Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Die schlechten Menschen von "Deutschland sucht den Superstar"

| 103 Lesermeinungen

In der ersten Folge der neuen Staffel nutzte RTL die Hoffnungen und Illusionen einer todkranken Mutter, um ihren sie pflegenden Sohn zu verhöhnen.

Bild zu: Die schlechten Menschen von "Deutschland sucht den Superstar"Bei „Deutschland sucht den Superstar“ gibt es drei Gruppen von Menschen, deren Verhalten ich nicht verstehe.

Die erste sind die Leute, die das gucken. Siebeneinhalb Millionen haben die erste Folge der neuen Staffel gesehen – obwohl die Sendung so berechenbar, formelhaft und ausgewalzt ist wie kaum eine andere.

Das zweite sind die Leute, die da hingehen. Zigtausend Kandidaten hatten sich wieder beworben – obwohl sie wissen könnten, dass sie nur Rohmaterial für eine Maschinerie sind, die bestenfalls verspricht, nach einem absurden Aufwand und vielen Demütigungen, eine einzige erfolgreiche Single zu produzieren.

Das dritte sind die Leute, die das produzieren. 

Über die ersten beiden Gruppen ist ausdauernd diskutiert worden. Über die Anziehungskraft der Show auf das Publikum und noch viel mehr über die Frage, ob man die Menschen, die dort mitmachen, vor sich selbst schützen müsste. Einige der Kandidaten, über die sich RTL ausführlich lustig macht, wirken geistig behindert. Aber erstens ist das kein klares Kriterium und zweitens keine Antwort auf die Frage, wie man mit ihnen umgehen müsste. Diese Leute dürfen, mutmaßlich, wählen, Geld ausgeben, heiraten, ihr Leben selbst bestimmen. Womöglich haben sie auch das Recht, sich vor der Nation zu Deppen zu machen.

Es ist wie beim alten Dilemma vom Zwergenweitwurf: Verstößt eine solche Veranstaltung gegen die Menschenwürde oder gehört zu dieser Menschenwürde, im Gegenteil, auch das Recht eines Zwergen, sich aus freien Stücken zum Objekt eines solchen Spektakels zu machen? 

Mindestens so interessant finde ich aber eine andere Frage: Was sind das für Menschen, die mit Zwergen werfen wollen? 

Auf „Deutschland sucht den Superstar“ bezogen, ist das natürlich diejenige der eingangs genannten Gruppen, deren Verhalten oberflächlich am einfachsten zu erklären ist: Leute arbeiten für „Deutschland sucht den Superstar“, weil sie damit Geld verdienen. Sie tun nur ihren Job. 

Und doch verstehe ich diese Gruppe am wenigsten. Ich kann die Schadenfreude beim Gucken nachvollziehen, ich kann die Selbsttäuschung der Kandidaten erahnen, aber ich weiß nicht, wie verkommen man sein muss, um die Liebe einer todkranken Frau zu ihrem Sohn, der sie rund um die Uhr pflegt, als Mittel zu benutzen, um seine öffentliche Demütigung zu maximieren. 

Der dreißigjährige Stefan hat nichts von einem Superstar, er hat nicht einmal etwas von einem RTL-„Superstar“. Er kann nicht singen; er ist, wenn er es vor der Jury versucht, eine lächerliche Figur. Andererseits bringt er eine ungewöhnlich tragische Lebensgeschichte mit sich.

Das ist eine ungewöhnliche Kombination von zwei Eigenschaften, die RTL für seine Show braucht, sonst aber streng trennt: Eigentlich sind es die Gewinner, die die persönlichen Schicksale mitbringen und dadurch noch bewundernswerter wirken.

Stefan erzählt Dieter Bohlen und den zwei Jurystatisten von seiner Liebe zur Musik und von seinem harten Leben. Nachdem er gesungen hat, bemühen sich die drei, ihm ungewöhnlich schonend beizubringen, dass er nicht in die nächste Runde kommt. Jedem Zuschauer ist klar, dass das milde Urteil nicht die wahre Leistung widerspiegelt, sonden rausschließlich Zeichen des Respekts ist vor dem persönlichen Schicksal des Kandidaten. Selbst Dieter Bohlen schafft es, eine menschliche Seite von sich zu zeigen.

Kurz.

Dann ist der Kandidat gegangen und Bohlen sagt zu der Frau neben sich: „Hätte er die kranke Mutter nicht, hätte ich ihn fertig gemacht.“

Das war den Zuschauern schon klar. Aber dass Bohlen es ausspricht und dass RTL es ausstrahlt, gibt dem ganzen eine andere Dimension. Bohlen schafft es, gleichzeitig zu betonen, dass er zu Mitleid fähig ist, und seine Mitleidslosigkeit zu demonstrieren, indem er dem Kandidaten und der Welt auf diesem Weg trotzdem noch mitteilt, dass er richtig scheiße war – nur damit da keine Missverständnisse bleiben.

Während des Auftrittes des Kandidaten hatte die Produktion ihre eigene Skrupellosigkeit bewiesen. Während er die letzten Zweifel, ob er wirklich so schlecht ist, wegsang, schnitt sie noch einmal die Aussagen seiner Mutter dazwischen, die sich wünschte, dass DSDS für ihn ein „Sprungbrett“ sein könnte, „weg von seiner kranken Mutter“. Mit billigstem Geigenkitsch und verdunkelten Zeitlupenaufnahmen hatten RTL und die Produktionsfirma Grundy die Geschichte der todkranken Frau, die im Rollstuhl sitzt und einen Sauerstoffschlauch trägt, vorher in Szene gesetzt – reiner Zynismus, wie sich herausstellte.

Während Stefan seine Talentlosigkeit zeigte, zeigte RTL noch einmal, wie seine Mutter schwärmte: „Stefan ist der neue Superstar. Und er hat das Talent.“ 

Diese Diskrepanz zwischen der Liebe und Hoffnung einer Mutter und der Realität wäre dem Zuschauer auch so schmerzhaft bewusst geworden, aber die Produzenten von „Deutschland sucht den Superstar“ gingen auf Nummer sicher und schnitten das direkt ineinander. Sie benutzten Stefan und seinen missratenen Auftritt, um seine kranke Mutter zu verhöhnen. Und sie nutzten die kranke Mutter und ihren verklärten Blick auf ihren Sohn, um Stefan zu verhöhnen.

Ganz unabhängig davon, wie der Kandidat das fand, der anscheinend dankbar war, dass er überhaupt teilnehmen durfte: Das muss man erst einmal tun wollen.

Das ist die Frage, die ich mehr als jede andere stelle, wenn ich „Deutschland sucht den Superstar“ gucke: Was sind das für Menschen, die an einer solch verkommenen Inszenierung mitwirken? Tom Sänger, der Unterhaltungschef von RTL, hat einmal gesagt: „Wir sind sehr darauf bedacht, die Akteure nicht zu beschädigen.“ Ich weiß nicht, ob das Zynismus ist. Oder ob man, wenn man lange genug in diesem Umfeld gearbeitet hat, abstumpft. Oder ob es doch einfach schlechte Menschen sind, die dort arbeiten.

(Den Auftritt kann man sich bei Clipfish ansehen.)


103 Lesermeinungen

  1. Steve Gates sagt:

    Artikel 1 GG: "Die Würde des...
    Artikel 1 GG: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – und wieso darf RTL eine solche Sendung ausstrahlen?

  2. juri sagt:

    Einfach verabscheuungswürdig...
    Einfach verabscheuungswürdig das Ganze!
    Wetten, das wird morgen Mittag bei Katja Burkhard dann nochmal so richtig schön ausgeschlachtet…traurig

  3. Sebastian sagt:

    Widerwärtig was RTL sich...
    Widerwärtig was RTL sich leistet. Sogar um längen widerwärtiger als alles was sonst läuft. Hoffenltich wachen die leute irgendwann auf.

  4. Michael S. sagt:

    @Muriel: "aber haben am Ende...
    @Muriel: „aber haben am Ende nicht alle Beteiligten ungefähr das, was sie auch wollten?“
    Also ich denke nicht, dass der arme Tropf mit seiner Mutter das wollte. Er wollte evtl. auf sein Schicksal aufmerksam machen, vlt noch ein Mädel dadurch finden und seine Mam stolz machen. Die wahren Monster in der ganzen Chose sind die Cutter im Hintergrund, die das Material erst zu dem zusammenstümpern (mit Comiceinspielungen, Geräuschen etc) und erst damit die Demütigung perfekt machen. Hätte man den Auftritt einfach so laufen lassen, wäre es allerdings für die abgestumpften Kiddies ohne Funfactor gewesen und vlt auch zu intelligent und hätte fassungsloserweise zum Nachdenken animiert.
    Ich frage mich auch immer wieder, wie man Menschen, die scheinbar eine mentale Beeinträchtigung haben, nicht vor sowas schützt. Hier muss man auch mal Familie und Freunde in die Pflicht nehmen. Ein solcher Auftritt und man ist auf Jahre in seinem Umfeld verbrannt. Aber ich denke, vor allem für RTL sind das keine Menschen mehr, es ist Material auf Festplatte, das man profitorientiert so zeigen kann, dass der Sender die meisten Leute erreicht, ….die Seele o.ä. der Kandidaten spielt bei sowas keine Rolle mehr.

  5. Ju Honisch sagt:

    Also ich habe es nicht...
    Also ich habe es nicht gesehen, kann mir aber vorstellen, wie peinlich es war. Gelegentlich zappt man ja mal in diese Formate, und dann ist Fremdschämen angesagt. Aber – und diese Diskussion macht es wieder deutlich – nicht nur „die Blöden“ gucken DSDS, sondern auch die, die sich darüber aufregen, wie blöd es ist. Von Blöd zu Gebildet: alles ist auf dem nationalen Fernsehsofa versammelt und wirf wahlweise verbale Eier oder gesellschaftskritische Kommetnare. Damit erreicht die Sendung einen wirklich großen Querschnitt der Bevölkerung. Das rechtfertigt für ein rein kommerzielles Fernsehen alles andere.
    In der Renaissance galt es als Freizeitspaß der Priviligierten, Irrenhäuser zu besuchen und den Irren zuzusehen – wie im Zoo. (Zoos gab es noch nicht). Vielleicht haben wir uns ja nicht so sehr geändert?

  6. Andi sagt:

    Mich würde ja mal...
    Mich würde ja mal interessieren, was die Verantwortlichen von RTL dazu sagen. Also speziell zu GENAU DIESEM EINEN Fall.
    In den Interviews, die ich bisher immer gelesen habe, gabs immer nur so Allgemeingeschwätz-Blabla. Interessant wäre allerdings wirklich, wenn sich mal jemand von denen zu einer bestimmten, speziellen Szene äußern müsste.
    Habt Ihr da keine Möglichkeiten, mal einen Interview-Termin zu bekommen und die Leute von RTL dazu Stellung nehmen zu lassen?
    Wie gesagt: ohne allgemein aufs Thema einzugehen sondern wirklich Einzelfälle zu diskutieren.

  7. hansprag sagt:

    die Quotenseher und RTL...
    die Quotenseher und RTL verdienen einander. Ist aber fuer diese Minderbemittelten immer noch besser als sich vom Staatsfernsehen beschwindeln zu lassen.

  8. Freebe sagt:

    Ich werfe eine vierte,...
    Ich werfe eine vierte, entscheidende Gruppe in die Runde:
    die Werbetreibenden. Die sind es schließlich, die den Menschenzoo finanzieren. Ich würde es sehr begrüßen, wenn ein Medienmagazin/Medienblog einmal bei den entsprechenden Firmen nachfragen würde, ob sie tatsächlich derartige Szenen finanziell unterstützen wollen.

  9. derwaechter sagt:

    Das ist wie bei Bild auch "Es...
    Das ist wie bei Bild auch „Es sind schlechte Menschen, die Falsches tun“ (Max Goldt)

  10. Ostwestf4le sagt:

    Solange es Menschen gibt - und...
    Solange es Menschen gibt – und mehr als sieben Millionen waren es ja am Samstag Abend -, die diese Sendung schauen, wird es auch dieses Fernsehformat im Privatvfernsehen geben. Und solange es Masochisten gibt, die sich von Bohlen und Co. verunglimpfen lassen, wird es auch weiterhin DSDS geben.
    Wer die Staffeln DSDS aufmerksam verfolgt hat, wird registriert haben, dass es in jeder neuen Staffeln mehr wurde: mehr Peinlichkeiten, mehr Schicksale und mehr unmenschliche und erniedrigende Behandlung von Casting-„Opfern“.
    Alle haben sich freiwillig dafür entschieden, an dem Casting teilzunehmen. Und vielen ist sicherlich bewusst, auf was sie sich da einlassen. Dennoch gilt es, Grenzen einzuhalten und zu respektieren. Und diese Grenze wurde in dem genannten Beispiel mehrmals überschritten.

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