Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Die Woche im Fernsehen: Ulrich Meyer ist nicht durchweg 37 Grad warm

| 6 Lesermeinungen

Im Ersten testet Kim Fisher Hochzeitspaare, die schon bei der kleinsten Anstrengung zu hyperventilieren beginnen; ein Promi-Bäcker aus Hannover lässt sich im NDR von Johann Lafer dessen Kochstudio zeigen; Ulrich Meyer hat weiße Handschuhe an; und "DSDS" wird endgültig zur Farce. Was diese Woche im Fernsehen los war.

Die Sendungen
  • Das Hochzeitsschiff
    Das Erste
  • Der Bäcker NDR
  • Ermittlungs-Akte Sat.1
  • Deutschland sucht den Superstar RTL

Diesen Menschen ist Schlimmes widerfahren: Irene und Tamer aus Göttingen, Anne und Enrico aus Magdeburg, Michaela und Marian aus Wedel, Maria und Stephan aus Heidenrod. Den vier Pärchen hat nicht nur jemand erzählt, dass es eine gute Idee sei, im Fernsehen zu heiraten. Sie haben sich auch noch dazu überreden lassen, dafür auf der ARD-Glücksgaleere anzuheuern: dem „Hochzeitsschiff“.

So heißt die neue Spielshow des Hessischen Rundfunks im Ersten – oder besser: so hieß sie. Denn mit diesen Quoten ist eine Fortsetzung eher unwahrscheinlich.

Für Sprecher Daniel Werner, der sonst höchst amüsant z.B. durch’s „Perfekte Promi-Dinner“ bei Vox führt, ist es vermutlich kein großer Verlust, wenn er künftig darauf verzichten muss, im öffentlich-rechtlichen Auftrag Reiseprospekttexte zu vertonen – all die „malerischen Inseldörfer mit einsamem Strand“, die „aufregenden Schmelztiegel der Kulturen“ und die „Festivals der Sinne“.

Bild zu: Die Woche im Fernsehen: Ulrich Meyer ist nicht durchweg 37 Grad warmAber es geht ja um die Kandidaten, die in der Show darum kämpften, wer sich zum Schluss an Deck vor einem traurig dekorierten Stehtisch von einem Kapitän mit dem Charisma einer Nussecke verheiraten lassen darf. Da lagen natürlich bei allen sämtliche Nerven komplett blank: Sie erlebe „Gefühle, die hab ich seit Jahren nicht mehr gefühlt“, gestand eine Teilnehmerin nachdem sie mit ihrem Partner einen Tintenfisch zubereiten musste. Als die Frauen die Männer in Rom nur mit Straßenkarte und Handy von einem Ort zum nächsten lotsen sollten, ängstigte sich eine andere: „Es ist schon beklemmend, dass ich in einem fremden Land getrennt von meinem Schatz bin.“ Und die Siegerin brach nach erfolgreich vorgeführtem Hochzeitswalzer weinend zusammen. Vor Glück, versteht sich.

Es sind aber auch heikle Situationen, in die der HR seine Kandidaten da gebracht hat – mit Spielen, die sich die Mitarbeiter der Produktionsfirma höchstwahrscheinlich im Vollsuff auf der Weihnachtsfeier ausgedacht haben. (Kandidaten mit verbundenen Augen in Riesenkakteen nach versteckten Ringen suchen lassen.)

Und während des einwöchigen Drehs gab es nur wenige freie Tage, in denen die Kandidaten auch noch die Cocktailauswahl an Bord, die Sauna, den Whirlpool, das Schwimmbad und das leckere Essen in den Luxusrestaurants vorführen mussten. Das ist doch Folter! Vor allem, wenn Reiseleiterin Kim Fisher mit Klemmbrettchen daneben steht und Sätze sagt wie: „Der Druck ist groß“ / „Ist das aufregend jetzt“ / „Bei allen liegen sämtliche Nerven komplett blank“.

Nee, jetzt mal im Ernst: „Das Hochzeitsschiff“ war Fernsehen für besonders Begriffsstutzige, eine Kreuzfahrt-Dauerwerbesendung, die ihr Publikum permanent unterforderte und dauernd „Höhepunkte“ aus völlig höhepunktneutralisierten Spielen zeigte.

Die Show war so langweilig, dass die Zuschauer auf dem Kreuzfahrtschiff zwischendrin sogar ihre Uhren gestellt haben – ohne überhaupt die ganze Sendung erleiden zu müssen.

Bild zu: Die Woche im Fernsehen: Ulrich Meyer ist nicht durchweg 37 Grad warm„Das ist doch scheiße“, würde Jochen Gaues dazu sagen. Gaues ist supererfolgreicher Bäcker aus Hannover und sagt das quasi in einer Tour, dazu trägt er abwechselnd zwei schwarze T-Shirts mit der Aufschrift „Der Bäcker vom Bundespräsidenten kommt aus Hannover und heißt Jochen“ und „Öfter mal die Fresse halten“. Letzteres gilt offensichtlich nicht für den T-Shirt-Besitzer selbst, was dem NDR bei der Produktion seiner neuen Dokusoap „Der Bäcker“ immerhin einen halben Off-Sprecher eingespart hat. (Oder wie man in Fachkreisen sagt: einen halben Werner.)

Zum Auftakt ließ sich Gaues nicht nur dabei filmen, wie er in seiner Backstube ausführlich erläutert, warum sein Brot und er so toll sind, während die anderen rundherum die ganze Arbeit machen. Nein, er hat sich auch beim Besuch seiner Kunden begleiten lassen, den vielen Promis, die aufs Brot auf Hannover schwören – wie, Sie ahnen’s, der Bundespräsident. Und Johann Lafer, gegen den Gaues wie der zurechnungsfähigste Mensch der Welt wirkt, wenn der Fernsehkoch ihm mit beängstigender Begeisterung die Technikspielereien in seinem automatisch steuerbaren Kochstudio und die Galerie mit den golden eingerahmten Promis präsentiert, die gerade Johann Lafer treffen.

„Diese Sendung ist für Zuschauer mit sensiblem Sprachempfinden nicht geeignet“, müsste vorher eigentlich eingeblendet werden, weil Gaues so viel flucht: aufs „Scheißmehl“, aufs „Scheißbrot“, überhaupt auf alles, was wieder nicht geklappt hat, während er mal einen Tag nicht da war.

Und wenn man mal für einen Moment beiseitelässt, dass das alles genauso gut am Montagabend bei RTL 2 laufen könnte, ist das unterhaltsamer als gedacht (Folge 1 bei ndr.de ansehen).

Bild zu: Die Woche im Fernsehen: Ulrich Meyer ist nicht durchweg 37 Grad warmÄhnlich übrigens wie Ulrich Meyers „Ermittlungs-Akte“, für die er wohl keinen Kreativitätspreis gewinnen wird, weil die Nacherzählung realer Verbrechen und deren Aufklärung nun wirklich niemandem eine besondere Schöpfungskraft abverlangt haben wird. Wenn Ermittlungsmethoden der Polizei erklärt werden, ist der „Akte“-Klon zwar durchaus interessant. Aber alle Szenen, in denen Meyer mit seinen Pseudoexperten im Studio zusammensteht, wirken unfreiwillig komisch.

Meyer sieht aus wie seine eigene Parodie, wenn er weißbehandschuht in einem Labor-Set mit einer vermeintlichen „Rechtsmedizinerin“ spricht, die eine Biggi-Lechtermann-Gedächtnisfrisur trägt und Sätze sagt wie: „Wärmebildkameras reagieren – wie der Name schon sagt – auf Wärme.“ Als sich der Chef anschließend von ihr die „Körperkerntemperatur“ messen lässt, weiß er hochjournalistisch nachzuhaken: „Ich bin ja nicht durchweg 37 Grad warm, da gibt es durchaus Abweichungen.“

Dass es einen dabei vor Lachen schüttelt, ist vor allem dann lästig, wenn man keine Szene verpassen will, in der die Kamera wieder dramatisch um irgendwelche Gegenstände im Vordergrund herumfährt, die den Präsentator kurzzeitig verdecken.

Bild zu: Die Woche im Fernsehen: Ulrich Meyer ist nicht durchweg 37 Grad warm
Screenshots: Sat.1

Das Beste kommt natürlich zum Schluss: „Jackpot oder Kackpott.“ Sagt Dieter Bohlen. Exakt: Bei „Deutschland sucht den Superstar“ hat der Recall begonnen (Video bei rtlnow.de). Und abgesehen davon, dass dieser Friedhof der Castingschnipsel inzwischen so maßlos überemotionalisiert und katastrophal künstlich zusammengeschraubt ist, abgesehen auch vom ständigen Rückblickgewitter und Marco Schreyls dröhnenden Ankündigungen, hat sich am Anfang der Samstagssendung herausgestellt, dass die ganze bisherige Show überflüssig war.

Oder ist’s naiv gewesen, einfach so anzunehmen, dass die Kandidaten, die im Casting einen Zettel für den Recall bekamen, auch im Recall singen durften? Wahrscheinlich. 135 Bewerber hat Bohlens Jury in der aktuellen Staffel weitergelassen. Nur 60 davon durften im Recall tatsächlich nochmal ernsthaft antreten. (Oder wie Bohlen gesagt hat: „die Hälfte“.)

Die übrigen hat RTL trotzdem anreisen lassen, um ihnen davon zu erzählen. Das gibt im Fernsehen einfach schönere Bilder.

Soviel für diese Woche.

Screenshots: Das Erste, NDR, Sat.1, RTL

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6 Lesermeinungen

  1. War das nicht auch beim...
    War das nicht auch beim Supertalent schon so. Da hatten sie doch Unmengen von Teilnehmern erzählt, dass sie weiter sind und in den „Halbfinales“ sah man dann bestenfalls ein Viertel der weiter gekommenen Künstler.
    Irgendwo unterwegs sind die hängen geblieben ohne das RTL das so richtig erklärt hat, wieso manche ja und manche nicht.
    Warum sollte das nun bei DSDS anders sein. Die Zuschauer wollen verarscht werden, also werden sie verarscht – und das wird ja auch honoriert. Die Quoten sind exorbitant.

  2. Der offizielle Kalauer zum...
    Der offizielle Kalauer zum Titel dieses Artikels:
    „Ich dachte, der wäre wärmer.“

  3. Die Ermittlungs-Akte erinnert...
    Die Ermittlungs-Akte erinnert mich frappierend an Galileo Mystery.
    Also eine weitere Sendung, die mich nicht interessiert.
    Und DSDS? War ja nicht anders zu erwarten.

  4. Vielleicht versucht Sat1, auf...
    Vielleicht versucht Sat1, auf 3D umzustellen und wollte schon einmal testen, wie man am besten eine Studioszene aufnimmt 🙂

  5. Also "Der Bäcker" ist ja der...
    Also „Der Bäcker“ ist ja der Hammer, klasse Tip was der da alles erzählt und flucht halt in einer tour 😀

  6. Lieber Herr Schader und lieber...
    Lieber Herr Schader und lieber Herr Niggemeyer!
    Ich vermisse Sie.
    Kam denn in den letzten 5 Wochen nichts im Fernsehen? Sind Sie erblindet oder sind Ihnen die Finger zusammengewachsen?
    Bitte kommen Sie zurück! wenn schon DSDS Pause macht, brauche ich wenigstens Ihr Blog.

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