Das Fernsehblog

Die Woche im Fernsehen: Das hat Bon Jovi nicht verdient

Die Sendungen
  • Zum weißen Holunder WDR
  • ZDF log in ZDFinfo
  • die story: Wo ist meine Stimme? WDR
  • Katia Saalfrank hilft RTL
  • Popstars – Das Finale Pro Sieben

Zum Jahresende ist die ganze ARD irgendwie in Feierlaune. Der Vorsitzende hat sich schon Ende November öffentlich von seinem Amt verabschiedet, das er erst Ende des Jahres abgibt, der Programmdirektor reimt auf Pressekonferenzen lustige Trinksprüche über die Konkurrenz (wo man auch nur über schlechte Gags lachen mag, wenn sie Dieter Bohlen gemacht hat, und gewohnt patzig reagiert).

Und bevor Tom Buhrow die „Tagesthemen“ bald vom Tresen aus moderiert, schickt der WDR „Morgenmagazin“-Moderatorin Anna Planken vor, damit die den Zuschauern im Dritten am Samstagabend vorführt, dass Saufen im Fernsehen völlig in Ordnung geht – wenn man andernfalls vor Langeweile über das selbst geführte Gespräch wegnicken würde.

In ihrer Show, die „Zum Weißen Holunder“ heißt, weil sie aus einem ähnlich benannten Kölner Lokal kommt, darf Planken seit zwei Wochen so tun als sei sie eine kölsche Ina Müller. Dabei zeigt sie so viele Zähne, dass man stets darauf hofft, sie könnte sich ein Beispiel an der Grinsekatze aus „Alice im Wunderland“ nehmen – und einfach verschwinden.

Denn der „Feierabend mit Anna“ ist ein prima Beweis dafür, dass das Prinzip des gemeinsamen Sichbetrinkens bei gemütlichem Kameraschein längst nicht auf jede Sendung und jeden Moderator übertragbar ist.

Von ihrem Gast, dem Komiker Bernd Stelter, hätte Planken am Wochenende auch einfach den Lebenslauf chronologisch vorlesen können, dann hätte sie sich die Arbeit gespart, die Punkte in Fragen umzuformulieren („Du hast das VWL-Studium aufgrund deiner Bühnenkarriere hingeschmissen?“). Und dass Stelter keine Sommerreifen an seinem Auto hat, wäre als Zusatzinformation ebenso verzichtbar gewesen wie die Erkundigung der Gastgeberin: „Alle sagen: der ist immer so nett. Gibt es nichts Schlechtes über dich?“

Doch, doch, gibt es. Stelter geht freiwillig in Sendungen, deren Macher glauben, es sei witzig, wenn Gastgeber und Gast im Rohkostgemüseschnappen bei gleichzeitigen Kniebeugen gegeneinander antreten zu lassen.

Beim ZDF hingegen wird die Kohle nicht für den schnellen Rausch rausgeschmissen. Stattdessen hat sich die Redaktion einen überdimensionalen Touchscreen angeschafft, auf dem Sonja Schünemann, die Internet-Beauftragte des Senders, herumdrücken darf, wenn Moderatorin Dunja Hayali mal wieder nicht weiß, in welche Kamera sie gucken kann – wie am Dienstag beim Talk „ZDF log in“ im Infokanal, „der einzigen Sendung im deutschen Fernsehen, bei der ihr die Fragen stellt“ (ganze Sendung in der Mediathek).

Mit „ihr“ meint Hayali die Zuschauer, die sie abwechselnd duzt und siezt, anders als Peter Altmeier, den parlamentarischen Geschäftsführer der Unionsfraktion, den sie ausschließlich siezt und ihm dann die Fragen (bzw. „die Knackfrage“) vorliest, die im Netz auf zdf.de oder beim Kooperationspartner Studi VZ gestellt wurden.

Diesmal zum Thema Terrorwarnung und Vorratsdatenspeicherung – was besonders lustig ist, wenn man sich daran erinnert, wie sauber zum Beispiel StudiVZ in der Vergangenheit auf den Schutz der Daten seiner Nutzer geachtet hat. Im Laufe der Sendung, die bestimmt gut gemeint ist, hat Hayali mit Unterstützung der Onlinekollegen herausgefunden: Es gibt sehr unterschiedliche Meinungen zum Thema. Im Chat wird immer „heftig diskutiert“. Und Schünemann hat sich einmal „ein bisschen verklickt“. Gute Besserung.

Weiter geht’s mit – Trickfilm. Mit Menschen, die zum friedlichen Protest auf die Straße gehen, angegriffen werden, in zu enge Räume gesperrt, verprügelt und am Wählen gehindert. Für die WDR-Reihe „die story“ hat Filmemacher Ali Samadi Ahadi die Ereignisse um die Wahl in Iran im vergangenen Jahr aufgearbeitet und erzählt sie anhand von Blogeinträgen und Twitter-Posts der Protestler als gezeichneten Alptraum, der durch Interviews mit denen, die sich gegen das Regime gewehrt haben, dokumentarischen Charakter bekommt.

Der Film schildert vornehmlich die Gewalt, mit der das Regime gegen die Protestler vorging, an einer Stelle klagt er auch die westlichen Länder an, die am Atomthema interessiert seien, an ihrer Ölversorgung, „aber niemand nimmt die Verletzung der Menschenrechte ernst“. Als Aufklärungsfilm kann „Wo ist meine Stimme?“ (Website) vielleicht dazu beitragen, dass zumindest das Thema nicht von der Agenda verschwindet.

Mit abgedunkelten Bildern, schnellen Schnitten und schweren Gitarren inszeniert derweil RTL den Alltag in deutschen Familien, wo es oft an Harmonie fehlt. Sonnenbankpädagogin Katia Saalfrank kann davon ein Lied singen, hat es leider auch getan, jetzt aber genug von asozialen Eltern, die Kette rauchen und ihre Kinder prügeln, wenn sie am Kiosk den falschen Schnaps gekauft haben. In „Katia Saalfrank hilft“ (ganze Folge bei rtlnow.de) besucht die Ex-„Super Nanny“ nämlich Familien, in denen die Wohnung sauber ist, der Papa im Anzug am Wickeltisch steht und alles so „ruhig und harmonisch“, so „liebevoll“ und das Verhältnis der Beteiligten so „innig“ ist, dass man sich fragt: Wie zur Hölle hat sie RTL überredet, das im Fernsehen zu zeigen?

Ganz einfach: Auch in den besten Familien gibt es Zoff, der sich mit den beschriebenen Mitteln inszenieren lässt. Die Problemfelder: „Das Einschlafen“, „Das Anziehen“, „Das Zähneputzen“ und „Das Aufräumen“.

Überall dort, wo Eltern versagen, steuert Saalfrank sie mit einem Knopf im Ohr fern, auf dass Kinder und Erwachsene endlich friedlich miteinander auskommen. Gegen diese Art verfilmten Elternratgeber (in dem Saalfrank vor allem Offensichtlichkeiten ausspricht) ließe sich auch gar nichts einwenden, wenn RTL die Eltern nicht aus Schockgründen mit einem Zusammenschnitt ihrer schlimmsten Brüller konfrontieren würde, damit sie sich nachher vorkommen als seien sie Rabeneltern und sich demütig in Saalfranks Schein-Therapie begeben.

Würde jemand einen Zwei-Minuten-Best-of der ätzendsten RTL-Szenen einer Woche aneinanderreihen, die Empörung bei den Offiziellen in Köln wäre riesig. Wobei: Reichen zwei Minuten?

Anders gefragt: „War das spannend? Haben Sie das gesehen? Das unglaubliche Quiz der Tiere in der ARD?“, scherzte Stefan Raab am späten Donnerstagabend um kurz nach null Uhr in „TV total“, das diesmal live gesendet wurde, damit Pro Sieben seine vorher gekürte „Popstars“-Band vorbeischicken konnte – oder wie Raab sie nennt: „Germany’s Next Some & Any.“ Zugegebenermaßen bot das Finale der Castingshow davor auch eine große Angriffsfläche für Lästereien, allein durch die vielen schlechten Interpretationen alter Schnulzen. („Das hat Bon Jovi nicht verdient“, sagte Raab.)

Und mit einer Dramaturgie, die daraus bestand, die schon unfassbar in die Länge gezogenen Entscheidungsshows bei „DSDS“ zu verdreifachen (ganze Folge bei prosieben.de). Vier Kandidatinnen waren im Finale, nach einer Stunde Sendezeit brauchte Pro Sieben bereits quälend lange Minuten für die erste Entscheidung. Vorher war Oliver Pocher da, um für seine Sat.1-Show am Freitag zu werben, Detlev D! Soost versuchte, hinterm Jurypult den Weltrekord im Geradesitzen zu überbieten und was Nena und Peter Heppner, die da wirklich gar nicht reinpassten, sich von ihrem Auftritt in einem auf drei Stunden ausgedehnten Televoting versprachen, weiß kein Mensch.

Nur Raabs Stand-up gehörte im Anschluss zu den witzigsten, die „TV total“ seit langer Zeit erlebt hat. Hat sich also doch noch gelohnt, der Aufwand.

Soviel für diese Woche.

Screenshots: WDR, ZDFinfo, RTL, Pro Sieben

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