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Die Woche im Fernsehen – Reality-Spezial: RTL tut dich ja nicht über’n Tisch ziehen

Die Sendungen
  • Panorama – Die Reporter NDR
  • Plötzlich reich Vox
  • Big Brother – Der Start RTL 2

Über das „Lügenfernsehen“ werde „Panorama – die Reporter“ in seiner aktuellen Ausgabe berichten, meldete der NDR am Dienstagnachmittag – und meinte damit natürlich ausschließlich „das Privatfernsehen“, in dem „immer schriller die angebliche Wirklichkeit“ abgebildet, „getrickst“, „inszeniert“ und „gefälscht“ werde. Nun sind die Macher des NDR-Politmagazins sonst selbst nicht gerade zimperlich, wenn es ums Dramatisieren geht. Diesmal ist in der Redaktion aber glücklicherweise jemandem aufgefallen, dass es nicht ganz so seriös wäre, die Irreführungen der Konkurrenz zu thematisieren und gleichzeitig die eigene Manipulationsmaschine anzuwerfen.

Also hat Reporterin Anja Reschke von ihrer „Spuren-suche im Treibsand der neuen Fernsehlandschaft“ beinahe ausgeruht-zurückhaltende 30 Minuten mitgebracht, die anhand vieler Beispiele erklärt, wie Fernsehen heute gemacht wird (Sendung bei ndr.de ansehen).

Die Familie, deren Haus in der RTL-Sendung „Unterm Hammer“ nur zum Schein versteigert wurde, hat Reschke erzählt, wie sie sich bei den Dreharbeiten dachte: „RTL tut dich ja nicht über’n Tisch ziehen.“ Mutter und Tochter, die als Laiendarsteller in der Nachmittagssoap „Mitten im Leben“ eine zerstrittene Hartz-IV-Familie spielten, verstehen sich eigentlich prima und reflektieren vor der NDR-Kamera: „Normales Leben will der Zuschauer garantiert nicht sehen.“

Und der „stern tv“-Fälscher Michael Born, den Reschke in Griechenland besucht hat, sagt den schönen Satz: „Ich weiß gar nicht mehr, warum ich damals eigentlich verurteilt wurde“ – heute werde im Fernsehen doch sowieso alles nachgestellt.

Dass es nur in einer Randbemerkung um die Öffentlich-Rechtlichen geht, ist ein bisschen enttäuschend. Und als Reschke einmal zwischen dem „falschen“ Privatfernsehen und „echten Sachen, wie das, was wir gerade machen“ unterscheidet, schimmert wieder die Selbstgefälligkeit der Politjournalisten durch (die ja auch nichts anderes wollen als „Geschichten“ erzählen).

Doch das ändert nichts daran, dass „Panorama – die Reporter“ sonst anständig seine Pflicht erfüllt: im Gespräch mit den Landesmedienanstalten, die mal wieder erklären, keinen Handlungsspielraum zu haben; und mit RTL, wo man sich ein paar Sätze über Verantwortungsbewusstsein zurechtgelegt hat.

Richtig was Neues hat Reschke nicht rausgefunden, sich aber ausführlich bei dem bedient, was die Medienkritik vorher alles aufgeschrieben hat. Und dass die beim Straßencasting begleitete Agenturfrau Imke Arntjen sowas wie die Kronzeugin hiesiger Castingkritiker ist, weil sie sehr genau weiß, welche Sätze sie formulieren muss, um selbst in die Medien zu kommen (und Pressemitteilungen dazu herauszugeben), hätte man ruhig mal dazusagen können. Aber all das ginge in Ordnung, wäre da nicht das Gespräch mit Karl-Heinz Angsten, Entwicklungsleiter der Produktionsfirma Good Times, der die Produzenten unwidersprochen als unschuldige Opfer der Sender darstellen darf: „Der Druck ist enorm!“ Dass das ausgerechnet von Good Times kommt, einem der aktiveren Verursacher von Kollateralschäden im Reality-Fernsehen (unter anderem mit der „Mädchen-Gang“), ist frech.

Während der NDR sich um die Konsequenzen des Genres sorgt, testete Vox wenige Tage zuvor, welche neuen Spielformen die Scripted Reality noch so verträgt.

Bei „mieten, kaufen, wohnen“ und „Schneller als die Polizei erlaubt“ arbeitet der Sender schon seit vergangenem Jahr mit geskripteten Fällen. Bei „Plötzlich reich“ erzählte Vox nun den Fall einer Familie, die Millionen im Lotto gewinnt, sich den neuen Reichtum zu Kopf steigen lässt und daran zugrunde geht (komplette Folge bei voxnow.de).

Die Geschichte „beruht auf einer wahren Begebenheit, alle handelnden Personen sind frei erfunden“, erklärte der Off-Sprecher zu Beginn, bevor sich eine Handvoll Laienschauspieler zwei Stunden in den vermeintlichen Geldsegen hineinsteigern durfte. Als Kronzeugen ließ Vox einen echten Lottogewinner, der den kompletten Gewinn verprasste, die Ereignisse kommentieren. Dazu erklärte der ehemalige Pressesprecher einer Lottogesellschaft „die Klassiker unter den Fehlern“, wie sie jeder Millionengewinner schon mal gemacht hat.

Weil es davon in Deutschland womöglich doch nicht so arg viele gibt, war die Quote der Dokusoap mit 7,6 Prozent Marktanteil bei den jungen Zuschauern eher mau – wobei die Vox-Mischung aus Ratgeber und Scripted-Prollereien doch eher zu den harmloseren Varianten des Genres gehören dürfte und eine Fortsetzung vermutlich auch nicht das Abendland untergehen ließe.

Gleiches gilt inzwischen anerkanntermaßen auch für „Big Brother“, das RTL 2 seit Montag mal wieder den Quotenschnitt retten muss, und in der elften Staffel mit „The Secret“ untertitelt ist, weil sämtliche Kandidaten ein Geheimnis – pardon: „ein ausgewachsenes Schlagzeilengeheimnis“ hüten, das die Kontrahenten aufdecken sollen.

Wollen Sie wissen, welche? Sicher?

Na gut: Valencia saß mal im Jugendknast, David war ein dickes Kind, Cosimo ist Briefmarkensammler, Jordan hat Angst vor Spinnen, René war mal Mister Sachsen 2005, Ingrid hat Angst im Dunkeln, Rayo zieht mit seinem Schutzengel ein, Hedia ist noch Jungfrau, Jasmin betet vorm Schlafengehen, Lisa muss alles dreimal machen, Daggy war mal Biermodel, Fabienne ist mit Timmy verheiratet und der andere Tim hat gar keine so hohe Stimme. Das sind natürlich echte Brenzligkeiten, die RTL 2 seinem Publikum da zumutet. Aber immerhin wohnt im Haus diesmal nicht wie im vergangenen Jahr die halbe deutsche Pornobranche. (Stattdessen werden Ex-„DSDS“-Bewerber dem TV-Recycling zugeführt.)

Es ist nicht nur das Problem der Einzugsshow, sondern des ganzen Formats, dass es so furchtbar langatmig ist, dass der Sender irgendwann den Streit der Kandidaten befeuern und sie mit albernen Schikanespielchen ablenken muss, nachdem die Zuschauer bis zur völligen Weichbirnigkeit mit Superlativen zugelötet wurden.

Die „größte Realityshow der Welt“ gehe wieder los, hieß es am Montag, „das Sommer-Event 2011“, die „spektakulärste Staffel aller Zeiten“, „die einzigartige Herausforderung, die ‚Big Brother‘ heißt“ bzw. „das Abenteuer, das sich Leben nennt“, mit Kandidaten, „die Geschichte schreiben, die unsterblich werden“. Hm.

Sicher, RTL 2 hat nicht viel zu verlieren. Aber warum sich Sonja Zietlow als Moderationsvertretung mit diesem Brechdurchfallgetexte die weitere Karriere versauen lässt, ist ein Rätsel, zumal in solchen Produktionen auffällt, wie sehr ihr Talent offensichtlich von der Qualität der Autorentexte abhängt, die sie bei „Ich bin ein Star! Holt mich hier raus“ glänzen lassen – und bei „Big Brother“ völlig abstürzen.

„Im Haus können böse Worte fallen, Menschen sich in die Arme fallen oder aus allen Wolken, aber die wichtigen Entscheidungen fallen in der Mysteryzone“, faselte Zietlow zum Auftakt. Und erklärte, warum Aleks Bechtel nicht da sein kann: „Sie hat ein Kind bekommen. Den zweiten Jungen. Somit hat sie auch privat zuhause ihren eigenen ‚Big Brother‘.“ Und kurz darauf, gegen das Geschrei des völlig überdrehten Publikums: „Wir sind gerade nicht im Stillen, aber waren beim Stillen und in der Staffel hat jeder im Stillen sein Geheimnis.“

Ungefähr so muss es sich anfühlen, lebendig begraben zu sein.

Soviel für diese Woche.

Screenshots: NDR, Vox, RTL 2

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