Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Der NDR als Taufkumpan: Und wieder eine Werbearie für AIDA

| 35 Lesermeinungen

Die Rostocker Reederei hat am vergangenen Wochenende in Kiel mit dem üblichen Tamtam ein neues Kreuzfahrtschiff taufen lassen. Für das NDR-Fernsehen, den inoffiziellen Haussender der Flotte, ist das natürlich Anlass zu ausgiebigem Programmgejubel.

Es sind wieder AIDA-Festwochen im NDR-Fernsehen. 

Die Rostocker Reederei hat am vergangenen Wochenende in Kiel mit dem üblichen Tamtam ein neues Kreuzfahrtschiff taufen lassen, und für den Haus- und Werbesender der Flotte ist das natürlich Pflicht zu flächendeckender Berichterstattung.

Der NDR-Fernseh-Chefredakteur Andreas Cichowicz hatte zwar im vergangenen Jahr gegenüber diesem Blog gesagt: „Wir zeigen nicht jedes neue Schiff“. Aber entweder meinte er das nicht so. Oder zu den „besonderen Kriterien“, die nach seinen Worten erfüllt sein müssen, damit der NDR berichtet („wenn es etwa das größte ist, das bisher gebaut wurde, wenn es um eine völlig neue Präsentation geht oder es für ein bestimmtes Klientel gemacht ist“) gehört auch der Superlativ, den die neue AIDAsol erfüllt: Sie hat angeblich den größten Wellnessbereich aller Kreuzfahrtschiffe an Bord. Sagt die AIDA. Und der NDR.  

Dass das achte AIDA-Schiff, das im übrigen baugleich mit dem siebten ist, in Kiel getauft wurde, war ganz praktisch für den Vier-Länder-Sender NDR. Das Landesfunkhaus Niedersachsen kann immer schon die Ems-Überführungen der Schiffe von der Meyer-Werft in Papenburg begleiten, die Kollegen aus Mecklenburg-Vorpommern sind schon wegen des Sitzes der Reederei in Rostock zuständig, und die Hamburger NDR-Leute durften im vergangenen Jahr groß über die Taufe der AIDAblu berichten. Das Landesfunkhaus Schleswig-Holstein hatte, so gesehen, deutlichen Nachholbedarf in Sachen öffentlicher AIDA-Begeisterung.

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Alle Screenshots: NDR

Entsprechend früh begann es seine Aufholjagd. Schon am 3. April, fast eine Woche vor der Taufe, berichtete das „Schleswig-Holstein Magazin“ darüber, dass sich „die nagelneue AIDAsol“ bereits mit den ersten Passagieren gefüllt habe, die in Betten schliefen, in denen noch nie zuvor ein Mensch geschlafen habe. 

Am nächsten Tag besuchte das Magazin „Schleswig-Holstein 18:00 Uhr“ das Schiff und ließ sich mal ausführlich erklären, wie toll das Ding ist. Die Reporter begleiteten den Club-Direktor bei seiner Arbeit, fragten den Kapitän, ob eigentlich oft Kinder auf die Brücke wollen, und interviewten den Mann, der im bordeigenen Brauhaus Bier herstellen darf. Und der Moderator sagte, nachdem er eine Gesprächspartnerin als „Spa-Supervisor“ vorstellte: „Aber gespart wurde auf dem Schiff auch nicht im Wellness-Bereich.“

Am Tag der Taufe schaltete das „Schleswig-Holstein Magazin“ dann live zu einer Reporterin vor Ort, zeigte Aufnahmen von den Proben und sprach mit Besuchern, die Sätze sagten wie: „Das Wetter ist einmalig. Direkt für die AIDA bestimmt.“ Eine Frau war eigens 500 Kilometer vom Niederrhein angereist. Die Taufpatin hat sich in Hamburg ein tolles Abendkleid gekauft für den Anlass. Und Stargast Kim Wilde sagt, sie sei noch nie auf einem Kreuzfahrtschiff mitgefahren, sie habe ein bisschen Angst, aber bei diesem Exemplar hier könne sie glatt in Versuchung kommen, „denn es sieht wunderschön aus“.

Am Tag danach informierte das NDR-Mischmagazin „DAS!“ dann die überregionale Öffentlichkeit über den Rekord mit dem größten Wellnessbereich. Der Filmbericht begann mit Aufnahmen, wie jemand das Schiff fotografiert, und dem Satz: „So einen properen Täufling fotografiert man doch gern.“ Im Anschluss schwelgte aber natürlich auch das „Schleswig-Holstein Magazin“ noch einmal ausführlich von der Show, die nach Veranstalter- und NDR-Angaben 50.000 Besucher anlockte.  

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Chefredakteur Cichowicz hatte vergangenes Jahr noch gesagt, er sei sich des Problems bewusst, dass durch die Berichte, die der Sender mit jedem neuen Schiff vom Stapel lässt, „werbliche Effekte“ entstehen können. Er hätte sich aber mit mit den verantwortlichen Kameraleuten und Regisseuren abgesprochen „und festgelegt, wie man Einstellungen so aufnimmt, dass werbliche Effekte möglichst vermieden werden. Seitdem achten wir in dem Bereich, den ich für die Programmdirektion Fernsehen verantworte, darauf besonders.“ 

Die Tauffeierlichkeiten wurden praktischerweise vom Landesfunkhaus Schleswig-Holstein verantwortet. 

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Ob bereits ein NDR-Kamerateam an Bord ist für die obligatorische dreiviertelstündige Werbereportage, ist dem Fernsehblog nicht bekannt.


35 Lesermeinungen

  1. Der NDR macht sogar 4 1/2...
    Der NDR macht sogar 4 1/2 Stunden Dauerwerbung für die M/S Astor: 6 Folgen lang das tolle Leben an Bord: https://www.ndr.de/fernsehen/epg/epg1157_sid-917982.html

  2. SvenR sagt:

    »Cui bono?« würde der...
    »Cui bono?« würde der Lateiner fragen. Ja, wem nutzt es bloß?

  3. Hannes M. sagt:

    Für mich ist der Bau eines...
    Für mich ist der Bau eines neuen, großen Kreuzfahrtschiffs – und insbesondere die Fertigstellung – in einer heimischen Werft eine durchaus sendenwerte Nachricht.
    Wenn für einen hohen dreistelligen Millionenbetrag eine neue Chipfabrik bei Frankfurt gebaut werden würde, würde dies völlig zurecht nicht nur in der lokalen Presse, sondern überregional Beachtung finden und auch mit Hintergrundberichterstattung bedacht werden.
    Der NDR bedient auch die immer noch vorhandene norddeutsche Identifikation und Faszination für Maritimes und für die lokale Bevölkerung ist das auch durchaus ein Ereignis. Man kann zwar über Umfang und Stil streiten, aber sorry: ich halte die Kritik für überzogen und den Vorwurf der „Werbung für die Kreuzfahrtindustrie“ für völlig daneben.

  4. Jörn sagt:

    "Seit Christian Wulff mit der...
    „Seit Christian Wulff mit der Aufkündigung des Staatsvertrages kündigte“
    muss natürlich „Seit Christian Wulff mit der Aufkündigung des Staatsvertrages drohte“ heißen

  5. Und wann folgt hier die feste...
    Und wann folgt hier die feste Rubrik, der eigene, regelmäßige Überwachungs-Blog zu den „AIDA-Werbearien“?

  6. lupe sagt:

    @ Hannes M.
    "ich halte die...

    @ Hannes M.
    „ich halte die Kritik für überzogen und den Vorwurf der „Werbung für die Kreuzfahrtindustrie“ für völlig daneben.“
    Es ist keineswegs so, dass auf die AIDA-Schiffe nur Loblieder gesungen werden. In der sog. Weblounge des Unternehmens, Reiseberichte, finden Sie kritische Wortmeldungen Reisender, die Anknüpfungspunkte für eine journalistische Berichterstattung böten – nur eben nicht in den Medien im Norden. Auch die Ostsee-Zeitung huldigt dem Unternehmen Aida cruises häufig, ausdauernd und ausschließlich mit Schönschriften, die Werbeartikeln sehr nahe kommen. Das hat mit Journalismus nichts zu tun.

  7. sven sagt:

    Man muss auch mal festhalten,...
    Man muss auch mal festhalten, dass die schleswig-holsteine Presse geschlossen über die Taufe berichtete und ein 50.000-Mann-Event auch für eine gewisse Relevanz spricht.
    Das mag den meisten hier nicht verständlich sein (mir auch nicht), aber es gibt offenbar eine Faszination für diese Schiffe – und wenn sich jährlich 50.000 Mann treffen, um laute Musik zu hören, gibt es eine noch deutlich höhere Medienaufmerksamkeit, ohne dass sich jemand aufregt, selbst wenn die Berichte jedes Jahr dieselben sind und im Rahmenprogramm immer dieselben Dokus gesendet werden.

  8. Captain Iglo sagt:

    Kann ich ganz gut...
    Kann ich ganz gut nachvollziehen, dass man darüber berichtet. Persönlich interessiert es mich nicht die Bohne, aber wenn man Nachrichtenkriterien (aus dem Kopf, kein Anspruch auf Vollständigkeit) anlegt, passiert folgendes:
    Ist es ein aktuelles Ereignis? – Check.
    Ist es ein lokales Ereignis? – Check.
    Ist Prominenz involviert? – Na ja. Kim Wilde war da.
    Ist es kurios? – Nö.
    Ist es eine Human Interest Story? – Nö.
    Ist es tragisch, hat Leid und Elend zur Folge? Naja. Die Berichterstattung vielleicht, aber das Ereignis nicht.
    Hat es Auswirkungen im Leben der Zuschauer? – Check (Wirtschaftsfaktor für die Region. Angeblich 50.000 Menschen haben zugeschaut)
    Um eine Meldung zu sein, bedarf es mindestens zwei der Kriterien zu erfüllen. Das ist wohl grade so gegeben. Bleibt natürlich die Frage in welchem Umfang man darüber berichten muss. Eine Nachrichtenmeldung und zwei, drei Magazinbeiträge sind da IMHO auch nicht übertrieben. Das würde ich als CvD auch einfordern, wenn die Kollegen schon vor Ort sind. Also rein vom journalistischen her kann man dem NDR da keinen Strick draus drehen. Und auch wenn mich ein Beitrag über die AIDA zu Tode langweilt, die Zielgruppe der ÖRs sind immer noch die etwas älteren Damen und Herren, und die schauen auch Musikantenstadl und das versteh ich auch nicht. Der Wurm muss dem Fisch schmecken und nicht dem Angler.
    Die entscheidende Frage ist, ob es Absprachen zwischen dem NDR und AIDA Cruises gibt. Und wenn ja, dann gibt’s da auch Papier auf dem sowas draufsteht. Also müsste mal ein Investigativreporter tätig werden und das Papier finden. Oder ein NDR-Mitarbeiter schmeisst das Ding freundlicherweise in die dropbox von wikileaks. Und wer meint so ein Papier existiere nicht, weil es zu heikel wäre so etwas schriftlich zu fixieren: ich habe solche Verträge in der Hand gehalten. Und sie auch gelesen. Es gibt sie. Die Buchhaltung schert sich nämlich einen feuchten Kehricht um den Rundfunkstaatsvertrag.
    Eine letzt Anmerkung zu AIDA: ich habe die Berichte zwar nicht gesehen, aber was ich hier in diesem Artikel lesen konnte, hat mich überzeugt. Scheiss auf den Wellnessbereich. Die haben eine BRAUEREI an Bord!? Ich habe ein neues zuhause gefunden. Ahoi!

  9. @sven: Natürlich darf und...
    @sven: Natürlich darf und soll der NDR darüber berichten. Die Frage ist: In welcher Form und in welchem Umfang? (Und die andere Frage ist: War all das, was Herr Cichowicz uns erzählt hat, gelogen?)

  10. Tim Wählen sagt:

    Die Frage ist nicht, ob diese...
    Die Frage ist nicht, ob diese Berichterstattung eine Berechtigung erhält, beispielsweise durch journalistische Kriterien oder Relevanz, sondern wie diese umgesetzt wird.
    Beschönigende, überzogen euphemistische und (nahezu) kritiklose Darstellung eines Schiffes und dessen Taufe lassen den Eindruck von schleichender Werbeabsicht aufkommen. Es wird ja nicht um den maritimen Kulturanspruch oder die 50.000 Leute berichtet, sondern über eine Werft, ihr Produkt und dessen Vermarktung.
    Wenn in NRW zigtausende Studenten vor dem Landtag für bessere Bildungschancen demonstrieren, sendet der Lokalsender WDR nicht oder durchweg überkritisch, bei einem solchen Schiff, welches gar noch baugleich mit dem Vorgänger ist, mutet die vermeintliche Berichterstattung wie ein langer Werbeclip an.

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