Das Fernsehblog

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Von wegen sterbendes Medium: 225 Minuten sieht jeder von uns im Schnitt täglich fern. In diesem Blog stehen die Gründe dafür. Und die dagegen.

Der NDR als Taufkumpan: Wir zeigen doch nicht nicht jedes neue Schiff

| 11 Lesermeinungen

Der Norddeutsche Rundfunk möchte seine ausführliche, schwärmerische Berichterstattung über ein neues Schiff des von ihm seit Jahren werblich-wohlwollend begleiteten Kreuzfahrtunternehmens "AIDA Cruises" nicht als ausführliche, schwärmerische Berichterstattung verstanden wissen.

Der Norddeutsche Rundfunk hat seine ausführliche, schwärmerische Berichterstattung über ein neues Schiff des von ihm seit Jahren werblich-wohlwollend begleiteten Kreuzfahrtunternehmens „AIDA Cruises“ verteidigt. In einem Kommentar in diesem Blog weisen Fernseh-Chefredakteur Andreas Cichowicz und Norbert Lorentzen, Fernsehchef im Landesfunkhaus Kiel, den Vorwurf der Schleichwerbung sowie nicht näher genannte „weitere Unterstellungen“ zurück. Sie schreiben:

„Traumschiffe beflügeln die Phantasie – das gilt auch ein bisschen für Ihren blog-Artikel. Die Zitate, die Sie von mir verwenden, bezogen sich auf die Live-Übertragung einer Schiffstaufe bzw. einer halbstündigen Zusammenfassung. Im Fall der AIDAsol hat es weder eine Live-Sendung noch eine längere Programmstrecke im NDR Fernsehen gegeben. Daran, dass ich besonders darauf achte, dass werbliche Effekte möglichst vermieden werden, hat sich nichts geändert. Ebenso wenig geändert hat sich auch an der Tatsache, dass ich ausschließlich die Sendungen der Zentrale in Hamburg verantworte, die Landesmagazine aber in der Verantwortung der jeweiligen Fernsehchefs in den entsprechenden Landesfunkhäusern stehen. Für das Schleswig-Holstein-Magazin ist dies Norbert Lorentzen in Kiel.

Im Norden erfreuen wir uns an Kreuzfahrtschiffen. Sie sind nicht nur schön anzuschauen, sie sind auch ein bedeutender Wirtschaftsfaktor an der Küste, insbesondere für die Landeshauptstadt Kiel. 300.000 Menschen aus aller Welt kommen auf diese Weise in jedem Jahr nach Schleswig-Holstein. Eine Zahl, die sich in den letzten 10 Jahren verdoppelt hat. Mit 14 Mio. € profitiert das Land von dieser Entwicklung. Auch das war Gegenstand und Anlass für unsere Regionalberichterstattung. Wenn mehrere zehntausend Besucher zu einer Schiffstaufe kommen, dafür zum Teil lange Anfahrtswege in Kauf nehmen und vollauf begeistert sind, dann können wir ein solches Ereignis nicht schlichtweg ignorieren. Wir haben deshalb über die Taufe der AIDAsol angemessen, professionell und in großer Unabhängigkeit berichtet – und zwar aus der Perspektive der Besucher, nicht aus der des Veranstalters.  

Wie heißt es dazu in einem der Kommentare Ihres Blogs: ‚Also rein vom Journalistischen her kann man dem NDR da keinen Strick draus drehen.‘

Den Vorwurf der Schleichwerbung, wie er im Blog vereinzelt geäußert wird, und andere Unterstellungen weisen wir mit aller Entschiedenheit zurück. Und im Übrigen ist Ihre Behauptung, dass nicht bekannt ist, ob ein NDR Kamerateam für eine Reportage an Bord ist, falsch. Eine solche Sendung ist nicht geplant. Hätten Sie gründlich recherchiert und uns gefragt, wäre es auch Ihnen bekannt gewesen.

Und im Übrigen: Dass auf der faznet-Seite u.a. auch ein Artikel über Traumyachten, tollen Luxus und die Nobiskrug-Werft in Rendsburg (Schleswig-Holstein), die diesen Luxus produziert, zu finden ist, zeigt, dass wir mit unserer Berichterstattung im NDR fernsehen über maritime Themen nicht völlig falsch liegen …“

In Wahrheit hatte Andreas Cichowicz seine Aussage „Wir zeigen nicht jedes neue Schiff“ im Fernsehblog-Interview keineswegs auf Live-Übertragungen oder Zusammenfassungen von mindestens dreißig Minuten Länge beschränkt. (Die Ausgabe von „Schleswig-Holstein 18:30“, die das NDR-Fernsehen vor eineinhalb Wochen den attraktiven Annehmlichkeiten auf dem neuen AIDA-Kreuzfahrtschiffes widmete, war nur 15 Minuten lang.)

Natürlich darf und soll der NDR über eine Schiffstaufe berichten, zu der mehrere zehntausend Menschen kommen. Warum bereits die Tatsache, dass einige Passagiere in Betten lagen, in denen vorher noch nie jemand gelegen hatte, Tage zuvor einen Nachrichtenwert für die Regionalmagazine des NDR hatte, lassen Cichowicz und Lorentzen hingegen offen. 

Und weil es so schön und phantasiebeflügelnd war, hier noch ein einmal der Blick auf den Versuch des NDR, in nicht weniger als fünf Sendungen über das Schiff und seine Taufe werbliche Effekte zu vermeiden:

Bild zu: Der NDR als Taufkumpan: Wir zeigen doch nicht nicht jedes neue Schiff
Screenshots: NDR


11 Lesermeinungen

  1. Naja, zu den berechtigten...
    Naja, zu den berechtigten Kritikpunkten („Werbeformulierungen direkt übernommen“) muss der NDR vielleicht selbst noch mal Stellung nehmen. Aber ich weiß jedenfalls, dass, auch wenn es an sich legitim sein mag, die Schiffstaufe mit ihren Besuchern in angemessener Knappheit mal zu würdigen, und somit Interessierte über den Event zu informieren –
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    dass ich sehr gerne viel mehr politische Regionalberichterstattung hätte, oder Berichterstattung über kleine skurrile Aktionen von Bürgern, regionale Trends, regionale Kunst und Kultur, oder soziale Themen. und nicht die großen Hyes. Eben um zu wissen, was in meinem Bundesland so los ist. Welche neuen Bands gibts so, welche neue Kunstausstellungen (nicht immer nur die großen), welche Theaterstücke. Was macht die Piratenpartei, wo demonstriert man gerade gegen was, was sind die Hintergründe. Und ich hätte gerne viel mehr Fernsehen als Forum und Bühne für politische Prozesse wie bei der Stuttgart21-Schlichtung. Ich will Dinge erfahren, die ich sonst nicht mitkriege. Relevante Dinge, interessante, neue Dinge. Der NDR tut das manchmal – er könnte aber noch mehr tun. Bis hin zu interaktiven Geschichten, Leserreportern, demokratischer Einflußnahme auf Sendepläne. Klingt utopisch? Andere machen es schon.
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    Solche Mega-Events sind dagegen ja meist von PR-Agenturen orchestriert und inszeniert, und derart gleichgeschaltet in den „schönen Bildern“ (?) zu „schwelgen“ (eine Mitkommentatorin wies im vorherigen Beitrag darauf hin, dass sie schon eine gewisse Werbewirkung bei sich verspürte, die Reisen aber dann doch recht teuer waren), ist mir jedenfalls überhaupt kein Bedürfnis. Mich erinnert das sehr an die Hamburger Kulturpolitik – künstliche hohle Glamour-Events für Touristen, während die echte Kunst darbt.
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    Wenn mich das Schiff aber so sehr interessieren würde, würde ich einfach hinfahren, statt es im TV zu betrachten. Zumal ja offenbar nicht mal viel neues an dem Schiff ist, dass es von den 7 (!!!) vorangegeangenen und bereits gewürdigten unterscheiden würde („größter Wellnessbereich“ – also bitte!).
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    Im Übrigen stellt sich mir sowieso die Frage, ob mit der Berichterstattung nicht erst der Sog der großen Nachfrage erzeugt wird, die der NDR dann angeblich nur bedient. Das Wort „Hype“ fällt mir dazu ein. Knut, der Eisbär. Mit einem Medium wie dem NDR oder der Bild kann man fast alles so aufblasen und hypen, dass sich der Scheinwerfer darauf richtet und die Leute dann herbeiströmen. Wie gesagt, 5 Minuten in den Regionalnachrichten – von mir aus. Wer aber mehr „braucht“, soll hinfahren. Der interessantere Part wäre, was man denn stattdessen senden könnte.

  2. Über grosse Events wie...
    Über grosse Events wie Schiffstaufen mit vielen Zuschauern in angemessenem Rahmen und Umfang zu berichten wäre aus regionaler Interessensicht ein löbliches Ansinnen. Es wird aber nicht über Schiffstaufen (oder Passagen und dergleichen) berichtet, sondern es werden Schiffe inszeniert, insbesondere Schiffe eines einzelnen Unternehmens. Honi soit qui mal y pense.
    Natürlich ist das keine Schleichwerbung. Da schleicht nichts. Das ist Werbung.
    Und natürlich „beflügeln Traumschiffe die Phantasie“, das ist ja schliesslich der Sinn von Werbeaktionen und von Werbebegriffen wie „Traumschiff“, im Interesse des besitzenden Unternehmens. Die wollen schliesslich Geld damit verdienen. Was ihr gutes Recht ist, aber ein öffentlich-rechtlicher Sender ist ja nun nicht gerade dazu da, dieses Ansinnen gezielt zu unterstützen. Ebensowenig gälte das für Traumautos, Traumschokoladen, Traumbadeseifen, etc.

  3. Holla, Stefan Niggemeier; Sie...
    Holla, Stefan Niggemeier; Sie haben mit Ihrer Meinung, den NDR und die AIDA-Traumschiffe betreffend, sicher zumindest nicht unrecht 😉 Doch Schleichwerbung oder Artikel, die vor Lobbyismus triefen, leistet sich auch die FAZ! Ich erinnere da dezent an einen Artikel von Rüdiger Abele über Elektomobilität und die deutsche Automobilindustrie! Herr Abele schrieb damals (über einen Kongress des VDA): ** Es war ein Kongress mit großem Weitblick. Denn nicht wenige Experten wagten sich mit mancher vorsichtigen Aussage nicht nur über ihr – mitunter noch sehr in der ferne liegendes – Pensionsalter hinaus, sondern auch über ihr biologisches Alter. Das unterstreicht den Verantwortungssinn einer großen Branche, die die Welt bewegt. **
    Und er schrieb das über eine Industrie, die den Weg zur Elektromobilität schlicht verschlafen hat! Der Tenor des Artikels lautete natürlich: Elektro taugt (noch) nichts. Erst so in 20-30 Jahren!!!
    Wie viele Annoncen schalten die großen Automobilkonzerne in der FAZ? Denn mit seriösem Journalismus hatten die von Herrn Abele zusammengefassten Buchstaben nichts zu tun! Womit wir wieder beim NDR wären …
    Herzliche Grüße!

  4. "...ob mit der...
    „…ob mit der Berichterstattung nicht erst der Sog der großen Nachfrage erzeugt wird, die der NDR dann angeblich nur bedient.“
    Das ist FEIN beobachtet.
    Und auch dies:
    „Natürlich ist das keine Schleichwerbung. Da schleicht nichts. Das ist Werbung.“
    Noch deutlicher: DAS IST REKLAME !

  5. Wo genau sind denn da nun...
    Wo genau sind denn da nun werbliche Effekte zu sehen? Ja, selbstverständlich, wenn man über die Taufe eines Schiffs berichtet (in welcher Form auch immer), dann ist dieses Schiff auch im Bild zu sehen. Sollte man jetzt alles, was irgendwie nach Schriftzug aussieht, verpixeln? Das ist doch wirklich albern.

  6. Natürlich ist das Werbung...
    Natürlich ist das Werbung direkt. Dafür erwirbt der Schiffsvermarkter ja auch so kostbare und zielgruppengerechte Werbeeinblendungen wie „Dieser Deppenstadl wird ihnen präsentiert von ihrem Traumschiff Aida“ im öffentlich-rechtlichen TV. Es ist also ein faires Geben und Nehmen.
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    Interessant wäre es zu wissen, ob und ggf. welche Mitarbeiter von ARD oder NDR oder der ihnen zuliefernden Produktionsfirmen Kreuzfahrten auf diesen Traumaschiffen machen, um – natürlich mit Familie – die Familienurlaubstauglichkeit dieser schönen Schiffe immer wieder zu erproben und dabei die journalistische Unabhängigkeit stets kräftig hochzuhalten. Das kann sehr anstrengend sein. Davon kann man sich indes am großen Pool erholen. Interessant natürlich auch, wer ggf. welche Kosten für solche Recherchereisen „trüge“ – schönes Wort eigentlich.

  7. @Martin: vielleicht liest Du...
    @Martin: vielleicht liest Du mal die entsprechenden Artikel vom Niggemeier; sie sind alle verlinkt. Zum Beispiel in der ersten und zweiten Zeile hier oben.

  8. @Stricker
    das mag ja richtig...

    @Stricker
    das mag ja richtig sein, man muss nur die Technikseiten der FAZ durchblättern. Nur ist das hier nicht das Thema. Das Problem des NDRs ist nicht nur die massive Berichterstattung, die eben komplett unkritisch daherkommt. Das gilt im übrigen für den kompletten NDR, der mir von allen dritten Programmen am selbstgefälligsten erscheint. Falls Touristen überlegen Schleswig-Holstein zu besuchen, sei der NDR empfohlen, „ihr freundliches Reisemagazin“.

  9. Wenn jetzt der NDR...
    Wenn jetzt der NDR investigativ über die FAZ-Auswüchse in Sachen Werbung recherchieren würde (anstatt nur in den Kommentaren süffisant drauf hinzuweisen), wäre doch irgendwie allen gedient, oder?

  10. @JMK
    Nicht das Thema? Gut, ich...

    @JMK
    Nicht das Thema? Gut, ich hätte meinen Beitrag kürzer fassen und einfach schreiben können: Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen schmeißen 😉 Aber ich wollte es halt auch begründen … Denn dass der NDR einige zweifelhafte Formate hat, ist doch hier Konsens.

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