Das Fernsehblog

Kapitulation der Programmplaner: Sat.1 führt die "FilmFilmFilmFilmFilm"-Woche ein

Wenn junge Menschen schon in der Schule davon träumen, später mal fürs Fernsehen zu arbeiten, dann haben sie dabei meistens nicht einen Job als Programmplaner im Sinn. Dabei ist der viel besser als ständig vor der Kamera zu stehen – weil es so gut wie gar nichts zu tun gibt und man nichtmal dabei lächeln muss.

Bei der ARD haben die Planer im vergangenen Jahr – als endgültig alle voraufgezeichneten „Das Quiz mit Jörg Pilawa“-Folgen weggesendet waren – die grandiose Idee gehabt, auf das vorher laufende „Duell im Ersten“ einfach noch ein zweites „Duell im Ersten“ folgen zu lassen. Sendeplatzproblem gelöst. Wenn der „Marienhof“ in diesem Jahr eingestellt wird, plant ARD-Vorabend-Koordinator Frank Beckmann bekanntlich eine „komplette Kurskorrektur“, die sich zunächst darin äußert, dass „Verbotene Liebe“ um 15 Minuten verlängert wird. Noch ein Problem gelöst.

Die Angst in der ARD, dass irgendwer eine Idee haben könnte, was man sonst noch senden könnte, muss gigantisch sein.

Andererseits schaffen es die Privaten ohne Mühe, diese Form programmplanerischer Ödnis noch zu überbieten. Anfang Dezember wurde bekannt, dass RTL-Planer Klaus Henning 2011 zum Konkurrenten nach München wechselt. Je schneller, desto besser. Denn er wird dringend benötigt.

Zum Beispiel bei Pro Sieben, das es in den vergangenen Monaten geschafft hat, mit „Two and a half Men“ am Dienstagabend ein erfolgreiches Alternativprogramm zu den RTL-US-Serien zu etablieren, von denen manche ihre besten Zeiten hinter sich zu haben scheinen. (Was auch daran liegen könnte, dass RTL zum Beispiel bei „House“ Staffeln mit durchlaufenden Handlungssträngen immer wieder wahllos unterbrochen hat, um Wiederholungen einzustreuen.) Im neuen Jahr gibt sich Pro Sieben größte Mühe, alles wieder kaputt zu machen. Ab 18. Januar laufen statt bisher zwei Folgen „Two and a half Men“ fünf (!) nacheinander: um 21.10 Uhr, 21.35 Uhr, 22.05 Uhr, 22.30 Uhr, 22.55 Uhr. Anschließend folgt „TV total“, und – schwupps! – geht’s wieder von vorne los (0.20 Uhr, 0.45 Uhr, 1.15 Uhr, 1.40 Uhr).

Der Overkill ist zwar nur vorübergehend, bis im Februar „Scrubs“ startet. Aber das bedeutet längst noch nicht, dass es auch so bleibt. Denn neben dem US-Sitcom-Dienstag gibt es bei Pro Sieben künftig auch einen US-Sitcom-Mittwoch, an dem „How I met your Mother“ läuft. Und zwar (ab 19. Januar) vier Folgen nacheinander.

Wer so Fernsehen programmiert, kann bloß auf einen kurzfristigen Erfolg aus sein, weil eine solche Programmierung zwangsläufig zur Übersättigung der Zuschauer führen wird. Oder es ist der verzweifelte Versuch, sich dem DVD-Sehverhalten des Publikums anzupassen, das die TV-Boxen günstig im Elektronikmarkt erstanden hat. Im schlimmsten Falle ist es ein Mangel an Alternativen.

Bei Sat.1 scheint einfach nichts mehr da zu sein, was geplant werden müsste. Am Freitag sind die neu aufgelegten „Hit-Giganten“ untergegangen, die neuen Folgen von „Die perfekte Minute“ und „Mein Mann kann“ lassen (bis Ende Februar) auf sich warten. Am Mittwoch sind sämtliche Dokusoaps sang- und klanglos untergegangen. Am Montag ist schon seit „Kerner“ dort floppte nichts mehr zu erwarten. Und Fußball gibt’s gerade auch keinen.

Während RTL im Januar eine Sendung nach der nächsten fortsetzt oder neustartet (zwei Serien, „DSDS“, „Ich bin ein Star“), zeigt Sat.1 konsequent den ganzen Monat über bis in den Februar hinein: Spielfilme. Jeden Werktag: „Madagascar“, „Siegfried“, „Cast Away“, „El Dorado – Der Sonnentempel“, „Ab durch die Hecke“, „Die Eisprinzessin“, „Lichtblau – Neues Leben Mexico“, „Die Schatzinsel“, „Tintenherz“, „Bruce Allmächtig“, „Total verknallt in Tad Hamilton“, „Restrisiko“, „Tod aus der Tiefe“, „Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders“, „Arthur und die Minimoys“, „New York für Anfänger“, „Allein unter Müttern“, „Last Impact – Der Einschlag“, „Das Vermächtnis des Geheimen Buches“, „Asterix bei den Olympischen Spielen“; „Der Einsatz“, „Allein unter Schülern“, „88 Minuten“ – am 3. und 4. Februar dann die Ausnahme: „Die Winterspiele der Stars“, danach geht’s aber weiter: „Das perfekte Verbrechen“, „Bollywood lässt Alpen glühen“, „Green River: Die Spur des Killers“, „Daddy ohne Plan“, „Asterix & Obelix gegen Cäsar“. Nur samstags und sonntags laufen US-Serien.

Ja, da sind ambitionierte Eigenproduktionen wie „Restrisiko“ und ein paar Hollywood-Reißer dabei. Aber ist das die Programmvielfalt, die man von Deutschlands zweitgrößtem Privatsender erwarten würde? Keine Shows, keine Dokusoaps, nichts sonst?

Schon in den 90er Jahren war der Sat.1-„FilmFilm“ ein alberner Titel, aber zumindest sollte die Bezeichnung damals noch suggerieren, dass den Zuschauer eine ganz besondere Premiere oder ein besonderer Film erwartet, einmal in der Woche.

Das Sat.1-Programm im Januar 2011 ist hingegen eine sensationelle Kapitulation vor der Übermacht der Konkurrenz, und vermutlich wird sie sich sogar auszahlen, weil die Filme immer noch bessere Quoten holen dürften als eigenproduzierte Programme – mit deutlich geringeren Kosten. Den hiesigen Produzenten muss es grausen vor einer solchen Planung, die sie quasi arbeitslos macht. Aber immerhin zeigt Pro Sieben Sat.1, wo im Konzern die Prioritäten liegen: Es geht darum, sich weiter für den geplanten Verkauf (oder Börsengang) schlank zu sparen.

Spannender als das Programm ist sowieso, wer so doof sein wird, ein TV-Unternehmen zu kaufen, dessen Abendprogramm aussieht wie eine Leihvideothek, in der man nicht mal selbst bestimmen kann, wann der Film anfängt.

Foto/Screenshot: Das Erste, Sat.1

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