Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Die Woche im Fernsehen: Rechts von dir! Fettnäpfchen-Volltreffer!

| 8 Lesermeinungen

n-tv findet eine Beschäftigungstherapie für Heiner Bremer; mit der gut gemeinten Zukunftsvision "2030 – Aufstand der Jungen" übertreibt's das ZDF etwas; der WDR wirbt aus Versehen für Tchibo; Vox dramatisiert "Unser erstes Restaurant"; Marijke Amado ist die neue Tine Wittler des SWR; und Kabel 1 lädt Promis auf den Abenteuerspielplatz "Fort Boyard". Was diese Woche im Fernsehen los war.

Die Sendungen
  • 4 gewinnt n-tv
  • 2030 – Aufstand der Jungen ZDF
  • Der Tchibo-Check WDR
  • Unser erstes
    Restaurant
    Vox
  • Aufgemöbelt SWR
  • Fort Boyard Kabel 1

Potzblitz, da hat n-tv tatsächlich einen Coup gelandet: die erste Talkshow, die sich nach der Premiere selbst abschafft. Weil schon alles gesagt wurde. Zehn Minuten für den Dioxin-Skandal, zwei Minuten für die Deutsche Bahn, fünf fürs „Super-Wahljahr“, noch mal zehn für Westerwelle, Merkel, Guttenberg und die Linke, anschließend: das Wetter (eine Minute) und die „Worte der Woche“.

Nach nicht mal einer halben Stunde war „4 gewinnt – die Meinungsshow“ am Donnerstagabend schon wieder rum (Video bei n-tv.de ansehen). Wahrscheinlich für immer, denn: Über was sollen die „Titanen des gesunden Menschenverstand“, als die der gefährlich nach Friedrich Küppersbusch klingende Moderator aus dem Off die Paneldiskutanten vorstellte, denn nächstes Mal noch reden?

Bild zu: Die Woche im Fernsehen: Rechts von dir! Fettnäpfchen-Volltreffer!Am wohlsten in der Runde fühlt sich offensichtlich die RTL-Altlast Heiner Bremer (oder wie n-tv schleimt: „der Monarch des Hauptstadtjournalismus“), weil ihm endlich mal wieder jemand zuhören muss.

Gemeinsam mit den übrigen Meinungsführern – „taz“-Chefin Ines Pohl, Radiomann Volker Wieprecht und Comedian Ingo Appelt – warf Bremer mit allerlei Schlagworten um sich, die mit etwas Ruhe vielleicht einen politischen Kommentar hätten ergeben können. Stattdessen fielen sich die Teilnehmer der Kreuzung aus „Presseclub“ und „7 Tage, 7 Köpfe“ gegenseitig so oft ins Wort, dass n-tv die Satzenden eigentlich anständigerweise im Teletext nachreichen müsste.

Inhaltlich hat das nix gebracht, aber als Geräuschkulisse im Hintergrund war’s sehr beruhigend und Wieprecht hatte immerhin einen Lacher als er Pohl als „Chefredakteurin der Gala“ bezeichnete, nachdem die Stefanie zu Guttenberg selig gesprochen hatte. (Weil sie eine Frau ist.) Die größte Überraschung ist aber: Nächste Woche soll die Sendung noch mal kommen. Wenn bis dahin in der Welt genug passiert ist.

Bild zu: Die Woche im Fernsehen: Rechts von dir! Fettnäpfchen-Volltreffer!Der Anspruch des Mainzers Senders in allen Ehren, aber: Konnten sich die Verantwortlichen nicht entscheiden, ob sie eine wachrüttelnde Gesellschaftsprognose oder einen pseudodramatischen Liebesthriller mit in die Berliner Skyline montierten Hochhäusern senden wollten? Beides auf einmal ist in der Zukunftsvision „2030 – Aufstand der Jungen“ nämlich schief gegangen (ganzer Film in der ZDF-Mediathek).

Produzentin Regina Ziegler (die im „Tagesspiegel“ ganz hübsch auf eine Kritik des „Tagesspiegel“ antwortete) hat ziemlich viele Schreckensideen in ihren Film gepackt: massive Einschnitte ins Sozialsystem, die Auflösung des Generationenvertrags, den Abstieg der Mittelschicht, nationale Datenregister, eine fatale Krankenkassenreform im Jahr 2017.

Getragen werden sollte das von einer als TV-Doku getarnten Schicksalsgeschichte, bei der ständig alle Beteiligten übertrieben konspirativ in die Kamera guckten und hölzerne Dialoge aufsagten. Das war albern, teilweise leider auch peinlich.

Aber wer immer die Idee hatte, den Berliner Bezirk Schöneberg zur Chaoten-Oase „Höllenberg“ umzudichten, in der mittellose Mittelständler ZDF-Kamerateams mit Obst bewerfen: Er möge sich schleunigst bei Sat.1 melden. Die können da ein paar gute Gagschreiber gebrauchen.

Bild zu: Die Woche im Fernsehen: Rechts von dir! Fettnäpfchen-Volltreffer!Fünf Minuten vor dem Abspann ist den Zuständigen beim WDR derweil aufgefallen, dass es sich bei einem Stück mit dem Titel „Der Tchibo-Check“ nicht ganz so gut macht, völlig unkritisch zu berichten. Also hat die Redaktion die aus Guatemala mitgebrachten Bilder ausgepackt, wo acht- bis elfjährige Kinder auf Plantagen arbeiten, deren Bohnenernte nachher an Tchibo geht. Als die Fernsehleute den Chefeinkäufer damit konfrontieren, ist der erstmal baff und muss nachher zugeben: Die ach so strengen Tchibo-Richtlinien, die das eigentlich verbieten, können manchmal nicht eingehalten werden. Dass die Zuschauer bis zu diesem Punkt einen 40-minütigen Werbefilm ertragen müssen, schmälert die Freude über die investigative Recherche leider sehr.

„Markencheck“ nennt der WDR sein neues Format, und im Falle des Hamburger Kaffeerösters und Allzweckkaufladens wird es dem Pressechef ein großes Vergnügen gewesen sein, unwidersprochen sein PR-Sprech abzusondern und das Kamerateam durch die Sportstätten und über die Sonnenterrasse für Mitarbeiter in der Hamburger Zentrale führen zu können.

„Gute Arbeitsbedingungen sind Tchibo offenbar wichtig“, heißt es dazu aus dem Off, bevor der WDR aufzählt, wie gut es den Mitarbeitern geht: der Betriebsrat ist „gern gesehen“, der Konzern „fördert Teilzeitjobs und Kinderbetreuung“.

Vorher haben die Fernsehleute schon die Qualität der wöchentlich wechselnden Tchibo-Produkte im Labor testen lassen – und siehe da: keine Schadstoffe! Wie die Leiterin des Tchibo-„Quality Services“ es gesagt hat! In einer Straßenumfrage vor einem Tchibo-Laden kam heraus: „Die Menschen sind beim Bummeln reingegangen, haben sich umgeschaut und dann zugegriffen.“ Ja, krass.

Am Ende wird schon klar, dass der Film von den Autoren nicht als PR-Beitrag angelegt war (zumal vor einem halben Jahr im Ersten bereits ihre Reportage „Kinderschinder – Der Preis für eine Tasse Kaffee“ lief). Dass der „Der große Tchibo-Check“ trotzdem erstmal so aussieht, ist ärgerlich (komplette Sendung mit Textdokumentation bei wdr.de). Für die Zuschauer und die Macher gleichermaßen.

Die neue Vox-Dienstagabend-Dokusoap „Unser erstes Restaurant“, bei der man Leuten zusehen kann, wie sie sich als angehende Gastronomen in ihr Elend hineinpachten und -renovieren, ist hingegen vor allem – träge (Folge 1 bei voxnow.de). Da hilft’s auch nicht, wenn der Off-Sprecher alle zwei Minuten die drohende Katastrophe heraufbeschwört, um Spannung zu suggerieren. „Das kostet mindestens das Doppelte als wie überhaupt eingeplant“, sagt ein Renovierer, der sich blind einen baufälligen Landgasthof gemietet hat und überrascht feststellt, dass der komplett marode ist.

Und der Sprecher mahnt mit tiefer Stimme: „Wenn das Doppelte überhaupt reicht!“ Falls demnächst ein Produzent für den Weltuntergang gebraucht wird: In Köln wären sicherlich noch Kapazitäten frei.

Bild zu: Die Woche im Fernsehen: Rechts von dir! Fettnäpfchen-Volltreffer!Vielleicht macht der Sender aber auch einfach mal eine dieser Renovierungsshows, die vor einiger Zeit so modern waren. Ach nee, da hat der SWR hat schon zugeschlagen. Mit dem üblichen Abstand, den öffentlich-rechtliche Sender so brauchen, um das zu kopieren, was bei den Privaten läuft: sechs bis acht Jahre. „Aufgemöbelt“ heißt die Sendung, in der ein Dreierteam muffelige Zimmer zum Schnäppchenpreis von 500 Euro umdekoriert (Auftaktfolge in der SWR-Mediathek).

Angeführt wird das Kommando von Marijke Amado, deren Stimme einem nach all den Jahren immer noch merkwürdig vertraut ist, auch wenn Sie heute niemanden mehr durch die „Zaubertür“ hereinruft. Stattdessen steht Amado anfangs im völlig holzüberfrachteten Raum des Sohns der Familie, der sie aushelfen soll, sieht auf den schrecklichen Teppich und formuliert mit verständnisvollem Grauen: „Wie kommt man nur auf so einen Teppich?“ Worauf der Sohn leicht empört antwortet: „Ich lieb den! Der muss drinbleiben!“ Fettnäpfchen-Volltreffer, sozusagen.

Natürlich gelingt es Amados Team trotzdem, die Stube vom 80er-Jahre-Mief zu befreien und alles „lecker knüffelig-knuddelig“ herzurichten – aber wer befreit den SWR von der Einbildung, Trends hinterher produzieren zu müssen, die längst vorbei sind?

Kabel 1 eher nicht. Oder mal andersherum gefragt: Haben Sie schon Ihren nächsten Urlaub geplant? Nicht? Dann werden Sie doch kurzfristig prominent (ein Auftritt im Nachmittagsprogramm dürfte reichen) und lassen sich nachher aufs „Fort Boyard“ schicken, wo Sie Fassadenklettern, Trapezschwingen und Skorpionegrabschen dürfen, um am Ende Kohle aus einer von Tigern bewachten Schatzkammer zu sammeln und für einen guten Zweck zu spenden.

Bild zu: Die Woche im Fernsehen: Rechts von dir! Fettnäpfchen-Volltreffer!Klingt wie Fernsehen aus den 90er Jahren? Ist es ja auch (ganze Folge bei kabeleins.de). Und trotzdem erfolgreich. Das liegt womöglich auch an der schönen Kulisse vor der französischen Atlantikküste, die für triste Studiosets gewöhnte Kabel-1-Zuschauer eine Offenbarung sein muss.

Das Gute an so einem Einsatz auf dem Abenteuer-Spielplatz ist (außer der frischen Luft), dass man sich als Teilnehmer (im Bild: „No Angels“-Lucy) nur ganz wenige Sätze merken muss, die man seinen Spielkollegen zurufen kann, sobald die sich zum Erwerb der benötigten Schließwerkzeuge in Bewegung gesetzt haben: „Denk an die Zeit!“ / „Den Boden nicht berühren!“ / „Bleib ganz ruhig!“ / „Rechts von dir!“ / „Schau in die Kiste!“ / „Verlier den Schlüssel nicht!“

Also ein bisschen wie nach einer durchzechten Nacht morgens beim Aufstehen.

Soviel für diese Woche.

Screenshots: n-tv, ZDF, WDR, SWR, Kabel 1

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8 Lesermeinungen

  1. Was? Heiner Bremer lebt...
    Was? Heiner Bremer lebt noch?
    Ich dachte, das mit dem RTL-Nachjournal sei so ein Amt auf Lebenszeit wie beim Papst und man arbeite bei RTL bereits an der Heiligsprechung Bremers.
    Sachen gibt’s.

  2. Volle Zustimmung zu "Mein...
    Volle Zustimmung zu „Mein erstes Restaurant“. Die Trägheit kommt vor allem durch die ständigen Wiederholungen der Fakten. Die drei (oder waren es vier?) Fälle, werden immer abwechselnd jeweils ein paar Minuten lang beleuchtet, bevor es wieder zum nächsten Fall geht. Und das nimmt VOX zum Anlass bei jedem weiteren Teil eines Falles das bereits Erzählte in aller Ausführlichkeit zusammen fassend zu wiederholen. Zusammen mit den kurzen Teasern vor jedem Werbeblock sieht man manche Szenen der Doku gefühlte 5 Mal innerhalb einer Folge.
    Dazu kommt natürlich, dass in der ersten Folge so gut wie gar nichts Erzählenswertes vor der Kamera passiert ist. 😉

  3. Das Hauptptoblem wieso "Mein...
    Das Hauptptoblem wieso „Mein neues Restaurant“ eher langweilig war ist imo das die vorgestellten Fälle einfach zu ähnlich. 3 mal totale Amateure die alle zu wenig Geld haben, alle keinen Plan haben von dem was sie grade tun, alle kein Geschäftskonzept haben und alle grad renovieren.

  4. Auch mal was Positives:...
    Auch mal was Positives:
    Gestern zum ersten Mal den köstlichen Vincent Klink (Freund vom Wichlaff Droste) im suedwestdeutschen Regional-TV gesehen (das mir als Berliner bisher unbekannt war; sah’s im Internet. Vincent natürlich nicht. „Unbekannt“ mein ich). Das ist zwar auch „nur“ eine Kochsendung, füllt aber eine tolle halbe Stunde. Sogar die „Assistentin“ war gar nicht so schlecht; der Vincent wusste sie zu beschäftigen.

  5. Ich bin auch zufällig über...
    Ich bin auch zufällig über den Tchibo-Beitrag gestolpert und habe mich dann auch erst mal gewundert, dass da so unverfrohren Werbefernsehen (ohne Kennzeichnung!!) läuft. Noch mehr gewundert habe ich mich dann, als ich realisiert habe dass es der WDR und nicht etwas ein privater Sender ist, der den Beitrag ausstrahlt. Die Negativpunkte zum Ende hin kamen für mich eher alibimäßig rüber. Sehr seltsamer Ansatz …

  6. Ach Gott, Marijke Amado gibt...
    Ach Gott, Marijke Amado gibt es auch noch? Seit dem Ende der Mini-Playback-Show hat man sie doch auch nicht mehr im Fernsehen gesehen. Diese völlig „abgedroschenen“ Sendungen aus vergangenen Tagen wieder aufleben zu lassen, ist wirklich langweilig, zumal man ihr auch nicht abnimmt, in irgendeiner Form das entsprechende Fachwissen zu besitzen, um eine solche Show zu moderieren….wie öde

  7. <p>Diese ganzen "wir suchen...
    Diese ganzen „wir suchen den Superstar“-Sendungen gehen mir wirklich auf dem Wecker, keine Ahnung wer das noch sehen will. Ich finde die Formate über Auswanderer nicht schlecht. Mittlerweile gibt es dazu ja auch Sendungen bei den öffentlich Rechtlichen, die ein bisschen Niveau haben. Das ist ganz unterhaltsam zu sehen, wie sich Leute anderswo durchschlagen und schöne Bilder von der Landschaft gibt es meist auch

  8. Ich stimme dem Matthias zu und...
    Ich stimme dem Matthias zu und lasse mich für meine Seite bei der Suche nach schönen Reisezielen inspirieren. Danke!

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