Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Die schlechten Menschen von "Deutschland sucht den Superstar"

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In der ersten Folge der neuen Staffel nutzte RTL die Hoffnungen und Illusionen einer todkranken Mutter, um ihren sie pflegenden Sohn zu verhöhnen.

Bild zu: Die schlechten Menschen von "Deutschland sucht den Superstar"Bei „Deutschland sucht den Superstar“ gibt es drei Gruppen von Menschen, deren Verhalten ich nicht verstehe.

Die erste sind die Leute, die das gucken. Siebeneinhalb Millionen haben die erste Folge der neuen Staffel gesehen – obwohl die Sendung so berechenbar, formelhaft und ausgewalzt ist wie kaum eine andere.

Das zweite sind die Leute, die da hingehen. Zigtausend Kandidaten hatten sich wieder beworben – obwohl sie wissen könnten, dass sie nur Rohmaterial für eine Maschinerie sind, die bestenfalls verspricht, nach einem absurden Aufwand und vielen Demütigungen, eine einzige erfolgreiche Single zu produzieren.

Das dritte sind die Leute, die das produzieren. 

Über die ersten beiden Gruppen ist ausdauernd diskutiert worden. Über die Anziehungskraft der Show auf das Publikum und noch viel mehr über die Frage, ob man die Menschen, die dort mitmachen, vor sich selbst schützen müsste. Einige der Kandidaten, über die sich RTL ausführlich lustig macht, wirken geistig behindert. Aber erstens ist das kein klares Kriterium und zweitens keine Antwort auf die Frage, wie man mit ihnen umgehen müsste. Diese Leute dürfen, mutmaßlich, wählen, Geld ausgeben, heiraten, ihr Leben selbst bestimmen. Womöglich haben sie auch das Recht, sich vor der Nation zu Deppen zu machen.

Es ist wie beim alten Dilemma vom Zwergenweitwurf: Verstößt eine solche Veranstaltung gegen die Menschenwürde oder gehört zu dieser Menschenwürde, im Gegenteil, auch das Recht eines Zwergen, sich aus freien Stücken zum Objekt eines solchen Spektakels zu machen? 

Mindestens so interessant finde ich aber eine andere Frage: Was sind das für Menschen, die mit Zwergen werfen wollen? 

Auf „Deutschland sucht den Superstar“ bezogen, ist das natürlich diejenige der eingangs genannten Gruppen, deren Verhalten oberflächlich am einfachsten zu erklären ist: Leute arbeiten für „Deutschland sucht den Superstar“, weil sie damit Geld verdienen. Sie tun nur ihren Job. 

Und doch verstehe ich diese Gruppe am wenigsten. Ich kann die Schadenfreude beim Gucken nachvollziehen, ich kann die Selbsttäuschung der Kandidaten erahnen, aber ich weiß nicht, wie verkommen man sein muss, um die Liebe einer todkranken Frau zu ihrem Sohn, der sie rund um die Uhr pflegt, als Mittel zu benutzen, um seine öffentliche Demütigung zu maximieren. 

Der dreißigjährige Stefan hat nichts von einem Superstar, er hat nicht einmal etwas von einem RTL-„Superstar“. Er kann nicht singen; er ist, wenn er es vor der Jury versucht, eine lächerliche Figur. Andererseits bringt er eine ungewöhnlich tragische Lebensgeschichte mit sich.

Das ist eine ungewöhnliche Kombination von zwei Eigenschaften, die RTL für seine Show braucht, sonst aber streng trennt: Eigentlich sind es die Gewinner, die die persönlichen Schicksale mitbringen und dadurch noch bewundernswerter wirken.

Stefan erzählt Dieter Bohlen und den zwei Jurystatisten von seiner Liebe zur Musik und von seinem harten Leben. Nachdem er gesungen hat, bemühen sich die drei, ihm ungewöhnlich schonend beizubringen, dass er nicht in die nächste Runde kommt. Jedem Zuschauer ist klar, dass das milde Urteil nicht die wahre Leistung widerspiegelt, sonden rausschließlich Zeichen des Respekts ist vor dem persönlichen Schicksal des Kandidaten. Selbst Dieter Bohlen schafft es, eine menschliche Seite von sich zu zeigen.

Kurz.

Dann ist der Kandidat gegangen und Bohlen sagt zu der Frau neben sich: „Hätte er die kranke Mutter nicht, hätte ich ihn fertig gemacht.“

Das war den Zuschauern schon klar. Aber dass Bohlen es ausspricht und dass RTL es ausstrahlt, gibt dem ganzen eine andere Dimension. Bohlen schafft es, gleichzeitig zu betonen, dass er zu Mitleid fähig ist, und seine Mitleidslosigkeit zu demonstrieren, indem er dem Kandidaten und der Welt auf diesem Weg trotzdem noch mitteilt, dass er richtig scheiße war – nur damit da keine Missverständnisse bleiben.

Während des Auftrittes des Kandidaten hatte die Produktion ihre eigene Skrupellosigkeit bewiesen. Während er die letzten Zweifel, ob er wirklich so schlecht ist, wegsang, schnitt sie noch einmal die Aussagen seiner Mutter dazwischen, die sich wünschte, dass DSDS für ihn ein „Sprungbrett“ sein könnte, „weg von seiner kranken Mutter“. Mit billigstem Geigenkitsch und verdunkelten Zeitlupenaufnahmen hatten RTL und die Produktionsfirma Grundy die Geschichte der todkranken Frau, die im Rollstuhl sitzt und einen Sauerstoffschlauch trägt, vorher in Szene gesetzt – reiner Zynismus, wie sich herausstellte.

Während Stefan seine Talentlosigkeit zeigte, zeigte RTL noch einmal, wie seine Mutter schwärmte: „Stefan ist der neue Superstar. Und er hat das Talent.“ 

Diese Diskrepanz zwischen der Liebe und Hoffnung einer Mutter und der Realität wäre dem Zuschauer auch so schmerzhaft bewusst geworden, aber die Produzenten von „Deutschland sucht den Superstar“ gingen auf Nummer sicher und schnitten das direkt ineinander. Sie benutzten Stefan und seinen missratenen Auftritt, um seine kranke Mutter zu verhöhnen. Und sie nutzten die kranke Mutter und ihren verklärten Blick auf ihren Sohn, um Stefan zu verhöhnen.

Ganz unabhängig davon, wie der Kandidat das fand, der anscheinend dankbar war, dass er überhaupt teilnehmen durfte: Das muss man erst einmal tun wollen.

Das ist die Frage, die ich mehr als jede andere stelle, wenn ich „Deutschland sucht den Superstar“ gucke: Was sind das für Menschen, die an einer solch verkommenen Inszenierung mitwirken? Tom Sänger, der Unterhaltungschef von RTL, hat einmal gesagt: „Wir sind sehr darauf bedacht, die Akteure nicht zu beschädigen.“ Ich weiß nicht, ob das Zynismus ist. Oder ob man, wenn man lange genug in diesem Umfeld gearbeitet hat, abstumpft. Oder ob es doch einfach schlechte Menschen sind, die dort arbeiten.

(Den Auftritt kann man sich bei Clipfish ansehen.)


103 Lesermeinungen

  1. Danke für diesen...
    Danke für diesen hervorragenden Artikel, bei dem ich jedes Wort unterschreiben würde!
    Natürlich gibt es das arme Würstchen, die wissen, was sie tun und nur zur Selbstdarstellung in’s Fernsehen wollen, aber mit der Inszenierung der schwerkranken Mutter des jungen Mannes war für mich der Gipfel der Niveaulosigkeit erreicht…!

  2. Grossartiger Bericht zu einer...
    Grossartiger Bericht zu einer schwachsinnigen Sendung!

  3. ich habe es auch gesehen und...
    ich habe es auch gesehen und kann das gesetz da nicht helfen,menschen so blos zu stellen geht garnicht

  4. Einerseits ja, andererseits...
    Einerseits ja, andererseits nein.
    Ich stimme vielem zu, was da oben steht, aber ich kann nicht nur oberflächlich, sondern auch nach längerem Nachdenken die RTL-Leute am besten. Vielleicht liegt das einfach daran, dass ich auch ein schlechter Mensch bin, aber meiner Meinung nach stehen die Zuschauer moralisch am weitesten unten. Oder jedenfalls kann ich die am wenigsten verstehen. Unrealistische Träume haben wir alle, Geld verdienen müssen wir alle, aber sowas ansehen…
    Gleichzeitig frage ich mich, ob und in welchem Sinne die Sendung wirklich jemandem schadet, abgesehen davon, dass sie eine beklagenswerte Geisteshaltung offenlegt, die aber wahrscheinlich auch ohne sie da wäre, nur nicht so gut sichtbar.
    Oder denke ich da in die völlig falsche Richtung?

  5. Ich hatt gestern nacht noch in...
    Ich hatt gestern nacht noch in die Wiederholung reingezappt und die besagte Szene gesehen. Vor lauter Abscheu und Fassungslosigkeit konnte ich leider nicht schnell genug wegschalten.
    Pfui, ihr RTL-Leute, dafür kommt ihr in die Hölle!

  6. Was für eine naive Frage. Den...
    Was für eine naive Frage. Den Leuten wird gesagt, dass sie das tun sollen und die verlieren dadurch ihre Hemmungen und leben ihren inneren Schweinehund voll aus. Ist ja nicht ihre Schuld, wurde ihnen ja so aufgetragen.
    Da gab’s doch mal so einen Versuch mit Elektroschocks… Ahja, hier:
    https://www.nzzfolio.ch/www/d80bd71b-b264-4db4-afd0-277884b93470/showarticle/19b5eceb-8906-48f7-abc8-69187f03c5f9.aspx

  7. @Andreas: Ich nehme mal an,...
    @Andreas: Ich nehme mal an, dass du mich meinst.
    Nenn meine Frage naiv, aber was ist den nun dieser Schaden, den die RTL-Leute anrichten? Mir gefällt das auch nicht, was da geschieht, und vielleicht könnte ich sogar zustimmen, dass man in einem gewissen Sinne ein schlechter Mensch sein muss, um da mitzuarbeiten, aber haben am Ende nicht alle Beteiligten ungefähr das, was sie auch wollten?
    Insofern finde ich den Zwergenweitwurf als Vergleich gar nicht so schlecht. Wenn jemand gerne geworfen wird, und jemand anders gerne wirft, und es dann noch eine dritte Gruppe gibt, die dabei gerne zusieht, was genau geschieht dann da, was ethisch zu verurteilen wäre?

  8. Leider kann ich hier gar...
    Leider kann ich hier gar nichts mehr erkennen, was ungewöhnlich oder bemerkenswert wäre. Wie gesagt – leider. Viele Kandidaten sind schlicht dumm oder aufgrund des zarten Alters so naiv, dass es fast auf das Selbe hinausläuft.
    Für die Zuschauer gilt entweder auch genau dies oder es kommt eine Mischung aus Sensationslust und Langeweile ins Spiel.
    Was die Macher betrifft: da haben sich nur Wenige richtig viel vorzuwerfen. Niemand macht DSDS alleine. Jeder Beteiligte tut halt seinen Job und hat blind machende Routine darin. Soll man den Kameramann verurteilen ? Den Beleuchter ? Dieter Bohlen ?
    Einzig die Leute, die die Produktion in Teilen oder insgesamt beurteilen und abwinken, sollte man vielleicht mal schroff damit konfrontieren, was sie da eigentlich abliefern.
    Ich schaue DSDS nicht. Nie. Aber wir alle bekommen zum Abendessen sterbende Menschen in den News serviert. Wem will man da noch vorwerfen, dass er nicht mehr die Motivation besitzt, sich über Dinge wie DSDS aufzuregen ?!
    Ansonsten: die Meinung des Autors unterschreibe auch ich.

  9. Hoffentlich leitet jemand...
    Hoffentlich leitet jemand diesen wirklich sehr guten Beitrag an die verantwortlichen Redakteure bei RTL weiter!

  10. Am besten mal Frau...
    Am besten mal Frau Schäferkordt persönlich nach sowas fragen, und ihre üblichen rhetorischen Selbstverteidigunsmechanismen strapazieren. Letztlich liegt es ja im Bereich ihrer obersten Verantwortung, was für Scheissdreck alles so in ihrem „Qualitätssender“ läuft.

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