Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Die Woche im Fernsehen: Schuldgefühl muss schon sein

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RTL legte seine Heul-, Schluchz- und Tränen-Show "Verzeih mir" neu auf; in der dritten Staffel von "Doctor's Diary" treten die Charaktere auf der Stelle; Oliver Pocher arbeitet jetzt als Kinderüberraschung von Sat.1; der BR ist tatsächlich mal witzig; und RTL 2 lässt Prollmillionäre Nannys suchen. Was diese Woche im Fernsehen los war.

Die Sendungen
  • Verzeih mir RTL
  • Doctor’s Diary RTL
  • Lieber Onkel Olli Sat.1
  • Klugsch-Eisser & Co. BR
  • Die Geissens RTL 2

Morgens, viertel vor zehn in Deutschland: Das Hallenbad ist frisch geputzt, Melanie sitzt nichtsahnend mit den Kollegen im Frühstücksraum zusammen – zack, da platzt die Tante von RTL rein und sagt: Mitkommen! Zwei Stunden später hat sich Melanies Vater bei ihr per mitgebrachter Videobotschaft dafür entschuldigt, dass er nach ihrer Geburt abgehauen ist und den Kontakt abgebrochen hat. Dabei stellt sich heraus, dass sie einen Halbbruder hat, den ihr der Vater verschwieg und der glücklicherweise ganz in der Nähe wohnt, weshalb er mittags mal vorbeikommt. Den Papa hat RTL auch hergeholt, aber Melanie reicht das erstmal für einen Tag: vom Fernsehen aus der Arbeit rausgeboxt zu werden; die Hoppla-Entschuldigung vom Vater; der neuer Bruder.

Bild zu: Die Woche im Fernsehen: Schuldgefühl muss schon seinMal sehen, was morgen alles los ist.

Richtig: RTL hat seine Heul-, Schluchz- und Tränen-Show „Verzeih mir“ neu aufgelegt (ganze Folge bei rtlnow.de). Und weil die ehemalige Moderatorin inzwischen für die Konkurrenz arbeitet, spielt „Vermisst“-Frau Julia Leischik die Ersatz-Ulla und fragt Menschen, die Freunde oder Verwandte um Verzeihung bitten wollen: „Würdest du sagen, du hast ein richtiges Schuldgefühl?“ Weil: Schuldgefühl muss schon sein. Schlechtes Gewissen reicht einfach nicht, um ins Fernsehen zu kommen.

In der Neuauflage gibt’s kein Studio und kein Publikum mehr, alles spielt sich direkt in den Wohnungen der Entschuldiger ab – weil das so authentisch ist. (Und billiger.) Dafür drückt RTL von Anfang an gleich richtig auf die Tube: Fliederfarben rankt sich der Sendungstitel durchs Bild, dazu läuft eine Take-That-Ballade, im Hintergrund singen One Republic feat. Timbaland „It’s too late to apologize“. Stimmt aber gar nicht.

Nun kann man sich darüber streiten, ob das wirklich der richtige Weg ist, sich mit seinen Liebsten zu versöhnen: indem RTL die Kamera draufhält und 4 Millionen Unbekannte zusehen. Aber, ach, wenn’s anders nicht geht. Leischik erledigt den Job hochprofessionell, fragt ganz vorsichtig Offensichtlichkeiten ab und bohrt unschuldig in alten Wunden, damit’s Tränen gibt. Wenn sich die Beteiligten am Ende in die Arme fallen, hält sie einen Sicherheitsabstand, um die Intimität der Situation nicht zu gefährden.

Gut, das Kamerateam, das den Versöhnten die ganze Zeit über die Schultern filmt, muss man sich natürlich wegdenken.

Bild zu: Die Woche im Fernsehen: Schuldgefühl muss schon seinEin bisschen wie den Telenovela-Anteil bei „Doctor’s Diary“, das in dieser Woche zum Start der 3. Staffel mit Lob und Sympathiebekundungen überschüttet wurde (ganze Folge bei rtlnow.de ansehen). Alle lieben Gretchen, die sympathische Ärztin, die sich nie zwischen den vielen Männern entscheiden kann und immer noch ihrer großen Schulhofliebe hinterherläuft.

Abgesehen davon, dass RTL angesichts so viel positivem Feedback noch unter Schock stehen muss, wirkt „DD“ immer noch wie ein Fremdkörper im Programm, dessen Ironiedichte sonst deutlich geringer ist, ganz zu schweigen von der Seltenheit intelligent dahingefrotzelter Dialogduelle. So angemessen die Anerkennung dafür aber auch ist: In der dritten Neuauflage nervt das anstrengende Aneinanderrumgebaggere schon sehr. Es sind immerzu dieselben Szenen, die gleichen Missverständnisse, die bekannten Schwärmereien, die in unterschiedliche thematische Kulissen gestellt werden. „Ich achte schon drauf, dass man ‚Doctor’s Diary‘ auch als Mann gucken kann, ohne zu kotzen“, hat Serienautor Bora Dagtekin gerade der „taz“ gesagt. Aber wer nicht kotzt, pennt halt auch leichter ein.

Die Charaktere treten auf der Stelle, ganz anders übrigens als bei Dagtekins „Türkisch für Anfänger“, wo sich die heimliche Verknalltheit der beiden Hauptprotagonisten zwar durch alle Staffeln zog, die Figuren sich aber trotzdem ausprobieren, verändern und überraschen durften. Bei „Doctor’s Diary“ überrascht – trotz Ensembleerweiterung – gar nichts mehr. Und am Ende ist der Kitsch immer stärker als die Ironie.

Bild zu: Die Woche im Fernsehen: Schuldgefühl muss schon seinVielleicht haben Sie’s schon gehört: Oliver Pocher hat einen neuen Job. Als Kinderüberraschung von Sat.1. Während die „Oliver Pocher Show“ weiter in Winterpause ist, lief am Freitagabend das Spezial „Lieber Onkel Olli“, in dem besagter Onkel den Sat.1-Zuschauern von morgen übermorgen überübermorgen Herzenswünsche erfüllte (ganze Folge bei sat1.de ansehen). Nele zum Beispiel durfte mit Detlev D! Soost tanzen, nachdem Pocher sie als Kellner verkleidet mit der Mama in einem Hotel überrascht hatte:

Olli: „Du fragst dich sicher, warum muss ich in dem Hotel arbeiten. Ich sag’s dir: Wirtschaftskrise.“
Nele: „Irgendwann erwischt’s halt mal jeden.“

Das kann kein gutes Omen sein, wenn Achtjährige witziger sind als der hochbezahlte Mann vom Fernsehen.

Das Bayerische Fernsehen kann natürlich auch witzig sein. Sogar modern. Selbst wenn der Titel der neuen Bruno-Jonas-Sendung „Klugsch-Eisser & Co.“ zunächst einmal das Gegenteil befürchten lässt (Video in der schlimmen BR-Mediathek bitte selbst suchen). Gemeinsam mit den Komikkollegen Monika Gruber und Rick Kavanian hatte der „Scheibenwischer“-Ex diese Woche Premiere mit seiner neuen Politkabarettreihe. Gut, die Rahmenhandlung wirkt ein bisschen bemüht: Jonas betreibt eine Agentur, die zufälligerweise immer jene Politiker berät, die in der Vorwoche Schlagzeilen gemacht haben, und hängt deshalb permanent mit ihnen am Telefon.

Bild zu: Die Woche im Fernsehen: Schuldgefühl muss schon seinAber die Kulisse – das glauben Sie mir gar nicht! – die Kulisse, die ist topmodern. Riesig viel Platz! Zeitgemäßes Fabrikhallenambiente! Im Hintergrund hängt ein riesiges Ipad, das die Spaßmacher tatsächlich bedienen können! Und es gibt Kamerafahrten von der Decke auf die Bühne! Im BR!

Da kann man auch mal drüber hinwegsehen, dass 10 Wikileaks-Gags pro Minute ein paar zu viel sind und Witze über die CSU momentan relativ günstig zu kriegen.

Alternativ gibt’s noch „Die Geissens“, das Dokusoap-Porträt einer „schrecklich glamourösen Familie“, das RTL 2 seit dieser Woche zeigt. Oder besser: das jetzt auch RTL 2 zeigt, schließlich turnt der angeblich „millionenschwere Jetsetter“ mit seiner Sippschaft schon eine ganze Weile durch durchs deutsche TV-Programm (ganze Folge bei rtl2.de sehen).

Die Eigenleistung von RTL 2 besteht vermutlich darin, den eher nicht so spannenden Alltag der Familie um Ex-Sportbekleidungsunternehmensgründer Robert und seine 1982 zur „Miss Fitness“ gewählte Carmen durch gezielte Provokation spannungsträchtiger Ereignisse auf dokusoaptaugliche 60 Minuten (minus eine Werbepause) zu bringen. Programmpunkt 1: Die Geissens suchen eine Nanny für ihre Töchter. Kann ja keiner ahnen, dass die Agentur bloß ein paar junge Dinger mit tief ausgeschnittenem Dekolleté schickt, die lieber den Hausherrn anbaggern.

Bild zu: Die Woche im Fernsehen: Schuldgefühl muss schon seinZum Auftakt haben die Quoten schon mal gestimmt, alles andere wäre auch eine Enttäuschung gewesen, so arg wie sich die Fernsehmillionäre ins Zeug gelegt haben, um ihr Publikum zu unterhalten. Papa Robert zum Beispiel hat das Töchterchen im Kita-Alter ermutigt, mit dem Fahrrad die Treppe runterzuballern („Klar kann die dat!“), ließ sich „die Altersflecken aus den Haaren“ frisieren, und gab nicht nur bereitwillig Auskunft über die Eigenschaften seiner Traumfrau („blond, schlank, große Ohren“), sondern auch über den Status seiner Ehe: „Carmen ist logischerweise meine Frau, sonst hätt‘ ich sie ja nicht geheiratet.“

Zum Schluss haben sich die beiden für die hässliche Nanny aus der Slowakei entschieden, weil die wahrscheinlich nicht mit Robert ins Bett will, und deren Hässlichkeit einzig und allein im Nichttragen von Miniröcken begründet ist. Wieder ein Tag glücklich zu Ende gegangen im RTL-2-Land.

Soviel für diese Woche.

Screenshots: RTL, Sat.1, BR, RTL 2


10 Lesermeinungen

  1. Danke für den Tipp mit dem...
    Danke für den Tipp mit dem Klugsch… Scheint nicht schlecht zu sein!

  2. Gut dass diesen Artikel ein...
    Gut dass diesen Artikel ein Mann geschrieben hat. Denn 90% der Frauen werden ihm in Bezug auf Doctor´s Diary wohl wiedersprechen.
    Die Ironie und die spritzigen Dialoge sind gerade das, was in vielen Serien fehlt.
    Nur weil das RTL Publikum das nicht gewohnt ist würde ich es noch lange nicht als Fremdkörper bezeichnen.

  3. Kann man die BR-Witzischkait...
    Kann man die BR-Witzischkait wirklich wirklich ansehen? Ich bin da jetzt mal einfach skeptisch. Im BR gestaltet sich das lustige Unterhaltungsprogramm ja weitgehend so, dass gefühlt maximal fünf unterschiedliche bairische „Comedians“ durch verschiedene Reihen, Satiresendungen, Freitagscomedies und Specials rotiert werden, und sich dabei die Hälfte des Komikpotentials schonmal in der Verwendung von möglichst breitem Dialekt erschöpft. Und mit Monika Gruber ist da ja schonmal eine der üblichen Verdächtigen vertreten, ich bin also, wie gesagt, skeptisch…

  4. ...und Witze über die CSU...
    …und Witze über die CSU momentan relativ günstig zu kriegen. (SIND)
    denk ich fehlt da noch (oder man schiebt das „sind“ nach den Wikilieaksgags ans Ende des Satzes :p)

  5. @ Sonja: ich denke,...
    @ Sonja: ich denke, „Fremdkörper im RTL-Programm“ ist von Peer durchaus als großes Kompliment gedacht, so fasse ich es jedenfalls auf.

  6. @arahf: Nö, das "sind" steht...
    @arahf: Nö, das „sind“ steht da ganz gut.
    @Seb: Stimmt!

  7. Leider muss ich bezüglich...
    Leider muss ich bezüglich einer gewissen Ermüdung im Bereich von Doctor’s Diary durchaus zustimmen, schon in der letzten Staffel waren doch einige gänzlich überflüssige Handlungsstränge und auch Figuren eingebaut worden, die es bei so kurzen Staffeln zum einen nicht gebraucht hätte und die zum anderen auch die Freude am an sich guten Format getrübt haben.
    Auch sollten die Staffeln, ja ohnehin nur die RTL-typischen acht Folgen lang, davon mit einer Langfolge in Spielfilmlänge, nicht mehr als maximal ein Jahr auseinander sein.
    Ohnehin dürfte es für den nur mäßig interessierten DD-Seher, der kein total fanatischer Fan ist schon schwierig sein, sich noch an die einzelnen Geschichten, Abläufe, Handlungsstränge und vielleicht auch Figuren zu erinnern.
    Die Serie verlor sich, obwohl das Hauptcast ab Serienstart sehr gut war, schon in der letzten Staffel zum Teil in Belanglosigkeiten, uninteressanten und unglaubwürdigen Nebenhandlungen, dazu kamen einige zusätzliche Darsteller, die fehl am Platze sind, bei einer so kurzen Staffel soll und muss sich die Handlung auf die Hauptdarsteller konzentrieren und auf wenige Personen des „Supporting Cast“.
    Das die momentane Konstellation die Story überhaupt nicht weiterbringt sehe ich auch so. Kontraproduktiv ist vor allem hierbei der neue Ehemann von Gretchen, der vor allem Dr. Kaan eigentlich überflüssig erscheinen lässt.
    Und trotzdem….
    ist und bleibt die Serie trotz der oben aufgeführten Schwächen wohl eine bzw. die Top-Serie, die wir im eigenproduzierten Bereich in Deutschland finden, weil sie immer noch einige Momente hat, die für obige Schwächen aufwiegen, und Freude am sehen bringen.
    Generell ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland nicht in der Lage oder nicht willens eine originelle und qualitativ hochwertige Serie zu produzieren, die auch beim jeweiligen Zuschauer einschlägt (Bsp. Im Angesicht des Verbrechens), so bleibt uns nur, auf den privaten Rundfunk, bzw. einen qualitativ nach oben gearteten „Ausrutscher“ zu warten, früher gab es diese mit „Abschnitt 40“ (RTL) oder „Edel & Starck“ (Sat.1) noch, in den letzten Jahren haben sich die Privaten mit eigenproduzierter Fiction aus für sie verständlichen Gründen sehr zurückgehalten, aber es bleibt die Hoffnung, anders als bei den ÖR, dass es vielleicht trotzdem irgendwann mal ein qualitativer, mutiger Ausrutscher nach oben gelingt.
    Interessant wäre hierbei die Fantasyserie „Die 25. Stunde“, die RTL leider ungesendet in den Archivkeller verbannt hat.

  8. <p>Die Pocher-Sendung war...
    Die Pocher-Sendung war übrigens eine wiederholung vom Dezember.

  9. klingt aber gar nicht...
    klingt aber gar nicht gut.
    gesprochene Sprache vlt…

  10. Nicht im Fernsehen Mitleid...
    Nicht im Fernsehen Mitleid zeigen, sondern im echten Leben.

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