheit ist seine Sache wirklich nicht: Kommissar Kreutzer strotzt geradezu vor Selbstsicherheit, jeden seiner Fälle in exakt vier Stunden, 37 Minuten und 48 Sekunden zu lösen.

Es ist ein Mord passiert im Hotel. Kreuzter kommt, scannt die Situation, macht unzählige Handyfotos, redet geheimnisvollen Quatsch und spielt jedem einzelnen Verdächtigen im Verhör einen anderen Ermittler vor, um ihn entweder auf seine Seite zu ziehen oder zu verunsichern. (Anfang des Films online ansehen.)

Bild zu: Christoph Maria Herbsts Mord zum Mitraten – oder: Mehr Spielfilmreihen fürs Privatfernsehen!
Herbst als Kommissar Kreutzer mit Assistentin Belinda (Rosalie Thomass) / Foto: Pro Sieben

Es ist eine ziemlich anstrengende Rolle, die Christoph Maria Herbst da heute Abend auf Pro Sieben übernimmt. Anstrengender noch als die des liebenswerten Büroarschlochs Bernd Stromberg, weil dieser Kreutzer anders als Herbsts Paradeprotagonist aus der Versicherungsbranche so maßlos überzeichnet ist, dass man beim Zuschauen permanent das Gefühl hat, dass die Figur gleich kippt und dann nur noch nervt. Regisseur Richard Huber kriegt aber doch noch die Kurve, was auch an der tollen Idee liegt, einen ganz und gar altmodischen Krimi zu erzählen, der ohne Verfolgungsjagden und Schusswechsel auskommt.

„Der greise Atem von Miss Marple schwebt über allem – aber frisch, als hätte sie vorher ein Eukalyptusbonbon gelutscht“, sagt Herbst über „Kreutzer kommt“.

Der ganze Film spielt an ein und demselben Schauplatz. Verdächtig sind irgendwie alle. Nach und nach stellt sich heraus, wie die handelnden Personen mit dem Mordopfer verbunden waren. Und dass nach den vielen falsch gelegten Fährten die Auflösung am Schluss ein bisschen aus dem Nichts geholpert kommt, verzeiht man dem Film gerne. Weil es sowas im deutschen Fernsehen schon lange nicht mehr gegeben hat: einen Kammerspiel-Mord zum Mitraten!

Zur Vorstellung des Films im Berliner Kempinski-Hotel, das für die Dreharbeiten gekapert wurde, waren vor einigen Wochen Pro-Sieben-Sat.1-Fiction-Chef Christian Balz und Pro-Sieben-Geschäftsführer Thilo Proff angereist, auch um über die eigene Strategie zu reden. Balz sagte:

„Wenn man fürs Privatfernsehen Fiction macht, denkt man immer darüber nach, wie sich den Zuschauern signalisieren lässt: ‚Das kennt ihr, darauf könnt ihr euch einlassen!‘ Aber auch: ‚So habt ihr das noch nie gesehen!'“

Das Kalkül ist sozusagen, mit Bekanntem zu überraschen. Die Quadratur des Kreises. Thilo Proff erzählte, Pro Sieben habe leider „nicht die Mittel, einen Slot das ganze Jahr mit deutscher Fiction zu bespielen“, was auf Deutsch heißt: Es ist nicht genug Geld da, um das ganze Jahr zu einer verlässlichen Zeit eigenproduzierte Filme zu zeigen. Und genau das ist ziemlich schade.

Bild zu: Christoph Maria Herbsts Mord zum Mitraten – oder: Mehr Spielfilmreihen fürs Privatfernsehen!Denn mit dem Herbst-Krimi beweist Pro Sieben, dass es sehr wohl möglich ist, 90 Minuten solide Unterhaltung zu produzieren, von der man allein deshalb gerne eine Fortsetzung sehen würde, um die Entwicklung des Hauptprotagonisten zu verfolgen. „Kreutzer kommt“ würde sich hervorragend als Spielfilmreihe eignen, wie sie vor einigen Jahren im Privatfernsehen noch machbar war: Bei Sat.1 brachte es Corinna Harfouch ab 2002 als „Eva Blond“ mit ihrem türkischstämmigen Ermittlerkollegen Alyans, gespielt von Erdal Yildiz, trotz (oder: gerade wegen) langer Pausen zwischen den Filmen fertig, die ungewöhnlichsten Kriminalfälle des deutschen Fernsehens zu lösen. Das war mal obskur, mal zum Schaudern schwermütig, ein andermal wieder gut gelaunt und aufgedreht und immer überraschend.

(Auf maxdome.de wartet „Eva Blond“ darauf, noch einmal angesehen zu werden, der Auftakt ist erfreulicherweise kostenlos.)

Sechs Filme gab es bis die Reihe 2006 eingestellt wurde – und mit ihr ein Genre, das bei den öffentlich-rechtlichen Sendern eine Selbstverständlichkeit ist („Stubbe“, „Bella Block“, „Rosa Roth“), dem Privatfernsehen aber programmiertechnisch nicht in den Kram passt.

Pro Sieben muss man zugutehalten, dass der Sender im vergangenen Jahr schon einmal versuchte, Alexandra Neldel als Staatsanwältin Anna Winter weiterleben zu lassen, nachdem die düstere Serie „Unschuldig“ mit Winter als Hauptprotagonistin zuvor gefloppt war. (Was vermutlich auch daran lag, dass sie mitten im Sommer während der Fußball-EM ausgestrahlt wurde – besser kann man so ein Projekt kaum versenken; erste Folge ebenfalls kostenlos bei maxdome.de.) Aber auch die beiden neuen Anläufe in Spielfilmlänge wurden vom Publikum kaum wahrgenommen. Und genau darum geht es: die Wahrnehmung! Wie schön wäre es, wenn Pro Sieben seinen Helden mehr Zeit gäbe, sich ihrem Publikum vorzustellen. Und zwar nicht auf Sendeplätzen, die alle paar Wochen wieder vollständig umgekrempelt werden.

„Kreutzer kommt“ muss sich nun am Montagabend behaupten, wo sonst „Fringe“, „Human Target“ und „Supernatural“ laufen. Ob sich das Mystery-Publikum so einfach für eine Hercule-Poirot-Neuinterpretation begeistern lässt?

Liebes Pro Sieben: Mit euren Filmen macht ihr ja schon ganz viel richtig. Aber über die Programmierung und die Frequenz müssen wir uns ganz dringend mal unterhalten.

„Kreutzer kommt“ läuft am Montag um 20.15 Uhr. „Unschuldig“ ist auf DVD erhältlich.

Fotos: Pro Sieben


15 Lesermeinungen

  1. Wer es heute verpasst, kann...
    Wer es heute verpasst, kann sich „Kreutzer kommt“ offenbar am 18. November auf 3sat anschauen. (Lt. TV Spielfilm) Wenn es dort den Zuschauerpreis gewinnt, wird die Chance auf eine Fortsetzung sicher höher.

  2. Das ist das Hauptporblem: Zeit...
    Das ist das Hauptporblem: Zeit und Sendeplatz. Als Musterbeispiel dient hier: „Mord mit Aussicht“, dass nach Verlagerung auf den Dienstags-Sendeplatz sehr gute Quoten einfuhr, nachdem die Serie auf dem Montags-Sendeplatz kaum wahrgenommen wurde.
    Das Problem aller deutschen Sender ist, dass sie keine „Eier in der Hose“ haben. Sobald eine Serie nicht sofort erfolg hat, wird sie ins Nachtprogramm verschoben und dann abgesetzt. Siehe KDD, Liebes.leben.

  3. Schön auch das der Film bei...
    Schön auch das der Film bei Pro7 nicht wiederholt wird, für die Leute die 15 Minuten zu spät eingeschaltet haben…

  4. So leid es mir leider tut...
    So leid es mir leider tut (weil ich Christoph Maria Herbst für einen exzellenten Komiker halte): Zu diesem Krimi fällt mir leider nur das Prädikat „stinklangweilig“ ein. Ich habe nichts gegen Kriminalistenpsychologie in Krimis, aber bitte etwas weniger vordergründig und nichtssagend als in dieser zähen Story. Auch scheint mir auf den ersten Blick, dass CMH für den ernsthaft-abgebrühten, knallhart recherchierenden Lonely-Rider-Kriminalisten eher weniger bis garnicht geeignet ist – jedenfalls nicht in diesem Film. Ich glaube, dass er in den ulkigen Antitypen schon sein Fach gefunden hat. Diesen „Kriminalen“ kann ich ihm leider wenig abnehmen. Ich habe mich hartnäckig bemüht, dranzubleiben – mußte aber nach ca. einer halben Stunde leider aufgeben. Ich werde in die nächste Folge nochmal kurz reingucken, weil das groß angekündigte TV-Experiment auch bei mir entsprechende Erwartungen geweckt hat – bin aber skeptisch.

  5. Einige ganz gute Gags - aber...
    Einige ganz gute Gags – aber insgesamt öde und anstrengend. Die Story und die Figur sind unglaubwürdig, konstruiert und sprunghaft. Für einen Krimi zu langweilig, für einen Comedy-Film nicht lustig genug. Film-Serien? Ja, gerne! Mit Christoph Maria Herbst? Ja, bitte! Aber nicht so einen dämlichen Scheiß. Wann kommt Dr. Psycho wieder??

  6. @Ferhsehgucker

    Christoph...
    @Ferhsehgucker
    Christoph Maria Herbst ist ein Schauspieler – kein Komiker. Genau diese Klischees des Publikums machen es in Deutschland den Leuten so schwer, etwas abseits des Bekannten zu etablieren. Ein guter Freund von uns spielt in einer sehr erfolgreichen Comedy-Sketch-Show – seitdem wird er nur noch als „Comedian“ wahrgenommen. Dass er parallel (wie auch Herr Herbst) ernsthafte Rollen und/oder am Theater spielt, interessiert dann niemanden mehr. Schublade auf, Person rein und das wars dann.

  7. @Uli G.
    Klar ist Christoph...

    @Uli G.
    Klar ist Christoph Maria Herbst Schauspieler – aber ein bisher vor allem als Komiker und komischer Schauspieler bekannter Schauspieler – mithin auch als Comedian, wenn er in mehreren Comedy-Fernsehserien gespielt hat. Der Schauspieler schließt also den Komiker nicht aus – Herbst ist als Comedian beides.
    Ich will garnicht ausschließen, dass so jemand auf bestimmte Rollen Festgelegter auch andere Rollen spielen kann (Dieter Hallervorden ist es z.B. mal als Bösewicht gelungen.) Es ist nur leider ziemlich schwer und widerspricht mit einiger Wahrscheinlichkeit dem Naturell, mit dem jemand bisher hauptsächlich sein Fach bestens ausgefüllt hat. In der ersten Folge der Kreutzer-Serie ist es ihm für meiner einer leider überhaupt nicht gelungen. Das mag mit an der Vorlage liegen, m.M. auch an der Ungeeignetheit von CMH selbst für diese Figur und wahrscheinlich auch für solches Fach. Ein solcher Rollenwechsel ist als Ausbrechen aus bisherigen schauspielerischen Gleisen immer eine riskante Gratwanderung und damit keine Garantie für ihr Gelingen. CMH ist es in „Kreutzer“ für viele Zuschauer leider nicht gelungen. Wagemut allein schafft noch keinen guten Film. Für mich wirkte die erste Folge wie gewollt, aber nicht gekonnt. Ich halte ihre Schwächen für so eklatant, dass gute Regisseure und Produzenten (m.M. auch Sender) eigentlich auf den ersten Blick hätten sehen müssen, dass das Mi°^Wnichts wird. Die respektablen Einschaltquoten führe ich auf den großen Werbeaufwand zurück. Wenn die nächste Folge genauso schwach ist, werden sie nach meiner Vermutung schnell sinken.

  8. Oje, war das öde.

    Nicht...
    Oje, war das öde.
    Nicht wirklich spannend, nicht wirklich düster, nicht wirklich komisch.
    CMH als Stromberg macht Spaß, CMH als Kreutzer leider nicht.
    Und der düster-grünliche Look war auch nicht hilfreich.
    Ich habe mich nach einer Stunde ausgeklinkt.
    Und mich würde mal die Quoten-Verlaufskurve interessieren.
    Ich glaube, dass ich nicht der Einzige war, der sich das nicht bis zum Ende angetan hat.

  9. Schade, der an sich gut...
    Schade, der an sich gut gezielte Schuss ging haarscharf daneben. Mich hat eher das professionelle Interesse bis zum Schluss wach gehalten; meine Schöne ist dagegen nach gut einer Stunde eingeschlafen.
    Die Grundidee ist okay, aber vielleicht ist einfach die Fallhöhe zu gering zwischen CMH und der Rolle. Dem Mann nimmt man doch jede Absurdität bruchlos ab; möglicherweise wäre die Rollenwahrnehmung mit einem als „seriös“ eingeschätzten Schauspieler überraschender und spannender.
    Story und Dialoge hatten natürlich auch Verbesserungsbedarf.

  10. Auf der Homepage von Pro...
    Auf der Homepage von Pro Sieben gibt es mittlerweile den ganzen Film komplett werbefrei zu sehen! Mir persönlich hat er (nach einer gewissen Eingewöhnungszeit zu Beginn) eigentlich recht gut gefallen…

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